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FORGESTELLT: Angelika Wetzstein, Top-Managerin bei MAN

30. March 2016
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“Aus dem reinen Fleissbienchen-Dasein ist noch keine Innovation entstanden”

Angelika Wetzstein ist Head of Executive Office bei der MAN Truck & Bus AG und gehört zu Deutschands Top-Managerinnen. Welche Erfahrungen sie in ihrem Berufsleben geprägt haben, warum junge Frauen mutiger sein sollten und wie sie erfolgreich ihr Team führt, haben wir Angelika Wetzstein in einem Interview gefragt.

Liebe Frau Wetzstein, wie beginnt in der Regel eine erfolgreiche Woche für Sie?

Angelika Wetzstein: Mit hervorragendem Kaffee, einer Teambesprechung und einem strukturierten Tag. Zu einer guten Woche gehört auch immer ein Feierabend und die Möglichkeit, seinem Gehirn Erholung vom und Abwechslung zum Job zu gönnen.

Welche beruflichen Erfahrungen haben Sie insbesondere in den ersten Jahren nach Ihren Studium geprägt?

Angelika Wetzstein: Arbeiten fand ich von Anfang an erfüllender als die Theorie an der Universität. Was ich vor allem mitgebracht habe, waren Wille, Durchhaltevermögen und Unerschrockenheit – damit schafft man mehr, als man denkt. Nach meinen jeweiligen Unternehmenseinstiegen ergaben sich oft in kürzester Zeit interessante Positionswechsel. Wenn man da nicht zögerlich ist und sich auf Neues einlassen kann, kann mal viel ausprobieren und seinen Weg finden.

Und welche Entscheidungen haben im Wesentlichen dazu beigetragen, dass Sie heute eine erfolgreiche Top-Managerin sind?

Angelika Wetzstein: Unerschrocken Positionen anzunehmen, mit deren Arbeitsinhalten ich zu diesem Zeitpunkt nicht besonders vertraut war. Statt sich darum zu sorgen, ob man das nötige Wissen hat, sollte man sich fragen, ob man die nötigen Talente hat, sich das Wissen anzueignen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Oft habe ich von Kolleginnen den Satz gehört „ich habe ein tolles Jobangebot bekommen, aber ich hab diese Art von Arbeit ja noch nie gemacht“. – Viel wichtiger als das präsente Wissen sind die eigenen Talente: Wissensvorsprünge kann man schnell aufholen, Talente bilden sich jedoch über Jahre aus und sind nicht kurzfristig erlernbar.

Wenn man sich über seine Talente bewusst ist, weiß man auch sehr schnell, ob ein neues Jobangebot passt oder eben nicht.

Wie würden Sie Ihren Führungs- bzw. Leadership-Stil erklären und was sind Ihre besten Skills?

Angelika Wetzstein: Ich passe meinen Führungsstil der aktuellen Situation und meinem Gegenüber an. Persönlich schätze ich den coachenden Führungsstil, gepaart mit einer offenen Kommunikation.

Meine besten Skills sind Vertrauenswürdigkeit, Kommunikation, Durchsetzungskraft und hohe Sensibilität für die (politische) Gemengelage.

Welche davon sollten sich junge Führungskräfte bestmöglich abgucken?

Angelika Wetzstein: Führung ist eine sehr individuelle Sache. Sie muss, um erfolgreich zu sein, glaubwürdig sein. Jeder sollte da seinen eigenen Weg finden. Wichtiger in diesem Zusammenhang finde ich, ein positives Menschenbild zu haben. Das Gegenüber – egal ob Mitarbeiter oder Kollege – spürt sofort, ob es sich bei ein paar motivierenden Worten nur um bloße Lippenbekenntnisse handelt, oder ob man als Person wirklich an den Erfolg glaubt. Authentizität unterschätzen aus meiner Sicht die meisten Führungskräfte.

 


“Führung ist eine sehr individuelle Sache. Sie muss, um erfolgreich zu sein, glaubwürdig sein.”


 

Nun einmal zu Männern und Frauen – glauben Sie, dass es Männer heute nach wie vor schaffen „sichtbarer“ zu sein und dass dies ein wesentlicher Vorteil ist im „Karrieremachen“?

Angelika Wetzstein: Ja und Ja. Würden Sie Ihr Produkt in Sichthöhe des Kunden oder weiter unten ins Regal platzieren?

Männer sind mit Blick auf das Sichtbarsein unkomplizierter und machen einfach. Das sollten wir uns von ihnen abschauen. Frauen erlebe ich diesbezüglich leider noch zu oft als unsicher, denn sie wollen auf jeden Fall perfekt sein und keine Fehler machen. Sichtbar zu sein heißt natürlich auch angreifbarer zu sein und gegebenfalls auch Rückgrat zeigen zu müssen. Das scheuen viele. Alles im Leben hat aber nun einmal seinen Preis, there is no free lunch.

Nach vielen Jahren als Führungskraft: Was unterscheidet ambitionierte junge Frauen von ihren männlichen Kollegen?

Angelika Wetzstein: Dass sie oft zu ambitioniert sind und Karriere nicht auch ein Stück weit als Spiel verstehen, in dem man mal gewinnt und mal verliert. Am Ende des Tages sitzt man immer am längeren Hebel und kann sich ein neues Spielfeld suchen – das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Wenn man zu ambitioniert ist, ohne sich ein Stück Lockerheit zu bewahren, ist der Frust, wenn es mal nicht klappt, um ein Vielfaches höher. Daher rate ich meinen weiblichen Mentees, das Arbeitsleben auch ein Stück weit entspannt zu sehen: Man kann nicht alles planen und oft kommt man auch auf Umwegen ans Ziel.

In einem Interview mit dem Spiegel wurde die Headline „Fleißbienchen-Dasein bringt nichts“ in den Vordergrund gestellt. Was meinen Sie konkret damit und was können Frauen, die etwas erreichen wollen, dagegen tun?

Angelika Wetzstein: Fleissbienchen machen wiederholt dieselbe Aufgabe und am besten immer schneller. Es gibt zwei Seiten, die ich dabei bedenklich finde: Über die Jahrhunderte fielen solche Fleissbienchen-Aufgaben immer einer Automatisierung durch Maschinen oder IT zum Opfer. Oft erlebe ich aber, dass Frauen diese Gefahr gar nicht erkennen: Sie fühlen sich mit einer solchen „bekannten“ und auf Wiederholung ausgerichteten Aufgabe viel sicherer als mit einer neuen Aufgabe. Auch hier spielt wieder das Wissen um die Vorgänge die größere Rolle, als sich seiner Talente bewusst zu sein.

Zweitens ist unser Gehirn zu weitaus Größerem fähig. Dafür sollten wir es nutzen. Aus dem reinen Fleissbienchen-Dasein ist noch keine Innovation entstanden, wohl aber aus Talent gepaart mit Leidenschaft.

Für alle, die sich näher damit auseinandersetzen wollen, empfehle ich das Buch von Frau Prof. Witzer „Die Fleisslüge: Die Fleißlüge: Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand

 


“Aus dem reinen Fleissbienchen-Dasein ist noch keine Innovation entstanden, wohl aber aus Talent gepaart mit Leidenschaft.”

 


Warum glauben Sie, scheuen sich junge Frauen nach wie vor, ein bisschen mehr Selbstbewusstsein zu haben und den Satz „Kann ich das?“ aus dem Gedächtnis zu streichen?

Angelika Wetzstein: Sie sind sich Ihrer Talente nicht bewusst und verwechseln Talente mit Präsenzwissen. Zudem sehe ich auch einen stärkeren Hang zum Perfektionismus, der eine entspannte Auseinandersetzung mit den eignen Fehlern nicht zulässt und eher die Angst vor dem Fehlermachen schürt.

Und für wie wichtig halten Sie gute Netzwerke für die eigene Karriereentwicklung? Wie findet man das richtige oder wie baut man sich bestmöglich selbst eines auf?

Angelika Wetzstein: Ein Netzwerk ist vor allem notwendig, um schnell an die richtigen Informationen zu kommen und sich vielseitiges Feedback einholen zu können. Ein Netzwerk kann auch ein Kreativpool sein, um Ideen zu generieren oder zu kombinieren. Allerdings: Den Job nachhaltig gut machen muss man dann doch allein.

Wer eher ein ruhiger Typ ist, dem fällt das Netzwerken vielleicht etwas schwerer. Ich meine daher, dass man so netzwerken sollte, wie es auch authentisch zum eigenen Typ passt. Für mich persönlich gibt es auch Grenzen: Ich netzwerke nicht intensiv mit Leuten, die ich nicht mag.

Das richtige Netzwerk findet man, wenn man offen durch die (Arbeits-)Welt geht und auch Zeit in die eine oder andere interessante Abendveranstaltung investiert. Wichtig finde ich, ein Netzwerk innerhalb des Unternehmens und ebenso eines außerhalb des Unternehmens zu haben. Gerade die Netzwerke außerhalb des Unternehmens sind sehr bereichernd, denn man trifft Personen aus unterschiedlichen Unternehmenskulturen mit unterschiedlichen Ansätzen.

Ich selbst habe beispielsweise durch mein Executive MBA-Studium an der European School of Management and Technology ein hervorragendes weltweites Netzwerk, das ich gerne nutze.

Vielen Dank Frau Wetzstein für das Interview.

Fotograf: Andreas Pohlmann

 

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