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Arbeitende Eltern: Das fehlende Dorf, die Existenzangst und die Utopie

17. November 2016
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Work-Life-Balance?

Vereinbarkeit?

Gastbeitrag von Jesta Phoenix

Oder warum ich als Zeitmanagement Coach nicht an Work-Life-Balance glaube und warum ich das bedingungslose Grundeinkommen für alle möchte, um die Existenzangst in und zwischen uns aus dem Weg zu räumen…

So ein Blödsinn!  Erstens weil Life immer ist!  Auch während wir arbeiten.  Das Leben ist doch nichts, was wir morgens an der Garderobe abgeben und nach Feierabend wieder abholen.  Auch wenn es sich für manche so anfühlt.

Wir leben immer.  Und deswegen ist es auch wichtig, wie wir arbeiten und wie wir uns dabei und auch danach fühlen.

Aber für viele steht dieser Begriff ja auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Noch so ein Begriff, den ich nicht mag.

Vereinbarkeit geht davon aus, dass es der Normalzustand ist, dass beides sich wie gleichgepolte Magneten einfach voneinander abstößt.  Und es ist dann unsere schwere bis unmögliche Aufgabe, sie zusammen zu bringen.

Kinder sind kein Arbeitshindernis.  Kinder sind einfach Kinder.  Wir haben alle mal als kleine Menschen angefangen und es ist nicht nur gut, sondern auch sehr notwendig und vor allem normal, dass es kleine Menschen gibt. Kinder sind auch kein Luxus.

Aber viele Eltern mit Kindern sind sehr auf sich allein gestellt, in einer Welt, wo Arbeit mitunter fast ein Lebenshindernis darstellt.  In einer Gesellschaft, die alles andere ist, als das Dorf, das es braucht Kinder in die Welt zu begleiten.

Das Problem sind nicht die Kinder, die uns brauchen, die krank werden, die nachts aufwachen, die die meiste unserer Kraft und Aufmerksamkeit fordern.

Das Problem ist eine Arbeitswelt, die wir geschaffen und mit aufrechterhalten, welche auf der Idee beruht, dass sich eine Existenzberechtigung erst verdient werden muss.  Und zwar mit Perfektion und ununterbrochener Erreichbarkeit, und das alles auf einem Fundament von andauernder Existenzangst.

Es sind diese Arbeitsbedingungen, die uns krank machen, nachts wachhalten, unsere Kraft und Aufmerksamkeit auffressen.

Wie machen wir das als Elternteam?

Meiner Frau und mir war das schon vorher klar.  Theoretisch jedenfalls. Deswegen haben wir auch vereinbart, uns in den jeweils ersten drei Lebensjahren unserer Kinder nicht zu trennen, egal, was da kommt. Und in aller Theorie und weiser Vorrausicht hätten wir auch nie wirklich einschätzen können, was da wirklich kommt.

Unsere Kinder sind inzwischen 3 und 5 Jahre alt. Wir waren und sind glücklicher als wir uns das je vorstellen konnten.  Wir sind auch müder als wir es uns je vorstellen konnten, dass man sein kann und trotzdem noch aufrecht steht.

Und Müdigkeit macht kaputt.  Müdigkeit macht Beziehungen kaputt oder nagt zumindest heftig daran. All unsere Pläne und Visionen als Eltern, alles 50/50 zu teilen, fühlten sich teilweise wie ein Versprechen an, das nicht haltbar war, von deren Erfüllung aber irgendwie alles abhing:  Unser Selbstbild und unser Selbstwert, unsere Ehe.

Ganz praktisch sieht es bei uns jetzt so aus:  An je zwei Tagen die Woche arbeitet eine von uns lange (bis 20 oder auch 22 Uhr) und die andere holt die Kinder um 16.30Uhr von der Kita.

Freitag ist Familientag und wir holen die Kinder um 15Uhr ab und machen eins-zu-eins Sachen, sodass alle mal Alleinzeit miteinander haben. Ich fahre mit der 5-jährigen ins Kino und meine Frau dreht mit unserem 3-jährigen einfach Runden mit der S-Bahn auf der Ringstrecke in Berlin.

Wenn es so läuft, läuft es.  Wenn aber jemand krank ist, oder meine Frau Kolloquium über mehrere Tage, inklusive Wochenende, hat oder ich Fortbildung, dann wird es schwierig.  Ich bin zu 100% selbstständig, meine Frau Doktorandin.  Wir sind bedingt flexibel – zeitlich sowie finanziell.

Es wird schnell knapp. Und dann beginnt das Erbsenzählen: Wie viele Tage hat sie schon extra ‚frei bekommen‘ für die Arbeit, wie viele Kitaschließtage habe ich übernommen.  Und dann das schlechte Gewissen – Wie kann ich nur meine Kinder, die wir uns doch mit so viel Sehnsucht und enormen Schwierigkeiten in diese Welt geträumt haben, jetzt als unliebsame Aufgabe hin und her schieben.

Die Auseinandersetzungen um knappe Ressourcen sind bei uns einfach nur peinlich, wenn wir sie hinterher und vor allem nüchterner betrachten.  Wir sinken tief und schlagen um uns in Existenzangst.  Dabei sind es doch unsere gemeinsamen Ressourcen, dabei ist es doch unsere Existenz, unser gemeinsames Leben.

Und dabei ist unser freies Arbeiten mit Sinn und gegenseitiger Unterstützung auch Teil unserer Abmachung als Paar. Bei uns ist das eine Wahl und wir könnten, wenn wir denn wollten, in fester Anstellung mit finanzieller Absicherung arbeiten. Es ist eine besondere Freiheit und damit eine besondere Verantwortung, die bis “selber schuld” reicht wenn wir müde und pleite sind.

Das Verständnis unserer Kinder von Arbeiten ist etwas, worauf sie sich freuen, wenn sie groß sind – sie haben nicht das Bild von Arbeit als etwas, wo man sich hinschleppt oder das man aushalten muss. Wir wollten und wollen unser Leben mit Kindern teilen, um unsere Lebensverliebtheit mit ihnen zu teilen und an sie weiterzugeben.  Und dazu gehört auch unsere Arbeit.

Existenzangst und meine Utopie

Die Existenzangst steht zwischen uns.  Zwischen uns allen. Ich hätte sie gern raus aus unserem Leben.  Aus unseren Familien und Beziehungen.  Aus unserer Arbeit.

Das war und ist auch mein Grund, warum ich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens aus tiefster Überzeugung unterstütze. Ich war und bin Crowdhörnchen beim Verein Mein Grundeinkommen e.V. und bin als solches in der Verlosung eines Grundeinkommens für ein Jahr als Gewinnerin ausgelost worden.

Für mich hieß das, endlich ein Jahr lang meine ganz eigene Utopie auszuprobieren und das Experiment Offener Preis in mein Angebot aufzunehmen. Ich möchte ausprobieren, ob ich diese Utopie auch wirklich halten kann, oder ob sie nur etwas ist, das ich als Idee wie einen Heiligenschein mit mir herumtrage.

Über das Experiment sage ich erst etwas nach Ablauf des Jahres. Aber über die Existenzangst rede ich schon jetzt und wie sie uns überall dazwischenfunkt und sich zwischen uns und andere Menschen stellt, zwischen unsere Werte und die Art wie wir arbeiten, weil wir Angst haben, dass es nicht genug ist.

Meine Utopie ist größer als nur meine Vision von einem Arbeiten, das auf finanziellem Vertrauen fundiert ist, sodass ich mich allein auf den Inhalt konzentrieren kann.

Meine Utopie ist ein Arbeiten, das auf unserem Bedürfnis basiert, etwas beitragen zu wollen und zu können.  Etwas in die Welt träumen zu können, das sie ein klein wenig reichhaltiger, glücklicher, einfacher, liebevoller, bunter und lustiger macht.

Ich glaube an das glückliche Arbeiten. Ich glaube daran, dass es nicht nur der Inhalt unserer Arbeit ist, der unsere Glückseligkeit ausmacht.

Ich glaube, dass es auch die Art wie wir arbeiten und wie wir unseren Tag gestalten stark dazu beiträgt, dass wir das Gefühl haben, dass alles zusammenpasst:  Unsere Visionen, unsere Familie, unser Arbeitsstil, unsere Situation, unsere Werte, unser Biorhythmus, unser täglicher Faktor X, unsere Ressourcen, unsere Fähigkeiten, unsere Beziehungen.

Bildquelle: © pexels.com

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  • Reply
    Regina
    18. November 2016 at 10:46

    Ein wunderbarer Artikel, bei dem ich vor mich hinnicke und ich weiß, ja: da setzen wir an.

    Das ist nicht nur eine Utopie, das ist die Vision, die den Weg bereitet.

    Danke dafür!

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