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Betrachtungen einer Unpolitischen

2. April 2016
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„Eigentlich bin ich ja unpolitisch … “ behauptete der Komiker Bernhard Hoecker kürzlich in der NDR-Talkshow. Da fiel mir der Brief eines Freundes ein, den ich vor über drei Jahren von ihm erhalten hatte. Mit großem Unverständnis reagierte er darin auf meine zuvor an ihn gesendeten Zeilen, in denen ich behauptet hatte: „Ich bin nicht politisch.“ Mich umtreibt diese Aussage schon eine Weile und derzeit erscheint es mir dringlicher denn je, mich damit auseinanderzusetzen, wofür ich stehe und ob ich meinen Teil dazu beitragen kann und muss, dass sich etwas bewegt in diesem Land – und zwar nicht weiter nach rechts.

Dass Politik und Politischsein viel mehr als bloßer Parlamentarismus ist, kann ich bereits im Grundgesetz nachlesen: Versammlungsrecht, Meinungsfreiheit oder Volksentscheid – es gibt viele Formen des politischen Aktivismus und der Positionierung. Doch viele in Deutschland interessieren sich angeblich nicht für das politische Geschehen, sind ernüchtert und desillusioniert oder schlichtweg überfordert.

Auch ich fühle mich häufig überfordert und habe das Gefühl, die politisch-gesellschaftliche Lage nicht verändern zu können. Ich stehe ohnmächtig der Tatsache gegenüber, dass Deutschland kein friedvolles, humanistisches Land ist, sondern eines, das von offen ausgelebter Xenophobie und Rassismus durchzogen ist. Wie kuschelig wäre es jetzt, einfach unpolitisch sein zu können.

Doch wir können nicht nicht politisch sein. Ebenso wie wir nicht nicht kommunizieren können. Ich möchte keinen totalitären Begriff des Politischen etablieren im Sinne von: Du musst alles jeder Zeit politisch auffassen und analysieren und dich engagieren. Jetzt. Sofort.

Die Art, wie wir Beziehungen führen, konsumieren, uns zueinander verhalten, arbeiten oder unsere Lebensentwürfe gestalten – all das ist politisch, also gesellschaftlich-sozial relevant. Selbst die Aussage: „Ich interessiere mich nicht für Politik, sondern zieh mein eigenes Ding durch“ ist zutiefst politisch und transportiert Wertvorstellungen.

Ich glaube nicht daran, dass so viele in diesem Land politikverdrossen sind und sich allein in ihrem Mikrokosmos suhlen. Sie können vielmehr mit dem hegemonial erscheinenden Verständnis des Politischen wenig anfangen und fühlen sich unter Druck gesetzt, agieren zu müssen. Stattdessen erklären sie ihr (Nicht-)Handeln präventiv als unpolitisch und entziehen es auf diese Weise jeder kritischen Diskussion – mit sich selbst und anderen.

Ich tue mich mittlerweile schwer damit, mit diesen „Freiraum“ zuzugestehen – weil er nicht existiert.

Bild: © unsplash.com – The Stocks

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