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FORGESTELLT: Höchstwahrscheinlich weiblich – Dr. fem. Fatale

11. Dezember 2016
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Sie ist ein Individuum der besonderen Art.

Dr. Simone Burel räumt mit „LU-Linguistische Unternehmenskommunikation“ als Dr. fem. Fatale mit Stereotypen auf.

Wir waren neugierig, haben uns einmal auf ihrer Couch niedergelassen und zugehört.

In deinem Namen steckt das Wort Feminismus – oder Feministin. Was bedeutet denn Dr. fem. Fatale?

Simone: Die Wortmarke Dr. fem. Fatale ist sprachlich gesehen eine Kontamination (Zusammenziehung) aus Feministin (abgekürzt im wissenschaftlichen Duktus, analog zu Dr. med.) und Femme Fatale. Die Femme Fatale ist ein aus Mythologie und Literatur hervorgebrachter besonders attraktiver Frauentypus, der Männer ausgeklügelt manipuliert und sie meist auch auf „fatale“ Weise ins Unglück stürzt. Wir kennen das von der biblischen Eva, über die Loreley, bis hin zu Thomas Manns Madame Chauchat im Zauberberg. Das spannende daran ist die Kombination von männlichen und weiblichen Anteilen. Dr. fem. Fatale will keinen ins Unglück stürzen, außer die konventionellen Stereotype: Diese stehen bei ihr völlig auf dem Kopf: Sie ist leidenschaftliche Frauenwissenschaftlerin, die sich aber gleichzeitig ihrer Leidenschaft innerhalb des Frauseins bewusst ist und darauf stolz ist. Sie kokettiert quasi mit ihrer eigenen Weiblichkeit auf der Metaebene. Zu oft habe ich es miterlebt, dass schöne Frauen für Sekretärinnen gehalten werden, wenn sie gemeinsam mit ranghohen männlichen Kollegen den Raum betreten. Wahrnehmungsänderungen folgen oft erst, indem man einmal auf einen Missstand plakativ aufmerksam macht. Dr. fem. Fatale liebt die Provokation – im Wort und im Flirt mit dem Publikum.

Was motivierte Sie, Dr. Fatale, die linguistische Praxis Dr. fem. Fatale zu eröffnen?

Simone: Ich selbst bin von Haus aus Sprachwissenschaftlerin und interessiere mich schon immer für die Wechselwirkungen zwischen Sprache, Wissen – und Geschlecht. Das Thema Frauensprache – Männersprache bietet uns dabei eine hervorragende Schablone fürs Schwarzweißdenken. Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. Männer sind rational, unemotional, Frauen dagegen sensibel und redebedürftig. Schauen wir uns in unserem Umfeld um, finden wir diverse empirische Beweise für diese Stereotype, aber auch solche dagegen. Dieser Tatsache widmeten sich die feministische Linguistik sowie neuerdings die Genderforschung ausführlich – und erhielten viel Kritik.

Ich selbst sehe dieses Schwarzweißdenken relativ entspannt: Unser Gehirn mag nun einmal binäre Unterschiede, wie Tag und Nacht, oben und unten, also hat es auch eine Präferenz für die Einteilung in männlich und weiblich – auch wenn es natürlich eine Vielzahl von Geschlechtern gibt. Wir alle müssen Komplexität im Leben reduzieren, also nehmen wir für das Gespräch einmal an, es gäbe männlich und weiblich. Die Bilder, die täglich auf uns medial einprasseln, verfestigen nochmals diese Geschlechterstereotype. Während Frauen medial vermittelt bekommen, sie könnten entweder schön & dumm (Prototyp Heidi Klum) oder hässlich & intelligent (Prototyp Angela Merkel) sein (binäre Paare, ja!), bekommen Männer vorgeflimmert, sie sollten hart sein, rational, dürften keine Gefühle zeigen (ein „richtiger“ Mann). 

Ist Dr. fem. Fatale frei von Vorurteilen?

Simone: Wir alle haben Vorurteile in uns, da wir als Individuen in einer bestimmten (westlichen) Gesellschaft sozialisiert wurden. Diese Vorurteile sind aber nicht nur schlecht: Sie helfen unserem Gehirn, komplexe Sachverhalte vorzuordnen, da es viel zu großer kognitiver Aufwand wäre, immer jede Situation neu zu analysieren. Daher auch das Wort Schubladendenken. Vorurteile sind essentiell zum Welt-Verstehen, hemmen allerdings auch eine kritisch-reflexive Geisteshaltung, weshalb wir uns immer wieder bewusst machen müssen, dass diese Konstruktionen unseres Gehirns auch dekonstruierbar sind. Indem wir uns wohl überlegt und bewusst ein Urteil bilden, können wir unser Vor-Urteil revidieren. Dabei helfen sprachliche Übungen, die die Vorurteile als Sprach-/Gedankenmüll in eine andere Richtung lenken – das nennt man dann sprachliche Transformation.

An was forscht Dr. fem. Fatale eigentlich genau?

Simone: Dr. fem. Fatale interessiert sich für weibliche/männliche Kommunikation auf allen Ebenen und für eine Kommunikation auf Augenhöhe, die es zwischen den Geschlechtern auch 2016 noch nicht gibt. So zeigte etwa eine eigene Studie gemeinsam mit der Universität Trier 2016, dass Versuchspersonen Adjektive wie mutig, sachlich, entschlossen als männlich bewerteten, während fleißig und zuverlässig als weiblich eingeordnet wurden – letztere sind wohl eher nicht diejenigen, die mit einer Führungskarriere assoziiert werden, behaupte ich mal ganz zynisch. Und darum geht es nämlich: Frauen denken oft selbst so über sich und halten diese Stereotype dadurch weiterhin aufrecht. Das Wort Rabenmutter passt gut in diesen Kontext. Ich habe Frauen gehört, die sich selbst als solche bezeichneten, bzw., dass sie keine Rabenmutter sein wollten, weshalb sie nur Teilzeit arbeiten wollten. Viele wissen gar nicht, was sie mit solchen Aussagen sprachlich anrichten! Soviel an alle Nicht-Klatschtanten, Nicht-Rabenmütter, Mein-Mann-sagt-Sagerinnen. Das sind Paradebeispiele für die sprachliche Arbeit an der Stereotypien-Aufrechterhaltung, auch wenn man diese, wie Nicht-Klatschtante negiert – für das Gehirn macht das keinen Unterschied.

Dr. fem. Fatale, du bietest eine Sprechstunde im Gründerinnenzentrum gig7 in Mannheim an und veranstaltest Seminare für Frauen – um was geht es da?

Simone: In den Seminaren geht es um die Marke „w“ – das hat nichts mit VW zu tun, sondern steht für w wie „weiblich“: Es geht um die Frau im Jahr 2016 und deren Selbstverständnis, das sich stark aus ihrer Sprache speist, d.h. wie frau mit anderen redet und mit sich selbst. Wir nutzen rund 30.000 Wörter am Tag und unsere 13.000 Gedanken bleiben davon nicht unbeeindruckt, sowie umgekehrt. Die wenigsten achten am Tag jedoch darauf, welche Wörter sie nach außen und in ihrem Selbstmonolog verwenden. Alle betreiben körperliche, aber keine sprachliche Hygiene. Ich möchte aufzeigen, wie sich das eigene Sprechen und Denken gegenseitig determinieren, und möchte Menschen dazu anregen, bewusst zu kommunizieren – mit sich selbst und anderen.

Ich behaupte hierbei, dass „männlich“/„weiblich“ Variablen sind, die unser Sprechen und Denken beeinflussen – teilweise biologisch, aber v.a. gesellschaftlich bedingt durch unsere Sozialisation. Kinder bekommen im Kindergarten bereits mit, wer mit welchen Spielzeugen spielt, wer rosa und wer blau trägt, aber vor allem wie sich die Rollenmodelle verhalten (Mutter, Vater, Erzieher/in etc.).

Das ist doch bisher nichts Schlechtes – Was ist daran das Problem?

Simone: Meines Erachtens haben viele Frauen ein defizitäres Selbstbild. Frauen machen sich häufiger klein (das nennt man Downgrading) und rechtfertigen ihre Sichtweise, um das face des Gegenüber zu wahren. Natürlich findet man diese Muster auch bei Männern – allerdings seltener, was empirisch belegbar ist. Diese empathische und kooperative Kommunikation, in der speziell Frauen sozialisiert sind, ist ein großes Plus für Verhandlungen auf Augenhöhe. Diverse Studien zeigen, dass der Frauenanteil in Managementpositionen mit dem Gewinn korreliert (22.000 Firmen aus 91 Ländern, Peterson Institut, 2014). Unternehmen müssen sich also darauf einstellen und dies auch unterstützen. Die Art und Weise, in der Frauen sprechen und Gespräche interpretieren, kann derzeit leider jedoch noch für Herausforderungen im Berufsleben sorgen, denn Frauen artikulieren sich häufig in einer anderen Weise als es die männlich dominierte Geschäftswelt gewohnt ist, in der wir es häufig mit rivalisierender Kommunikation zu tun haben, die Männer meist besser beherrschen.

Und das Fatale: Die meisten Frauen sehen ihre sprachlichen Vorzüge selbst nicht. Wie gut sie sich in das Gegenüber hineinversetzen, andere integrieren, sprachlich pampern etc. Viele Frauen erlauben sich zudem oft sprachlich gar nicht, ihre rivalisierende Seite auszuleben, d.h. etwas zu wollen (z.B. Macht im Beruf, Chefin werden etc.) oder noch besser, das direkt einzufordern („Meine Qualifikationen erfordern mehr Gehalt!“). Eine Studie der TU München 2014 erschreckte mich, in der es hieß, Frauen fühlten sich von bestimmten Adjektiven in Stellenanzeigen abgeschreckt, z.B. durchsetzungsstark oder analytisch.

Worin ist dieses defizitäre Selbstbild von Frauen begründet?

Simone: Das weibliche Selbstbild verweist auf darunter liegende Glaubenssätze, die wir durch unsere Sozialisation und Vergesellschaftung vorgelebt bekommen. Glaubenssätze beruhen häufig auf Angst und beherrschen auch Männer: Ich bin nichts wert, andere Interessen sind wichtiger (Selbstverleugnung), ich darf nichts falsch machen, alles wird schlimm enden (Katastrophisierung), ich darf nicht auffallen und so weiter. Frauen scheinen jedoch häufiger in solchen Abwertungsspiralen zu hängen. Eine Studie des Portals Interviewing zeigte, dass Frauen siebenmal so häufig das Portal verließen, nachdem sie als Interviewerin schlecht bewertet wurden und somit insgesamt schlechter performten. Sie konnten also schlechter mit negativer Kritik umgehen und ließen sich durch schlechte Bewertungen verunsichern oder demotivieren. Ich finde, da muss auf jeden Fall ein neues Selbstbewusstsein her, à la Neues Spiel, neues Glück. Dieses Selbstbewusstsein können wir über Sprache erreichen.

Mit Sprache kann man sich vernichten, allerdings auch neue Welten schaffen, das hat Vorwerk schon 2008 erkannt: Ich führe ein sehr erfolgreiches Familienunternehmen, sagt die Frau in der Werbung, anstatt Ich bin Hausfrau und Mutter. Durch die konkrete Arbeit am Wort lässt sich am Selbstkonzept arbeiten, um das Individuum zu werden, das man sein will (auch hier zeigt sich sprachlich unser sogenannter male bias: Wir nutzen die männliche Form oder das generische man, das Frauen sprachlich unsichtbar macht).

Wie sieht es in der Berufswelt aus? Eigentlich sollte man ja davon ausgehen, dass es heute keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen im Job gibt. Ist das denn so, oder haben es Frauen immer noch schwerer auf dem Weg in die Selbstständigkeit?

Simone: Klar gibt es Sexismen und Vorurteile, die Frauen noch hindern, auch physische Unterschiede (z.B. wird physische Größe mit Macht assoziiert), aber der Großteil beginnt im Kopf: Ich erlebe es immer wieder, dass Frauen sich häufig so viel selbst hinterfragen und kleinmachen, dass sie sich den Schritt in die Selbstständigkeit gar nicht trauen – nur dann, oder erst dann, wenn ein finanziell starker Mann hinter ihnen steht, der sie unterstützt oder sie ihre Kindererziehung damit besser vereinbaren können. Das ist für mich aber eine klare Funktionalisierung der Selbstständigkeit und kommt nicht aus einer ideellen Motivation heraus.

Dr. fem. Fatale will ein Leuchtturm sein für mutige, angriffslustige Frauen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Wie viele Frauen kenne ich, die diverse Weiterbildungen in Anspruch nehmen, weil sie denken, sie müssten erst 100% fit sein in ihrem Business, bevor sie gründen könnten. Männer sind risikoaffiner – und das hilft ihnen in diesem Bereich! Vieles in der Selbstständigkeit lernt man erst on the job. Wenn frau da ewig wartet, bis sie alles kann, kommt sie nie zu Potte. Eine Gründerin, die ich kenne, wartete 6 Monate, bis ihre Wortmarke geschützt war, weil sie erst alles unter Dach und Fach haben und sich „richtig“ fühlen wollte, bevor sie startete. Ihr ging wertvolle Zeit verloren, in der sie hätte loslegen und sich ausprobieren können. Gerade am Anfang machen wir alle Fehler und das Gute ist: Wir dürfen das! Dieses Streben nach Sicherheit und Richtigkeit ist für mich der größte Unterschied zwischen Gründern und Gründerinnen.

Das zeigt sich auch beim Umgang mit dem möglichen Scheitern. Männer, so mein Eindruck in der Start-Up-Szene, sehen vieles eher als Spiel. No risk, no fun. Ich kenne einige, die schon eine Reihe gescheiterter Unternehmenspläne hinter sich haben und wieder etwas Neues gründen. Eine neue App, ein neuer Fonds. Who cares. 

Was kann Dr. fem. Fatale uns noch mit auf den Weg geben?

Simone: Jede kann an ihrer kommunikativen Selbstdarstellung arbeiten. Das setzt eine gute Reflexionsfähigkeit voraus sowie das Kennen des eigenen Wertes – diesen dann auch noch aktiv zu kommunizieren, ist essentiell. Viele Frauen trauen sich nicht, ihre eigenen Stärken herauszuposaunen, da sie denken, dies könnte arrogant wirken. Männer hingegen nehmen eher die Bühne ein. Was glauben Sie, wie viele Kolleginnen, gerade aus der Wissenschaft, Dr. fem. Fatale für diesen offensiven und scheinbar selbstvermarktenden Text kritisieren werden. Zum Glück hat sie ein dickes Fell. Es ist aber auch eine Möglichkeit, durch Kritik in den Dialog zu kommen. Dr. fem. Fatale bietet sich in da gern als Projektionsfläche an. Auf zur Couch! Nur so können wir uns annähern, als Männer, als Frauen, als Menschen. Ich bin fest davon überzeugt, dass hybride Muster in der Arbeitswelt der Zukunft unerlässlich sein werden. Männer können weibliche Stile auswählen und umgekehrt.

Vielen Herzlichen Dank Simone und wir freuen uns sehr, dass wir dich als femsemble Initiatorin in Mannheim begrüßen dürfen!

>> Bei Fragen könnt ihr Simone direkt eine Mail schreiben an: burel@linguistische-unternehmenskommunikation.com


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