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FORGESTELLT: Anemone & Madita von Vergiss Mein Nie

1. Februar 2018
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Anemone und Madita arbeiten in einem noch wenig verbreiteten Bereich – sie bieten in ihrer Agentur Vergiss Mein Nie Trauerbegleitung an und haben eine Erinnerungswerkstatt, in der sie ganz persönliche und individuelle Erinnerungsstücke an Verstorbene fertigen. Was genau Trauerbegleitung eigentlich ist, wie so ein Erinnerungsstück entsteht und warum ihre Arbeit so wichtig ist, erzählen sie uns im heutigen FORGESTELLT.

Liebe Anemone, liebe Madita, welche 3 Bücher sollte man unbedingt gelesen haben?

Anemone: Momo“ von Michael Ende. Es hat mich beeindruckt, weil hier so deutlich wird, dass das Wertvollste, was wir haben, die Zeit ist.
Pan Aroma: Jitterbug Perfume“ vom Tom Robbins. Weil die Suche nach dem ewigen Leben, von dem wir alle träumen, abgefahren, kompliziert und sehr lustig sein kann.
„Vergiss mein nie“ von uns, weil es zeigt, wie man kreativ und angstfrei mit dem Krisenthema Erinnerungen und Trauer umgehen kann, ohne „Memento Mori“.

Madita: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden“ (Bronnie Ware), die Biographien von Johnny Cash und Arnold Schwarzenegger und „Mögest Du glücklich sein: Entdecke dein Höheres Selbst und verbinde dich mit deiner inneren Kraft“ (Laura Malina Seiler)

Welche 3 Wörter beschreiben die jeweils Andere am Besten?

Anemone: Energiebombe, Realisatorin, Lustig-fordernd-loyal. (Das zählt als eins!)

Madita: Superintelligent, Genie, Kreationsdirektorin, sehr SEHR (!) starke Frau

Wie sieht ein typischer Start in den Tag bei Euch aus?

Madita: Immer anders! Manchmal geben wir in Firmen einen Workshop oder eine Fortbildung für die Mitarbeiter und an einem anderen Tag gestalten wir mit einem Angehörigen ein Erinnerungsstück. Das kommt wirklich ganz darauf an, WER uns an dem Tag besuchen kommt oder WO wir zu Gast sein dürfen.

Madita, Du bist Redakteurin, Moderatorin, Herausgeberin und arbeitest auch als Trauerbegleiterin – wie meisterst du den Spagat zwischen diesen zwei sehr unterschiedlichen Welten?

Madita: Hui, ok. Ich versuche es kurz zu machen. Kurz vorweg sei gesagt, dass meine beiden Berufe für mich tatsächlich, auch wenn sich das jetzt etwas schmalzig anhört, mehr eine Berufung sind und keineswegs einfach nur so „Berufe“, die man eben macht, um Geld zu verdienen. Da bin ich wohl durch und durch Künstlerin.

Neben meinem Beruf als Moderatorin beim Fernsehen hat mich das Thema „Tod“ schon immer sehr beschäftigt und durch einige Erlebnisse in meinem Leben bin ich immer wieder damit in Kontakt gekommen. Deshalb habe ich mit 32 Jahren nebenbei noch zwei Jahre eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht.

Die Arbeit als Moderatorin und Trauerbegleiterin sind überhaupt kein Widerspruch, ganz im Gegenteil. Die Trauerarbeit profitiert sogar enorm von meinem Beruf als Moderatorin, denn die Power und Fröhlichkeit, die ich im Entertainmentbereich auftanke, fließt geradewegs zu Trauernden, die diese energiereiche Lebensbejahung wunderbar gebrauchen können. Für mich persönlich ist es eine perfekte Balance meiner Fähigkeiten. Und es ist ja nicht so, dass die Arbeit mit Trauernden einem keine Kraft gibt. Hier steckt auch unglaublich viel positive Energie drin. Es ist ein unglaublich erfüllender Beruf und die Erinnerungen und Geschichten der Menschen sind oftmals sehr bunt und überhaupt nicht traurig. So kann bei Trauernden neue Lebensfreude und Hoffnung entstehen.

Anemone, du bist Künstlerin und arbeitest schon lange als Trauerbegleiterin – ist Kunst oder Kreativität auch ein guter Weg, um Trauer zu bewältigen?

Anemone: Natürlich. Trauer kann man als Energiestau sehen und kreatives Arbeiten bringt die Energie wieder zum Fließen. Der Druck auf Psyche und Körper wird weniger. Dabei definieren wir Kreativität nicht als „besonders einfallsreich“, sondern als „anders als sonst“. Und dann kann jemand, der noch nie geweint hat, plötzlich im symbolischen Zwiegespräch mit dem Verstorbenen weinen. Ich kenne viele Trauernde, die sehr kreativ und einfallsreich mit ihrem Gefühlschaos umgegangen sind – wichtig ist eben, dass es zu einem passt. Niemand muss perfekte Ölgemälde malen. Es sei denn, er oder sie möchte es.

Wie kam Euch die Idee zu Vergiss Mein Nie?

Madita: Die Idee der Trauer einen Raum zu geben und auch kreativ mit ihr umzugehen ist 2013 entstanden. Wir hatten uns eigentlich wegen eines Jobs getroffen, aber dann haben wir gemerkt, dass wir beide sehr gut miteinander über das Thema Tod und Sterben sprechen können und so ist eigentlich in einer für uns magischen Mittagsstunde die Idee zu Vergiss Mein Nie entstanden.

Anemone: Und das war ein schönes Erlebnis. Danach haben wir recherchiert: Es gibt tausend Dienstleistungen rund um den Tod und davor und danach, aber Keiner kümmert sich um das Einzige, was bleiben darf: Die Erinnerung. Deshalb haben wir zusätzlich zur Trauerberatung die Erinnerungswerkstatt gegründet.

Wie geht Ihr bei der Trauerbegleitung vor, wie kann man sich Eure Arbeit vorstellen?

Anemone: Als Trauerbegleiter geben wir Orientierung in einer Situation, in der einem Menschen durch den Tod der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Wir begleiten den Entwicklungsprozess in einen neuen Alltag und fördern Ressourcen, die dem Trauernden dabei helfen, einen neuen Lebensweg zu entwickeln. Konkret sieht das so aus: Menschen in jedem Alter kommen zu uns, weil sie nicht mehr weiter wissen. Ihre Wünsche sind: „Machen Sie die Trauer weg“ oder „Ich will nicht mehr weinen“. Wir klären dann erst einmal auf, dass die Trauer ein wichtiges Gefühl ist, das die Intensität der Liebe widerspiegelt, so wie Liebeskummer zum Beispiel. Und dass sie den Schmerz heilen kann, wenn man zum Beispiel das Weinen zulässt. Aber dass es natürlich im Alltag Situationen gibt, in denen man nicht Weinen kann oder darf. Wir stellen sozusagen Kontakt zu den Gefühlen her und ermutigen unsere Klienten „voran-zu-trauern“. Das machen wir oft mit kreativen Situationen wie Malen, basteln, schreiben – um dem Verstand ein Schnippchen zu schlagen.

Madita: Man könnte auch sagen: Wir sind so etwas wie der ADAC. Wir sind das Starterkabel, wir geben Impulse, wenn der Trauernde nicht mehr weiter weiß. Wir sind die Leitplanke an kritischen Stellen. Wir helfen schieben, wenn es mal sehr anstrengend wird. Wir machen Fernlicht an, wenn man vor lauter Dunkelheit nichts mehr sehen kann. Ein typischer Arbeitstag beinhaltet vor allem sehr viele tolle Lebensgeschichten.

Ihr arbeitet Erinnerungen kreativ auf – was waren Eure außergewöhnlichsten Projekte?

Anemone: Alle Erinnerungsstücke sind Unikate und für den Trauernden etwas ganz Besonderes. Wir machen Erinnerungsstücke aus Dingen, die jede Menge Energie gespeichert haben, diese aber noch nicht hergeben. Ein Pullover beispielsweise, handgestrickt von der Mutter, ist der Tochter viel zu altmodisch, trotzdem hat sie ihn nach dem Tod der Mutter mitgenommen. Jetzt liegt er in ihrer Wohnung, in ihrem Leben und schaut sie vorwurfsvoll an. „Memento Mori“ nennen wir das: Der Pullover ist eigentlich nicht zu gebrauchen, sie kann ihn aber auch nicht wegwerfen. Er ist kostbar, weil er sie mit der Mutter verbindet. Gleichzeitig macht er ihr ein schlechtes Gewissen, weil sie nichts damit macht und sich aber auch in ihrer Trauer gefühlt von der Mutter fortbewegt. Diesen Pullover haben wir aufgetrennt und zu einem Schal gestrickt. Das Material, der Geruch und die Haptik sind die gleiche – nur die Form ist nun eine andere. Die Tochter kann den Schal nun in ihren Alltag integrieren und ihre Erinnerung leben. Das ist der Unterschied zu einem Staubfänger, der nur dekorativ in der Ecke liegt und keinerlei Kraft spendet.

Madita: Das Besondere und Beeindruckende ist der Prozess bis zum fertigen Erinnerungsstück. Wir sprechen sehr intensiv mit den Klienten, bis wir einen Eindruck haben, was wichtig ist – wo die Kraft stecken könnte. Viele Klienten bringen sehr viele Dinge mit, dann ist unser erster Schritt das oder die Stücke zu finden, die besonders wichtig sind. Oft ist das den Klienten gar nicht so bewusst. Der beste Teil der Arbeit ist aber auch die Übergabe. Oft fertigen wir die Stücke an und der Klient sieht es dann erst bei der Übergabe. Ein berührender Moment war zum Beispiel: Eine Frau, deren Erinnerungen wir in einem Fahrtenbuch des Lebens für ihren Vater festgehalten hatten, sagte mit Freudentränen in den Augen als sie das Buch in den Händen hielt: „Das ist Papa. Es ist als hättet ihr ihn gekannt.“ Das ist für uns natürlich eine unfassbar schöne Arbeit.

Was sind Eure größten Herausforderungen?

Madita: Das alles wirklich sehr viel Zeit braucht. Auf der einen Seite ist das gut, da die Trauer auch immer ihr eigenes Tempo hat. Auf der anderen Seite ist es oftmals schwer für den Trauernden, da er aufgrund des schweren Gefühlszustands auch oft ungeduldig wird. Verständlicherweise, denn diese Schwere ist oftmals kaum auszuhalten. Dieser Zustand kann sich über Jahre hinwegziehen. Aus meiner eigenen Sicht für Vergiss Mein Nie und unsere Agentur werde ich oft ungeduldig, da wir sehr viel Visionärsarbeit in dem Bereich leisten. Wir haben die letzten Jahre immer wieder neue Perspektiven auf das Thema „Trauer“ aufgezeigt und versuchen in dem Bereich – neben unserer ganz normalen Arbeit im Alltag – Herzen und Türen zu öffnen. Aufgrund der Sensibilität bei diesem Thema braucht das einfach seine Zeit. Da bin ich dann manchmal etwas ungeduldig, da ich mich als Visionärin für die Wichtigkeit und Offenheit dieses Themas mit Leib und Seele einsetze.

Gerade zu Beginn der Selbständigkeit, wie habt Ihr es geschafft auf Euch aufmerksam zu machen?

Anemone: Zum einen müssen wir uns überhaupt bemerkbar machen. Sowas wie uns gab es ja vorher noch gar nicht. Es ist wie eine Mondlandung – jeden Tag eine neue Herausforderung. Eigentlich ist es auch so, dass wir im Moment zu viele Ideen haben und uns echt bremsen müssen. Eine wichtige Herausforderung ist, dass wir mit Trauernden arbeiten und dadurch eine besondere Verantwortung haben, viel intensivere Erstkontakte und Akquisephasen. Alles ist viel emotionaler als beispielsweise in einer Werbeagentur. Das einzelne Erinnerungsstück ist ein Unikat und in seiner Bedeutsamkeit und Wirkung für die Trauernden mit nichts zu vergleichen. Trauerarbeit wird immer auch mit sozialem Engagement gleichgesetzt. Manche Leute reagieren irritiert, wenn sie hören, dass wir nicht gemeinnützig sind. Dabei ist es ein einfacher Tausch und idealerweise sind am Ende alle etwas glücklicher.

Madita: Ich würde sagen, dass man grundsätzlich in der Phase der Neugründung, also in den ersten drei bis fünf Jahren, viel Geduld, Rückgrat und ein enormes Durchhaltevermögen braucht. Bei uns kommt noch hinzu, dass das Thema „Trauer“ behutsamer und geduldiger behandelt werden muss als zum Beispiel ein Restaurant oder ein T-Shirt-Laden. Das bedeutet eben, dass man sich sehr viel mehr Gedanken machen muss, wie man bei bestimmten Steps voranschreitet. Anemone und ich sind uns aber von Anfang an dieser ganz besonderen Herausforderung bewusst gewesen und haben uns daran gewöhnt, dass die Uhren in diesen Bereichen einfach langsamer ticken.

Wie sehen Eure Pläne für die Zukunft aus?

Anemone: Unsere Vision ist es, kein Exot mehr zu sein, sondern eine Institution des Alltags. Nach dem Motto: „Ich gehe zum Zahnarzt, zum Bäcker, zur Trauerbegleitung.“ Wir wollen aber auch mehr für Unternehmen tun, die unseren Wirkungsbereich nur streifen. Zum Beispiel Hospize oder Seniorenheime. Hier können wir viel mit Ritualentwicklung arbeiten – für die Stimmung im Haus, unter den Mitarbeitern und für einen selbstverständlicheren Umgang mit der Endlichkeit und allem, was sie mit sich bringt.

Wie bildet Ihr Euch weiter und was tut Ihr aktiv dafür Euer Business weiterzuentwickeln?

Anemone: Wir nehmen regelmäßig an Weiterbildungen rund um Trauerbegleitung und Coaching-Methoden teil, um dieses Wissen in unsere Arbeit einfließen zu lassen. Es ist wichtig, dass wir keinen starren Rezepten folgen, sondern beweglich bleiben, so wie die Menschen, mit denen wir arbeiten. Um unser Business weiterzuentwickeln, hören wir unseren Klienten zu und natürlich auch in uns hinein. So haben wir in den letzten zwei Jahren viele Produkte für unseren Shop entwickelt, die richtig Sinn machen und den Trauernden einen wichtigen Halt in ihrer Situation geben. Davon werden wir noch mehr machen, denn wir sehen richtig, was wir damit bewirken können. Außerdem machen wir noch mehr ganzheitliche Konzepte für Unternehmen, damit der Übergang Berufsalltag – Selbstfürsorge – Trauerbegleitung für Mitarbeiter noch einfacher ist. Aktuell verbringen wir viel Zeit bei Facebook und Instagram – schaut mal vorbei.

Welche 3 Tipps zur Trauerbewältigung kannst Du unseren Leserinnen mit auf den Weg geben?

Madita:

  • Gib dir Zeit zum Trauern und erlaube dir zu trauern.
  • Habe Geduld mit dir und den Mut um Hilfe zu bitten.
  • Sage deinen Freunden/Angehörigen/deinem Umfeld, wenn dir etwas nicht gefällt und wenn du dir etwas Anderes von ihnen wünschst.

Vielen Dank, liebe Anemone, liebe Madita für das Interview!

Über die Autorin: Ann-Kathrin ist 28, kommt aus dem schönen Harz und ist seit einigen Jahren in Berlin zu Hause. Sie reist gerne, liebt Konzerte, den Sommer in Berlin und Serien.

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