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FORGESTELLT: Claudia Friedrich, Sozialunternehmerin der heldenküche

11. Januar 2016
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Für viele junge GründerInnen rückt zunehmend der soziale Gedanke in den Fokus: es geht ihnen nicht in erster Linie um Profit, sondern darum, mit der eigenen Geschäftsidee ein gesellschaftliches Problem anzugehen. Solche Sozialunternehmen stellen in Deutschland immer noch einen verhältnismäßig jungen Wirtschaftszweig dar, doch ihre Popularität steigt. Mit bislang 6 Social Impact Labs in ganz Deutschland werden GründerInnen bei der Umsetzung ihrer sozialen Ideen institutionell unterstützt. Eine von ihnen: Claudia Friedrich, leidenschaftliche Do-eat-yourself-Köchin und Sozialunternehmerin der heldenküche.

Liebe Claudia, welches Konzept steckt hinter deinem Sozialunternehmen heldenküche?

Claudia: Es gibt zunächst den unternehmerischen Teil: Privatpersonen und Unternehmen buchen meine Koch-Events und Genussveranstaltungen zu verschiedenen Anlässen. Mein soziales Engagement wird über die heldenküche-Gemeinschaft finanziert. Dafür habe ich auf meiner Webseite das Dauer-Krautfunding „Zum Wohl“ ins Leben gerufen. Immer wenn 250 Euro zusammengekommen sind, kann ich eine Kochveranstaltung in einer sozialen Einrichtung durchführen. Ich koche mit vielfältigen Menschen zusammen: mit Kindern und Jugendlichen in Kinderheimen, mit Senioren, Geflüchteten oder Menschen mit Behinderungen. Alle meine Veranstaltungen stehen unter dem Motto „ Mit Konzept statt Rezept“, das heißt ich vermittle keine Rezepte sondern Kochmethoden, beispielsweise wie ein Dressing funktioniert.

Wie gut funktioniert das im Moment?

Claudia: Seit November steh ich komplett auf eigenen Beinen und kann ganz stolz auf die bislang unliebsame Frage, ob ich davon leben könne, sagen: „Ja, ganz ausgezeichnet.“ Das ist ein völlig neues Gefühl. Seitdem gehe ich auch noch mal mit einem anderen Gestärktsein an die nächsten Projekte.

Was hat dich motiviert, Sozialunternehmerin zu werden?

Claudia: Zu sehen, was ich bewegen kann, wenn ich mich bewege. Während meines VWL-Studiums habe ich mit Freunden den Verein oikos Leipzig gegründet, der das Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft fördert. Da habe ich gemerkt, wie viel ich erreichen kann, wenn ich aktiv werde. Bei unseren Veranstaltungen kamen viele Leute auf mich zu und berichteten mir von ihren Plänen und Ideen, zu denen sie oikos inspiriert hatte. Parallel zu meiner Vereinstätigkeit habe ich meine Masterarbeit geschrieben. Ich arbeite sehr gern wissenschaftlich, aber was hat das für einen Impact? Den Gegensatz zwischen dem, was ich mit meinem Engagement im Verein und was ich mit meiner wissenschaftlichen Arbeit bewirken kann, empfand ich als enorm. Über das Kochen habe ich ein sehr niedrigschwelliges Medium gefunden, meine Mitmenschen mit den Themen Nachhaltigkeit und Post-Wachstum zu erreichen.

Hinter der heldenküche steht ein sogenanntes „Wertepotpourri“. Ist das als eine Art Unternehmensphilosophie zu verstehen und inwiefern fließt sie in das alltägliche Geschäft ein?

Claudia: Das „Wertepotpourri“ verkörpert die heldenküche-Philosophie, die für mich die Basis bildet, auf der ich mit Menschen zusammenarbeiten möchte. Dazu zählt die Verwendung saisonaler und regionaler Produkte ebenso wie der Slow-Food-Gedanke: sich Zeit für die Zubereitung und das Essen nehmen. Ganz zentral ist der Begriff der Wertschätzungskette statt einer Wertschöpfungskette: Ich möchte niemanden ausbeuten und jedes Glied in der Kette vom Landwirt, über den Lieferanten bis hin zum Produzenten wertschätzen. Ebenso geht es mir um eine Art „Potentialförderung“: Das, was da ist, ist immer das Richtige. Das gilt für die Menschen, mit denen ich koche, ebenso wie für die Lebensmittel, die wir dafür verwenden. Ich möchte nur mit Menschen zusammenarbeiten, die diese Philosophie teilen. Und ich merke auch, dass meine Kunden das sehr schätzen.

Claudia heldenküche

© Kristýna Jaklová

Du hast nie eine professionelle Kochausbildung gemacht, sondern bezeichnest dich selbst als Do-eat-yourself-Köchin. Gab es Momente, in denen du an deiner Geschäftsidee gezweifelt hast?

Claudia: Am Anfang gab es von Familie und Freunden sehr viele Ängste, ob dieser Weg der richtige für mich sei, gerade weil ich ihnen so wichtig bin. Doch meine ersten Kunden haben mir sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Nachdem die ersten Veranstaltungen richtig gut gelaufen sind, hatte ich noch mal ein anderes Selbstbewusstsein. Das Kochen ist mein Element. Auch wenn ich am Anfang alles andere als erfahren war: ich habe gemerkt, dass ich kreativ bin  und so viel Spaß am Kochen habe. Und das ist es, was zählt.

Gelingt dir der Spagat zwischen der Arbeit in der heldenküche und deinem Privatleben gut oder würdest du eine solche Trennung gar nicht vornehmen?

Claudia: Am Anfang hat es mich das „Arbeiten-Freizeit“-Denken sehr gestresst. Wenn mich Leute gefragt haben, wie viele Stunden ich für die heldenküche arbeite, war ich immer etwas irritiert. Ich habe meine Selbständigkeit so organisiert, dass es nicht die klassische Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt. Es ist einfach mein Leben. Es gibt natürlich Punkte, an denen ich mir bewusst Zeit für mich nehme oder einfach einen WG-Abend genieße. Ende Januar werde ich eine bezahlte Reise durch Apulien unternehmen, eine richtige Jamie-Oliver-Reise. Ist das jetzt Freizeit oder Arbeit? Keine Ahnung, ich mach es einfach gerne.

Welche Genussveranstaltung ist dir bisher am meisten in Erinnerung geblieben?

Claudia: Das ist schwer zu sagen, denn jede Veranstaltung für sich ist intensiv. Im Dezember habe ich mit geflüchteten Jugendlichen gekocht, die aus Syrien und Afghanistan ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind. Neben einem gemeinsamen Abendessen gab es auch etwas für die Ohren: spontane Rap-Einlagen. Herausfordernd war hingegen die Organisierung der Weihnachtsfeier für ein größeres Unternehmen: 200 Personen, 40 kg Kartoffeln –in diesen Dimensionen hatte ich bislang noch nicht gekocht. Es war ein toller Abend, vor allem dank des starken Teams, das ich nun um mich habe. Zusammen haben wir zum Beispiels den ganzen Transport für die Weihnachtsfeier ohne Auto gemeistert.

Soll es die heldenküche auch in anderen Städten geben?

Claudia: Dafür bin ich sehr offen. Das Konzept ist geschrieben und ich könnte mir gut vorstellen, es im Sinne des Open Source-Gedanken zur Verfügung zu stellen. Die heldenküche ist für mich eine Bewegung, die gelebt werden soll, auch über Leipzig hinaus.

Danke für deine Zeit und Offenheit, liebe Claudia. Veranstaltungen wie deine, die nicht moralisieren und trotzdem wichtige Themen zur Sprache bringen, sollte es noch viel mehr geben.

Vormerken! Die nächste Veranstaltung der heldenküche ist die Schnippeldisko am 14. Januar 2016 in Leipzig. Im Sinne des kulinarischen Ungehorsams wird auf die Lebensmittelverschwendung durch den Handel aufmerksam gemacht im Vorfeld der  „Wir haben es satt„-Demo am 16. Januar 2016 in Berlin. Kommt vorbei.

Eure Tina

Bildquelle: © Kristýna Jaklová

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