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FORGESTELLT: Ekaterina, Gründerin von Jourvie

12. Juni 2016
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Liebe Keti, ich freue mich sehr, dich nach meinem Umzug nach Berlin kennengelernt zu haben. Deine Geschichte mit Jourvie hat mich sehr beeindruckt, da es dir eine echte Herzensangelegenheit ist, dieses Projekt voranzubringen. Wie bist du auf die Idee gekommen, die App zu entwickeln?

Keti: Die Idee für Jourvie – eine App für Menschen mit Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und Binge Eating – ist aus meiner eigenen Erfahrung entstanden. Ich war selber betroffen und bin in der Therapie auf Probleme gestoßen, für die ich damals eine Lösung für mich selbst gesucht und geschaffen habe. Einige Jahre später hatte ich die Möglichkeit, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, sodass ich nicht nur eine Lösung für mich selbst geschaffen habe, sondern auch für andere junge Menschen in derselben Situation.

Mit der App unterstützen wir jetzt Betroffene von Essstörungen, die sich auf dem Weg zum gesunden Leben und Körperbild gemacht haben – mit diskreten Essprotokollen, Gefühlstagebüchern und Tipps und Tricks für schwierige Situationen.

© Ekaterina

Was waren die ersten Hürden auf dem Weg von einer groben Idee bis hin zu einem gemeinnützigen Unternehmen?

Keti: Die allererste Hürde war, an sich selbst zu glauben und sich zu trauen, die Idee auch anderen zu erzählen, um Feedback von ihnen zu bekommen. Das ist die Hürde, die man alleine schaffen muss. Wenn man dann angefangen hat, anderen von der Idee zu erzählen, findet man Unterstützer für die nächsten Hürden, z.B. wie finde ich die ersten Testnutzer, um die Idee zu validieren, wie orientiere ich mich in den rechtlichen Anforderungen, wie baue ich ein Team auf und Vieles mehr.

Bist du schnell auf positive Resonanz in unserer heutigen Gesellschaft gestoßen und hast Unterstützer für dein Projekt gefunden?

Keti: Eigentlich ja, die größten Hürden waren in meinem Kopf! Ich konnte schon von Anfang an viel Unterstützung von meinen Freunden und Familie erfahren. Danach konnte ich auch die ersten Partner und Unterstützer gewinnen und durfte mit einem Stipendium von Ashoka und SAP ein Jahr lang Vollzeit an meinem Projekt arbeiten, Mentoring und Coaching bekommen. Gleichzeitig habe ich auch wirklich tolle Menschen kennengelernt, die Lust hatten, Teil des Teams zu werden und gemeinsam an dem Thema zu arbeiten.

Mittlerweile haben wir auch viele andere Partner und Unterstützer, die uns finanziell und/oder mit Know How unterstützen und gemeinsam mit uns an der Vision arbeiten.

Arbeiten du und dein Team Vollzeit an Jourvie oder wie ist das Unternehmen momentan organisiert?

Keti: Offiziell arbeite ich Teilzeit an Jourvie, aber es ist schwierig, einen Punkt zu setzen, wenn du an einem Thema arbeitest, das dir so am Herzen liegt. Einige von den anderen Teammitgliedern arbeiten auch Teilzeit, andere Vollzeit. Eine unserer Kolleginnen ist in Elternzeit und wir organisieren unsere Arbeit vor allem mit verschiedenen Online-Tools fürs Projektmanagement und einen regelmäßigen Austausch.

Wir arbeiten in dem Coworking Space für Sozialunternehmer „Impact HUB“, wo auch andere Unternehmen und Projekte sitzen, die an Themen mit großer gesellschaftlicher Relevanz arbeiten wie z.B. Bildung, Umwelt, etc. Das ist sehr bereichernd, da man sehr viel von den anderen lernen kann und auch die Erfahrungen, die man macht, direkt weitergeben kann.

Als internationales Team vereinbaren wir auch verschiedene Perspektiven und Arbeitsmethoden – ich selber komme aus Bulgarien, die anderen Teammitglieder aus Deutschland, Polen und USA. Wir werden übrigens bald auch noch Zuwachs für unser Team suchen!

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag von dir bei Jourvie aus?

Keti: Ich habe selten einen festen Ablauf. In letzter Zeit bin ich viel unterwegs, auf verschiedenen Events und Konferenzen, um Kontakte mit potenziellen Partnern zu knüpfen. Ansonsten sind die Tage immer unterschiedlich. Wir stimmen uns am Anfang des Tages immer im Team ab, was die Aufgaben für den Tag sind, priorisieren und setzen uns Zeitfenster. Innerhalb festgelegter Zeiträume und mit festen Fristen zu arbeiten ist zwar sehr effizient, aber können auch anstrengend sein; deshalb nehmen wir uns auch bewusst Zeit, um kreativ zu sein und über neue Sachen nachzudenken – das braucht man immer wieder.

Was ist deine Vision? Was möchtest du mit Jourvie erreichen und was ist das nächste Etappen-Ziel in diesem Jahr auf dem Weg dorthin?

© EkaterinaKeti: Unsere Vision ist, dass es zukünftig eine bessere Versorgung für Menschen mit Essstörungen gibt – sowohl während der Wartezeit auf einen Therapieplatz, während der Behandlung als auch in der Nachsorge. Mit Jourvie wollen wir einen Beitrag dazu leisten und ein Teil größerer Versorgungsprogramme sein. Wir entwickeln die App nicht, damit sie die therapeutische Arbeit der Experten ersetzt, sondern damit sie diese unterstützt.

Um dies zu erreichen, arbeiten wir dieses Jahr an einer Studie zur Wirksamkeit der App, sowie am Ausbau von Partnerschaften mit Kliniken und Krankenversicherungen.

Wenn du zurückblickst, kannst du unseren Leserinnen einen Ratschlag geben wie sie Projekte ohne vorherige Zweifel angehen?

Keti: Zweifel wird es immer geben; die Frage ist, wie man damit umgeht. Ich habe gelernt, dass man nie auf Alles, was kommen wird, vorbereitet sein kann, und dass man immer wieder Fehler machen wird. Sobald man sich von der Vorstellung verabschiedet, perfekt sein zu müssen und perfekt sein zu können, betrachtet man die Sachen anders.

Wenn ich Zweifel habe, ob die eine oder andere Entscheidung richtig ist, oder ob der eine oder der andere Schritt der richtige ist, denke ich an das Credo „Done is better than perfect.“ und werde aktiv, anstatt viel zu lange zu überlegen.

Hast du einen Lieblingsort in Berlin oder irgendwo auf der Welt, an dem du dir in stressigen Phasen eine Auszeit gönnst?

Keti: In stressigen Phasen suche ich die Ruhe am ehesten in mir. Mein Balkon ist der Ort, an dem ich mir die Zeit gönne, die ich zum Nachdenken brauche und um Abstand gewinnen zu können.

Welche Bedeutung hat der Aufbau eines Netzwerks unter Frauen für Dich persönlich und in Bezug auf die Entwicklung von Jourvie?

Keti: Vor allem am Anfang hat mir das Umfeld sehr geholfen, meine Ängste zu überwinden und weiterzumachen. Ich war viel auf Events und habe viele Kontakte mit gleichgesinnten Frauen geknüpft – auch im Rahmen eines Mentorenprogramms. Meine erste Mentorin Nicole Simon hat mir extrem viel Vertrauen entgegengebracht, sodass ich meine Schritte gar nicht so viel hinterfragt habe. Das war eine ganz tolle Unterstützung, vor allem zu Anfangszeiten! Mittlerweile versuche ich meine Erfahrungen weiterzugeben, wenn ich das Gefühl habe, dass andere gleichgesinnte Mädchen und Frauen davon lernen können.

Ich würde es jedem empfehlen, Unterstützung in einem Netzwerk zu finden und sich mit anderen – weiblichen oder männlichen – Vorbildern und Mentoren auszutauschen. Mir hat es sehr geholfen, die verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven zu hören, von ihnen zu lernen, um dann den eigenen Weg zu finden. 

Das Beste, was passieren kann und dir frische Motivation und Energie gibt – Was ist das?

Keti: Menschen, Momente und Situationen, die mir helfen, Abstand vom alltäglichen (operativen) Geschehen zu bekommen und auf das große Bild zu schauen. So kann ich mir vor Augen führen, warum wir mit Jourvie das machen, was wir machen, und das motiviert mich enorm. Die große Vision im Auge zu behalten, gibt mir Motivation und Energie, auch bei schwierigen oder anstrengenden Aufgaben.

Herzlichen Dank liebe Keti!

Bildquelle: © Ekaterina

Hast du Fragen an Ekaterina oder zur App Jourvie? Kommentiere einfach diesen Beitrag oder schreib uns eine Mail an: mail@fielfalt.de!

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