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FORGESTELLT: GESINE AGENA, Mitglied im Bundesvorstand und frauenpolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

10. November 2015
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Wir freuen uns heute eine starke Frau der Politik vorstellen zu dürfen: Gesine Agena,  Mitglied im Bundesvorstand und frauenpolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Heute spricht die Ende Zwanzigjährige über ihren Werdegang, über Femininusmus und Gleichberechtigung auf FIEFALT. Sie ist der Meinung: „Frauenpolitik ist kein Gedöns, sondern oft eine knallharte Auseinandersetzung über Privilegien.“

Gesine, was hat Dich dazu bewegt politisch aktiv zu werden und eine Karriere in diesem Bereich anzustreben? Gab es ausschlaggebende Gründe, die deinen Weg beeinflusst haben?

Gesine: Als Jugendliche fand ich es wichtig, sich nicht nur zu beschweren, über das, was in der Politik falsch läuft. Ich wollte mich einmischen und selbst dazu beitragen, dass die Welt besser wird. Ich komme aus Niedersachsen, deswegen bin ich auch über den Protest gegen Atomkraft politisiert worden. Und das Thema der globalen Gerechtigkeit hat mich angetrieben. Ich fand es nicht fair, dass unser westlicher Wohlstand auf dem Rücken von Menschen im globalen Süden erkauft ist. Deswegen bin ich mit Freund*innen zu den Grünen gegangen und wir haben dann vor Ort eine Grüne Jugend Ortsgruppe aufgemacht. Eine Karriere habe ich nie so richtig geplant, meistens war es eher Zufall, wie es weiterging. Erst wurde ich in den Bundesvorstand, dann zur Bundessprecherin der Grünen Jugend gewählt. Dadurch habe ich die Bundesebene der Grünen kennengelernt, mich dort und in meinem Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg engagiert und bin dann im Oktober 2013 in den Bundesvorstand der Grünen gewählt worden.

Im Oktober habe ich nun auch mein Politikstudium abgeschlossen. Es war nicht immer einfach Studium und Beruf zu vereinbaren, aber ich bin sehr froh, dass es geklappt hat! So sehr mir die Politik gerade auch Spaß macht, ist mir wichtig, ein Standbein neben der Politik zu haben.

Was glaubst Du woran es liegt, dass sich nicht noch mehr Frauen in die Politik begeben? Wie möchtest Du auch junge Frauen motivieren es Dir gleich zu tun?

Gesine: Zum Einen spielen da, denke ich, Sozialisation und Rollenbilder eine enorme Rolle. Nach wie vor gibt es das Rollenbild des männlichen Macht-Menschen, während Frauen eher als still, zurückhaltend und so weiter gelten. Damit wachsen wir alle auf. Dann ist es nicht erstaunlich, dass Frauen und Männer diese Bilder verinnerlichen und das Ergebnis ist, dass mehr Männer in die Politik gehen als Frauen. Ich denke auch, dass der Ruf von Politik als hartem Geschäft viele Frauen, aber auch einige Männer abschreckt. Aber das müssen wir ändern, denn Frauen bereichern Politik!

Zum Anderen ist Zeit ein wesentlicher Faktor für Engagement. Frauen sind heute oft doppelt und dreifach belastet durch ihre Berufstätigkeit und dadurch, dass sie weiterhin den Großteil der Sorge- und Hausarbeit übernehmen. Daher haben sie oft weniger Zeit für Engagement als Männer. Das ist eine gesellschaftspolitisch hochrelevante Aufgabe, an dieser Zeitverteilung etwas zu ändern, damit Frauen neben dem Job auch noch Zeit haben, sich zu engagieren.

Wir wollen mit unserer grünen Frauenpolitik junge Frauen und Mädchen ermutigen, sich politisch zu engagieren. Das machen wir erstens durch unsere Frauenstrukturen: Es gibt beispielsweise eine Frauenquote innerhalb der Partei, die eine Mindestquotierung von 50% Frauen in allen Ämtern und Mandaten vorsieht. Aber auch unsere Frauen-Gremien unterstützen Frauen dabei, sich die Hälfte der Macht zu nehmen, denn die steht ihnen zu. Zudem sorgen unsere Frauengremien dafür, dass frauen- und gleichstellungspolitische Aspekte in allen Politikbereichen mitgedacht werden. Das ist enorm wichtig.

Zweitens unterstützen wir den Einstieg in die Politik durch Mentoring-Programme, Empowerment-Trainings und Vernetzungstreffen, die Frauen praktische Einblicke in die Landes, Bundes- und Europapolitik bieten.

Auf deiner Homepage beschreibst Du Dich außerdem mit dem Satz „Still loving feminism“. Du beschreibst, dass wir in der Vergangenheit schon Schritte vorangekommen sind, wir uns jedoch noch lange nicht in einem Status der Gleichberechtigung befinden. Gab es Situationen wo Du dies selbst erleben musstest?

Gesine: Politisch sehen wir das ja jeden Tag: Wir haben nach wie vor einen geschlechtergeteilten Arbeitsmarkt, in dem Frauen im sogenannten Care-Sektor, also dem Pflege-, Fürsorge- und Sozialbereich, arbeiten und strukturell unterbezahlt werden. 23 Prozent Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen und bloß 5,4 % der Vorstandsposten in börsennotierten Unternehmen sind mit Frauen besetzt – und der Anteil sinkt derzeit! Außerdem gibt es furchtbar hohe Zahlen zu Gewalt an Frauen.

Wir sind noch lange nicht in der gleichberechtigten Gesellschaft angekommen. Und auch persönlich habe ich das natürlich schon erlebt. Dumme Sprüche, Sexismus und so weiter, ich denke, fast alle Frauen erleben das. Nicht nur einmal in ihrem Leben.

Woran liegt es heutzutage dass Gleichberechtigung und Feminismus zwar in aller Munde ist, Deutschland hier dennoch Defizite aufweist?

Gesine: Ich denke, das liegt daran, dass viele feministische Forderungen eine ganz harte Macht-Frage stellen: Wenn wir eine 50-Prozent-Frauenquote für alle Führungspositionen durchsetzen würden, müssten sehr viele Männer auf ihren gut bezahlten Job verzichten. Wenn wir das Ehegattensplitting abschaffen würden, würde sich die Kombination, dass Männer Vollzeit arbeiten und Frauen sich um die Kinder und den Haushalt kümmern, nicht mehr lohnen. Frauenpolitik ist kein Gedöns, sondern oft eine knallharte Auseinandersetzung über Privilegien. Und niemand gibt gern Privilegien ab.

Daher ist es schon mal gut, dass sich die Frauenbewegungen in vielen Bereichen durchgesetzt haben. Unter anderem steht im Grundgesetz, dass der Staat verpflichtet ist, Defizite bei der Gleichberechtigung abzubauen. Heute dürfen Frauen wählen, arbeiten und sich scheiden lassen. Dass die vielen anderen Ungerechtigkeiten, die weiterhin bestehen, beseitigt werden und dass Gleichberechtigung endlich Realität wird, dafür kämpfen wir jeden Tag.

Von welchen Defiziten sprechen wir Deiner Meinung nach konkret?

Gesine: Ich will nicht von Defizit sprechen, sondern von Ungerechtigkeit. Es ist schlicht ungerecht, dass Frauen im Jahr 2015 nach wie vor weniger Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit erhalten, dass sie unterrepräsentiert sind in den Führungsebenen, dass sie von Sexismus und Gewalt betroffenen sind und den Großteil der unbezahlten Sorge- und Pflegearbeit leisten.

Das ist nicht nur ein Defizit, sondern das zeigt eine strukturell verankerte Ungleichberechtigung von Frauen in vielen verschiedenen Ebenen und das ist Ausdruck einer nach wie vor patriarchal organisierten Gesellschaft. Es reicht also nicht eine Kanzlerin zu haben, wenn die Strukturen nach wie vor ungerecht sind.

Welche ausschlaggebenden Veränderungen sollten wir gemeinsam anstoßen und wie setzt Du dich insbesondere für diese Veränderungen ein?

Gesine: Wir wollen die Möglichkeit schaffen, dass Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Dafür ist eine gerechtere Verteilung von Zeit, Macht und Geld ausschlaggebend. Nur so kann eine solidarische und geschlechtergerechte Gesellschaft möglich werden.

Deswegen setzten wir uns konkret ein für eine Aufwertung von Care-Arbeit und einen Ausbau der Betreuungs-Infrastruktur. Wir wollen wirtschaftliche Unabhängigkeit schaffen, dafür ist die Abschaffung des Ehegattensplittings und der Minijobs wichtig. Sie drängen Frauen in schlechtbezahlte Jobs, was letztendlich der Grund für Altersarmut vieler Frauen ist. Wir wollen neben tradierten Rollen- und Familienbildern auch vielfältige Lebens- und Arbeitsmodelle ermöglichen.

Ich setze mich auf Bundesebene dafür ein unsere grün-feministische Frauenpolitik weiter voranzubringen, Hierarchien zwischen den Geschlechtern abzubauen und Antifeminismus und Sexismus entgegenzutreten.

2014 hast Du außerdem einen frauenpolitischen Blog „Grün ist Lila“ initiiert. Ihr selbst bezeichnet den Blog als „Ein Ort für utopische und realistische Visionen.“ Was wollt ihr mit dem Blog erreichen und wen sprecht ihr damit an?

Gesine: Mit unserem Blog wollen wir alle ansprechen, die sich für grün-feministische Themen interessieren. Es ist ein Ort der Diskussion und wir laden alle Feminist*innen ein, hier mit uns zu diskutieren, denn es geht um den Austausch mit feministischen Bewegungen und Aktivistinnen – auf der Straße und im Netz.

Das Blog soll außerdem die Feminist*innen die es bei uns Grünen gibt und die im Netz unterwegs sind, zusammen bringen. Es ein Ort, an dem über aktuelle Tagesordnungspunkte hinaus diskutiert werden kann, um Utopien und Visionen einen Raum zu geben.

Was würdest Du unseren FIELFALT Leserinnen raten, wo und wie sie aktiv werden können, um weitere Schritte hin zu einer Gleichberechtigung zu gehen? Welche Organisationen/ Aktionen liegen Dir insbesondere am Herzen?

Gesine: Es gibt viele Möglichkeiten aktiv für Gleichberechtigung zu streiten: ob das bedeutet im Freund*innenkreis Feminismus zu thematisieren, auf der Arbeit nicht mitzulachen bei sexistischen Witzen, sich bei Demos Abtreibungsgegner*innen entgegenzustellen und für reproduktive Rechte von Frauen einzustehen, sich im Netz Gehör zu verschaffen oder sich im Ortsverband der Grünen zu engagieren, das muss jede für sich entscheiden. Tolle Projekte um sich einzubringen, gibt es jedenfalls genug!

Und was motiviert Dich dazu, Dich täglich einzusetzen? Wie schöpfst Du neue Kraft?

Gesine: Bloß weil ich mich mit einem Thema beschäftige, ich mir eine Meinung gebildet oder den politischen Handlungsanspruch beschrieben oder gar eingefordert habe, verändert sich die Welt leider nicht sofort. Es geht in meinem Job viel darum, Verbündete zu finden, Menschen mitzunehmen und im besten Fall gemeinsam für etwas zu streiten. Und auf diesem Weg habe ich schon so viele tolle Menschen kennengelernt, die mit unheimlich viel Herzblut, Engagement und Courage für eine andere Welt einstehen. Das motiviert mich unheimlich, denn es ist gleichzeitig auch ein Feedback für das, was ich mache. Ich merke, dass ich nicht allein bin. Und das macht mich stark.

Vielen Dank Gesine!

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