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FORGESTELLT: Maliha Khalid und Talha Naveed Ashraf von doctory

25. April 2018
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Maliha Khalid, Co-Founder von doctory, bietet mit ihrem Startup doctory eine Suchmaschine, die maschinelles Lernen und einen Review-basierten Feedback-Mechanismus nutzt, um Patienten mit zuverlässigen Gesundheitsinformationen und -dienstleistungen zu versorgen und sie dann auf die am besten geeigneten Einrichtungen in ganz Pakistan zu verweisen.

Gemeinsam mit ihrem Mitgründer Ayyaz Kiani und ihrem Team legt sie besonderen Wert darauf, Frauen zu befähigen, unabhängiger zu werden, indem sie relevante Informationen über die Gesundheitseinrichtungen bereitstellt und zusätzliche Services anbietet, z.B.  Fotos der Einrichtungen zur Verfügung stellt oder eine Fahrt für die Nutzer zum nächsten Arzt bucht.

Wir sprachen mit Maliha und ihrem COO Talha darüber, wie sie mit der Arbeit an doctory begonnen haben, was die ersten Herausforderungen waren und wie sie diese überwunden haben und wie doctory das pakistanische Gesundheitssystem disruptiert.

Wenn ihr euch mit 3 Worten beschreiben müsstest, was wären diese?

Maliha: Kreativ, stark und eifrig.

Talha: Empathisch, mitfühlend und ich glaube an Gleichstellung von Männern und Frauen.

 

Wie seid ihr auf die Idee von doctory gekommen?

Maliha: Ich arbeite seit vier Jahren mit Herz und Seele an dem Projekt. Die Idee an sich geht allerdings viel weiter zurück bis ins Jahr 2008 – damals war ich noch in der Schule. Meine Eltern ließen sich zu dieser Zeit scheiden und es war sehr schwer für mich und meine Geschwister. Um die Situation zu verstehen, muss man wissen, dass Scheidung in Pakistan ein absolutes Tabu war. Man sprach nicht einmal über das Thema und für meine Familie war es Realität.

Zur gleichen Zeit fing ich an, Ohnmachtsanfälle zu haben, und meine Mutter war völlig überfordert, als es darum ging, mich zum Arzt zu bringen.  Ich muss erwähnen, dass bei der Scheidung entschieden wurde, dass wir Kinder bei unserer Mutter blieben und sie war von der Gesamtsituation überwältigt.  Mein Gesundheitszustand hat die ganze Situation nicht besser gemacht.

Es war eine Zeit, in der ich meine Familie völlig hilflos erlebte und ich war hilflos und konnte meine Mutter nicht unterstützen. Meine Onkel waren verärgert als meine Mutter Fragen stellte wie wie:  „Zu welcher Art von Arzt sollte ich meine Tochter bringen?“ oder „Würde der Arzt uns wirklich zuhören, bevor er eine Diagnose stellt?“ oder „Zu welchen Zeiten würde der Arzt zur Verfügung stehen?“ Es gab keine Antworten auf diese Fragen, obwohl ich in der Hauptstadt von Pakistan lebe und viele Ärzte in meiner Familie habe.

Diese Erfahrung blieb mir während meiner gesamten Jugend erhalten und als ich beschloss, für unsere Gesellschaft zu arbeiten, kam diese Erfahrung aus meiner Kindheit wieder auf. Ich arbeite an der Entwicklung eines Tools, das das Gesundheitssystem demokratisiert und den Menschen und insbesondere den Frauen hilft, die Komplexität des Gesundheitssystems zu bewältigen. Denn Frauen sind am Ende die Hauptentscheidungsträger in den Haushalten Pakistans.

 

Gab es einen besonderen Moment, als du wusstest, dass dies etwas ist, aus dem du ein Geschäft aufbauen kannst?

Maliha: Als ich im College war, habe ich für verschiedene FMCG- und Telekommunikationsunternehmen in Islamabad gearbeitet. Eines Abends saßen wir im Büro, und ich dachte über die Aufgaben nach, die wir als Team den ganzen Tag über erledigt hatten. Was mir klar wurde, war, dass in diesen schicken, vollklimatisierten Büros die wichtigste Frage des Tages war: „In welches stylische Restaurant wollen wir zum Mittagessen?“ oder „Wo wollen wir morgens einen Kaffee trinken gehen?“  Und wir haben keine wirklich wichtige oder nachhaltige Arbeit geleistet. In diesem Moment wurde mir klar, dass dies nicht die Zukunft war, die ich für mich selbst wollte. Ich möchte etwas für die Gesellschaft tun, die mir so viel gegeben hat und mich zu der Person gemacht hat, die ich bin.

Ich verließ das Unternehmen und fuhr mit meinen Geschwistern 5 Tage lang in den Norden in die Berge. Als ich zurückkam, begann ich an doctory zu arbeiten und habe seitdem nicht mehr zurückgeblickt.

Talha: Ich möchte etwas zu dem hinzufügen, was Maliha gerade gesagt hat. Wie sie richtig sagte, geht ihre Erfahrung auf das Jahr 2008 zurück. Es ist jetzt 2018, zehn Jahre später, und sehr wenig hat sich an der Gesundheitsinfrastruktur in Pakistan geändert. Die meisten Probleme, die sie damals durchmachte, sind heute noch sehr real und viele Menschen müssen sich damit auseinandersetzen. Es gab fast keine Fortschritte, und ich glaube, das ist etwas, was Maliha wirklich motiviert hat, ihr Projekt zu starten.

Maliha: Um ehrlich zu sein, ist es eigentlich einfacher, die besten Pizzalieferdienste auf dem Handy zu finden als den besten Arzt in meiner Nähe. Traurig, aber wahr.

Als ihr mit der Arbeit an doctory angefangen habt, was waren die ersten Schritte?

Maliha: Die meisten Gesundheitseinrichtungen und Arztpraxen in Pakistan befinden sich in den großen Metropolen wie Lahore, Karachi und Islamabad. Menschen aus der Peripherie und dem ländlichen Raum kommen in diese Städte, nur um Zugang zur medizinischen Grundversorgung zu erhalten. Wir wussten, dass dies einer der „Pain Points“ war, die wir angehen wollten.

Und es gibt einen Unterschied zu den Gesundheitssystemen in anderen Ländern: Normalerweise geht man erst zu einem Allgemeinmediziner, der eine Diagnose stellt und einen bei Bedarf an einen Spezialisten überweist. In Pakistan funktioniert das System anders: Wir gehen nicht zum Hausarzt, sondern direkt zum Facharzt. Es war schnell klar, dass dies unsere beiden Hauptthemen waren: wussten, welche Städte wir anvisieren wollten, und wir wussten, dass wir die Spezialisten ansprechen wollten, da wir wussten, dass die Leute direkt dorthin gehen würden, anstatt zu einem Hausarzt.

Im ersten Schritt ging ich daher zur Zulassungstelle für alle Fachärzte in Pakistan, die sich PMDC – Pakistan Medical and Dental Council – nennt, und ich erzählte ihnen, was ich tun wollte. Sie hielten es für eine geniale Idee und fragten mich direkt, was ich von ihnen brauche, wie sie helfen könnten. Ich sagte ihnen, dass ich Daten von allen Fachärzten brauche, die in den 10 bevölkerungsreichsten Städten Pakistans arbeiten. Sie sagten mir, dass sie diese Informationen verkaufen und baten mich, am nächsten Tag wiederzukommen. Sie würde mir die Daten dann zur Verfügung stellen. So weit, so gut.

Ich kam am nächsten Tag zurück, ich bezahlte die Gebühr und der Mitarbeiter in der Zulassungsstelle überreichte mir eine CD mit den Worten: „Mam, wir wissen nicht, welcher der Ärzte auf dieser CD bereits verstorben ist oder wer noch lebt, ob sie noch im Land sind oder in welchem Teil des Landes sie sind“.  Ich hielt also eine CD in den Händen mit den Namen von 40.000 Ärzten, aber keiner wusste, wer tot oder lebendig war, und die CD hatte auch keine Telefonnummern oder E-Mail-Adressen darauf, da sie erst vor kurzem angefangen hatten, diese Informationen zu archivieren.

Hier begann die eigentliche Herausforderung. Ich ging zurück in mein Büro, legte die CD ein und die Daten waren Kraut und Rüben.

Das klingt nach einer großen Herausforderung – wie habt ihr diese gemeistert?

Maliha: Es waren gerade Sommerferien und wir wussten, dass viele Studenten nach Praktika suchen würden – und wir fanden eine Gruppe von Hochschulabsolventen, die zu uns gestoßen sind. Wir gründeten zwei Gruppen und gingen durchliefen jeden Arzt und jedes Krankenhaus in Islamabad und dann nach Peshawar und weiter nach Lahore.

Was ich an dieser Stelle erklären muss, ist, dass wir einen „Proof of Concept“ brauchten, ob unsere Idee in Pakistan überhaupt funktionieren würde. Zu der Zeit, als wir angefangen haben, gab es so etwas wie Google in Pakistan nicht. Unsere Idee, Google zu nutzen oder eine Website für die Suche nach medizinischer Unterstützung zu erstellen, war damals einfach nicht bekannt. Wir mussten wissen, ob die Ärzte tatsächlich an so etwas interessiert sind und ob die Patienten bereit sind, es zu nutzen. Wir entschieden uns, dieses „Huhn und Ei“-Problem aus der Sicht des Arztes anzugehen und begannen mit den Ärzten zu sprechen.

Wir haben dann rund 5.000 Ärzte auf unserer Plattform registriert. Und zur gleichen Zeit begannen Nutzer aus ganz Pakistan, aber auch aus Kaschmir, die Website zu nutzen. Sie kamen auf uns zu, damit wir ihnen helfen, Zugang zu den aufgelisteten Ärzten zu bekommen.  Erst später wurde uns klar, dass ein Arzt, wenn er das Telefon abnimmt und 5 Minuten lang mit einem Patienten spricht, weniger Geld verdient, als wenn er ihn 30 Minuten lang persönlich konsultiert. Natürlich würden sie die Anrufe lieber nicht annehmen. Aber insgesamt haben wir von beiden Seite sehr positive Rückmeldungen bekommen.

Gab es ein besonderes Highlight, an das ihr euch immer erinnern werdet?

Maliha: Als wir anfingen, Ärzte an Bord zu holen, gab es viele Herausforderungen, wenn wir in Krankenhäuser gingen und mit ihnen sprachen. Und irgendwo dazwischen änderten wir unsere Strategie und begannen zu verschiedenen medizinischen Konferenzen zu gehen, die damals stattfanden. Und das war eigentlich eine neue Herausforderung, denn ein Stand auf diesen Konferenzen ist sehr teuer – teilweise bis zu 6.000 US-Dollar pro Stand. Das Geld hatten wir natürlich nicht. Stattdessen sprachen wir mit dem veranstaltenden Krankenhaus und boten ihnen unsere Dienste als Gegenleistung für einen Stand auf der Konferenz an. Wir taten das mit ein paar verschiedenen Krankenhäusern und gingen zu ein diversen Konferenzen für verschiedene Spezialisierungen der Ärzte und es war großartig. Wir hatten kein Geld, aber wir bekamen einen Stand in bester Lage und sprachen mit all diesen Ärzten und stellten unsere Lösung vor.

Wie haben du und dein Co-Founder euch kennengelernt?

Maliha: Mein Mitgründer, Ayyaz Kiani, kommt aus dem öffentlichen Gesundheitswesen und hatte ursprünglich die Idee für doctory, aber ich kam sehr bald an Bord und übernahm das Geschäft. Seine Gründe für die Gründung von doctory sind sehr interessant: Er hatte einen richtigen Moment der Offenbarung in den USA, als er mit einem Freund eine Arztpraxis besuchte.  Er sagte mir, dass das Personal sehr freundlich sei und sie erstmal bat zu warten, während der Arzt noch mit einem anderen Patienten sprach. Und als er mit dem Patienten fertig war, begrüßte er Ayyaz und seinen Freund und sprach mit ihnen, gab ihnen eine Diagnose und ein Rezept, beantwortete alle Fragen und sobald sie fertig waren, begleitete er sie tatsächlich zum Auto und winkte ihnen zum Abschied. Ayyaz‘ erste Frage nach der Abfahrt war: „Bist du ein VIP in den Staaten?“ Und sein Freund lachte und sagte ihm, nein.

Wenn dich in Pakistan ein Arzt anlächelt und länger als 5 Minuten mit dir spricht, gilt er als sehr guter Arzt. Und in den USA bekommt man diesen ganzen Service?  Was ist der Grund? Und die Antwort seines Freundes lautete: Er hat den Termin über eine Online-Plattform gemacht und er würde jetzt, nach dem Termin eine Rezension schreiben. Natürlich würde jeder Arzt eine positive Beurteilung wünschen und deshalb war er so freundlich und aufmerksam. In Pakistan betreiben die Menschen einen riesen Aufwand, um sich über Fahrlässigkeit von Ärzten zu beschweren – bis hin zum obersten Gericht – und in den USA gab es eine einfache Online-Plattform, auf der Patienten eine Rezension schreiben konnten. Es schien so einfach, die Industrie von Seiten der Verbraucher zu regulieren. Das war sein Grund, damit anzufangen. Meine Gründe waren ganz andere, aber wir beschlossen trotzdem – oder sogar gerade deswegen – uns zusammenzuschließen.

Talha: In Pakistan ist es bis heute sehr schwer, ein von Frauen geführtes Unternehmen zu finden. Besonders im Start-up-Bereich. Das ist sehr, sehr selten. Um eine Gründerin und Geschäftsführerin zu sein, bedarf es einer ganz besonderen Art von Beharrlichkeit und Geschäftssinn. Es gibt viel Zurückhaltung, und es gibt viele Hindernisse, die man überwinden muss. Ich glaube, das ist eine sehr wichtige Sache, die man über Maliha wissen sollte.

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass sie, obwohl sie erst später zu doctory gekommen ist, seither das Gesicht des Unternehmens ist. Sie ist diejenige, die die geschäftlichen Entscheidungen trifft, sie ist diejenige, die den Betrieb leitet, sie ist ganzheitlich das Gesicht des Unternehmens. Und das ist auch sehr selten.

Ich denke, das ist sehr wichtig zu betonen, und ich gebe ihr viel Anerkennung dafür, dass sie sich nicht für einen traditionellen Karriereweg entschieden hat. Außerdem hat sie sich auf diesem Weg viele Skills angeeignet, da sie keinen technischen Background hat. Und sie verdient auch nicht viel Geld mit ihrer Arbeit – sie tut, was sie tut, weil sie daran glaubt.

Was haben deine Familie und Freunde gesagt, als du dich entschieden hast, deinen Telco-Job zu verlassen und dein eigenes Unternehmen zu gründen?

Maliha: Der Grund, warum ich heute hier bin, ist meine Mutter. Sie ist eine sehr starke Frau. Besonders nach der Scheidung meiner Eltern war sie an der Spitze unserer Familie, sie hat uns abgeschirmt und beschützt, sie hat uns erzogen und uns die Ausbildung ermöglicht, damit wir das tun können, was wir heute tun. Sie ist in vielerlei Hinsicht meine Superheldin.

Meine Mutter hat mich immer unterstützt und jetzt habe ich auch einen Punkt erreicht, an dem mich meine ganze Familie unterstützt. Es war hart, aber meine Familie unterstützt mich jetzt auch komplett. Meine Freunde dachten anfangs, ich sei ein bisschen verrückt, aber nach etwa einem Jahr in dem Projekt merkten sie, dass ich es ernst meinte. Und jetzt sind auch sie alle sehr supportive. Wenn wir als Team etwas brauchen, müssen wir uns nur melden und es ist immer jemand da, der uns hilft und unterstützt.

Wenn du anderen Frauen aus der Perspektive einer Gründerin einen Tipp geben könntest, was würdest du ihnen sagen?

Maliha: Es gibt immer wieder Momente, in denen man das Gefühl hat, dass das, was man in seinem Leben zu erreichen versucht, nicht möglich ist. Und das ist nicht wahr. Wir müssen ständig an uns selbst glauben, auch wenn es niemand um uns herum tut, denn das ist das Einzige, was uns am Leben hält.

Wenn wir am Ende nicht unsere Arbeit machen, wer soll es dann tun? Wer sonst wird diesen Impact erzeugen, an dem wir so hart arbeiten. Und ich denke, dass die Art und Weise, wie Frauen Impact erzeugen, es kein anderer tun kann. Wir sind wirklich großartig, wenn es um Multi-Tasking geht – ich weiß, dass Männer oft erstaunt sind, wie wir so viele Aufgaben gleichzeitig erledigen können. Wir sind wirklich gut darin und wir sind großartig darin, Impact zu erzeugen. Wir müssen nur an uns selbst glauben und ich denke, das ist der Schlüssel.

Was kommt als nächstes für doctory?

Maliha: Wir werden doctory als Produkt weiter ausbauen, und wir arbeiten daran, zu wachsen und Gelder für unser Projekt aufzubringen.

Vielen Dank, dass ihr euch Zeit genommen habt, mit uns zu sprechen!

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