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Everybody loves glamour?

11. März 2016
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Von Tina Müller und Christopher Fritzsche

Yahoo-CEO Marissa Mayer oder Verlagschefin Julia Jäkel machen es vor: ehrgeizig, ohne verkrampft zu sein, voller Energie und gut gekleidet, verkörpern sie angeblich einen modernen Typus Businessfrau. Statt männlichen Kollegen in Habitus und Aussehen nachzueifern, setzen die neuen Modelfrauen in Führungspositionen ganz bewusst auf weiblichen Chic. Jüngst feierte das Manager Magazin diese Entwicklung als so genannten Glamour-Feminismus.

Glamour-Feminismus –  das klingt nicht mehr so unrasiert und ungebumst. Ein Lebensentwurf, der Leichtigkeit verspricht und auf viele eine Anziehungskraft auszuüben scheint. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatten um die von der Bundesregierung beschlossene gesetzliche Verankerung der Geschlechterquote in Führungspositionen großer Unternehmen (#diequotegilt) ist jedoch ein Realitätscheck notwendig: Was hat der Glamour-Feminismus tatsächlich zu bieten, wenn Glitzer und Glanz sich verzogen haben? Und wie verhält er sich zu existierenden Ideen von (nicht nur) weiblicher Emanzipation?

Ein Feminismus – viele Feminismen

Zunächst einmal: Was meinen wir, wenn wir über Feminismus schreiben? Feminismus – das ist eigentlich ein Wort im Plural. Es repräsentiert vielfältige Überlegungen und Anstrengungen, um die bestehenden Geschlechterverhältnisse zu verändern. Diese Auseinandersetzungen zielen dabei keinesfalls immer auf das gleiche Ideal. Was Frausein überhaupt bedeutet und wie sich Frauen untereinander oder gegenüber Männern positionieren, ist bis heute Dreh- und Angelpunkt zahlreicher Debatten.

Zeitgenössische Feminismen eint dennoch die als Minimalkonsens formulierte Zielvorstellung, bestehende politische, soziale und ökonomische Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen aufzuheben. Unbedingt mitzudenken ist, dass die im Alltagsverständnis so eindeutig etablierte bipolare Differenz zwischen Männern und Frauen eine gesellschaftlich konstruierte ist und jenseits von beiden eine Pluralität weiterer Lebensformen existiert. In diesem Sinne ist die Beseitigung aller starren Geschlechternormen, die Menschen einschränken und an ihrer Selbstverwirklichung hindern, ebenfalls ein Ziel feministischer Strömungen. Bietet der Glamour-Feminismus aus dieser Perspektive Identifikations- und Argumentationspotenzial, um tradierte Rollenmuster aufzuweichen?

Everybody loves glamour?

Ein flüchtiges Blättern durch Hochglanz-Wirtschaftsmagazine und einschlägige Blogs offenbart schnell eine unangenehme Wahrheit: Glamour-Feminist_innen sind nicht Deine Kolleg_innen im Call-Center oder die Kassierer_innen im Supermarkt. Zwischen dem Empfangstresen im Erdgeschoss und dem Kinderzimmer gleich neben dem Büro im Skyscraper liegen nicht nur die gläserne Decke, sondern auch noch 30 Stockwerke. Jede dritte Frau in Deutschland arbeitet in prekären Beschäftigungsverhältnissen, während im Gegensatz dazu nur jeder zehnte Mann befristete und schlecht bezahlte Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen muss.  Aus dieser Sicht ist das Glamour-Element ein Privileg jener wenigen Frauen, die es “nach oben” geschafft haben. Allerdings nicht, ohne dass großzügige Chefs sie förderten und weniger bevorteilte Frauen ihnen in dieser Zeit die Wohnung putzten, die Kinder betreuten und die  Angehörigen pflegten (#carearbeit).

Wenn Glitzer und Glanz verblassen

Jenseits der Scheuklappen für die strukturelle Benachteiligung von Frauen bietet der Glamour-Feminismus auch ideell außer dem üblichen Hamsterrad mit etwas mehr Nagellack und Lippenstift nichts Sinnstiftendes. Neben den im engeren Sinne feministischen Debatten über Alltagssexismus oder Lebensentwürfe jenseits patriarchal-rationaler Logiken  offenbart er sich als gehaltlos und blutleer. Sein einziges Alleinstellungsmerkmal ist die Instrumentalisierung vermeintlich “weiblicher” Eigenschaften wie Teamplay und Konfliktintelligenz im Dienste der Steigerung der Unternehmenseffizienz. Die so genannte neue Weiblichkeit in der Führungsebene bietet in dieser Perspektive zwar durchaus ein modernes Identifikationsangebot für Frauen. Sie ist jedoch keineswegs ein progressiver Beitrag zur notwendigen Veränderung der Geschlechterverhältnisse. Die neoliberale “femina oeconomica” bleibt auch in High Heels oder Feel-Good-Tretern ein zutiefst bedenklicher Gesellschaftsentwurf.

tl;dr

Dem Glamour-Feminismus fehlt der emanzipatorische Gehalt.

Zum weiterlesen: http://www.newstatesman.com/politics/feminism/2015/10/women-can-t-have-it-all-because-game-rigged

Bildquelle: © lucky1984 – Fotolia

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  • Reply
    Kea
    11. März 2016 at 17:14

    Großartiger Artikel, der den Finger in die Wunde legt – wenn wir eine Gesellschaft ohne starre Geschlechternormen wollen, müssen wir auch einen Blick werfen auf die Werte, die unsere Welt vorantreiben, sie hinterfragen, neue Erfolgskriterien definieren. Die mehr auf den Menschen abzielen, als auf die reine Wirtschaftsleistung und das ewige mehr, mehr, mehr. Denn diese unersättliche Gier nach Wachstum und Steigerung wird immer auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen. Und ist für Frauen auch nicht erstrebenswert, nur weil die patriarchalisch geprägte Arbeitswelt das seit x Jahrzehnten als Zielvorgabe definiert hat. Aber da tauchen wir natürlich tief ein in die Frage, auf die bisher niemand eine zufriedenstellende Lösung gefunden hat: Kann es einen guten Lebensstandard für alle geben? Das kapitalistische, nach stetigem Wachstum strebende Wirtschaftssystem trägt die Einteilung in ein Oben und ein Unten in sich, um bei dem Beispiel vom Empfangstresen und der Chefetage zu bleiben. Der Wohlstand der einen Welt ist der Ressourcenverbrauch und die billige Arbeitskraft der anderen Welt. Die Betroffenen mögen durch die Jahrhunderte wechseln, das System bleibt das Gleiche. Umsetzbare Alternativen fehlen aber auch. Und so leicht kommt man vom Luxus-Lippenstift zur Frage des Wirtschaftssystems. Hängt ja am Ende auch alles zusammen.

    • Reply
      Tina Müller
      11. März 2016 at 18:03

      So wahre Worte, liebe Kea. Das böse K.
      Im Ernst: Der Glamourfeminismus ist ein winzig kleiner Auswuchs des kapitalistischen Systems und der strukturellen Ungleichheiten, die er in sich trägt und hervorruft. Die Kernfrage ist und bleibt: Wie kann ein Alternativmodell aussehen?

  • Reply
    nina holtenkamp
    14. März 2016 at 7:21

    guter artikel, der mit der gerechtfertigten frage nach einem alternativmodell endet.

    an sich ganz gut, aber wie soll die antwort aussehen wenn er eingerahmt wird von einem artikel zu fitness-eis und „mal was verrücktes tun“.

    sich hipstermäßig amüsieren und dabei schön schlank bleiben?

    schade, schade…

    • Reply
      Aimie-Sarah Carstensen
      14. März 2016 at 15:10

      Liebe Nina, dafür wäre es gut gewesen, wenn Du die anderen beiden Beiträge gelesen hättest! Insbesondere beim Eis, geht es nicht ums Eis, sondern über eine tolle Frau die neben ihrem Studium ein interessantes Produkt entwickelt und ein Unternehmen gegründet hat 😉 und zum Brocken fahren mit einer Dampflokomotive ist nicht allzu Hipster-mäßig oder doch?
      Wir wünschen Dir einen schönen Montag!

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