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Die Glücks-Dystopie

31. Mai 2016
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Das Glück hat Hochkonjunktur. Tagtäglich bahnt sich eine Flut an Blogbeiträgen, Statistiken, Podcasts und Ratgeberliteratur ihren Weg in den digitalen Äther (#happinessturn). Sie versuchen, den diffusen Glücksbegriff einzufangen, küren die glücklichste Nation oder geben Anleitungen zum Glücklichsein. Denn eins scheint gewiss: Glücklichsein kann man lernen. Glück ist trainierbar. Dein stärkster Muskel ist dein Glücksgefühl. Du musst nur tüchtig pumpen.

Endlosschleife Glück?

Während ich mich durch die verschiedenen Anleitungen klicke und höre (#Glückstraining), fühle ich mich an die Worte antiker Philosophen erinnert, die Glück zum höchsten menschlichen Lebensziel erklärten und damit eine dauerhafte Zufriedenheit verbanden. Dabei ist eine „Auf-Dauer-Stellung“ des Glücks a priori nicht möglich. Entweder man ist im Moment glücklich und dieser Zustand bedarf keiner formellen Feststellung, mehr noch entzieht er sich ihr geradezu. Oder man sehnt sich nach einer vergangenen oder in der Zukunft liegenden Euphorie des Augenblicks. Während das vermeintliche Glück in der Zukunft immer spekulativ ist, braucht es für das Glück in der Vergangenheit nur eine gute Perspektive, vielleicht eine ausreichende Höhe, einen souveränen Blick. Denn neben dem Unglück, dem Pech, dem ganzen unschönen Zülles liegen da auch viele schöne Erinnerungen herum: Im Winter den Berg heruntergerodelt zu sein. Oder ein Krabbenbrötchen gepult bekommen zu haben.

Reboot dein Mindset

Viel entscheidender als die Frage, ob Glück ein Dauerzustand oder ein momenthaftes Gefühl sei, ist jedoch die Erkenntnis, dass in der derzeitigen Glücksdebatte stets die Subjektivität des Glücksbegriffs betont wird. Es geht um das persönliche Glück des Einzelmenschen, das im Wesentlichen auf materielle Absicherung, bestenfalls durch eine sinnhafte und erfüllende Arbeit, und ein geschütztes Privatleben mit intakten sozialen Beziehungen abzielt. Diesem ich-zentrierten Glücksbegriff liegt die Annahme zugrunde, jeder Mensch habe die Möglichkeit, in dieser Welt glücklich zu werden, sofern er sich nur für das Glück entscheide und dementsprechend sein Denken und Handeln darauf ausrichte. Glücklichsein sei immer möglich, wenn es wirklich gewollt werde. Einfach das eigene Mindset rebooten und schon kann es losgehen mit dem richtig Glücklichsein.– Eine wahre Glücks-Dystopie.

Von der Dystopie zur Realität

Denn: Das neoliberale Credo „Jeder habe sein Glück selbst in der Hand“ ist mehr als bedenklich. Es verharmlost und verengt gesellschaftliche Realitäten. Dass strukturelle Rahmenbedingungen das persönliche Glück erschweren können, wird oft aus der Diskussion verdrängt. Derzeit arbeiten rund 39 Prozent der Angestellten in Deutschland in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, sprich Minijobs, Teilzeitstellen oder Leiharbeit. In diesen Beschäftigungsfeldern ist ein existenzsicherndes Einkommen deutlich schwerer zu erreichen. Wen existenzielle Sorgen belasten, etwa von welchem Geld er die Miete für den kommenden Monat bezahlen und das Mittagessen für die Kinder einkaufen soll, dem bleibt wenig Zeit und Muße, unterwegs zum schlechtbezahlten Flexijob der neuesten Podcast-Folge „Wie werde ich glücklich?“ zu lauschen, geschweige denn die Tipps und Ratschläge zu verinnerlichen und im Alltag umzusetzen. Und wie sollen sich Menschen in „Selbstliebe“ üben, deren Daseinsberechtigung und Menschenrechte tagtäglich in Frage gestellt und verhöhnt werden? Es ist einfach, diese Realität auszublenden, wenn sie nicht Teil des eigenen Mikrokosmos ist.

Die Glücks-Utopie

Dennoch: Verstehen wir den Menschen konsequent als soziales Wesen, kann der Einzelne nicht vollkommen glücklich sein, solange Mitmenschen in Unterdrückung, Ausbeutung und Leid verharren und ihnen das hässliche Gesicht unserer Gesellschaft entgegenschlägt – durch sexistische Gesten, rassistische Kommentare und ausgrenzendes Verhalten. Ist in dieser Perspektive das in der Gegenwart imaginierte persönliche Glück nicht notwendiger Weise nur ein matter Abklatsch des tatsächlich möglichen? Diese Entscheidung liegt „zum Glück“ bei Euch.

Bild: © eyewave – Fotolia

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