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Neid und Konkurrenz unter Gründern: Die Macht der Anderen

26. Mai 2016
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„Ahm, ja, gute Idee, ABER…“ – wenn wir Deutschen ein Wort gern gebrauchen, dann das Wort „aber“. Dabei wenden wir es nicht nur auf uns selbst an. Nein, noch viel lieber wenden wir das Wort auf andere an. Bei all dem Guten, all dem Inspirierenden, all der Kraft, die unsere Start-Up-Szene hat, haben wir immer noch zwei ganz essentielle Probleme: Neid und Konkurrenzdenken. Wenn man mich fragt, klassisch deutsche Probleme, ein kulturelles Problem. Dabei gibt es für eine aufstrebende Gründerin und für eine tolle Idee nichts, das mehr zerstört, als Neid und Konkurrenzdenken.

Neid – das grüne, spitzzüngige Monster

In ihrer Gründer-Kolumne für die WiWo hat die bezaubernde Meike Haagmans bereits vor knapp drei Wochen festgestellt, dass die deutsche Start-up-Szene ein Hater- und Profilierungsproblem hat. Mir ist dieser Kommentar sehr nachgegangen und hat mich dazu bewogen, mir selbst meine Gedanken zu diesem Phänomen zu machen. Ob als Angestellte, freie Autorin oder Bloggerin – ich selbst bin nun fast zwei Jahre lang Teil der Start-Up-Szene und beobachte diese aufmerksam. Sowohl als Außenstehende sowie selbst Inspirierte habe ich dabei die Entdeckung gemacht, die ich mit Meike teile – wir Deutschen haben ein Problem mit Neid und Konkurrenzdenken. Ich nenne es: die Macht der Anderen.

Besonders weibliche Gründerinnen leiden häufig unter dieser Problematik. Warum? Anders als viele Männer neigen wir Frauen eher dazu, uns zu unterschätzen, statt uns zu überschätzen. Während viele Männer ihre Ideen bereits im Brustton der Überzeugung verkaufen, benötigen wir Frauen meist erst die Bestätigung unseres Umfeldes. Erst nach „ausreichend“ positivem Feedback beginnen wir, selbst an unsere Ideen zu glauben. [Disclaimer: Ja, ich weiß, ich pauschalisiere. Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt auch Männer, die sind eher Tiefstapler und manche Frauen strotzen vor innerer Überzeugung. Doch zeigt meine Erfahrung, dass dies eher Ausnahmen sind.] Diese Suche nach Bestätigung von außen bringt uns allerdings bei unserer kulturellen Prägung zu folgendem Szenario:

Ambitionierte, aufgeweckte und begeisterte Gründerin präsentiert ihre Idee. Sie brennt für ihre Idee, bei jedem ihrer Worte merkt man: Da hat jemand sein Herzensprojekt gefunden. Ihre Begeisterung, ihr Enthusiasmus könnten ansteckend sein. Könnten. Denn ihr Gegenüber schaut sie an, denkt einen Moment nach und meint dann: „Ahm, ja, gute Idee, ABER…“. Der erste Dolchstoß in das Herz der Gründerin. Sie war selbst zu begeistert, als sich die Idee vor ihrem inneren Auge zusammensetzte – sie dachte, diese Begeisterung würde erwidert werden. Ihr Gegenüber schaut sie an, eine Mischung aus Zweifeln und Mitgefühl im Blick: „Bist du dir denn wirklich sicher, dass es das nicht schon gibt? Glaubst du denn, du hast das Zeug dazu? Du weißt doch, wer selbstständig ist, arbeitet selbst und ständig. Wie willst du das finanzieren? Ist das überhaupt skalierbar, lässt sich das monetarisieren?“ Zum Abschluss folgt dann der Klassiker: „Vielleicht solltest du erst noch ein wenig Erfahrung sammeln, bevor du solch einen Schritt gehst“. Mit jedem Satz, jedem Fragezeichen sackt der Gründerin in spe ein Stück mehr an Boden unter den Füßen weg. Aus der anfänglichen Euphorie werden Zweifel, aus den Zweifeln wird Angst, aus der Angst wächst Verzweiflung und am Ende verwirft sie die Idee.
Abwandlung des Szenarios: Das Gegenüber hört sich die Idee an, nickt. „Hmm…“, und schweigt. Keine interessierte Nachfrage, keine Aufforderung, weiter zu erzählen. Das Schweigen macht deutlich: Ja, ja, mach mal. Wird eh nichts. Aber das sag ich dir nicht, ist ja nicht mein Problem. Diese Art von Schweigen kann noch destruktiver sein als jeder Zweifel. Gerade ein Austausch, das Brainstormen weiterer Ideen, das Feilen an der eigenen Idee wären das, was die Gründerin jetzt braucht. Sie will ihre Begeisterung teilen – unkommentiertes Schweigen erstickt ihre Flamme im Keim.

Wer das Gegenüber in diesem Szenario ist, ist übrigens irrelevant. Ich habe solche Szenen mit besten Freunden, Verwandten, aber auch anderen Selbstständigen bereits erlebt. Betrachtet man die Motive hinter den Einwänden, der Kritik und den Bedenken genauer, erkennt man oft: Nicht die Idee ist das Problem. Es ist der Neid. Der Neid des Gegenübers auf die Idee an sich. Der Neid auf die Kreativität oder Innovation, die hinter der Idee stecken. Der Neid darauf, dass da jemand neue Wege gehen will. Neid auf den Mut, ein Abenteuer ungewissen Ausgangs wagen zu wollen. Der Neid darauf, überhaupt eine Idee gehabt zu haben. Noch bevor der Gründerin und ihrer Idee eine Chance gegeben wird, erstickt der Neid alles in Zweifeln und Kritik. Das Ziel des Neides ist dabei klar: Die Gründerin soll auf dem durchschnittlichen Niveau ihres Umfeldes gehalten werden. Lebt sie ihr „Anders-Sein“, würde das Umfeld sich sonst schlecht fühlen und das will ihr Gegenüber um jeden Preis verhindern. Ist das Netzwerk der Gründerin nicht zusammengesetzt aus neidlosen, kreativen, ermutigenden Personen, kommt die Idee meist nicht einmal über die Konzeptionsphase hinaus. Die Gründerin verliert den Mut und gibt auf.

Haifischbecken Start-Up-Szene

Auch unsere Start-Up-Szene fällt diesem deutschen Kulturproblem zum Opfer. Aus Neid werden Pitches schlecht beurteilt oder Produkte in Zweifel gezogen. Doch neben dem Neid hat die Start-Up-Szene ein viel größeres Problem: Konkurrenzdenken. Es wird sich viel und gerne profiliert. Meike hat das, ganz charmant umschrieben, damit in Verbindung gebracht, dass die meisten Gründer (leider immer noch) Männer sind. Wer sich profiliert, spielt die Konkurrenz an den Rand. Dabei ist erst einmal unerheblich, ob es sich denn tatsächlich um Konkurrenz handelt. Selbst wenn die Ideen nichts miteinander zu tun haben, nehmen Gründer einander als Konkurrenten um die öffentliche Aufmerksamkeit wahr.
Ein Interview in einem reichweitenstarken Magazin? Statt anerkennend zu nicken, macht sich die Panik breit: DAS BRAUCH ICH AUCH! Sonst kriegt der andere am Ende den Invest und nicht ich. Dass die Produkte grundverschieden sind und das andere Start-Up das Geld aufgrund des Produktes bekommen hat – geschenkt.
Die Gründerinnen sind überall zu sehen, quasi omnipräsent, ihre Gesichter sind mittlerweile untrennbar mit der Marke verbunden? Statt sich zu fragen, ob man von ihrer PR-Strategie noch etwas lernen kann, wird über so viel „Darstellungsdrang“ die Nase gerümpft. Ihre Strategie geht auf, die Unternehmensbewertung liegt bei etwa 4 Millionen Euro – geschenkt. Unsere kulturelle Prägung ist so von Missgunst geprägt, dass wir die Erfolge anderer nicht anerkennen können, sondern erst einmal nach dem Haken suchen. In dem Bestreben, uns selbst besser zu fühlen, wird der Unmut über die anderen auch immer schön thematisiert. Was wir dabei vergessen: Worte haben Kraft und diese ist in diesem Fall höchst zerstörerisch. Nicht nur werten wir ab, was andere schaffen, sondern mit dem Gefühl, uns daran nicht messen zu können, werten wir auch unser eigenes Potential ab.

Gleichzeitig leben wir so sehr diese deutsche „Der-Nachbar-darf-nicht-in-meinen-Kleingarten-schauen-können“-Mentalität, dass Unterstützung versagt wird, wo sie dringend gebraucht wird. Wie es hinter den Kulissen eines Start-Ups, einer erfolgreichen Freiberuflerin, einer geschätzten Führungsperson aussieht, lässt sich meist nur erahnen. Aus dem Nähkästchen plaudern nämlich die wenigsten. Wenn es denn mal eine tut, wird genau darauf geachtet, was preisgegeben wird. Die Furcht davor, dass die Person, die fragt, selbst erfolgreich werden könnte, eventuell am Ende zum tatsächlichen Konkurrenten wird, ist riesig. Das Wissen darum, wie zerbrechlich Erfolg ist, schürt diese Angst zusätzlich.

Dabei würde es uns und der Szene so gut tun, wenn wir uns solidarischer miteinander zeigen würden. So viele tolle Gründerinnen und ihre Ideen können unsere Unterstützung gebrauchen. Sie würden nicht nur die deutsche Unternehmenslandschaft bereichern, sondern gäben uns auch so viele Chancen. Produktpaletten würden breiter werden, Dienstleistungen einander ergänzen, der kreative Output umso fruchtbarer werden. So hart das Bestehen auf dem Markt auch ist, ist es immer noch wahr, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Bestehende Unternehmen würden durch den Nachwuchs reifen, der Nachwuchs hätte bessere Chancen, sich zu etablieren und seinerseits neuen Nachwuchs zu fördern. Gleichzeitig würde sich die Solidargemeinschaft immer wieder auszahlen – dort, wo wir aufstrebenden Gründerinnen und ihren Firmen helfen, sich zu etablieren, werden sie uns helfen, neue Wege zu finden, wenn wir selbst einmal in der Krise stecken. Wem einmal die Hand gereicht worden ist, als er Hilfe brauchte, der vergisst das so schnell nicht.

Ich wünsche mir deshalb für uns und die Szene zwei Dinge: ein Wandel in der Mentalität und mehr Solidarität. Der Neid muss aufhören, stattdessen sollten wir schätzen lernen, was wir können und was der andere kann. Wir sollten einander konstruktiv weiterhelfen und beflügeln, statt aus dem Gefühl der Minderwertigkeit zu zerstören und zu behindern.
Zusätzlich sollten wir solidarischer werden. Lasst uns die Vorhänge weit aufmachen und andere hinter die Kulissen schauen lassen. Lasst uns einander beglückwünschen und unterstützen, statt auszuschließen und niederzumachen. Helft einander, sichtbar zu werden, statt euch zu profilieren und andere an den Rand zu drängen. Together we‘re better!

Bildrechte: © Pham Khoai pexels.com

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  • Reply
    Carina Maiwald
    2. Juni 2016 at 7:56

    Es ist wirklich furchtbar, wie sich die weibliche Start-Up-Szene gegenseitig die Augen auskratzt. Vor allem passiert dies aber nicht nur von Gesicht zu Gesicht, sondern oftmals hinter dem Rücken. Es werden nette Floskeln geschwungen und anschließend die Messer in den Rücken gerammt. Das Traurige daran ist, dass es tatsächlich ein branchenübergreifendes Problem ist. Blogger und Autoren sind nicht die einzigen, unter denen es so her geht. Diese Situation erstreckt sich sogar bis hin in meine kleine Branchennische, in der ich als Pferdefotografin und Coach etabliert bin. Hier gibt es allerdings noch ein zusätzliches Problem: Nicht nur die anderen Startups hacken dir die Augen aus. Auch noch die alten Hasen versuchen mit aller Macht, dich aus dem Business zu drängen.
    Alles in allem eine Situation, die dir, wenn du sie durchleben musst (und es schaffst, ohne abzubrechen), ein verdammt dickes Fell beschert. Mittlerweile sehe ich aber auch die Tendenz eines Gegentrends, und zwar des Zusammenhaltes. Ich z.B. habe mich mit einer anderen Tierfotografin zusammen getan und vertrete die Philosophie, dass es einen selbst nie größer aussehen lässt, wenn man andere klein macht. Mein Zucker wird nicht süßer, wenn ich den der anderen versalze. So habe ich beschlossen, einen kleinen Kreis von Auserwählten zu pflegen, in dem wir uns gegenseitig austauschen, aufrichtiges Feedback liefern und – ganz wichtig – in allem unterstützen. Mittlerweile kann man sehen, dass diese Idee auch auf andere junge Start-Ups übergeht, da sie dabei hilft, sich ständig zu verbessern und sein Business zu optimieren. Viel schneller, als es alleine der Fall wäre. Diejenigen, die früher böse gewettert haben, suchen jetzt plötzlich Geschäftspartner und Kollegenfreundschaften.
    Wir haben die Wahl, ob wir uns in das gefährliche Haifischbecken begeben. Ich habe mich dagegen entschieden und, wenn man die Metapher fortführen möchte, ein eigenes Aquarium für Gleichgesinnte gegründet. Vielleicht muss man gar nichts verbessern, denn im Grunde möchten gerade diese Negativdenker und Dauermeckerer nicht korrigiert werden. Vielleicht muss man ihnen nur einen anderen Weg zeigen, der auch funktioniert.

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat und mich daran erinnert hat, das nette Miteinander in meiner Branche nicht als zu selbstverständlich zu betrachten. 🙂

    • Reply
      Celsy Dehnert
      2. Juni 2016 at 16:55

      Liebe Carina,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar! 🙂 Und auch liebsten Dank für das Kompliment – wenn es euch die Artikel gefallen und sie zum Nachdenken anregen, hab ich und haben wir unser Ziel erreicht. 🙂 <3

      Zu deinem Kommentar: So blöd das in der Situation klingt, bin ich durchaus froh, die Situation in der Start-Up-Szene nicht als einzige so wahrzunehmen. Denn wenn wir mit mehreren an dieser Problematik arbeiten können, können wir schneller etwas verändern! Das Bewusstsein, dass wir mehr Solidarität brauchen und der Trend, diese auch zu leben, macht mich beides sehr glücklich!

      Dass du dich des Problems konkret angenommen hast und dein solidarisches "Aquarium" gegründet hast, finde ich ganz großartig! Wir brauchen mehr Frauen, die Probleme konkret anpacken und Teil der Lösung werden, statt des Problems. Du bist damit definitiv ein Vorbild für andere Unternehmerinnen!

      Hab einen ganz wunderbaren Abend! 🙂
      Liebe Grüße,
      Celsy

  • Reply
    Kea
    19. Juni 2016 at 21:00

    Wow, ein sehr wertvoller Artikel! Besonders die Sätze „Statt anerkennend zu nicken, macht sich die Panik breit: DAS BRAUCH ICH AUCH! “ kommen mir bekannt vor – in der Blogosphäre, in der ich mich viel bewege und in der das Thema Gründung im digitalen Bereich einen quasi von jeder Ecke aus anspringt, ist das leider ein weit verbreitetes Phänomen. Da gönnt die eine der anderen die Butter auf dem Brötchen nicht. Deshalb finde ich dein Plädoyer für mehr Solidarität und ein Gemeinschafts-Gefühl statt der Stutenbissigkeit sehr wohltuend. Man kann das nicht oft genug in die Weites des www hinausschreiben! Liebe kollegiale Grüße 🙂 Kea

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