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Heldinnen des Alltags – Die Frauen in meiner Familie

4. August 2016
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Heldinnen des Alltags

Die Frauen in meiner Familie

Ein richtiges Vorbild in dem Sinne habe ich nicht.

Es gibt verschiedene Menschen, die mich in meinem Leben bisher inspiriert haben. Und während viele andere Frauen bei der Frage nach Vorbildern gern mal die Sheryl Sandbergs des Planeten aufzählen (keine Frage eine bemerkenswerte Frau), finde ich auch in meiner Familie großartige Frauen, die mich immer fasziniert und geprägt haben.

Dazu muss ich vielleicht eingangs erzählen, dass ich mich hier vor allem auf die Familie meiner Mutter beziehen werde, denn die Familie meiner Mutter ist groß. Sie stammt aus einem kleinen Ort auf einer Insel in Kroatien und ich habe manchmal das Gefühl, dass ich mit dem ganzen Dorf um verschiedene Ecken verwandt bin. Und von den Frauen in der Familie meiner Mutter möchte ich ein wenig erzählen.


Meine Großmutter.

Meine „Baba“ war wahrscheinlich die bemerkenswerteste Frau, die ich bisher kennen lernen durfte. Sie ist 99 ¾ Jahre alt geworden und hat in fast einem Jahrhundert sehr viel erlebt.  Geboren wurde sie 1910 und hat so den Ersten Weltkrieg bereits als kleines Kind miterlebt. Den Zweiten Weltkrieg dann schon als erwachsene Frau.  Wenn ich den Geschichten meiner Familie glauben darf, hat meine Großmutter während des Krieges Flüchtlinge vor der Armee versteckt – in einem Keller unter der Hauskapelle. Wenn ihr nun denkt, unser Haus muss ja riesig sein, wenn wir eine Kapelle haben, so muss ich euch enttäuschen. Bei der „Kapelle“ handelt es sich um einen kleinen Anbau neben dem Haus, in dem eine Madonnenstatue in einer Wandnische steht. Hier wurde gebetet, daher der Name. Den Boden der Kapelle konnte man aufklappen und darunter lag eine Art Kühlraum. Hier hat meine Baba also Menschen versteckt. Vor der Armee. Wenn ich den Raum heute – also viele Jahrzehnte später – betrete, kann ich fast die Schweißperlen fühlen, die meine Großmutter damals auf der Stirn gehabt haben muss, als die Soldaten in der Kapelle standen. Aber die Flüchtlinge haben sie nicht entdeckt. Wer weiß, wie die Geschichte meiner Baba dann weitergegangen wäre.

Meine Großmutter hat insgesamt zehn Kinder zur Welt gebracht. Meine Mutter und ihre Zwillingsschwester waren die Jüngsten. Die Familie hat sie selbst versorgt,  mein Großvater war leider nicht sehr engagiert. Wir hatten Weinfelder und Baba hat für die Ernte gesorgt. Den Wein hat sie dann auf dem Festland verkauft. Ich erinnere mich an die Geschichten, die sie mir als kleines Kind erzählt hat. Wie sie nachts um 3 Uhr aufgestanden ist, um die Weinfässer den Berg herunter in den kleinen Hafen zu rollen, um mit dem ersten Schiff aufs Festland zu fahren. Und am Festland angekommen, musste sie mit den Fässern rauf in die Berge zu ihren Kunden. Allein. Bei Wind und Wetter. Wenn Ihr schon mal an der kroatischen Adria wart, kennt ihr sicher die Berge, die sich die ganze Küste entlang ziehen. Ein Satz von ihr ist mir noch ganz klar in Erinnerung: „Du kannst dir nicht vorstellen, was es für eine Erleichterung war, als es endlich die leichteren Plastikfässer gab!“

Meine Großmutter hat immer hart für ihre Familie gearbeitet. Sie hat dafür gesorgt, dass ihre Söhne studieren konnten. Und ihre Töchter sind ebenfalls ihren Weg gegangen. Der Weg meiner Mutter führte nach Deutschland.


Meine Mutter.

Meine Mutter hat mit 18 ihr kleines kroatisches Heimatdorf verlassen und ist nach Deutschland gekommen.  Allein. Ok, nicht ganz allein, aber mit drei anderen jungen kroatischen Frauen, die sie vorher noch nie getroffen hatte. Die vier Frauen reisten mit dem Zug nach Norddeutschland, wo sie das erste Jahr im Schwesternheim eines Krankenhauses lebten und deutsch lernten. Meine Mutter hatte vor ihrem Abenteuer nie ein Wort deutsch gesprochen. Aber in Deutschland suchte man ja händeringend Krankenschwestern – und das wollte sie werden. Nach knapp einem Jahr bekam sie einen Ausbildungsplatz an einem Krankenhaus etwa 20 Kilometer südlich von Hannover. In diesem Krankenhaus hat sie insgesamt 46 Jahre gearbeitet. Meine Mutter kannte im Krankenhaus jeder, allein schon wegen ihres außergewöhnlichen Namens. Sie heißt Zeljka. Und das „Z“ mit einem Häkchen spricht man wie das „G“ in Girokonto. Sie hat in hier auch meinen Vater kennengelernt und ihre Familie gegründet. Auf die Frage, ob sie denn wieder nach Kroatien zurückgehen würde, sagt sie grundsätzlich: Nein. Nur zum Urlaub.

Ich bin ja nun mit meiner Mutter groß geworden, aber ich bewundere sie jeden Tag aufs Neue dafür, dass sie einfach ihre Sachen gepackt hat und ausgewandert ist. Mit 18, allein und ohne die Sprache zu sprechen. Und dass sie sich in ihrem neuen Zuhause komplett integriert hat, finde ich ebenso bemerkenswert. Meine Mutter spricht schon lange besser Deutsch als kroatisch – und das ist bei Auswanderern ja eher selten der Fall. Wir sprechen zuhause auch nur deutsch, kroatisch spreche ich nur durch meine regelmäßigen Besuche in Kroatien. Zum Beispiel auch bei meiner Cousine.


Meine Cousine.

Meine Cousine ist eine weitere Frau in meiner Familie, vor der ich großen Respekt habe. Sie hat vier Kinder. Das mag nichts Außergewöhnliches sein. Ihr erstes Kind wurde ein Sohn und sie wünschte sich unbedingt noch eine Tochter. Sie hat auch tatsächlich nochmal Nachwuchs bekommen, allerdings kein Mädchen, sondern drei Söhne: Drillinge!!!

Ihr Mann ist Winzer und hat sein eigenes Weingut. Meine Cousine ist also Mutter von vier Söhnen, Ehefrau, Hausfrau, sie führt mit ihrem Mann den eigenen Familienbetrieb und schafft es tatsächlich auch noch, sich um alle Familiengeburtstage zu kümmern: Sie bestellt die Torten, sie organisiert die Geschenke und die Feiern finden meist auf ihrer Terrasse statt. Administrative Aufgaben im Familienbetrieb erledigt sie am liebsten nach 23 Uhr – da ist es am ruhigsten und sie hat den Haushalt bis dahin erledigt.

Ich weiß nicht, wie sie das alles schafft und staune immer wieder. Vor allem mit dieser Liebe zum Detail. Sie lächelt dann immer nur und sagt: Wir sind alle gesund und munter und es geht uns gut.

Das sind nur ein paar kleine Beispiele, ich könnte noch viele Geschichten mehr erzählen. Im Grunde möchte ich nur zeigen, dass unsere Vorbilder nicht unbedingt bekannte Größen aus Politik und Wirtschaft sein müssen. Ich denke, dass die Heldinnen unseres Alltags oft direkt in unserem Umfeld  und in unseren Familien zu finden sind. Ich weiß, dass es bei mir so ist.

Bildquelle: © pixabay.com

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