GEGEN DEN STRICH Weitere Beiträge

Hör auf, deine Körperpolitik in Empowerment zu manteln!

26. Juli 2016

Liebe Charlotte Würdig,

mal wieder konntest du es nicht lassen, das Ergebnis deiner persönlichen „Mommy Challenge“ in den digitalen Äther zu schießen: Ein Foto deines Pre- und After-Baby-Bodies. Nur 12 Wochen nach der Geburt bist du in Topform mit Waschbrettbauch und Knackpo. Eine wahre MILF.

Bereits auf den möglichen Shitstorm gefasst, hast du die Worte zum Post mit Bedacht gewählt. Die Fotos seien unretuschiert, das sei dir ganz wichtig. Denn die „nackte Wahrheit“ sei viel wichtiger als Perfektionismus. Ganz genau. Und blöd bist du auch nicht, denn du weißt, dass dein Körperideal nicht von allen Frauen geteilt werde. Nur du allein möchtest dich wieder wohl in deiner Haut fühlen. Aber so ganz kannst du das Ergebnis dann doch nicht für dich behalten. Denn dir ist es ein echtes Anliegen, andere Frauen zu ermutigen und nicht einzuschüchtern.

Sei ehrlich zu dir selbst, Charlotte. Du willst andere Frauen nicht empowern, sondern sie dazu ermutigen, dein Fitnessprogramm zu kaufen. Und schlimmer noch: Du postulierst und manifestierst das Bild der unzureichenden Frau und Mutter aufgrund ihres unvollkommenen, weil nicht trainierten Körpers. Das Perfide: Du gibst dieses vermeintliche Schönheitsideal als dein eigenes aus und legst nicht offen, woher diese Bilder in deinem Kopf kommen und wie gefährlich sie sind. Nein, du treibst genauso wenig wie Heidi Klum Mädchen und junge Frauen in die Anorexie. Dazu ist die Krankheit viel zu komplex. (Wenngleich nicht abzustreiten ist, das der Einfluss des von dir mitpropagierten westlichen Schönheitsideals auf unsere Körperwahrnehmungen ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für die Entwicklung von Essstörungen ist).

Aber du trägst entscheidend dazu bei, dass der (Selbst-)Wert einer Frau weiterhin durch ihren Körper bestimmt wird. Ihr Körper muss erst anderen gefallen, dann kann er auch der Frau selbst gefallen.

Deshalb: Hör auf, deine Körperpolitik in Empowerment zu manteln. Du ermutigst keine einzige Frau zu mehr Selbstbestimmtheit. Stattdessen verfestigst du, dass Frauenkörper einer bestimmten (schlanken) Norm zu entsprechen und vermarktbar zu sein haben.

Gewohntes gegen den Strich bürsten? Abonniere unseren Newsletter.

[wysija_form id=“3″]

 

Bild: © Scott Webb – Stock.Snap.io

Facebookpinterestlinkedinmail
  • Reply
    Lena
    29. Juli 2016 at 19:09

    Wow.

    Wow!!!

    Knackige Worte, die einschlagen. Das ist glaube ich der erste Brief in diese Richtung, der ohne Selbstdarstellung auskommt und gleich zum Kern vordringt.

    Das ist wirklich gut. Ich habe ihn kopiert.

    Gut gemacht, wirklich. Aber diese Worte reichen nicht.
    Du hast mir in den Kopf gesehen und die Worte gefunden, die ich nie hatte. Und es rührt mich zu Tränen auf eine wirklich betroffene, aber wichtige Art.

    Danke!

    • Reply
      Tina Müller
      30. Juli 2016 at 11:05

      Danke dir.

Kommentiere den Beitrag