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Lasst uns laut und wütend sein! – Das rote Tuch Elternzeit

7. Juni 2016
Mutter in Elternzeit
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Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. In einer Gesellschaft, die so von Erfolgsdruck, Karriereambitionen und Gewinnmaximierung geprägt ist, dass Menschen und Menschengruppen, die sich diesem Paradigma nicht beugen, eine Abwertung erfahren. Am härtesten trifft diese Abwertung Mütter und Väter. Während Sabbaticals und Weltreisen einen Lebenslauf angeblich interessanter machen, führen Erziehungszeiten auf das Abstellgleis. Ein Fakt, der mich ehrlich wütend macht.

Elternschaft macht nicht dumm!

Gerade erst erschien bei Edition F ein Community-Artikel, in dem sich zwei Mütter darüber beschwerten, dass Ihnen aufgrund ihrer Erziehungszeiten ein Verrat am feministischen Ideal vorgeworfen wird. Vielfach müssen sich Eltern, die in Elternzeit gehen, vorwerfen lassen, sie würden ihre Karriere an den Nagel hängen. Von der Altersarmutsfalle gar nicht zu sprechen. Und wer dann die frisch gebackene Mutter mit einem Kaffee und dem Kinderwagen auf der Parkbank trifft, erzählt hinterher im Büro, sie würde auf der faulen Haut liegen. In der Kommentarspalte entbrannte direkt eine – vorwiegend weiblich geführte – Diskussion. Ausgangspunkt war die Behauptung, dass man sich nun einmal im Klaren darüber sein müsse, dass nach drei Jahren Erziehungszeit die Karriere nun einmal vorbei sei. Mich machen solche Aussagen unglaublich wütend. Ja, ich weiß, sie entsprechen leider der Realität. Für viele Frauen ist bereits nach einem Jahr Elternzeit der Weg auf das Abstellgleich vorprogrammiert. Personaler sprechen von einem „Hausfrauensammelbecken“, wenn sie sich auf eine Abteilung mit mehreren Teilzeit-Kräften beziehen. Plötzlich ist völlig in Vergessenheit geraten, dass es sich bei genau diesen Frauen einmal um High Potentials gehandelt hat, also um qualifiziertes Personal, dem das Unternehmen gerne Tür und Tor geöffnet hat. Hört man, wie andere Angestellte, Arbeitgeber und Arbeitsvermittler von Arbeitnehmerinnen mit Kind sprechen, könnte man meinen, Frauen verlören sämtliche ihrer Qualifikationen, sobald sie ein Kind zur Welt bringen. Als ob ich plötzlich dumm und unbrauchbar wäre, nur, weil ich einen neuen, kleinen Menschen aus meinem Uterus gequetscht habe.

Biertrinken auf Bali für interkulturelle Kompetenz

Warum behandeln wir Mütter so? Ein oder mehrere Jahre aus dem Job auszusteigen, wird nämlich nicht immer so herablassend beurteilt. Mein Lieblingsbeispiel an dieser Stelle sind Weltreisende. In diversen Onlinemedien wird immer in höchsten Tönen über diejenigen berichtet, die den Mut haben, für ein Jahr oder länger alles hinter sich zu lassen und die Welt zu bereisen. Sie bekommen Interviews, Artikel, werden als Vorbilder für ein neues, fluides Leben inszeniert, in dem sowohl Karriere als auch Selbstverwirklichung möglich ist. Auch Arbeitgeber und Headhunter schließen sich dieser Glorifizierung an. Nicht selten höre ich, wie die Weltreisenden nach ihrer Wiederkehr mit tollen Jobangeboten oder Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb ihrer Firma überschüttet werden. Ihre interkulturelle Kompetenz sei ja jetzt unglaublich ausgeprägt und mache sie in unserer internationalen Arbeitswelt zu Global Playern mit unschätzbarem Wert. Aha. Bier trinken am Strand von Bali, der Konsum von halluzinogenen Pflanzen in den Tiefen Südamerikas und Tinder-Dates auf dem gesamten Erdball schärfen also meine interkulturelle Kompetenz. Wenn ich gewusst hätte, dass das so einfach ist, wäre ich niemals studieren gegangen.

Elternzeit qualifiziert für Leben UND Beruf

Die Frage, die sich mir aufdrängt, ist folgende: Wieso wird die eine, die sich ein oder mehrere Jahre aus dem Beruf herausnimmt, um wertvolle Familienarbeit zu leisten, sofort als weniger qualifiziert wahrgenommen? Während der andere, der sich ein oder mehrere Jahre rund um die Welt vergnügt hat, als neuer, aufgehender Stern gehandelt wird? Denn wir müssen in dieser Sache eines mal ganz klar festhalten: Care-Arbeit, also das Großziehen des Nachwuchses oder die Pflege von Angehörigen, ist ein verdammt hartes Stück Arbeit. Immer, wenn jemand von „Erziehungsurlaub“ spricht, möchte ich laut und wütend werden. Diese Eltern machen keinen Urlaub, verdammt noch eins! Die kennen auch keinen Feierabend und kein Wochenende. Sie stehen 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche unter Strom, um einem Menschen, der von ihnen abhängig ist, gerecht zu werden.

Wer jetzt argumentieren möchte, dass sie in diesen ein bis drei Jahren aber ihre Kernqualifikationen, die sie im Job brauchen, nicht anwenden, diese dementsprechend verkümmern und diese Eltern weniger wettbewerbsfähig sind, liegt falsch. Denn er übersieht etwas Entscheidendes: Eltern in Erziehungszeit lernen Kernkompetenzen, die job- und branchenübergreifend von unschätzbarem Wert sind. Wer mit einem Minimum an Schlaf auch den Tag über nur sehr begrenzte Zeitfenster hat, um den Haushalt, sich selbst und die Dinge des Alltags zu organisieren, lernt, effizient, organisiert, strukturiert und ergebnisorientiert zu handeln. Bedingt durch die Einkommensausfälle, die nur bedingt durch das Elterngeld wieder aufgefangen werden, lernen Eltern spätestens in der Erziehungszeit, kostensparend zu arbeiten.

Außerdem verdummen Eltern in Elternzeit nicht. Sie verlieren ihre Kompetenzen nicht, die verlieren ihre Qualifikation nicht. Klar, das eine oder andere rostet etwas ein. Aber die Dinge, in denen man gut ist, die sind wie Fahrrad fahren – das verlernt man nicht. Sicherlich ist es nach langer Abstinenz etwas wackelig. Aber nach zwei, drei Mal Aufsteigen dreht man wieder geschmeidig seine Runden. Aktuell schiebt unsere Gesellschaft Hunderttausende an High Potentials auf’s Abstellgleis. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass diese geballte Ladung an Qualifikation und Kompetenz einfach zu ersetzen wäre!

Eltern sind wertvolle Assets für’s Unternehmen

Ich habe nun in mehreren Agenturen gearbeitet. Wenn es dort an Dingen gehakt hat, dann an Effizienz, Kostendeckung, Organisation und ergebnisorientiertem Handeln. Wo ein schnelles, zielführendes Arbeiten sinnvoll gewesen wäre, wurde sich stattdessen stundenlang im Prozess verloren. Durch unstrukturierte Herangehensweisen wurde unendlich viel Geld verbrannt, sodass Kundenprojekte unrentabel wurden. Jetzt verratet mir mal bitte eins: Warum werden Eltern, die diese tollen, wertvollen Assets besitzen, so gering geschätzt? Effizienz, ergebnisorientiertes Arbeiten, Kosteneffizienz, organisiertes und strukturiertes Handeln – auch wenn viel gern etwas anderes behaupten, aber an Universitäten lernt man das nicht. Das lernt man nur im Leben selbst. Wieso erkennen Arbeitgeber nicht an, dass Eltern diese Assets natürlicherweise nach der Elternzeit mitbringen? Wieso erkennt unsere Gesellschaft nicht an, dass Eltern-Sein so viel mehr ist, als mit dem Latte Macchiatto und dem Kinderwagen in einem Café zu sitzen?

Lasst uns endlich laut und wütend sein!

Was mich an dieser ganzen Sache noch viel trauriger macht, ist, dass es tatsächlich oft auch Frauen sind, die anderen Frauen ihre Qualifikation nach der Elternzeit absprechen. Sogar vor der Elternzeit wird schon im Sinne des Arbeitgebers argumentiert, wie unrentabel es sei, die Schwangere in Elternzeit zu entlassen, wohlmöglich eine Vertretung einzustellen und den Arbeitsplatz frei halten zu müssen. Mütter und Väter und ihre Kollegen werden zu Anwälten des Chefs, statt sich selbst zu vertreten. Verkündet die werdende Mama ihre neuen Lebensumstände im Büro, wird hinter ihrem Rücken gelästert. Die kommt ja eh nicht wieder, in Teilzeit ist sie ja sowieso nie da und ihren Posten sollte der Chef schnellstmöglich (mit einem Mann) neubesetzen. Wir sind so auf Leistung und Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber getrimmt, dass wir uns für unser Leben entschuldigen. Ich mein, bitte, haben wir sie noch alle?

Ich werde mich für meine Schwangerschaft und meine Elternzeit bei keinem Arbeitgeber entschuldigen. Außerdem wünsche ich mir, dass wir untereinander solidarischer werden. Nicht jeder muss Kinder wollen, damit bin ich total fein. Aber ich wünsche mir, dass diejenigen, die keine Kinder wollen, den Eltern am Arbeitsplatz genauso den Rücken freihalten wie ich erwarte, dass wir Eltern den Kinderlosen mit Wunsch nach einem Sabbatical den Rücken freihalten. Kämpfen wir doch bitte endlich füreinander und für uns selbst. Dafür, dass Arbeitgeber erkennen, welchen Wert beide Modelle haben. Stehen wir doch bitte endlich für unsere Rechte ein. Werden wir laut und wütend, bis wir uns am Arbeitsplatz nicht mehr für unser Leben entschuldigen müssen!

Bild: halfpoint / 123RF Lizenzfreie Bilder

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  • Reply
    Charlotte
    22. Juni 2016 at 11:55

    Hellooo liebe Celsy,
    Ich danke dir für diesen tollen Artikel und wahren Worte. Ich bin selbst noch nicht in dieser Situation aber ich konnte es jahrelang zusehen in meinen Unternehmen wo es mit Müttern so hinführt.
    Finde deine Ansage klasse! ??
    Liebe Grüße,
    Charlotti

  • Reply
    Claudia Schubert
    8. November 2016 at 22:26

    Ich schreibe nicht viel sondern nur das: ? ! Danke für diesen Artikel, den ich gerne teile!

    • Reply
      Celsy Dehnert
      10. November 2016 at 22:27

      Liebe Claudia,

      danke für dieses tolle Lob! Ich freu mich, wenn der Artikel so gut bei dir angekommen ist und bedanke mich ganz lieb für’s Teilen! 🙂
      Liebe Grüße,
      Celsy

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