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My body is from Berlin. My mind is from Leipzig. And my heart is from Tel Aviv.

12. Juli 2016
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Ich fühle mich keiner Nation zugehörig. Wie könnte ich einer Nation angehören? Wie kann ein Mensch einem Konzept, einem sozialen Gedankenkonstrukt entstammen? Diese Frage beschäftigt mich seit vielen Jahren. Kann Nationalität eine Konstante sein, ein fester Punkt in Raum und Zeit, dick gedruckt in meinem Pass? Regelmäßig verändert sich die politische Weltkarte. Neue Staaten gründeten sich auf den Trümmern von Sowjetunion und Warschauer Pakt, viele weitere Regionen ringen bis heute um ihre Souveränität – jüngstes Beispiel: Schottland. Kann Nationalität und die Zugehörigkeit zu einem Land die Basis bilden, um einen Menschen zu verstehen und einzuordnen?

Kulturen sind real, Nationen erfunden

Was wir heute Länder und Nationalität nennen, sind im Grunde Ausformungen souveräner Staatlichkeit, ein Konzept, das gerade einmal ein paar hundert Jahre alt ist. Geschichte ist real, Sprache ist real, Kulturen sind real, aber Länder sind erfunden. Meine Identität wird nicht darüber bestimmt und geformt, dass ich in Deutschland geboren bin, sondern über meine Erfahrungen und Beziehungen. Erfahrungen, die ich mit vielen Orten und Menschen verbinde.

My body is from Berlin. My mind is from Leipzig. And my heart is from Tel Aviv.

„Ich komme aus Deutschland.“ Wie oft habe ich diesen Satz schon geantwortet, oftmals auf Reisen. Und es fühlte sich immer falsch an. Ich fühle keinen konkreten Bezug zu Deutschland, zu seinen 16 Bundesländern. Aber als Weltbürgerin verstehe ich mich deshalb auch nicht. Ich führe eine ambivalente Beziehung mit meiner Heimatstadt, einem kleinen Ort in Brandenburg. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen zwischen Rentnern und Kleinstadt-Engstirnigkeit. Noch heute vermeide ich leicht beschämt „Brandenburg“ zu sagen, da ich im Kopf meines Gegenübers bereits Rainald Grebe singen höre. Stattdessen komme ich „aus der Nähe von Berlin“. Berlin ist ein Ort, dem ich mich sehr verbunden fühle. Hier habe ich studiert und die tollsten Sommernächte verbracht. In Münster schloss ich Freundschaften und Leipzigs Kulturszene begeistert mich seit zwei Jahren. Fischbrötchen esse ich am liebsten in Hamburg. Diese Orte prägen meine Erfahrungen. Meine Erfahrungen bestimmen meine Herkunft. Was Deutschland für mich zum Zuhause macht, ist nicht mein Pass und nur bis zu einem gewissen Grad die Sprache. Vor allem sind es die Orte und Menschen, mit denen ich Erlebnisse teile.

Die begrenzende Falle der Staatslogik

Was wäre also, wenn wir statt „Woher bist du?“ fragen würden: „Welchen Orten fühlst du dich verbunden?“. Wenn wir fragen: „Woher kommst du?“, verkennen wir die Komplexität von Identität. Natürlich ist es einfacher „Kanada“ zu antworten, als „Gerade lebe ich in Vancouver. Geboren und aufgewachsen bin ich in Süddeutschland.“ Aber das ist nicht der Punkt. Der Unterschied zwischen „Woher kommst du?“ und „Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden?“ liegt in der Absicht der Frage. Die Sprache der Nationalität durch die der Lokalität zu ersetzen, richtet unseren Blick dahin, wo das wirkliche Leben stattfindet und sich Identität formt. Hingegen funktioniert Nationalität als Maßeinheit für menschliche Erfahrung nur sehr begrenzt.

Ich möchte keineswegs, dass sich alle Nationalstaaten auflösen. Vieles spricht trotz offensichtlicher Schwächen (#chauvinismus) für das Konzept. Kultur und Sprache existiert in Gemeinschaften und Gemeinschaft im Kontext. Geografie, Tradition, kollektives Gedächtnis: Diese Dinge sind wichtig, denn sie schaffen Orientierung und sind identitätsstiftend. Ich stelle jedoch die Vorrangstellung in Frage. Welche Assoziationen und Bilder entstehen in unserem Kopf, wenn wir die Antwort auf die Frage nach der Herkunft hören? Spanien. – Nimmt es mit der Pünktlichkeit nicht so genau? Brasilien. – Die haben Rhythmus im Blut? Russland. – Trinkstark? Helfen uns diese Vorstellungen, etwas über unser Gegenüber zu erfahren?

Und was meinen wir wirklich, wenn wir jemanden fragen, woher er kommt? Jeder Immigrierte, der mit dieser Frage konfrontiert wird, weiß, dass der Subtext „Warum bist du hier?“ lautet. Damit eng verknüpft ist die Vorstellung der Rückkehr. Dabei können wir nie an einen Ort zurückgehen und ihn unverändert vorfinden. Irgendwo wird sich immer etwas ändern, sei es, dass Freunde umgezogen sind, wir eine neue Arbeitsstelle antreten oder sich die politische Lage verändert hat. Nicht zuletzt und vor allem verändern wir uns selbst.

Wir sind alle multi-lokal

Wir fühlen uns den Orten verbunden, an denen wir unsere Rituale, Routinen und Beziehungen leben können. Aber wie wir uns an diesen Orten fühlen, hängt teilweise von unseren Einschränkungen ab. Welchen Pass besitzen wir? Herrscht Krieg und Korruption? Bin ich Rassismus ausgesetzt? Je mehr wir über den Ort des Geschehens wissen, seine Eigenheiten, Beschaffenheit und Geschichten, umso menschlicher fühlt sich das Gegenüber an. Der Irrglaube an eine nationale Identität und dessen Vokabular bringt uns dazu, in widersprüchliche Kategorien einzuordnen. Tatsächlich sind wir alle multi-lokal und vielschichtig. Gespräche mit der Anerkennung dieser Komplexität zu führen, bringt uns näher zusammen, nicht weiter auseinander.

© Bild: Laura Belschner

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