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Der ungerade Lebenslauf – Plädoyer für mehr Quereinstiege

13. September 2016
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Von: Kristina Sauerstein

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich viele auf Jobsuche, einige bereits seit Monaten. Einige haben aus Verzweiflung einen – natürlich befristeten – Job angenommen, den sie gar nicht machen möchten oder der an einem völlig anderen Ort als dem Wunschort weit weg von Partner oder Familie ist. Mehrere haben erstmal ein unterirdisch bezahltes Volontariat oder Trainee angefangen (bei dem sie nebenbei die Arbeit eines vollwertigen Mitarbeiters machen, ohne Ende Überstunden schieben und die Umsetzung als „Ausbildung“ höchstens lachhaft ist). Meine Bekannten sind in der Mehrzahl gut ausgebildet und haben einen Master, haben gute Noten, waren im Ausland und haben fünf bis zehn teilweise unbezahlte Praktika gema

Wie kann es denn sein, dass diesen Menschen der Berufseinstieg verwehrt wird? Wo ist er denn, dieser hochbejubelte und vieldiskutierte Fachkräftemangel? Achso, den gibt es nur für weibliche Ingenieure und Maschinenbauer? Und auch, wenn Trainee, Volontariat oder Jahrespraktikum (ja, das gibt es erschreckenderweise oft) überstanden ist und die Stellensuche wieder losgeht oder der erste Jobwechsel ansteht geht das Theater wieder von vorne los, denn der nächste Wunschjob hat vielleicht einen minimal anderen Fokus oder befindet sich in einer anderen Branche.

Man muss eigentlich schon mit spätestens drei Jahren gewusst haben, wo es beruflich hingehen soll

Es ist doch so: Um von den allermeisten Personalern überhaupt für ein erstes Gespräch in Betracht gezogen zu werden, muss man eigentlich schon mit spätestens drei Jahren gewusst haben, wo es beruflich hingehen soll (die glücklichen Feuerwehrmänner!), in der Schule die richtigen Fächer gewählt haben, Sport getrieben und ein Instrument gespielt und sich am besten ehrenamtlich engagiert. Im Studium auf keinen Fall das, was einen interessiert, sondern was Sinnvolles, Praxisbezogenes, aber nicht an einer Fachhochschule, sondern an einer renommierten wissenschaftlichen Institution, das macht mehr her. Im Studium sind auf jeden Fall ein Auslandssemester, die richtige Fächerwahl, gute Noten und diverse Praktika vonnöten. Aber beileibe sind die Praktika dazu da, um herauszufinden, wo man beruflich hinmöchte. Wo denkste hin, das weißt du doch schon seit 23 Jahren? Alle bisherigen Tätigkeiten inkl. Nebenjobs müssen auf das Ziel gerichtet sein, einschlägige (was für ein Wort) Erfahrung zu sammeln. Trotzdem möchte jedes Unternehmen junge Menschen einstellen, denn die sind schön billig und lassen sich herumschubsen. Und dann schreiben sich die Unternehmen „diversity“ auf die Fahnen, während doch nur BWLer in den Reihen sitzen.

Liebe Personaler: das ist Bullshit!

Das führt dazu, dass immer mehr junge Menschen in Depressionen oder Burnouts fallen, weil sie sich überarbeiten, sich immer mehr unter Druck setzen und das Gefühl haben, in der Gesellschaft nichts wert zu sein. Statt zu lernen, Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen, selbständig zu sein und sich schnell auf neue Gegebenheiten einzustellen sind sie lange auf finanzielle Unterstützung von Partner oder Familie angewiesen und leben in einer permanenten Angst, in die Arbeitslosigkeit abzurutschen. Selbst die sicherheitsverwöhnten Beamten müssen ihr Leben lang tun, wozu sie ausgebildet wurden, denn sonst verlieren sie alle Rentenansprüche. Ein Lehrer kann also nicht nach einigen Jahren feststellen, dass ihn der Lehrerberuf auslaugt und er doch lieber Kinderspielzeug gestalten möchte, ohne alles aufzugeben. Das System hinkt.

über Quereinstieg zum Traumjob?

Die Lösung wäre eine höhere Akzeptanz von Quereinstiegen

Und es wäre so einfach:  warum nicht Quereinstiege akzeptieren? Oder Menschen mit einem etwas kreuz-und-queren Lebenslauf. Wichtig ist doch, dass der Mitarbeiter für das brennt, was er tut. Leidenschaft macht viel Fachkenntnis wieder wett, denn Fachkenntnis kann man lernen, Leidenschaft nicht. Möchte nicht jeder Geschäftsführer lieber Mitarbeiter haben, die Spaß an ihrer Arbeit haben? Die nicht die Zeit absitzen und jede Minute zählen? Die sich wirklich einsetzen für das, was sie tun und am Ende des Tages glücklich sind statt zwar die richtige Ausbildung zu haben, aber ineffizient und gelangweilt sind? Wäre es da nicht klüger, die eine oder andere Fortbildung oder eine etwas längere Einarbeitung in Kauf zu nehmen? Und vielleicht hat der Mitarbeiter in der anderen Branche oder einem anderen Tätigkeitsfeld wichtige Qualifikationen oder Zusatzkenntnisse erlernt, die dem Unternehmen neue Perspektiven oder Herangehensweisen ermöglichen. Warum also sollte ein PR-ler nicht auch als Altenpfleger gut sein? Wachsames Beobachten, Bedürfnisse erkennen, auf Zielgruppen einstellen, Kommunikationsfähigkeit und Organisationstalent sind in beiden Berufen wichtig. Und letztendlich kann sich derjenige vielleicht besonders schnell in neue Aufgaben und Themen einarbeiten. Jeder lernt schneller, wenn einen die Themen interessieren. Verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Erlebnissen, Wahrnehmungen: das macht doch wahre Vielfalt aus!

Nehmt euch Zeit, die Menschen kennenzulernen

Darum ein Appell an alle Personaler und Entscheider: bitte zieht Quereinstiege in Betracht! Lasst ungerade Lebensläufe zu. Nehmt euch ein bisschen Zeit, die Menschen kennenzulernen, die bei eurem Unternehmen arbeiten wollen, auch wenn sie nicht den perfekten Lebenslauf vorweisen können. Gebt Berufseinsteigern eine Chance. Und fördert eure Mitarbeiter nach ihren Interessen. Denn auf lange Sicht betrachtet, zahlt es sich auch wirtschaftlich aus, wenn die Kultur zur Persönlichkeit passt und der Mitarbeiter auch wirklich das macht, was er machen möchte.

Bildquelle: pixabay.com

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  • Reply
    Lieschen Müller
    16. September 2016 at 10:47

    Wunderbar geschriebener Aufruf an alle konservativen – in der Steinzeit festsitzenden – Altherren – Unternehmen!
    Der traditionelle Karriereweg hat ausgedient!!! 🙂

    • Reply
      Kristina Sauerstein
      16. September 2016 at 11:01

      Vielen Dank! Ich hoffe, dass sich da noch einiges tut in den Köpfen der Entscheider in den nächsten Jahren! Schönes Wochenende!

  • Reply
    Marion Steinhart
    5. Oktober 2016 at 11:45

    Hallo Kristina,
    du sprichst mir aus dem Herzen. Ich wünsche mir mehr HR-Verantwortliche, die selbst mal Fotograf, Bauer, Ingenieur oder sonst was waren, und die zu schätzen wissen, was so ein ungerader Lebenslauf an Positives mit sich bringt.

    • Reply
      Kristina Sauerstein
      5. Oktober 2016 at 17:19

      Liebe Marion,

      danke für dein Feedback. Das wünsche ich mir ebenfalls. Hier ist ja das Problem, dass Personaler ja ebenfalls (in den allermeisten Fällen) nur in ihre Position kommen, wenn sie einen Lebenslauf in Personalwesen nachweisen können. Ein Teufelkreis … leider! Man kann nur selbst daran mitwirken, das Umdenken in den Köpfen anzuregen und sich selbst in Frage zu stellen.

      Liebe Grüße
      Kristina

  • Reply
    Bettina Sturm
    8. November 2016 at 15:19

    Recruiting richtet sich meist nach Trichter und Sicherheit.
    Wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, werden Kriterien festgelegt, nach dem selektiert wird. Dazu kommt, dass der deutsche Personaler SICHER sein will. Diese Sicherheit zieht er aus dem CV und Dokumenten und betrifft eigentlich immer die Fachebene
    Bewirbst du dich als „Marketing Manager Hautcreme“ auf eine Position „Marketing Manager Hautcreme“ in einem Unternehmen, ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher eingeladen zu werden als als Quereinsteiger. Denn du weisst, wie der Hase läuft. Man muss dir nicht mehr so viel erklären. Das Unternehmen kann sich sehr sicher sein, dass du deinen Job wupst.

    Liebe BewerberIn, ich habe auf allen Seiten des Bewerbungstisches gesessen: als Headhunter, HR Director und x-malige Quereinsteigerin. Du bist dran, dir zu überlegen, wie du die Aufmerksamkeit der Entscheider – das ist nie die Personalabteilung – auf dich ziehst.

    • Reply
      Kristina Sauerstein
      8. November 2016 at 15:30

      Liebe Bettina,

      danke für dein Feedback! Ich stimme dir zu, natürlich muss es Kriterien geben, um zu selektieren. Ich stelle lediglich in Frage, ob die naheliegenden immer die richtigen sind. Denn sicher sein, dass derjenige den Job gut macht, kann man sich nicht, denn da gehört ja mehr dazu. Inhaltlich/fachlich kann man sich oft schnell einarbeiten, doch in den meisten Positionen braucht es auch einige Eigenschaften, die man nicht lernen kann. Zumal ja auch als „Marketing Manager Hautcreme“ in einem anderen Kontext in einem anderen Unternehmen Dinge ganz anders angegangen worden sein können.

      Aber klar: das Verhalten ist nur natürlich und vermutlich würde ich in den meisten Fällen ähnlich handeln. Der Artikel soll nur ein kleiner Appell sein, langjährige Sichtweisen und Verfahren und vielleicht sogar seine eigenen Sichtweisen auch mal in Frage zu stellen – und das gilt auch für mich.

      Viele Grüße
      Kristina

  • Reply
    Ergün Kaya
    13. November 2016 at 11:40

    Auf den Punkt gebracht! Fachkenntnisse kann man sich aneignen und das flexibelje nach Bedarf ,aber was zählt ist die Leidenschaft für die auszuübende Tätigkeit !.Quereinstiegler-denken und handeln kreativ und sind erfinderisch und schöpfen aus ihrem Network Patch Work Lebenslauf der nicht geradlinig verlaufen ist,dafür immer am Ball bleiben ,und dieses Potential ,wollen Personaler nicht sehrn bzw .müssen sich den Einstellungskriterien derFirmen richten! Die Enterpreneure sitzen in den Querdenkern im Interesse des eingesetzten Unternehmens,voller pflichtbewußtsein und erolgsorientierung! Also Catch me If you Can ……….Leornado Di Capri lässt Grüssen ….ähh ich auch !….So CV(Lebenslauf) formalisieren ,bin Bewerbungsphase!….!

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