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Schwanger bewerben – Offline schwanger, online nicht!

22. April 2016
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Als Frau hast du in der heutigen Businesswelt nach wie vor einen Nachteil: Du kannst Kinder bekommen. Was uns Natur und Evolution als großen Bonus zugedacht haben, tragen wir doch maßgeblich zur Erhaltung unserer Art bei, sehen Chefs – und leider auch manche Chefinnen – gar nicht gern. Schon bei der Bewerbung auf einen Job steht für viele Personaler der große, fette, pinke Elefant im Raum: Wird sie wohl schwanger werden, sobald sie angefangen hat? Können wir ihr überhaupt einen Festvertrag geben oder sollen wir sie lieber erst befristet anstellen? Es gibt nur eine Situation, in der du als Frau in der Bewerbungsphase noch schlechter gestellt bist als alle anderen: wenn du während der Bewerbung bereits schwanger bist. Mich hat dieser Umstand jedenfalls vor einige Schwierigkeiten gestellt.

Erst gekündigt, dann positiv getestet

Mittwoch, 6. Januar 2016: Ich kündige. Seit bereits fast sechs Monaten war ich furchtbar unglücklich in meinem Job. Leider differierten die Versprechungen und Vorstellungen, wie mein Job sein würde, und die Realität so sehr, dass sie kaum in Einklang zu bringen waren. Überzeugt davon, dass es immer einen Weg gibt und dass ich, solange ich so unglücklich sei, auch nur Schlechtes anziehen würde, entschied ich mich, zu kündigen. Ich hatte zwar noch keinen neuen Job in Aussicht, hatte aber bisher nie lang suchen müssen. Also war ich frohen Mutes und wagte den Sprung ins kalte Wasser. Auch heute bin ich noch felsenfest davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Wenn dich etwas unglücklich macht, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Change it or leave it. Da Veränderung nicht möglich war, war der Schlussstrich die einzige Option.

Freitag, 22. Januar 2016: Oh mein Gott, ein zweiter Strich! Ungläubig hielt ich meinem Mann den Schwangerschaftstest unter die Nase. Nach fast fünf Jahren, in denen man mir erzählte, ich könne keine eigenen Kinder bekommen, erschien auf dem Sichtfenster des Tests eine zweite, lilafarbene Linie, die mir zurief: Du bist schwanger! Völlig fassungslos und zugleich überglücklich realisierte ich zwei Dinge: Ich bekomme endlich mein lang ersehntes Baby. Und ich habe keinen Job mehr. Die ersten 72 Stunden überwog die Euphorie. Zu sehr hatten wir fünf Jahre unter der Bürde gelitten, aufgrund einer Stoffwechselerkrankung wohl nie leibliche Eltern zu werden – die Freude darüber, dass es doch passierte, wollte ich mir nicht nehmen lassen.

Die Situation stellte mich vor zwei Herausforderungen: Zum einen musste ich mein Leben nun innerhalb von neun Monaten so sortieren, dass ein Baby darin Platz fand. Geschenkt! Denn zum anderen musste ich nun dafür sorgen, dass mein Auskommen in den nächsten Monaten hoch genug war, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Mein Mann ist als Auszubildender zwar fleißig, aber chronisch unterbezahlt. Es war klar, wollte ich ein vernünftiges Elterngeld erhalten, musste ich mich schleunigst wieder in Festanstellung begeben. Als Digital Native mit reichlich Erfahrung im Online Marketing und Social Media Bereich, zudem getragen von einem Netzwerk wie FIELFALT – das sollte keine Herausforderung werden. Mein ganzes Leben fand online statt, meine Jobchancen in dem Bereich sollten also gut sein. Doch genau dieser Umstand – dass mein Leben auch online stattfand – stellte mich vor die nächste Herausforderung.

Zwiegespalten zwischen online und offline

Manche meiner Freunde sagen, ich sei ein Social Media Junkie. Facebook und Instagram hatte ich bereits, bevor es cool war. Ich war sogar bei MySpace schon dabei. Mein Facebook-Account ist soweit privat, aber grundsätzlich teile ich online eigentlich nichts, was ich nicht eh jedem erzählen würde. Deshalb war auch meine Schwangerschaft zumindest auf meinem Instagram-Account bald präsent. Dies hat für mich auch guten Grund: Als Mensch mit Freunden und vor allem Familie, die über den Erdball verteilt ist, sind soziale Medien das Mittel, mit allen verbunden zu bleiben. Zudem bin ich Bloggerin der ersten Stunde – mich zu vernetzen, online Ausschnitte meines Lebens zu teilen, Gleichgesinnte zu finden und sich auszutauschen, gehört für mich untrennbar zu meiner Identität.

Als ich anfing, mich zu bewerben, entkoppelte ich den Instagramfeed von meiner Website und änderte bei Instagram meinen Usernamen, um es potentiellen Arbeitgebern nicht allzu einfach zu machen. Doch nach wie vor trudelten die Absagen ein. Nach einigen Wochen engagierte ich einige Freunde, noch einmal eine Googlerecherche zu meinem Namen vorzunehmen. Siehe da: Trotz geändertem Username war mein Instagram-Account noch zu finden, wenn man meinem Namen in einer bestimmten Kombination googelte. Also tat ich etwas, das ich vorher für undenkbar hielt: Ich stellte meinen Instagram-Account auf privat um. Nun konnten Dritte nicht ohne Weiteres Einsicht in meine Bilder erlangen. Ich musste Genehmigungen erteilen, wenn mir jemand bei Instagram folgen wollte.
Auch bei Facebook fing ich an, meine Kommentare und Likes bewusster zu setzen: Wie babyspezifisch war der Content? Konnte man aus meinem Kommentar herauslesen, dass ich mich in anderen Umständen befand? Mit jeder Absage wurde ich ein wenig paranoider. Im Grunde erreichte ich einen Zustand des Zweigeteiltseins: Offline war ich schwanger, online war ich’s nicht. Denn nur so konnte ich es vermeiden, mir Karrierechancen zu verbauen.

Die Schwangere oder: Die Unberührbare

Für mich offenbart sich hier ein Missstand. Als Frau im Jahr 2016 seine Schwangerschaft immer noch verstecken zu müssen, nur weil sie zufällig mit einer beruflichen Neuorientierung zusammen fällt – das ist für mich weder aufgeklärt noch modern noch gleichberechtigt. Meinen Mann hat keiner danach gefragt, ob er bald Vater wird. Als er dies im Büro offenbarte, trug dies zu keinerlei Besorgnis bei. Mein Plan, bei erfolgreichem Vertragsabschluss nur kurz in Elternzeit zu gehen, wurde dafür als Zukunftsmusik abgetan. Vorgesetzte gehen nach wie vor selbstverständlich davon aus, dass Betreuungsarbeit Frauenarbeit sei. Womit eine schwangere Frau als Bewerberin im Grunde disqualifiziert ist.
Der Umstand, schwanger zu sein, entwickelt sich zusätzlich ja nicht nur online. Vor allem offline, im richtigen Leben, konnte ich ab der 12. Woche feststellen, dass man begann, mir die Schwangerschaft anzusehen. Zwei Wochen später wurde ich bereits von Fremden darauf angesprochen. Im Klartext heißt das: Bewerbungsgespräche waren für mich gelaufen. Mit dem sichtbaren Babybauch bin ich spätestens im Bewerbungsgespräch raus. Niemand stellt eine Bewerberin ein, damit sie vier Monate später in Elternzeit geht. Ob sie engagiert ist und schnell wieder einsteigen will, interessiert dabei erst einmal weniger. Sogar beim Arbeitsamt sagte man mir, dass ich in meinem Zustand unvermittelbar sei.

Wir brauchen eine neue Arbeitswelt

Wenn ich aufgrund meiner eigenen Situation eines gelernt habe, dann: Wir leben in einer zweigeteilten Welt. Auf der einen Seite sind wir vernetzt, digital, transparent. Gerade im Onlinebereich sollen Bewerber nachvollziehbar in den sozialen Netzwerken aktiv sein. Auf der anderen Seite sind wir immer noch rückständig: Eine schwangere Frau sollte, wenn sie sich bewirbt, ihre Schwangerschaft für sich behalten und ja nicht online preisgeben. Ansonsten landet sie auf dem Abstellgleis.
Sicherlich sagt jetzt der eine oder andere unter euch: Dann muss man halt genauer filtern, was man online teilt. Ich sehe durchaus ein, dass ein reges, transparentes Onlineleben nach wie vor heiß diskutiert wird. Aber gerade als Bloggerin möchte ich mich nicht verstecken. Ich genieße das Vernetzen, den Austausch, das Entdecken fremder Welten. Das gehört zu meiner Identität. Ich möchte mich online nicht hinter einem Pseudonym und einer falschen Identität verstecken müssen, nur weil der Arbeitsmarkt immer noch rückständig ist, weil unsere Gesellschaft immer noch nicht gleichberechtigt ist. Deshalb werde ich auch meine Schwangerschaft online nicht mehr länger verstecken. Offline ist der Zug eh abgefahren, da trage ich meinen Babybauch bereits stolz vor mich her. Solange sich kein Arbeitgeber findet, arbeite ich nun frei. Für mich persönlich habe ich entschieden, dass ich lieber finanzielle Abstriche mache als mich in meiner persönlichen Freiheit beschneiden zu lassen. Ich liebe mein Kind. Mein Kind gehört zu mir. Entweder stellt man uns beide ein oder keinen von uns.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass andere Schwangere diese Diskrepanz nicht mehr leben müssen. Dass auch während einer Schwangerschaft berufliche Neuorientierung kein Problem mehr ist, weil unsere Arbeitswelt flexibel genug ist, die Herausforderung von Elternzeit und Familienarbeit zu meistern. Dass Arbeitgeber erkennen, welchen Wert Mütter und Väter in ihren Unternehmen darstellen und sie unterstützen. Das wünsche ich mir.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder sogar ganz andere? Wie siehst du die Schwierigkeiten, denen man als schwangere Bewerberin – oder Bewerberin mit Kind – gegenübersteht? Teil deine Meinung und Gedanken mit uns, wir freuen uns drauf!

Bild © Josh Willink pexels.com

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