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Warum ein Nein zu Kindern erlaubt sein sollte

12. Juni 2016
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Von: Kristina Sauerstein

Wer als Frau a) sich mit großen Schritten der magischen 30 nähert oder sie gar überschritten hat, b) schon lange in einer festen Partnerschaft lebt oder c) frisch verheiratet ist (oder eine beliebige Kombination der Kriterien erfüllt), dem bleibt es nicht erspart, folgende Frage zu hören: „Naaa, wie sieht es denn mit der Kinderplanung aus?“, meist begleitet von einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht. Schon komisch, dass diese Frage zum einen zumeist Frauen gestellt bekommen (gehören zum Kinderkriegen nicht eigentlich zwei Personen?) und zum anderen erfahrungsgemäß von Personen gestellt wird, die das einfach mal überhaupt nichts angeht.

Die Frage an sich ist natürlich schon unangebracht und unbequem und ob man darauf ehrlich antworten möchte oder sich mit einem sarkastischen Spruch bis zur nächsten Familienfeier – oder zum nächsten Kollegenevent retten möchte (wie das z.B. schlagfertig geht, zeigt Celsy übrigens in ihrem Blogeintrag „Der leuchtende Uterus“) bleibt jedem selbst überlassen.

Doch was passiert, wenn die Antwort lautet: „Ich möchte eigentlich keine Kinder!“ Tödömm. Betretenes Schweigen, bestürzte Blicke. Dann wahlweise die Frage „Was? Warum??“ oder ein pikiertes „Oh … verstehe“, in einem Tonfall, der eigentlich das genaue Gegenteil ausdrückt.
Nur um das vorweg zu nehmen: ich persönlich würde gerne (irgendwann) Kinder haben. Doch ich würde gerne die Möglichkeit haben, diese Entscheidung selbst zu treffen und auch die Anzahl und den Zeitpunkt selbst bestimmen statt ihn von gesellschaftlichen Fixpunkten diktiert zu bekommen. Den das letzte Mal, als ich auf den Kalender geschaut habe, hatten wir das Jahr 2016, in dem Selbstbestimmung in Deutschland nicht nur in der Rechtschreibung groß geschrieben wird.

Aber warum ist es so ein großes Problem, wenn man (als Frau) keine Kinder möchte? Meistens kommt dann irgendwann das „Aber-unsere-Gesellschaft-Argument“ auf den Tisch.

  1.  Ja, es ist richtig, dass wir in Deutschland zu wenige Kinder bekommen, um die Gesellschaft auf lange Sicht zu erhalten; zumindest in der Form, in der wir sie kennen. Aber ist das nicht vielleicht eher ein politisches und wirtschaftliches Thema? Sollten nicht eher Politiker und Wirtschaft dafür sorgen, dass Frauen um 30 das Gefühl haben, dass sie trotz möglicher Kinder im Unternehmen willkommen sind, dass Kinder möglicherweise neue Perspektiven einbringen und deshalb vielleicht sogar wünschenswert sind? Sollte es nicht genügend KiTa- und U3-Plätze und Teilzeitarbeitsmöglichkeiten geben, so dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch ohne völligen Burn-Out möglich ist? Sollte eine angemessene Elternzeit für Männer nicht längst Standard sein? Sollte Elternzeit nicht auch länger als ein Jahr bezuschusst werden? Sollte es nicht  selbstverständlich sein, dass der Chef pünktlich geht, um seine Kinder vom Kindergarten abzuholen? Usw. usw. – die Liste könnte ich noch ewig weiterführen. Fakt ist: in anderen Ländern, in denen die Bedingungen besser sind und Kinder selbstverständlicher dazu gehören (z. B. Schweden), gibt es mehr Kinder. Es ist daher wahrscheinlich, dass es in Deutschland ähnlich wäre, wenn man die Rahmenbedingungen ändern würde. Denn dann müssten viele sich möglicherweise nicht entscheiden zwischen Selbstverwirklichung und Familie. Da ist noch viel Potenzial!
  2. Jeder Mensch hat Talente, Stärken und Schwächen. In jedem anderen Kontext wird auch von mir erwartet, dass ich meine kenne und entsprechend handle. Möglicherweise liegen meine Stärken ja in einem anderen Bereich. Vielleicht gibt es auch starke Frauen ohne Kinder, die innovative Geschäftskonzepte durchsetzen, die Menschen in Not helfen oder die Welt entdecken. Vielleicht gibt es Frauen, die unsere Gesellschaft viel mehr durch Entrepreneurspirit, Engagement oder ihre Persönlichkeit voranbringen. Ich will gar nicht für Kinderlosigkeit plädieren, ich glaube nur, dass jede Frau die Möglichkeit haben sollte, nach ihrem eigenen Ermessen zu entscheiden, wie sie ihr Leben leben möchte. Und wenn das nur bedeutet, selbst glücklich zu sein.
  3. Vielleicht haben wir zu wenige Kinder in Deutschland. Aber es gibt auch viele Kinder, die ungewollt sind, die zur Adoption freigegeben werden, die verwahrlosen oder die mit Gewalt oder Überforderung aufwachsen. Das Argument hinkt. Natürlich behandelt nicht jede Frau, die keine Kinder möchte, potenziell ihre Kinder schlecht – ich will nur deutlich machen, dass die Gleichung „Kinder haben = besseres Gesellschaftsmitglied“ eben nicht immer aufgeht.
  4. Vielleicht gibt es auch gesundheitliche oder persönliche Gründe, weswegen man eigene Kinder für sich ablehnt. Oder der Partner ist nicht der Richtige. Oder der Zeitpunkt stimmt nicht. Oder oder oder …

Fazit: Du weißt nie, was dahinter steckt. Ich denke, man kann voraussetzen, dass sich jede Frau (und fast jeder Mann) mit der Kinderfrage auseinandergesetzt hat und für sich persönlich eine Entscheidung getroffen hat (die ja auch erstmal nicht unumkehrbar ist). Ich wünsche mir, dass das auch in der Gesellschaft ankommt. Um es mit den Worten von Justin Trudeau (Kanadas Premierminister) zu sagen: „Because it’s 2016!“

Habt ihr Fragen an Kristina oder zu FIELFALT? Kommentiert diesen Beitrag oder schreibt uns eine Mail an mail@fielfalt.de!

Bildquelle: pixabay.com

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  • Reply
    Fabienne
    12. Juni 2016 at 12:46

    Am schlimmsten ist es noch, dass viele, die mit der Aussage „ich möchte keine Kinder“ konfrontiert werden, mit „Ach, das ändert sich noch!“ antworten. Ja, selbstverständlich kann man seine Ansicht ändern. Aber man kann auch eine bindende Entscheidung für sein eigenes Leben treffen ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Und auch ohne davon auszugehen, dass man diese noch mal ändert.

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