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Was mich das Mutterwerden über Gleichberechtigung lehrte

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Emanzipation ist mir wichtig. Ich nenne mich selbst eine bekennende Feministin. Dabei geht es mir nicht nur darum, dass ich als Frau die gleichen Rechte, Voraussetzungen und Chancen habe wie Männer. Ich kämpfe auch dafür, dass Männer, besonders Väter, die gleichen Rechte, Voraussetzungen und Chancen haben wie Frauen, um am Familienleben teilzunehmen. Meine Vision: Männer und Frauen sollen sich zu exakt gleichen Teilen für ihre Familien einsetzen (können). Dafür setze ich mich ein, fordere Arbeitgeber konkret zur Veränderung unserer Arbeitswelt auf, träume von familienfreundlichen Bedingungen. Doch: Als ich vor acht Wochen Mutter wurde, konnte ich feststellen, dass Gleichberechtigung, besonders im Sinne von Gleichverteilung, nicht immer funktioniert. Here’s why.

Natur vs. Gleichberechtigung

Beim Spazierengehen mit meinem Mann und unserem Sohn sprach ich es offen aus: „Kann es sein, dass Gleichberechtigung um Sinne von einer 50/50 Verteilung gar nicht naturgewollt ist?“ Wie ich auf diesen Gedanken kam? Die Tatsache, dass ich unseren Sohn voll stille. Das bedeutet, dass ich im Schnitt alle 1,5 bis 2 h Zeit finden muss, mich mit unserem Sohn hinzusetzen, ihn zu füttern, zu kuscheln und ihm Sicherheit zu bieten. Das macht Muttersein für mich aktuell zu einem 24-Stunden-Job und das 7 Tage in der Woche. Mein Mann kann sich hier nicht zu 50% beteiligen, fehlen ihm dazu doch die Brüste. Sicher, er übernimmt das Wickeln in der Stillpause und kümmert sich auch zwischen den Mahlzeiten aufopferungsvoll um unser Kind. Doch bedingt dadurch, dass er den Mahlzeitenbedarf unseres Sohnes aktuell nicht befriedigen kann, solange wir auf das Stillen nicht verzichten wollen, muss ich mehr investieren als mein Mann. Mein Mann kann zwischendurch eine Pause machen, für mehrere Stunden das Haus verlassen. Ich nicht. Das Ziel, uns alles 50/50 zu teilen, ist mit dem Wunsch, unseren Sohn voll zu stillen, das erste Mal gescheitert.

Babys kennen keine Gleichberechtigung

Man kann sagen, was man will: Babys ist Gleichberechtigung völlig schnuppe. Sie kennen nur ihre eigenen Bedürfnisse, keine hohen Ideale. Lautet das Bedürfnis „Mama“, dann kann auch nur diese dieses Bedürfnis erfüllen. Das mussten wir schnell lernen. Mein Mann kann sich ein Bein ausreißen: Wenn ich in der Nähe bin, mein Sohn mich (und meine Brüste) sieht und sein Bedürfnis gerade „Mama“ lautet, dann hat mein Mann keine Chance. Ich bin dann gefordert, egal ob ich gerade Zeit, Lust oder die Nerven dazu habe. Auch hier kann das Muttersein schnell wieder der 24-Stunden-Full-Time-Job werden, den ich nicht mit meinem Mann teilen kann. Besonders zu bestimmten Entwicklungssprüngen kann es vorkommen, dass mein Sohn sich nur von mir in der Trage dazu bringen lässt, abends einzuschlafen. Mein Mann kann mit ihm in der Trage Kilometer um Kilometer rennen – wenn unser Sohn meinen Geruch, meine Stimme und meine Nähe zum Schlafen braucht, dann ist alles andere nicht genug. Würden wir versuchen, uns dagegen zu wehren, gäbe es nur jede Menge Tränen und Geschrei. Da uns bedürfnisorientierte Erziehung wichtig ist und ich nicht möchte, dass mein Sohn sich von mir verlassen fühlt, investiere ich also auch in solchen Zeiten mehr als mein Mann. Der Traum der 50/50-Verteilung ist abermals gescheitert. Gleichzeitig sind diese Zeiten für meinen Mann total schwer. Er kämpft damit, sich von unserem Sohn nicht abgelehnt zu fühlen. Manchmal zweifelt er, ob er seine Sache nicht gut genug macht. Natürlich völlig zu Unrecht. Aber dass unser Sohn manchmal mehr Mama als Papa fordert, ist nicht nur für mich eine Herausforderung, sondern für meinen Mann genauso.

Und doch: Gleichberechtigung kann funktionieren

Doch bevor jetzt alle aufschreien und sich der emanzipatorischen Ziele zuliebe gegen das Kinderbekommen entscheiden: Es kann funktionieren. So hat mein Mann an Donnerstagen und Freitagen Elternzeit, damit auch mir genug Freiraum bleibt, um zu arbeiten. Bedingt durch meine Selbstständigkeit bin ich nämlich wieder in meinen Job eingestiegen, als unser Sohn 6,5 Wochen alt war. Nun geht mein Mann 3 Tage arbeiten, an (hauptsächlich) 3 Tagen arbeite ich und einen Tag verbringen wir nur mit Familiendingen. An den Tagen, an denen ich arbeite und mein Mann zuhause ist, geht er stundenlang mit unserem Sohn spazieren, damit ich Ruhe habe, um konzentriert zu schreiben. Zusätzlich nutzt mein Mann die Zeit, in der ich stille, trage, kuschle, um den Abwasch zu machen, zu kochen und was sonst im Haushalt so anfällt. Denn ganz grundsätzlich schaffen wir es, uns an unsere goldene Regel zu halten, die lautet: Wer gerade nicht das Kind übernimmt und nicht arbeitet, kümmert sich um den Haushalt. Genauso räumen wir beide uns gegenseitig Freiräume ein, um abzuschalten und Hobbies nachzugehen.

Die Moral von der Geschicht‘ – manchmal klappt’s und manchmal nicht

Was hat mein Sohn mir also über Gleichberechtigung beigebracht? Manchmal klappt’s und manchmal nicht. Ich habe gelernt, mich von einem dogmatischen Umgang mit dem Ziel der 50/50-Verteilung zu lösen. Wann immer Kinder im Spiel sind, benötigt es eine gewisse Flexibilität. Gerade im ersten Babyjahr müssen wir nun einmal anerkennen, dass es manchmal einfach ein bisschen mehr Mama als Papa benötigt – oder umgekehrt. Sicherlich gibt es auch Paare, da funktioniert die 50/50-Verteilung auch von Anfang an ohne Probleme, weil das Baby weniger fordernd ist als unser Sohn es ist. Was ich außerdem, auch aus der Beobachtung anderer Familien gelernt habe: Wie dankbar ich für meinen Mann und unsere offene Kommunikation sein kann. Nur, weil meinem Mann Gleichberechtigung genauso wichtig ist wie mir, funktioniert unser Familienleben so gut, nur deshalb können wir Vereinbarkeit jetzt schon so gut leben. Wenn ihr euch also mit dem Gedanken des Kinderkriegens tragt oder den Familienzuwachs sogar schon zeitnah erwartet: Entspannt euch, aber redet miteinander. Nicht immer werdet ihr euren emanzipatorischen Zielen 100%ig gerecht werden. Aber das ist ok. Wichtig ist, dass eure Kommunikation stimmt und ihr einander den Rücken frei haltet. Solange jeder den anderen mit im Auge hat und ihr gemeinsam daran arbeitet, dass alle in der Familie glücklich sind, müssen es nicht immer genau 50 zu 50 Prozent sein.

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