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Meine inneren Schweinehunde sind Wachhunde. Wir sind gute Freunde.

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Zeitmanagement?

Dafür fehlt mir einfach die Disziplin…

Gastbeitrag von Jesta Phoenix

Warum ich nicht an Disziplin glaube, für meine Strategieentwicklung in den Wald gehe und es schade finde, dass es für committment kein deutsches Äquivalent gibt.

Das ist leider einer der Standardsätze, die ich erhalte, wenn ich erzähle, dass ich als Slow Business Coach unterwegs bin und mich besonders auf intuitives Zeitmanagement spezialisiert habe.

Dabei hat Zeitmanagement für mich eigentlich gar nichts mit Disziplin zu tun.  Sie bringt einfach nicht viel und vor allem nicht langfristig.

Okay, dann zwingen wir uns halt mal etwas zu machen, wozu wir keine Lust haben und sind dann stolz darauf, uns selbst überwunden zu haben.  Und schon holen wir uns die nächste Aufgabe, die wir eigentlich gar nicht wollen, nur um wieder stolz sein zu können.

Wenn das Ziel meines Lebens Stolz wäre und der nötige Kick Disziplin, dann würde das vielleicht funktionieren.

Aber ich glaube einfach an das glückliche Arbeiten und das bedeutet für mich die Kombination aus Sinn und Vergnügen.

Mich zu etwas zu zwingen, von dem ich eigentlich nicht wirklich überzeugt bin (warum sonst sträube ich mich so dagegen), hat weder mit Vergnügen noch mit Sinn zu tun.  Dann geht nämlich meine Energie an die Überwindung und das Aushalten von etwas Unangenehmen verloren.

Ich hätte aber diese Kraft und Energie lieber für die Aufgabe selbst, für das, was ich erschaffen möchte mit meiner Arbeit.  Disziplin und vor allem Selbstüberwindung ermöglichen selten unsere beste Arbeit.

Ich glaube an das glückliche Arbeiten, weil ich glaube, dass wir nur so unseren besten Beitrag leisten können in dieser Welt.  Und diese Welt stelle ich mir dann sehr reich vor an Ideen, Angeboten, Lösungen, Dienstleistungen, Begleitungen, Erlebnissen.

Glücklich sein ist ansteckend.  Unglücklich sein auch.

Meine inneren Schweinehunde warnen mich immer vor Aufgaben, hinter denen ich nicht wirklich stehe.  Ich muss nichts tun, nur weil es unangenehm ist und ich dann fürs Trotzdem-Erledigen eine Medaille in Selbstüberwindung erhalte.

Wenn ich wieder und wieder um eine Aufgabe herumlaufe, dann trete ich mir nicht in den Hintern, sondern frage mich, ob ich sie wirklich tun will und warum.

Manchmal reicht mir die Warum Antwort schon aus und ich mache mich dran.  Und manchmal erkenne ich, dass ich etwas nur aus Angst gemacht hätte – weil man es so macht oder weil es jemand andere von mir erwartet.  Oder weil ich mich damit sicherer glaube und meine Existenz absichern möchte.

Meine Schweinehunde sind ein sicheres Alarmsystem, weil sie mir signalisieren, dass mir für Aufgaben die Überzeugung fehlt oder mir meine wirkliche Motivation noch nicht klar genug ist.

Aber wie mache ich das ohne Disziplin?  Komme ich irgendwie voran und schaffe was? Oder hüpfe ich den ganzen Tag der Lust und Laune hinterher?

Mein fröhlich anarchistisches Herumexperimentieren

Ich habe den Grundstein für mein eigenes glückliches Arbeiten, für mein eigenes Zeitmanagement System in einer Zeit erschaffen, als ich es sowieso schon falsch gemacht habe – nach äußerem Standard jedenfalls.

In der 12. Klasse verließ ich die Schule, um mich autodidaktisch auf die Abiturprüfung (durch das Schulamt) vorzubereiten.  Ich hatte keine Ahnung wie.  Ich wusste nur, dass das Wie des Lehrens und Lernens an der Schule mit mir so gar nicht vereinbar war.

Und mein fröhlich anarchistisches Herumexperimentieren hat mich dann dahin gebracht, dass ich nicht nur bestimmte Fächer, sondern auch bestimmte Aufgaben innerhalb eines Fachs am besten zu bestimmten Tageszeiten erledigen konnte, ohne mich überwinden und in Stimmung bringen zu müssen.

Und dieses Wissen habe ich über die Jahre einfach ausgebaut, durch gezielte und auch zufällige Experimente.  So kann ich heute sehr gut damit arbeiten, zu wissen, dass morgens meine beste Zeit ist, um im linearen und analytischen Denken Entscheidungen zu treffen, Texte zu überarbeiten, Ideenfragmente zu sortieren und Gliederungen aufzubauen.

Mittags ist meine beste soziale Zeit, in der ich am kommunikativsten und extrovertiertesten bin.

Sortieren, ablegen, aufräumen klappt bei mir am besten am frühen Nachmittag.

Ab dem späten Nachmittag kommen meine kreative Phase und das laterale Denken, wo ich Ideen sammle, auf mögliche und unmögliche Lösungen komme und Fragen nachgehe.

Und das klappt immer so?

Nein, es lässt sich nicht immer alles so aufteilen.

Manchmal fängt eine Coaching Session schon um 8 Uhr morgens an.  Manchmal halte ich am Abend auf einer Netzwerkveranstaltung einen Vortrag.  Und die meisten Tage verbringe ich meine kreative Phase mit meinen beiden Kindern.

Aber ich weiß es und bereite Tage mit ‚unperfekten‘ Zeiten entsprechend vor.  So weiß ich zum Beispiel, dass ich mich als Introvertierte, für eine Abendveranstaltung mit vielen Menschen, den Tag über sehr schonen und mit meinen Kräften haushalten muss.  Coachings lege ich nur in Ausnahmefällen auf 8 Uhr und beginne sie regulär um 9 Uhr. Meine Ideensammlungszeiten bekommen besondere Aufmerksamkeit.

So nutze ich zum Beispiel die Rückseite alter Wandkalender als Whiteboard, das sich von Zimmer zu Zimmer und Nagel zu Nagel an der Wand transportieren lässt und im Hintergrund hängt, während ich koche, Plüschtiere einräume, Holzschienen verlege oder den Fußboden neben der Badewanne aufwische.

Wenn ein Ideen- und Lösungsfragment zu mir durchdringt, schreibe ich es auf oder spreche es als VoiceMemo auf meinem Handy auf. Ideen dürfen bei mir immer.  Sie sind wie die heimlichen Geliebten, für die sich immer irgendwie ein Fitzelchen Zeit hier und da findet.

Und dann bekommen meine Ideen auch regulär einen Tag im Monat als kreativen Strategietag im Wald. So bin ich in den letzten 19 Monaten den 66-Seen-Weg um Berlin in Etappen gelaufen, mit Notizbuch und bunten Stiften im Rucksack, neben dem Schweizer Taschenmesser, einem aufblasbaren Sitzkissen und heißem Apfelsaft mit Ingwer in der Thermosflasche.

Ich erlaufe mir Konzepte mit dem Diktaphon in der Hand, halte Ideenskizzen auf einem Hochstand fest oder lege mir einen Plan mit Hilfe von Steinen im Sand zurecht. Ich komme immer reichbeschenkt und sehr beseelt vom Wandertag zurück, wenn auch manchmal mit Blasen an den Füßen und Muskelkater.

Ist das jetzt schon Zeitmanagement?

Zeitmanagement bedeutet nicht einfach alles zu schaffen, was auf meiner To-Do-Liste steht.  Zeitmanagement ist mehr als das Zerstückeln von Projekten in Aufgaben, gefolgt von ihrem gleichmäßigen Verschmieren auf dem Kalender.

Zeitmanagement ist für mich Selbstkenntnis.

Mich selbst zu kennen, heißt für mich aber nicht nur mit meinem Biorhythmus zu arbeiten anstatt gegen ihn, sondern auch ehrlich mit mir selbst zu sein, was manche Aufgaben von mir abverlangen, auch wenn es manchmal fast schon peinlich ist, es zuzugeben.

So ist für mich alles, was mit Finanzen zu tun hat, ein sehr emotionaler Akt, egal wieviel Geld ich gerade zur Verfügung habe. Weil ich das weiß und für jetzt akzeptiere, sorge ich entsprechend für mich, wenn Aufgaben dieser Art anstehen – vom Rechnungen verwalten, über Steuererklärung machen, bis hin zum Preiskalkulieren.

Zeiten, in denen ich mich ‚gewundert‘ habe, warum ich zu diesen Aufgaben immer nicht komme und mich dann dafür fertig gemacht habe (jetzt hab‘ dich nicht so, das ist doch schnell gemacht, sind doch nur Zahlen und Mathe kannst du gut!) sind zum Glück wirklich vorbei.

Heute gibt’s immer Schokolade und neue Musik zur Steuerklärung, sowie mein persönliches Würfelspiel um die nächste Aufgabe festzulegen.  Zur Preiskalkulation hole ich mir emotionale Begleitung.  Bei den Rechnungen gehe ich einfach davon aus, dass ich einen Knoten im Bauch bekomme, atme tief ein und aus, lasse mich so wie ich bin und mach einfach weiter.  Das ist meine Art Rechnungen zu schreiben.

Mir fehlen die Worte…

Schade, dass es im Deutschen kein Äquivalent für das englische Wort commitment gibt – diese schöne Mischung aus Hingabe, Verpflichtung, Verantwortung und Herzensverbundenheit.

I’m committed to my work, that’s all I need to fully dream it into this world.

Zeitmanagement ist kein in Schach Halten und Kontrollieren von Zeit. Das Wort stimmt nicht. Ich nutze es nur, um kommunizieren zu können.

Zeitmanagement ist Selbstkenntnis, ist Aufmerksamkeitsmanagement, ist Motivation und Überzeugung, ist Prioritätensetzung nach Werten, ist unsere Liebe zu dem, was wir in die Welt träumen mit unserer Arbeit. Es ist unser tägliches Wie und das am besten jenseits von Disziplin und Selbstüberwindung.

Wenn du mehr über meine Experiment, meine Arbeit als Slow Business Coach und meine Projekte erfahren möchtest, abonniere einfach die SlowNews oder besuch meinen Blog.

Wenn du aus Berlin und Umgebung kommst und auch mal für dich den kreativen Strategietag im Wald ausprobieren möchtest, dann erfährst du hier mehr.

Bildquelle: © pexels.com

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