EL: Entwicklung & Laufbahn

Machen wenig Fehlzeiten gute Arbeitnehmer aus?

9. Januar 2020

Ich liebe Portraits und Interviews mit inspirierenden und starken Frauen. Deswegen sind mir unsere Portraits FORGESTELLT auch so ein großes Anliegen. Ich finde es toll zu sehen, wie diese Frauen ihren Weg gehen. Neulich las ich wieder einen Artikel von einer Frau (nein, ich werde ihren Namen hier nicht erwähnen), die in der Finanzbrache die klassische Karriereleiter emporgeklettert ist und Mutter von vier (!) Kindern ist. Ein schönes Interview, in dem die interviewte Powerfrau Tipps gab, wie das Mamadasein mit einer klassischen Karriere von ihr kombiniert wurde und wird. Solche Beiträge machen Mut.

„Ich habe noch nie einen Tag aufgrund Krankheit meines Kindes gefehlt“

Doch eine Aussage hat mich ehrlich gesagt etwas stutzig gemacht. Dazu muss ich sagen, dass ich solche Aussagen schon sehr, sehr oft von Frauen in Interviews gelesenen und als Personalerin in Vorstellungsgesprächen gehört habe. Achtung, Trommelwirbel, hier kommt diese Aussage: „Ich habe noch nie auch nur einen Tag aufgrund Krankheit der Kinder gefehlt.“

Vor einigen Jahren habe ich mich immer gefragt, wie diese Frauen das schaffen. Mittlerweile kenne ich mögliche Erklärungen: Entweder die Kinder haben ein ausgesprochen gutes Immunsystem oder die Betreuung wird durch den Vater, Großeltern, Nanny, Au-pair … geregelt.

Schlechtes Gewissen an allen Fronten

Ich muss gestehen, dass mich solche Aussagen früher massiv unter Druck gesetzt haben. Meine ältere Tochter war sehr, sehr oft krank und mein Arbeitgeber war wirklich extrem entgegenkommend. Meine Arbeit habe ich dann nachts oder am Wochenende nachgeholt oder mich an anderer Stelle profiliert. Aber mein schlechtes Gewissen ließ mich in keiner Sekunde los. Egal, ob ich mich um das kranke Kind (schlechtes Gewissen gegenüber meinem Job) oder um die neuen Mails (schlechtes Gewissen gegenüber dem Kind) kümmerte.

Natürlich weiß ich, dass einem Arbeitnehmer in der DACH Region gesetzlich Fehltage zustehen, sobald das Kind krank ist. Aber ganz oft reichen diese Fehltage nicht aus. Selbst wenn mein Mann und ich uns komplett aufgeteilt hätten, hätte es nicht ausgereicht. So oft war unsere Tochter krank. Großeltern und Nanny/Au-Pair waren nicht in Sicht. Die Arbeit blieb dennoch liegen und meine Ambitionen, auch als Mutter etwas zu leisten und sich zu profilieren, waren präsent wie eine Leuchtreklame. Wenn ich während solcher Phasen (gestresst, übermüdet, vollbeladen mit schlechtem Gewissen) die Aussage „wegen Krankheit meines Kindes habe ich noch nie gefehlt“ gehört habe, musste ich Tränen wirklich zurückhalten.

Mittlerweile ist die Tochter selten krank und ich habe als Selbständige das große Glück, mir Zeiten flexibler einteilen zu können. Trotzdem irritiert es mich nach wie vor, dass Frauen anscheinend stolz sind, wenn sie nicht fehlen, sobald das Kind Fieber hat. Meine Tochter hatte nicht immer nur eine klassische Erkältung, sondern zum Teil heftigere Erkrankungen, Krankenhausaufenthalte inklusive. Selbst wenn ein Babysitter oder die Oma greifbar gewesen wären: Ich hätte sie in solchen Phasen nicht fremdbetreuen lassen können. Sie wollte nur Mama. Und ich hätte mich in der Arbeit wirklich schlecht konzentrieren können.

Setzen wir uns selbst zu sehr unter Druck?

Versteht mich nicht falsch, ich finde es nicht verwerflich, wenn eine Mutter das Kind bei Krankheit fremd betreut. Ich finde es einfach nur schade, dass man sich anscheinend profilieren muss, auch mit Kindern keine oder wenig Fehlzeiten zu haben. Macht dies eine gute Angestellte aus? Es sollte doch vielmehr um Leistungen und nicht um Fehlzeiten (eigene und die der Kinder) gehen. Oder nicht? Sind das wirklich Fehlzeiten oder nicht unser Leben, dem wir nicht zugestehen, auch mal nicht zu funktionieren?! Und sind wir es oder ist es unsere Gesellschaft? Ist das ein reines „working mom“ Problem? Vielleicht sogar mein ganz persönliches Problem? Und setzen wir damit nicht uns selbst und andere arbeitende Mütter massiv unter Druck?

Ich finde es eher erstrebenswert zu erfahren, wie man das schlechte Gewissen minimiert oder vielleicht sogar ganz vernichtet. Wie man eine gute Balance zwischen den verschiedenen Lebensrollen findet. Wie man nicht immer nur Stärke (und Härte) suggerieren muss, um weiter zu kommen. Von solchen Frauen möchte ich ganz viel hören, lesen und sehen. Und wenn sie einen guten Babysitter empfehlen können, umso besser. 🙂

Wie geht es euch damit?

    Leave a Reply