FA: Fielseitiges & Aspekte

Alleinerziehend – besser als der Ruf

14. November 2019

Gastautorin: Silke Wildner

Hallo, ich bin Silke und seit fünf Jahren alleinerziehend. Mein Mann trennte sich zwei Wochen nach der Geburt unseres zweiten Kindes – da war unser erstes Kind gerade mal drei Jahre alt. Für mich ist das die erschütterndste Erfahrung in meinem Leben bisher gewesen. Aber auch der Beginn eines neuen Lebens. Trotz der widrigen Umstände habe ich mir ein gutes Leben alleinerziehend aufgebaut. Denn das geht. Allen Medienberichten und Fernsehreportagen über Alleinerziehende zum Trotz.

„Alleinerziehend sein ist eine Lebensumstellung, aber keine Sackgasse und schon gar nicht das Ende der Welt! Alleinerziehende sind auch nicht automatisch arm. Du kannst dein Leben jetzt wieder selbst in die Hand nehmen, entrümpeln und nach deinen Vorstellungen und Werten selbst bestimmen. Für ein gutes Leben, denn es ist dein Leben.“ (Silke Wildner)

Mein Start ins Abenteuer „alleinerziehend“

Zu Beginn meiner Reise in das Abenteuer „alleinerziehend“ habe ich eine große Diskrepanz zwischen dem „öffentlichen Bild der Alleinerziehenden“ und meinem eigenen inneren Bild festgestellt. Ich vermied in Gesprächen oft zu erwähnen, dass ich alleinerziehend bin, weil ich diese mit Vorurteilen vollgestopfte Gedanken-Schublade nicht für mich beanspruchen wollte.

Aber so richtig gut, fand ich diese Behelfslösung nicht. Mich nervten die Fragen nach „meinem Mann“ und mir fehlte ein gleichgesinnter Austausch mit Menschen, die in einer ähnlichen Lage waren wie ich; aber auch versuchten, nicht daran zu verzweifeln, sondern Lösungen statt Probleme zu finden. Denn es ist schon etwas anderes, den Familienalltag mit all seinen Belangen und vor allem auch den Finanzen mit zwei kleinen Kindern alleine zu stemmen.

Was mich aber von Anbeginn an am meisten gewundert hat ist die Tatsache, dass es so gut wie keine guten Nachrichten und Vorbilder für Alleinerziehende gibt. Dabei sind wir keine Exoten mehr und wir sind in jeder Gesellschaftsschicht zu finden.

Alles Vorurteile oder die nackte Wahrheit?

Wenn man es einmal positiv formuliert, dann wird die Ein-Eltern-Familie immer mehr zum „Trend. Auch wenn sich nur ca. 4% bewusst für die Familienform „alleinerziehend“ entscheiden. Von den rund 8,2 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland sind inzwischen knapp 20% alleinerziehende Mütter oder Väter. (Quelle: https://wir-sind-alleinerziehend.de/alleinerziehende-in-deutschland/, Abruf: 11.06.2019) Wir sind also keine Randerscheinung mehr, sondern ein Standbein der Gesellschaft geworden.

Aber als ein Standbein der Gesellschaft werden wir in den Medien nicht gezeigt. Wohin das Auge blickt und die Ohren hören, treffe ich immer wieder auf angstmachendes Material ÜBER Alleinerziehende. Angeblich sind wir alle arm, leben von Hartz4 oder sind auf andere staatliche Unterstützungen angewiesen. Wir finden keinen Job, weil wir keine Kinderbetreuung haben oder einfach nicht qualifiziert genug sind. Alleinerziehende finden keine Wohnung, sind ständig überfordert und obendrein einsam.

Das sind nur einige der Vorurteile, die mir über Alleinerziehende immer wieder präsentiert werden. Erst letztens habe ich durch Zufall eine alte Bekannte aus Schulzeiten getroffen. Es war auf einem Schulfest. Sie weiß, dass ich alleinerziehend bin, kam auf mich zu und fragt mit traurigem Unterton in der Stimme, wie es mir denn so geht.

Wäre ich jetzt noch frisch in der Trennungsphase, dann hätte ich ihren Ton und ihr Verhalten verstanden. Aber das ist nun fünf Jahre her und ich bin mittlerweile sogar froh darüber, dass diese Ehe ein Ende gefunden hat. Sie war nicht gut für mich und mein Leben hätte keine positive Wende genommen, wenn wir weiter zusammengeblieben wären.

Alleinerziehend das Leben meistern

Ich habe allen Unkenrufen zum Trotz meinen Alltag als Alleinerziehende im Griff. Durch meine berufliche Selbständigkeit als Diplom-Designerin lebe ich eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf von der viele Mütter (auch in Paarbeziehungen) nur träumen können. Ist eins meiner Kinder krank, dann bleibt es daheim. Ich muss es nicht sofort zum nächsten Kinderarzt bringen, nur um die offizielle Erlaubnis für den Arbeitgeber zu bekommen, mein Kind pflegen zu dürfen.

Und nein, ich bekomme keinen Unterhalt von meinem Ex und die Kinder nur den Mindestunterhalt. Meine Berufstätigkeit reicht aus, um unser Leben gut zu finanzieren. Es ist sogar hier und da ein Urlaub drin. Das alles kann man als Frau schaffen und es ist wichtig, darüber zu reden. Sonst werden wir das unzulängliche Bild einer Alleinerziehenden nie aus den Köpfen bekommen.

Außerdem habe ich den Angst-Drachen vieler Frauen mit dem Namen „Altersarmut“ in die Flucht geschlagen. Ich habe mich informiert und einen guten Weg gefunden, auch ohne Vollzeitjob, Geld für das Alter erwirtschaften zu können. Ja, ich bin weiblich und alleinerziehend, aber ich werde nicht (wie so viele Frauen und Mütter) in der Altersarmut landen.

Wäre ich heute noch verheiratet, dann hätte ich mich definitiv bis jetzt noch nicht mit meiner privaten Altersvorsorge beschäftigt. Denn irgendwie verlassen wir uns immer noch zu gerne auf den Mann als finanzielle Absicherung. Daher könnte ich meinem Ex-Mann fast ein bisschen dankbar sein, dass er die Trennung nicht noch zehn Jahre verschleppt hat. Denn dann wäre die Luft für mich bis zur Rente einfach zu knapp geworden.

Aber genau das passiert vielen Frauen in einer Partnerschaft bzw. Ehe mit gemeinsamen Kindern. Die Trennung kommt bei vielen erst, wenn die Kinder größer sind. Dann verbleiben nur noch wenige Jahre bis zur eigenen Rente und der eigene Aufschrei ist groß.

Gut leben als Alleinerziehende – das geht!

 Aus meiner positiven Lebenssituation heraus habe ich vor einem Jahr meinen Blog gut-alleinerziehend.de gegründet und danach die beiden Facebook-Gruppen Gut alleinerziehend für Frauen und Gut alleinerziehend Mixed für alleinerziehende Mütter und Väter. Ich wollte meine Erfahrungen und den Blick auf das Positive weitergeben. Denn jeder hat ein Recht auf ein gutes Leben – unabhängig von dem Beziehungsstatus. Und durch diese Öffnung nach außen stellte ich fest, dass es viele gleichgesinnte Alleinerziehende gibt.

Je länger der Austausch über diese Medien jetzt schon stattfindet, umso mehr verabschiede ich mich innerlich vom traurigen Bild der „Alleinerziehenden“ in unserer Gesellschaft. Denn wir sind alle anders und jeder auf seine Weise einzigartig und großartig. Mir sind mittlerweile die unglaublichsten Geschichten zu Ohren gekommen und gleichzeitig auch die großartigsten Erfolgserlebnisse. Das hat mich endgültig davon überzeugt, dass ein gutes Leben für Alleinerziehende kein einzelner Glücksfall ist. Geht nicht, gibt es nicht – denn Aufgeben ist keine Option.

Damit will ich jetzt aber kein Loblied auf die äußeren Umstände für Alleinerziehende singen. Es gibt politisch und gesellschaftlich noch viel für uns zu tun in Deutschland und auch anderswo. Aber es lohnt sich für dich nicht, auf die Veränderungen von außen zu warten. Die besten und größten Verbesserungen für dich kannst du aus dir selbst heraus schaffen. Denn dein Leben findet jetzt statt.

Und so möchte ich Alleinerziehenden Mut machen, sich (wieder) auf sich selbst zu verlassen und auf die eigenen Stärken zu vertrauen. Neu-Alleinerziehenden möchte ich die Angst vor dieser Familienform nehmen. Denn es gibt auch positive Zahlen zu vermelden – wenn man einmal zwischen den Zeilen liest:

2 von 3 Alleinerziehenden sind NICHT auf Hartz IV angewiesen und 59% der verarmten Kinder in Deutschland stammen NICHT aus Ein-Eltern-Familien. (Quelle: Armutsrisiko: Jeder dritte Alleinerziehende lebt von Hartz IV, https://www.welt.de/wirtschaft/article169932643/Jeder-dritte-Alleinerziehende-lebt-von-Hartz-IV.html, Abruf: 11.06.2019)

Daher möchte ich dich mit meinem Projekt „Gut alleinerziehend“ mit auf die Reise nehmen, dein Leben (wieder) selbst in die Hand zu nehmen und es so gut es geht nach deinen Zielen, Werten, Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Aber es gibt keinen einfachen Trick und keine schnelle Abkürzung dorthin. Um etwas zu verändern, wirst du dich selbst verändern müssen und lernen, persönlich zu wachsen und dich weiterzuentwickeln.

 

Silke Wildner ist seit fünf Jahren alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Seit 2018 schreibt sie den Blog „Gut alleinerziehend“ mit vielen positiven Tipps und Hilfestellung für Alleinerziehende. Im Sommer 2019 ist ihr erstes Buch mit dem Titel „Gut leben als Alleinerziehende – Schritt für Schritt Anleitung in dein selbstbestimmtes und gutes Leben“ erschienen. Beruflich ist Silke Wildner freiberufliche Diplom-Designerin.

Silkes Blog: https://gut-alleinerziehend.de/ und der Link zu Instagram https://www.instagram.com/gutalleinerziehend/ sowie zu Facebook Gruppen „Gut alleinerziehend – nur für Fraue“: https://www.facebook.com/groups/265677690820366/ und „Gut alleinerziehend – Mixed Gruppe“: https://www.facebook.com/groups/766623993724920/

Facebookpinterestlinkedinmail

    Kommentiere den Beitrag