FA: Fielseitiges & Aspekte

Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden

26. August 2019

Gastautorin: Nicole Davidow

Eigentlich dachte ich, dass ich für immer in der Filmindustrie arbeiten werde. Irgendwann meinen eigenen Hollywood Film im Kino schauen und über den roten Teppich spazieren gehe. Aber der rote Teppich führte mich ganz woanders hin…

Ursprüngliches Ziel: Hollywood

Ich studierte Film in England und startete direkt nach der Uni mit einem eigenen Projekt. Ich schrieb gemeinsam mit meiner besten Freundin Genevieve ein Drehbuch namens „CamelThorns“. Es ging um zwei Frauen in unserer Heimat Namibia, die auf der Flucht durch die Wüste und auf der Suche nach sich selbst waren. Unsere Vision war: Hollywood. Wir pitchten und erhielten letztendlich das nötige Budget für einen 20-minütigen Teaser. Die folgenden vier Monate verbrachten wir non-stop an der Verwirklichung des Teasers. Gemeinsam mit Freuden bauten wir das Set, besetzten die Rollen und stellten eine Film Crew von 25 Menschen zusammen. Wir drehten bei 40 Grad im Schatten auf einer Farm und hatten unglaublich viel Spaß. Ein Traum wurde wahr. Der Kurzfilm war ein großer Erfolg, wir wurden auf Festivals eigeladen und bekamen Auszeichnungen, waren in der Presse, im Radio und im Fernsehen. Es lief also alles nach Plan. 

Stolpern auf dem roten Teppich

Durch verschiedenste Ereignisse zog uns das Leben nach Berlin. Unser nächstes Ziel war es, den Langfilm zu finanzieren. Also machten wir uns daran, das Ziel zu erreichen. Aber was bei dem Teaser probemlos verlief, gestaltete sich nun ganz anders: Plötzlich kassierten wir eine Absage nach der anderen, Keiner wollte den Langfilm unter unseren Bedingungen fördern. Hinzu kam auch noch, dass die Freundschaft zwischen Genevieve und mir immer mehr zu bröckeln begann. Wir gerieten aneinander, fühlten uns missverstanden und verletzt. Kurz darauf stand ich dann vor einem Scherbenhaufen. Genevieve und ich beendeten die Zusammenarbeit und ich fiel in ein tiefes Loch, ich wollte am liebsten nur im Bett bleiben und warten, bis der Alptraum vorbei ist. Stattdessen, bin ich in das „Berliner Feierleben“ geflohen, hab eine Beziehung nach der nächsten gegen die Wand gefahren und mir ständig im Außen Dramen kreiert. Zudem geriet ich in eine Essstörung, habe mich konstant über mein Äußeres definiert und war ständig wütend.

Beweiseritis“ und falsche Glaubenssätze

Ich habe trotzdem weitergemacht, an verschiedenen Projekten gearbeitet und mich täglich aus dem Bett gequält. Was konnte ich auch sonst tun? Den Beruf schmeißen? Nochmal von vorne anfangen? Das kam für mich nicht in Frage. Ich hatte schließlich Film studiert und meine Eltern haben mir ein teures Studium in England finanziert. In meinem Bewußtsein war das der finale Beruf, den ich zu machen hatte, und zwar bis an mein Lebensende. Außerdem war ich auf einem „Beweis-Trip“ („Beweiserites“ nenne ich das heute): Filme machen war in meiner kleinen Welt in Windhoek etwas besonderes. Ich dachte, wenn ich nicht in der Filmbranche arbeite und über einen roten Teppich laufe, sei ich wertlos.  

Ich war dem Coaching gegenüber schon länger aufgeschlossen und merkte, wie gut mir das tat, Mein Coach damals führte mir sehr deutlich vor Augen, dass ich unglücklich war. Vor allem, was meinen beruflichen Lebensweg anging. Ich wollte zum diesem Zeitpunkt aber noch nichts davon wissen. 

Mein persönliches Happy End 

2016 entschied ich mich dann selbst, eine Coaching Ausbildung zu absolvieren. Ich hatte nicht die Intention, als Coach zu arbeiten, vielmehr wollte ich mir weiterhin Tools aneignen, um meine Karriere im Film zu pushen. Die Ausbildung machte mir Spaß, ging vorbei wie im Flug und plötzlich waren es nur noch drei Monate bis zur Prüfung. Hier sollten wir vor Dozenten und anderen Auszubildenden eine Person coachen. Mir wurde klar: Wenn ich die Prüfung bestehen will, dann brauche ich Übungsklienten. Ich verfasste einen Beitrag auf Facebook und postete diesen in eine Gruppe.  Wer hätte gedacht, dass dieser Post schlussendlich mein Leben verändern würde: Es meldeten sich über 150 Menschen auf mein Angebot und ich habe ALLE genommen. Ich war plötzlich für drei Monate ausgebucht. Das Timing war perfekt, ich hatte gerade ein Film Projekt abgeschlossen und Zeit zur Verfügung. Schon nach der ersten Woche war mir klar: Ich kann nie wieder etwas anderes machen! Das ist meine Berufung! 

The Rest Is History!

Die Prüfung war natürlich ein Klacks. Ich kündigte meinen Job im Film und gründete meine Coaching Praxis. Mein Umfeld dachte, jetzt spinne ich total. “Was ist aber mit dem Film, willst du einfach aufgeben?“ Ich hatte natürlich unglaublich mit meinem Ego zu kämpfen, aber ich hatte mich entschieden. Mir wurde klar, dass ich mich das erste Mal in meinem Leben für mich selbst entscheide, dass ich das erste Mal mich selbst nicht aufgebe. Das war die Befreiung.

Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden. Rückblickend machen die letzten 15 Jahre komplett Sinn. Das Leben hatte einen anderen Plan für mich, ich wurde genau auf diesen Moment vorbereitet. Mein Learning? Vertrauen und sich dem Fluss des Lebens hingeben, anstatt Dinge kontrollieren zu wollen. Denn eins ist klar, das Leben ist immer für uns! 

Nicole Davidow, geboren in Windhoek Namibia, aber da Zuhause, wo sie gerade ist. Ursprünglich aus der Filmindustrie, fokussiert sie sich mittlerweile als Life Coach auf die Stories ihrer Klienten.  Ihr geht es in ihrer Arbeit darum, mit welcher Perspektive die Menschen auf ihre Geschichte blicken. Heute unterstützt Nicole Menschen dabei, einen anderen Blickwinkel einzunehmen: www.nicole-davidow.com Wenn ihr mehr über das Thema erfahren möchtet und Nicole live erleben möchtet, kommt zum Women on Stage – Inspire for Change Event am 30.8.19 in Berlin: https://www.nicole-davidow.com/live

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