FA: Fielseitiges & Aspekte

Eine Frau, die täglich 22.000 Menschen versorgt, erzählt

3. März 2021

Gastautorin: Jacqueline Flory, Gründerin der Zeltschule, berichtet von den Anfängen Ihrer Arbeit im Libanon, ihrer Motivation und ihren Wünschen.

 

Mit der Ankunft der Flüchtlinge 2015 in München beginnt die Zeltschule

Als 2015 Tausende von syrischen Flüchtlingen am Münchener Hauptbahnhof ankommen, beschließt Jacqueline Flory eine Initiative zu starten, die den Menschen in ihrer Region hilft und ihnen somit eine lebensgefährliche Flucht in das vermeintlich sichere Europa erspart. Aus der Idee wird ein Projekt, aus dem Projekt ein äußerst erfolgreicher Verein: Die Zeltschule e.V. baut Schulen für Geflüchtete und schafft somit Perspektive.

Mitte 2016 bereits eröffnet Jacqueline Flory im Libanon die erste Zeltschule für syrische Flüchtlingskinder. Schnell wird klar, dass auch den Familien geholfen werden muss, damit die Kinder die Schule besuchen können, anstatt für die Familien zu sorgen, indem sie auf den Feldern im Umland arbeiten. Seitdem reist Jacqueline regelmäßig gemeinsam mit ihren Kindern in den bayrischen Schulferien in die Region und bekämpft dort aktiv und pragmatisch Fluchturaschen.

Heute, fünf Jahre später, betreut der Zeltschule e.V. über 30 Schulen für mehr als 6.000 Flüchtlingskinder im Alter von 5 bis 14 Jahren im Libanon und in Syrien. Insgesamt versorgt Jacqueline Flory mit Hilfe der Unterstützer des Zeltschule e.V. mehr als 22.000 Menschen mit Nahrungsmitteln, Wasser, Kleidung, Medikamenten und Feuerholz – und seit März 2020 auch noch mit Desinfektionsmitteln, Flüssigseife und Masken.

Hier berichtet sie auf inspirierende Art und Weise über ihre Arbeit für die Zeltschule, die Lage der geflüchteten Menschen in der Region und die Anfänge ihrer Hilfsarbeit im Libanon und in Syrien.

„Am Anfang hat uns hier niemand vertraut, jetzt sind wir Freunde.“

Die Zeltschule ist fast fünf Jahre alt, unser Verein ist also mittlerweile vom Baby zum (sehr leidgeprüften und zugegebenermaßen etwas frühreifen) Kindergartenkind geworden, auch wenn es manchmal eher nach rebellischem Teenager aussieht. Fünf Jahre Schulbau, Organisieren von Wasserversorgung, Verteilen von Lebensmitteln, Zuhören bei Problemen… Fünf Jahre hinsehen, ohne sich abzuwenden. Fünf Jahre helfen. Eine „Erfolgsgeschichte“, die sich nicht danach anfühlt. „Es war nicht immer einfach“ wäre eine Untertreibung. „Es war nicht immer ein Kampf“ trifft es vielleicht eher. Bei unserer letzten Reise in den Libanon hat uns ein Team von „Stern TV“ in die Camps begleitet und mich zu einer Retrospektive „gezwungen“, zu der ich mir sonst vermutlich kaum Zeit genommen hätte.

„Plötzlich stand sie mitten im Camp, mit ihrer Tochter, und sagte, sie baut eine Schule. Wir dachten erst, sie ist verrückt.“

Nicht nur meine Kinder und mich haben sie immer wieder nach unseren Anfängen gefragt. Ganz besonders in Erinnerung blieb mir hier die Antwort meiner Tochter Lilith auf die Frage der Journalistin, inwieweit sich die Besuche denn im Lauf der Zeit verändert hätten: „Am Anfang hat uns hier niemand vertraut, jetzt sind wir Freunde.“ Auch im Giraffencamp (also dem Camp, in dem wir unsere allererste Schule gebaut haben) wurden die Bewohner befragt: „Wie war das, als die komische deutsche Frau zum ersten Mal hierherkam?“ Yehya, der Lehrer unserer ersten Schule, der Giraffenschule, lacht. „Plötzlich stand sie mitten im Camp, mit ihrer Tochter, und sagte, sie baut eine Schule. Wir dachten erst, sie ist verrückt.“

Am Eröffnungstag der ersten Schule waren wir mit gar nichts fertig, genaugenommen fing da alles erst an.

„Wer kommt so einen weiten Weg, um für uns eine Schule zu bauen? Aber am nächsten Tag waren sie wieder da, mit Holz. Sechs Tage später war die Schule fertig.“ Ich erinnere mich an meine Unsicherheit, wie ich Menschen gegenübertreten soll, die alles verloren haben und wie leicht es mir gemacht wurde, mit was für offenen Armen und offenen Zelttüren wir von Anfang an empfangen wurden – wir wurden zwar belächelt, aber willkommen geheißen. Seitdem haben wir viele Schulen gemeinsam gebaut, aber diese erste wird mir immer besonders in Erinnerung bleiben. Mit der Fertigstellung mussten wir nicht nur dem Camp, sondern auch uns selbst beweisen, dass wir nicht verrückt sind. Oder doch? Über das Gefühl, „fertig“ zu sein, das ich auf dem Rückflug nach München damals hatte, ein Problem gelöst, etwas abgeschlossen zu haben, muss ich heute laut lachen. Am Eröffnungstag der ersten Schule waren wir mit gar nichts fertig, genaugenommen fing da alles erst an: Militärrazzien, Stürme, Hochwasser, Krankheiten, Schikanen der Hisbollah… Wir haben gelernt, dass wir stärker und flexibler sind, als wir es je für möglich gehalten hätten, auch wenn an vielen Tagen der Hauptantrieb, der uns weitermachen lässt, die blanke Sturheit ist. Ich bin stolz auf unsere aktiven Mitglieder und Spender, die all das möglich machen.

Jedes Mal, wenn mir die Frage gestellt wird, warum wir tun was wir tun, möchte ich zurückschreien: „Warum tust du es NICHT?“

Ob ich stolz auf das Erreichte bin, hat mich das Stern TV-Team mehrmals gefragt. Auch so eine Frage, die ich mir vorher noch nie gestellt habe. Ich bin stolz auf die Kinder, die so Schreckliches erlebt haben, und dennoch mit so viel unbedingtem Glauben an die Possibilität einer besseren Zukunft jeden Tag zur Schule gehen, dort lachen, singen, lernen und spielen, als wäre die Welt noch in den Fugen; ich bin stolz auf unsere Lehrer, die es schaffen, in einer ganz und gar haltlosen Situation den Kindern Halt zu geben; ich bin stolz auf unsere aktiven Mitglieder und Spender, die all das möglich machen. Aber ich sehe auch, was wir alles noch nicht erreicht haben, wieviel Camps, wie viele Kinder es gibt, denen wir noch nicht helfen können, Hunderttausende. Ich höre die Politik darüber diskutieren, ob 5.000 Kinder aus einem Flüchtlingslager an der türkisch – syrischen Grenze nach Deutschland ziehen dürfen oder nicht, weil die Situation in einem Camp, das kürzlich „besichtigt“ wurde, „unerträglich ist“ – als wäre das etwas Neues, als ertrügen die Menschen das Unerträgliche nicht schon seit fast zehn Jahren. Ich stelle fest, dass ich mit den Jahren wütender werde. Jedes Mal, wenn mir die Frage gestellt wird, warum wir tun was wir tun, möchte ich zurückschreien: „Warum tust du es NICHT?“ Also nein, stolz auf das Erreichte bin ich nicht, denn das klingt nach Ende und wir sind noch lange nicht fertig. Mit der Hilfe unserer Spender, Mitglieder und Förderer haben wir noch viel vor, sehr viel.

 

Mehr Information sowie die Möglichkeit zu Spenden auf: www.zeltschule.org

Image-Film: https://www.youtube.com/watch?v=HHjfvukhhSU

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Bilder: ©Zeltschule e.V.

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