FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Estella Schweizer von Spontan Vegan

20. April 2020

Estella Schweizer (oder kurz „Ela“) wurde mir von ihrer Schwester empfohlen, die ich privat kenne (und mag). 🙂 Ela ist Verfechterin einer veganen Lebensweise und zeigt in diesem Portrait die GrĂĽnde dafĂĽr auf … und wie man einfach starten kann. In dem Portrait spĂĽrt man förmlich, wie couragiert und engagiert sie ist, was ich toll finde! Lasst euch von ihrem veganen Enthusiasmus anstecken!

Liebe Ela, was ist dein absolutes Lieblingsgericht?

Traurig aber wahr – ich habe keines. 
Oder zu viele, um mich auf eines fest zu legen. Es gibt einfach zahlreiche Gerichte, die ich liebend gerne esse.
Das Pferd von hinten herum aufzuziehen wäre für mich insofern fast einfacher:

Was magst Du nicht? Zwiebeln schmecken mir nicht so gut und Knoblauch esse ich nur in Maßen. Sowie manche Kohlsorten und bestimmte Hülsenfrüchte.
Aber eher, weil ich sie schlecht verdaue und nicht, weil ich sie nicht mag.
Zu stark gewürztes Essen reizt mich nicht besonders und deftige Speisen, mit vielen so genannten Röstaromen, sprechen mich auch nicht so sehr an.
Wonach ich regelrecht süchtig bin, sind Nussmuse (besonders Mandelmus, Crunchy Erdnussmus und Tahini). Die kann ich in jede Mahlzeit, insbesondere in Kombination mit sämtlichen Sorten Gemüse und Kräutern, integrieren. Oder in Kombination mit Datteln auch einfach aus dem Glas löffeln. Und zum Dessert liebe ich herbe, dunkle Schokolade.

Hast du ein Motto, nach dem du lebst?

Ja, das habe ich. Mein Lebensmotto ist „und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“. Das ist eine Sentenz aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Ich habe dieses Gedicht im jungen Erwachsenenalter entdeckt. Es hat mich damals tief berührt und seither immerzu begleitet.
Für mich ist es eher so, dass ich nicht mein Leben nach diesem „Motto“ gestalte, sondern dass ich mich immer wieder an Wendepunkten im Leben wiederfinde, die mit den Inhalten und der Aussage des Gedichtes übereinstimmen.

Foto: Felix Groteloh

Du hast 2015 Spontan Vegan gegrĂĽndet. Bitte berichte uns doch, wie es dazu gekommen ist und wie dein Werdegang davor aussah.

Spontan Vegan war ursprünglich der Arbeitstitel für kleine Kochshow-Sequenzen auf YouTube. Ich habe damals von eine in meinen Augen sehr weisen und lebenserfahrenen Frau ans Herz gelegt bekommen, diesen Titel als Marke registrieren zu lassen und habe das gemacht. 
Seither stehen meine Events und Publikationen unter dem Motto „Spontan Vegan“.

Mein Werdegang begann nach dem Abitur mit dem Studium der Humanmedizin in Freiburg. Nach fünf Jahren im neunten Semester habe ich mir eingestanden, dass ich mich in der klassischen Schulmedizin nicht finden werde und mein Studium in einer verzweifelten Nacht- und Nebelentscheidung an den Haken gehängt. Das war damals ziemlich schmerzvoll und kopflos. Bereut habe ich es trotzdem nie! 

Im selben Jahr habe ich eine Ausbildung zur Ergotherapeutin begonnen und mich mit vollem Elan in meine Nebenjobs in der Gastronomie eingebracht.
Das etwas „verrückte“ Leben der Gastronomie tat mir damals extrem gut: Den Lebensrhythmus verschieben, ständig aufs Neue mit anderen Menschen in Kontakt kommen, körperlich arbeiten und auch im Kontakt mit den Gästen mutig auftreten und ich selbst sein zu müssen.
Parallel dazu ist die Ergotherapie ein wunderschöner Beruf, der mir auch half, mich noch mehr mit mir selbst auseinander zu setzen.

Noch während meines ersten Anstellungsverhältnisses als Ergotherapeutin, bekam ich ein Jobangebot in der Gastronomie, als Assistenz der Geschäftsleitung eines mittelständischen Unternehmens. Ich war neugierig und es reizte mich, diesen Schritt zu gehen. Also habe ich das gemacht.

So kam eines zum anderen. … mein Lebensweg beinhaltet viele Kreuzungen und Abzweigungen, auch Richtungswechsel und immerzu „Neuanfänge“. 
Mehr dazu kann man auf meiner Homepage recherchieren: https://spontanvegan.com/about

 

Neben Spontan Vegan leitest du ein Restaurant und bezeichnest dich als „Küchennomadin“. Was bietest du alles genau an?

Nicht mehr ganz richtig: Neben, aber auch im Sinne von Spontan Vegan, habe ich von 2015 bis Ende 2019 ein CafĂ©, das TaracafĂ©, in einem Yogastudio in Regensburg geleitet. Dort habe ich „alles“ verwirklicht, was ich als Gastronomin gerne umsetzen wollte: Rein pflanzlich gekocht, gebacken, Koch- und Backkurse gegeben, Dinner veranstaltet, Ernährungsberatung betrieben, Kunst ausgestellt, ein Team gefĂĽhrt, Marketing gemacht, Vernetzung betrieben, Aktionen initiiert, Rezepte entwickelt und publiziert.

Für 2020 nehme ich mir mehr Freiraum, um mich weiter zu entwickeln. Aus dem Café bin ich irgendwie rausgewachsen.

Die Bezeichnung „Küchennomadin“ habe ich wieder aufgegeben, denn ich möchte im Grunde gar nicht nur durch Küchen ziehen, sondern alles über den „Genuss“ von fairen, ethischen und zeitgemäßen Lebensmitteln weiter geben. „Agentin für angewandten Genuss“ trifft es mehr. Oder „Botschafterin“ …

Ich arbeite ab Frühjahr 2020 mit Greenpeace zusammen. Wir werden wohl auch mein Kochbuch gemeinsam veröffentlichen. Und ich integriere mich mit Rezepten, Vernetzung und Marketing-Strategien in ein kleines Freiburger Unternehmen, das mit fair gehandelten Nüssen arbeitet. Fair Food Freiburg.

DarĂĽber hinaus publiziere ich weiterhin fĂĽr verschiedene Magazine und bin ab und zu mit eigenen Dinnernevents bei befreundeten Gastronomen zu Gast. Das heiĂźt, da koche ich dann auch selbst wieder im groĂźen Stil.

Und wie schaffst du es, alles unter einen Hut zu bringen?

Frag mich nicht, das ist mir selbst ein Rätsel! 🙂
Ich glaube, es ist einfach meine Berufung und ich war die letzten zehn Jahre bereit, mein Leben in diese Projekte zu investieren. Alles andere, wie Freundschaften, Freizeit, Beziehungen, Sport, Reisen und dergleichen war ich bereit, hinten anzustellen. Das ist ok – ABER auf Dauer auch nicht gesund. Insofern werde ich auch auf diese Aspekte in Zukunft wieder mehr Rücksicht nehmen. Das steht zumindest auf meiner Wunsch-Liste.

Warum setzt du dich so fĂĽr eine vegane Lebensweise ein?

Weil ich es ethisch (und das schon seit meinem zehnten Lebensjahr) für extrem fragwürdig halte, warum wir andere Lebewesen essen. Zumal wir heute nicht mehr darauf angewiesen sind, das zu tun. Historisch betrachtet kann ich schon verstehen, dass der Mensch anders nicht überleben konnte und es deswegen zum Selbstverständnis vieler gehört, zwischen Haus- und Nutztieren zu unterscheiden und die Würde eines Tieres unter die der Spezies Mensch zu stellen. Meiner Meinung nach ist es aber trotzdem nicht richtig. Früher hatte man ein ähnliches Selbstverständnis gegenüber Sklaven und in manchen Kulturen auch gegenüber Frauen.

Die Zustände, in denen Tiere heute für den menschlichen Verzehr gehalten werden, sind nicht akzeptabel. Es ist schlichtweg grausam.
Die wenigsten Menschen, die das live sehen würden, hätten anschließend Lust, vom selben Tier zu essen.
Dagegen kann jeder ansehen, wie GemĂĽse oder FrĂĽchte geerntet werden und diese Lebensmittel direkt mit in die KĂĽche nehmen und zubereiten, ohne sich zu ekeln.

Ich glaube, vielen Menschen ist irgendwie nicht vollkommen bewusst, dass fĂĽr den Fleischverzehrt, aber auch fĂĽr Milchprodukte vorher ein Lebewesen umgebracht werden muss.

Foto: Felix Groteloh

Inwieweit hast das mit politischen, wirtschaftlichen und ethischen Grundsätzen zu tun?

Essen ist immer politisch und wirtschaftlich. Weil wir Kaufentscheidungen treffen und uns damit auf dem „Konsum“-Markt positionieren. Für und gegen Kinderarbeit, faire Anstellungsverhältnisse, Umweltschutz, Konzerne etc. Wir können es uns in der Hinsicht leicht machen und „nicht darüber nachdenken“ oder wir übernehmen Verantwortung als demokratische Bürger und entscheiden bewusst.

Besonders im Bereich der Ethik geht es darüber hinaus, ob wir einem Konzern Geld in den Rachen schmeißen oder ob wie lieber einem kleinen Familienunternehmen, einem verantwortungsbewussten Kleinunternehmen oder lokalen Produzenten einen adäquaten Preis bezahlen. Da geht es eben in Sachen Ernährung um Leben und Tod.

Dürfen wir unser Bedürfnis nach bestimmten Geschmäckern und Gewohnheiten über das Leben anderer Lebewesen stellen? Dürfen wir andere Lebewesen derart quälen, wie es in der Massentierhaltung passiert? Wir benutzen deren Körper, vom ersten Moment ihres jungen Lebens. Sie werden gemästet, eingesperrt, geschlagen, sehen oft ihr Leben lang kein Tageslicht, vegetieren in Gestank, unendlicher Enge, erfahren keine Zuneigung und am Ende sterben sie unter schrecklicher Angst und Panik, verbunden mit extremen Schmerzen. Steht uns das zu? Nur weil wir das „können“ und nicht von unseren Gewohnheiten abweichen wollen?

Wo siehst du in Bezug auf eine vegane Lebensführung in unserer Gesellschaft und speziell in Deutschland noch den größten Nachholbedarf?

Das gesamte Thema muss meiner Ansicht nach noch mehr in den Alltag der Menschen vordringen. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen Industrieländern der westlichen Welt. Hier stehen die größten Tiermast-Fabriken und Schlachthäuser der heutigen Zeit, wie Konzentrationslager im Dritten Reich, und keiner schaut hin. Bzw. zu viele Menschen schauen einfach weg.

Wichtig wäre in Sachen Politik und Bildung zu vermitteln, wie die Realität wirklich aussieht UND vor allem, wie eine zeitgemäße Ernährung aussehen MUSS. Es geht nicht mehr ums „Können“! Pflanzlich zu leben ist meiner Meinung nach in einer gebildeten Gesellschaft in der heutigen Zeit keine Option der Wahl, sondern eine ethisch, politische und wirtschaftliche Verpflichtung. Für ein zivilisiertes, ethisches Miteinander und die Zukunft unserer Kinder auf diesem Planeten.

Insbesondere weil die pflanzlich Ernährung (ich spreche von einer vollwertigen pflanzlichen Ernährung mit allen essentiellen Bausteinen) aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet in allen Aspekten gewinnt. Sie ist die gesündeste Art, sich zu Ernährung – wir würden uns extreme Krankenkassenkosten sparen, die durch Zivilisationskrankheiten zu Stande kommen. Sie versorgt und mit allen wichtigen Nährstoffen, obschon man ein paar essentielle Parameter substituieren sollte. Hier ist unbedingt anzumerken, dass das aber auch jetzt schon indirekt über die Tiere passiert, die wir essen. Die bekommen nämlich heute schon in hohen Dosen zugeführt, was in der Nahrung an Nährstoffen fehlt (B12/Vit D/Vit A Jod/Selen)
Tiere sind nur „Überlieferer“, keine Produzenten dieser Mikronährstoffe.

Wir sind so weit von der Natur entfernt, dass es gar nicht mehr möglich ist, auf „natĂĽrlichem“ Wege an alle Mikronährstoffe zu kommen. DafĂĽr sind unsere Böden zu ausgebeutet, es leben zu viele Menschen auf der Erde und wir werden „zu alt“.

Sie ist die umweltschonendste Art sich zu ernähren. Wir hätten die Möglichkeiten, ein Drittel an CO2-Gasen alleine durchs „anders essen“ einzusparen. Flächen, auf denen Futtermittel angebaut werden und Tiere gehalten werden, könnten aufgeforstet werden und so wieder mehr CO2 aus der Atmosphäre binden und die Ernährung aller Menschen auf diesem Planeten könnte gesichert sein. Im Moment geht viel zu viel nutzbare Bodenfläche, besonders in ärmeren Teilen der Welt, für die Futtermittelproduktion verloren. Dort wäre Parzellenwirtschaft möglich und die lokale Bevölkerung könnte diese Bodenfläche für den Anbau eigener Feldfrüchte wunderbar nutzen.

Was ist das Schönste an deinem Job und deiner Berufung?

Mmmhhhh … das Schönste? Vielleicht, dass es so essentiell ist und so ursprĂĽnglich. Wir brauchen Nahrung zum Ăśberleben! Und wir essen und trinken mehrmals täglich – umso besser, wenn wir wissen, was gut fĂĽr uns ist und zugleich auch gut fĂĽr unsere Umwelt und alle anderen Erdbewohner. Viele anderen Lebensbereiche sind relativ entfremdet und rein wegen gesellschaftlicher Strukturen notwendig, und manches ist tatsächlicher Luxus.

Darüber hinaus mag ich, dass die Ernährung tatsächlich in alle anderen Aspekte unseres Zusammenlebens hinein spielt. Mahlzeiten verbinden Menschen, Essen ist Gemeinschaft, Fürsorge, Gerechtigkeit, Ethik, Politik, Wirtschaft, Umwelt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie Gesundheit und Leben. Es ist ein Knotenpunkt unseres Daseins. Und dieses „Allumfassende“ ist eine geniale Herausforderung.

Foto: Felix Groteloh

Was rätst du Frauen, die ihre Ernährungsweise auf vegan umstellen möchten?

Nicht lange Fackeln – einfach machen!
Auf meinem Blog gibt es einen Artikel zum Thema „Vegan Leben von heute auf Morgen – geht das?“. Den empfehle ich zu lesen, das nimmt die Angst, dass einem etwas fehlen könnte.

Darüber hinaus empfehle ich, sich ein gutes, simple aufgebautes Kochbuch zu kaufen, um Inspirationen zu bekommen. z.B. Easy Vegan von Sue Quinn oder Vegan kann jeder von eat this / Nadine Horn und Jörg Mayer
Sowie auf Instagram oder Pinterest ein paar vegane FoodBlogs zu abonnieren. Einfach, um sich verbindlichen zu lassen, was man alles essen kann.

Ein- bis zweimal pro Woche nimmt man sich Zeit und kocht etwas Getreide und Hülsenfrüchte auf Vorrat. Daraus kann man mit Gemüse, Kräutern, Tofu, Tempeh, Nüssen und Samen täglich Salate, Pfannengerichte, Aufläufe, Dips und Suppen zubereiten. Pastagerichte lassen sich super einfach rein pflanzlich abwandeln und für Brotzeiten gibt es tolle Aufstriche und Cremes im Glas zu kaufen. Auch kreative Tofu und Tempeh — Zubereitungen schmecken heutzutage richtig gut.

Und wer sich zu Beginn unsicher ist, sollte die Messlatte nicht zu hoch setzen. Es gibt viele toller Ersatzprodukte, mit denen man einsteigen kann, um Gewohntes einfach durch pflanzliche Alternativen zu ersetzen. Mit der Zeit verändert sich das Essverhalten ohnehin und das Verlangen nach Gemüse, Getreide, Nüssen und Hülsenfrüchten steigt. Man wird in der Küche kreativer und braucht weniger Ersatzprodukte.

Wie sieht deine Vision fĂĽr die Zukunft aus?

Meine Vision fĂĽr die Zukunft der Welt?
Im Jahr 2020 wird sich fortsetzen, was 2019 begonnen hat und sich seit 2008 anbahnt. Die Menschen gehen auf die Strasse und die Politik muss stringentere Konsequenzen ziehen, um die Gesellschaft vor dem Klimakollaps zu schützen. Es wird in Sachen Konsum Restriktionen geben. Sowohl im Sektor Verkehr, Reisen, Luxusgüter als auch Ernährung. Die Lebensmittelindustrie entwickelt noch mehr Produkte, die den Verzehr von Tieren überflüssig macht. Die Medien werden immer lauter und klären kompromisslos darüber auf, dass wir keine anderen Chance mehr haben, als die Massentierhaltung zu stoppen, wenn wir den absoluten Klimasupergau verhindern möchten. Die Menschen verändern ihre Haltung, öffnen sich für eine neue Zukunft. Das Mindset wandelt sich, es wird neue gesellschaftliche Überzeugungen geben, einen friedlichen Konsens darüber, wie wir unsere Zukunft friedlich und fair gestalten können.

 

Zu guter Letzt: Wie oder wobei treffen wir dich an, wenn du nicht in beruflicher Mission unterwegs bist?

Du meinst in meiner Freizeit?! Wahrscheinlich am ehesten beim Sport, beim Spazieren gehen, in der Sauna (Winter) oder beim Rennrad fahren oder wandern (im Sommer). Beim Lesen, im Theater, beim Wohnzimmerkonzert oder auf einer Lesung, im Kino oder beim gemütlichen Abendessen mit Freunden.

 

Wer mer über Elma oder eine vegan Lebensweise erfahren möchte, lege ich diese Links ans Herz:

Bilder ©Felix Grroteloh

 

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