FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Anja Mücher, Personalerin und Expatriat

23. Juni 2020

Anja und ich hegen seit einigen Monaten regen Austausch und ich muss gestehen, dass ich es schade finde, dass sie nicht eben mal schnell auf einen Kaffee vorbeikommen kann. Welchen Herausforderungen sie in Kanada begegnet und was sie als internationale Personaleren alles anbietet, lest ihr in diesem Portrait. Und das mit dem Kaffee holen wir sicherlich nach, denn beruflich wie privat haben wir immer einige Themen zu besprechen. 🙂 Ich freue mich darauf und finde es toll, dass Anja in unserer FORGESTELLT Reihe dabei ist.

 

Liebe Anja, wie startest du deinen Tag?

Unser Tag beginnt meist gegen 7 Uhr mit dem Vorbereiten des Frühstücks und dem Fertigmachen der Kinder (5 und 8 Jahre) für die Schule bzw. Vorschule. Wir haben Glück hier in Kanada, dass die Schule erst um 9 Uhr beginnt und so brauchen wir keinen Wecker und starten recht entspannt in den Tag (soweit das mit zwei Kindern möglich ist). Ich packe Lunches für die Schule, checke die Schultaschen noch einmal, denn gerade unsere kleine Tochter in der Vorschule braucht da noch etwas Unterstützung. Mein Mann ist meist gegen 8:00 Uhr aus dem Haus und so bin ich es, die die Kinder zum Schulbus bringt. Dann, wenn alle aus dem Haus sind, starte auch ich in den Tag, meist mit einem Tee und meinem Laptop. Unser kleiner Kater gesellt sich meist zu mir und rollt sich neben mir ein und schläft. Ich antworte dann auf E-Mails und bearbeite Kundenprojekte.

Hast du ein Motto, nach dem du lebst?

Ich bin ein positiver Mensch und strahle das – glaube ich – auch aus. Ich habe kein konkretes Motto, aber versuche, mit einem Lächeln durch den Tag zu gehen.

Du lebst seit einigen Jahren mit deiner Familie in Kanada. Wie ist es dazu gekommen?

Mein Mann ist Professor für Medizin- und Kernphysik hier an der Universität in Guelph und so sind wir vor 4 Jahren vom schönen München nach Kanada in die Greater Toronto Area (GTA) gezogen.

Gib und doch bitte einen Einblick über deinen beruflichen Werdegang.

Ich habe an der Uni Passau studiert und im Jahr 2006 meinen Abschluss gemacht. Seit dieser Zeit bin ich im HR Bereich tätig. Ich bin von Anfang an in Europa beruflich zuhause gewesen und schon während des Studiums in Frankreich und England gewesen und habe dann nach meinem Abschluss in Stockholm bei The Boston Consulting Group meine Karriere gestartet.

In meiner letzten Stelle in München war ich bei Avery Dennison als HR Generalist tätig und war neben den lokalen Teams auch für die Auslandsstandorte zuständig.

Durch den Beruf meines Mannes habe ich meiner Corporate Career im Jahr 2014 den Rücken gekehrt und wurde quasi zum Expat, erst in Tokio und jetzt in Kanada.

Du bist selbständig im HR Umfeld. Welche Lösungen bietest du an und wer sind deine Kunden?

Meine Kunden sind neben Firmen, mit denen ich im Rahmen von HR Projekten zusammenarbeite, auch viele Privatpersonen, die sich beruflich neu orientieren oder auch längere Zeit nicht im Job waren. Mütter, die einen Wiedereinstieg nach der Elternzeit planen, andere Expats etc. Durchaus sind meine Kunden auch Leute, die einfach längere Zeit keine Bewerbung mehr geschrieben haben oder Hilfe für Interviews benötigen.

Hättest du dich auch selbständig gemacht, wenn ihr in Deutschland geblieben wärt?

Schwierige und durchaus auch interessante Frage, aber ich glaube eher nicht. In Deutschland hatte ich einen sehr guten Job mit guter Kinderbetreuung und unsere beiden Familien waren nicht weit entfernt. Somit hatten wir ein gutes Netzwerk, auf das wir uns im Notfall verlassen konnten. Die Selbstständigkeit hat sich hier so ergeben, da wir quasi „nur“ als 4-köpfige Familie in Kanada sind und Familie nicht vor Ort ist, um in Engpässen zu unterstützen. Mein Mann ist außerdem beruflich viel unterwegs und beide Kinder sind ab 15:00 Uhr mit der Schule fertig. Das nordamerikanische Arbeitsmodell mit nur zwei Wochen Jahresurlaub ist auch nicht wirklich sehr familienfreundlich, muss ich gestehen.

Welche Themen von Personalseite beschäftigen die Kanadier am meisten und wo gibt es die größten Unterschiede zu Deutschland?

Bei den individuellen Kunden sind es eigentlich die gleichen Herausforderungen wie in Deutschland auch, z. B.. wie bewerbe ich mich, wie schreibe ich einen Lebenslauf, was mache ich im Interview etc. Hier wird viel Wert auf „the canadian experience“ gelegt, die man sich oft durch freiwillige Arbeit in diversen Einrichtungen und Firmen aneignet.

Bei Firmen sind es im Moment die neue Cannabis Legalisierung und deren Umsetzung im betrieblichen Alltag. Viele Firmen setzen aktuell auch verstärkt auf das Angebot von Mitarbeiter-Wellness. Welche Leistungen können zusätzlich angeboten werden, um nicht nur gute Bewerber ins Unternehmen zu holen, sondern auch das bestehende Team einzubinden.  Da gibt es Angebote im Bereich Finanzen, Gleittage etc.

Der größte Unterschied zu Deutschland ist aber auch die Offenheit und Akzeptanz mit anderen Kulturen. Kanadier können jeden noch so schwierigen Namen völlig akzentfrei aussprechen, merken sich Namen vom ersten Tag an und ich habe noch nie erlebt, dass es irgendeine Art von Diskriminierung im beruflichen Umfeld gibt. Dieses nette und umsichtige Verhalten wird von klein auf großgeschrieben und spielt schon in Kita und Schule eine große Rolle.

Was schätzt du besonders an Kanada?

Im Vergleich zu München ist hier alles entspannter und wirklich groß. 🙂 Wir wohnen im eigenen Haus auf über 150qm, was in München nicht wirklich so einfach möglich gewesen wäre. 😉 Die Menschen sind außerdem sehr offen und unglaublich freundlich.

Hast du auch manchmal Heimweh? Und wenn ja, was tust du dann?

 Ja, schon und dann greife ich zu FaceTime und WhatsApp und rufe „Zuhause“ an. Manchmal ist es schwierig mit der Zeitverschiebung von sechs Stunden mit jemanden zu sprechen, aber irgendwie bekommen wir das immer recht gut hin.

Ich muss gestehen, dass es ca. drei Jahre gedauert hat, bis ich wirklich hier angekommen bin… Immer, wenn wir am Flughafen in Toronto vorbeigefahren sind und ich die Lufthansa Maschine aus München bzw. Frankfurt gesehen habe, war ich schon sehr traurig. Mittlerweile gehe ich entspannter damit um.

Wie sieht deine berufliche Vision für die nächsten Monate aus?

Ich werde im März eine Zertifizierung als Coach mit dem ICF (International Coaching Federation) anfangen. Darauf freue ich mich sehr.

Zu guter Letzt: Was würdest du Frauen raten, die ebenfalls den Schritt wagen, ins Ausland zu ziehen?

Es ist eine sehr positive und bereichernde Erfahrung. Man lernt nicht nur Neues, sondern verändert sich auch persönlich. Man sollte sich allerdings auch im Klaren sein, dass man komplett neu anfängt. Trotz aller expat communities muss man neue Freunde finden, das Leben für die Familie neu organisieren und auch die Kinder beim Ankommen im neuen Leben unterstützen…. Mein Mann hat schon immer viel gearbeitet, war oft unterwegs, aber hier so ganz ohne familiäres Netzwerk ist es nicht immer einfach.

Darum vielleicht mein Tipp: Macht Euch schlau bevor ihr geht, gebt dem Ganzen eine realistische Chance, seid offen für Neues und begegnet den anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen und positiv. Sicherlich ist nicht alles wie „daheim“, aber daran liegt vielleicht auch der Zauber des Neuen.

Es gibt ja mittlerweile diverse Foren im Internet, in denen man schon vorab Kontakte knüpfen kann. Trotzdem sollte man sich auch die Zeit geben, die man persönlich braucht und nichts überstürzen.

Weitere Links zu Anja Mücher:

www.anjamuecher.com

https://www.linkedin.com/in/anja-muecher-hr/

 

Titelbild: ©Anja Mücher

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