FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Anke Brinker, Steuerberaterin und Unternehmerin

10. Februar 2020

Anke kenne ich seit meiner Zeit in Hamburg bei PricewaterhouseCoopers. Damals hat mir schon unheimlich imponiert, dass sie einfach ihren Weg geht (beruflich wie privat) und das mit einer Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit. Einfach beneidenswert. Dabei ist sie für jeden Spaß zu haben und trotz trockener Steuermaterie eine kleine Verrückte (s. Foto). Ich freue mich, dass wir trotz räumlicher Entfernung noch in Kontakt sind und dass sie sich für ein Portrait bereit erklärt hat! (Die Fragen allerdings hat sie als Zahlenmensch gleich durchnummeriert.)

 

Liebe Anke, wie startest du deinen Tag?

Aktuell: MÜDE! Der Nachwuchs bedeutet zur Zeit noch, dass ich keine Nacht durchschlafen kann. Damit ich dennoch halbwegs leistungsfähig bin, starte ich meinen Tag nicht mehr um 6.00, sondern ich schlafe bis 7.00/ 7.30 Uhr. Dann duschen und los. Leider esse ich meist ungesunder Weise unterwegs. Es gibt aber auch Luxustage, die ich mir 2-3 Mal im Monat gönne, an denen mich warme Brötchen und heißer Kakao empfangen. Dann bin ich eben erst um 9.30 Uhr im Büro. Die Welt muss dann eben mal etwas später „gerettet“ werden. Seit ich meinen Partner kenne, weiß ich, dass ich ein Morgenmuffel bin, so dass das zweite bezeichnende Adjektiv für meinen Morgen: WORTKARG wäre. Aber wenn ich dann im Büro ankomme, ist auch das Thema Morgenmuffel verflogen. Dann bin ich in meinem Element.

Welche 3 Eigenschaften würden deiner besten Freundin spontan einfallen, wenn ich sie zu dir befrage?

Willensstark, humorvoll, anders

Steuern sind für viele ein trockenes Thema, das sie lieber umgehen. Was fasziniert dich an der Materie?

Über die Antwort musste ich tatsächlich länger nachdenken. Ich kann ja schlecht schreiben: Ich kann nichts anderes. Aber: es ist so. Meinen Erstwunsch für das Berufsleben – Zahntechnikerin – konnte ich aufgrund zahlreicher Allergien nicht ausüben, also musste ein Plan B her. Und zielorientiert wie ich bin, überlege ich, dass ich mit Zahlen gut kann, mir schwierige Texte gut liegen und ich am liebsten so wenig wie möglich mit Menschen zu tun haben will (wollte): und das lässt sich am besten mit ungeliebten Themen wie Steuern realisieren. Erst nach der Ausbildung zur Steuerfachangestellten kam der Gedanke: Was mein Chef kann, das kann ich wohl auch. Und mit der Materie kann man auch als Frau ein auskömmliches Leben führen. Und man sitzt warm und trocken im Büro. Nach der Ausbildung kam dieser Gedanke: Wenn schon, dann will ich ALLES wissen. In der Ausbildung selbst hat man ständig das Gefühl, den Neuerungen immer hinterher zu laufen und selbst im Studium kam immer wieder der Gedanke: Ich weiß immer noch nicht alles. Nach der Prüfung zum Steuerberater wurde es dann etwas besser. Ich bin weitestgehend auf dem Laufenden und zumindest für den Bereich meiner Kunden weiß ich recht viel – wenn auch immer noch nicht alles. Aber für alles, was ich nicht weiß, weiß ich entweder, wo es steht oder wer es weiß. Es ist auch nicht nur das Steuerrecht allein, das mich fasziniert, sondern die Selbstständigkeit an sich. Die Vielseitigkeit. Und mittlerweile: Die Menschen, mit denen ich mich umgeben darf. Um es hochtrabend auszudrücken: Kein hippokratischer Eid (es stirbt keiner, wenn Fehler passieren), kein Kontrahierungszwang (ich kann mir aussuchen, mit wem ich zusammen arbeiten möchte) – so viel unternehmerische Freiheit – das liebe ich an meinem Beruf.

Ich kenne dich als Workaholic. Nach der Geburt deines zweiten Kindes Anfang 2019 hast du entschieden, arbeitstechnisch massiv zurück zu fahren. Wie kam diese Entscheidung und wie setzt du diese um?

Wie kam diese Entscheidung? Nun ja, der Tag hat nur 24 Stunden und Kinder kosten Zeit – da gibt es keine große Wahl. Es hat eine ganze Weile gedauert, zu lernen, was im Leben wichtig ist und es ist leichter, seitdem ich nicht mehr versuche, Dinge gleichzeitig zu erledigen – das gelingt nicht! Einer bleibt in der Regel auf der Strecke und das war entweder ich oder mein Kind oder die Arbeit. Ich habe eine klare Prioritätenliste, dann fällt es trotz all der Projekte leichter, Entscheidungen zu fällen und das für mich in dem Moment „Richtige“ zu tun. An erster Stelle kommt meine Familie, dann Freunde, die Mitarbeiter, dann die Kunden, dann die Kita, deren Vorstand ich angehöre, dann ich (Freizeit, Sport). Die Reihenfolge steht dabei nicht unbedingt für die Menge an Zeit, aber für die jeweilige Dringlichkeit/Wichtigkeit bei Eskalationsstufen – was zuerst! Beziehungsweise was zu welcher Zeit. Bezüglich der Arbeit habe ich versucht, das Pensum deutlich runter zu fahren. Ich habe zwei von drei Ehrenämter aufgegeben, nehme keine Neukunden mehr an und in Rente gehende Kunden wurden nicht durch neue ersetzt. Es waren auch zwei bis drei Kündigungen dabei. Mit negativen Menschen oder aussichtslosen Projekten möchte man sich nicht mehr befassen, wenn die Zeit knapp bemessen ist.

Wie schaffst du es, Aufgaben loszulassen und abzugeben und nicht alles zu kontrollieren?

Ich kann recht gut abgeben, Aufgaben in schaffbare Einheiten zerlegen und loslassen, aber ich kontrolliere ALLES! Es ist meine Kanzlei, mein Name, meine Kunden – ihr Geld! Mein Ehrgeiz! Ich lasse meine Mitarbeiter in Ruhe ihre Arbeit machen. Ich bilde sie aus, sie sind regelmäßig bei Seminaren und internen Schulungen. Ich weiß, was jeder Mitarbeiter kann und was nicht. Und sie wissen, dass sie mit jeder Frage oder ungewöhnlichen Sache zu mir kommen können. Wir haben eine sehr offene Fehlerkultur. Fehler dürfen passieren. Die Kollegen finden ja auch Fehler von mir. Es gilt die Devise, alle Fehler zu finden, bevor ein Vorgang das Haus verlässt. Dafür gibt es dann das Vier-(oder mehr)Augen-Prinzip.

Oft gibst du Quereinsteigern eine Chance, bei dir zu arbeiten und sich zu entwickeln. Kannst du uns die Motivation dahinter schildern?

Es gibt zwei Gründe: Der erste ist ein altruistischer: Ich vergebe zwei bis vier Praktikantenstellen pro Jahr und ich bilde jedes Jahr aus – entweder Auszubildende oder Umschüler. Wissen weiter zu geben ist mir wichtig und jungen Leuten eine Chance zu geben, ihren Weg zu finden. Der zweite ist, sagen wir mal „aus der Not heraus“. Die Fluktuation in unserer Branche ist recht gering. Und obwohl wir ausbilden und Entwicklungsmöglichkeiten bieten, bleiben Auszubildende doch nicht immer im Ausbildungsbetrieb. (Das hätte ich mir selbst damals ja auch nicht vorstellen können.) Ich brauche aber Kollegen, um das Pensum an Arbeit zu schaffen. Jede Woche schicke ich Kunden weg, weil die Arbeit nicht zu schaffen wäre. Quereinsteiger sind insofern eine Lösung gegen den Personalmangel. Ich arbeite gerne mit ihnen zusammen, weil sie schon wissen, was sie wollen und was nicht! In der Regel sind Umschüler ja auch schon etwas älter als Azubis, bringen Berufserfahrung und Menschenkenntnis mit, die auch in unserer Branche nützlich ist. Und sie sind räumlich sesshaft, so dass ich auf langjährige Zusammenarbeit hoffen kann. Aber letztlich entscheidet die Chemie und jeder muss ein nützliches Rädchen im Gesamtgefüge sein. Alle Kollegen haben einen hohen Leistungsanspruch und erwarten, dass neue Kollegen mitziehen und dabei genauso fröhlich und menschlich sind wie sie selbst.

Du bist ein unheimlich dynamischer und fröhlicher Mensch. Woher nimmst du diese Energie?

Schilddrüsenüberfunktion? Feng Shui? Gutes Essen? Tolle Menschen um mich herum? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich alles zusammen. Ich vermeide Energiefresser und ich bin nachsichtig mit mir, wenn irgendetwas nicht beim ersten Mal gelingt. Ich „gönne“ mir maximal zwei „Schlusis“ pro Jahr, diese aufzubauen kostet zwar viel Energie, gibt aber auch viel zurück, wenn es gelingt. Ich habe das Glück, bei der Maslow-Pyramide ganz oben in der Spitze zu sein. Es fehlt mir an nichts und ich bin dankbar für unzählbar viele Dinge und die Menschen um mich herum.

Spürst du auch manchmal Selbstzweifel und wenn ja, wie gehst du mit Ihnen um?

Musste erst einmal nachlesen, was GENAU mit Selbstzweifel gemeint ist. Die Antwort ist: Nein. Ich weiß immer, was ich will, nur manchmal noch nicht, wie ich dahin gelange. Es ist schon alles richtig so, wie es ist. Ich bin sehr sehr dankbar, dass ich so ein Leben führen darf.

Hast du ein persönliches Motto?

EINES? Hunderte:

* Wenn du etwas machst, mach es 100%-ig oder eben gar nicht.

* Es gibt nichts Gutes, außer man tut es (ganz nach ALF).

* Andere kochen auch nur mit Wasser.

* Der frühe Vogel kann mich mal.

* Eis geht immer.

* Nicht jammern, sondern klotzen.

* Ich kann besser teilen, wenn ich satt bin.

* Verschwende keine Energie auf Schlechtes.

Was hast du zuletzt gewagt oder ausprobiert und welche private und/oder berufliche Herausforderung möchtest du als nächstes angehen?

Mein letztes großes Wagnis war trotz Selbständigkeit meine kleine Tochter zu bekommen. Aber Wunschkinder gehen vor Traumberuf. Und „das wahre Leben (Familie, Freunde)“ geht immer vor. Davor war es der Fallschirmsprung trotz Höhenangst. Ich mache grundsätzlich alles, wovor ich Angst habe, damit mich nichts einschränkt! Mein nächstes Projekt wird noch einmal das Kiten sein. Ich hatte vor der Schwangerschaft mit einem Kurs begonnen und nun pausiert – das will ich aber UNBEDINGT!!! Es ist ein unglaublich energiespendendes Gefühl, draußen auf dem Wasser zu sein, aber ich habe auch großen Respekt vor der Naturgewalt Wind. Ich gönne mir immer mal wieder neue Themen, so wie beruflich kleine Landwirte oder Vereine zu betreuen oder privat das Saxophon spielen – da bin ich noch ganz am Anfang –, damit das Köpfchen nicht rostet oder sich langweilt.

Zu guter Letzt: Was möchtest du der Fielfalt Community mit auf den Weg geben?

Siehe schlaue Sprüche/die Frage nach meinem Motto. ;O))) Das wäre grundsätzlich eigentlich nur die Bitte, dass jeder jeden Tag etwas Gutes tun möge. Die Welt jeden Tag bitte etwas besser zu machen. Ein Lächeln reicht.

 

Anke Brinker ist seit 2008 Steuerberaterin und hat sich im gleichen Jahr selbständig gemacht. Nach einigen Erfahrungen in kleinen und mittelständischen Betrieben und in einem Großkonzern hat sie 2012 ein Steuerbüro übernommen und beschäftigt aktuell neun Mitarbeiter. Anke lebt privat mit ihrem Freund und zwei Kindern an der Ostsee, wo andere Urlaub machen. Weitere Links: https://www.stb-brinker.de sowie https://www.xing.com/profile/Anke_Brinker2/cv

Titelbild: ©privat

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