FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Jacqueline Flory, Gründerin der Zeltschule e.V.

6. April 2021

Ich verfolge Jacqueline Flory seit ein paar Monaten und bin so beeindruckt, was sie tut und bisher erreicht hat. Deswegen gibt es zu der Zeltschule e.V. auch bereits einen Artikel auf FIELFALT. In einem Fernsehinterview von ihr fand ich ihre Antwort auf die Frage, wieso sie sich DAS antut so wunderbar treffend: „Ich frage mich eher, warum so wenige DAS tun.“ Wenn eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern so viel bewegen kann, dann kann es jede(r). Ich bitte euch: Unterstützt Zeltschule e.V. durch Spenden und/oder Mitgliedschaft. Eine tolle Mission, eine beeindruckende Gründerin!

Liebe Jacqueline, welches Ritual darf in deinem Alltag nicht fehlen?

Ich habe lange überlegt, aber tatsächlich habe ich keine Rituale. Ich habe mich schon vor langer Zeit daran gewöhnt, dass bei uns jeder Tag ein neues Abenteuer ist, das nichts planbar ist, dass meine Arbeit von so vielen politischen Faktoren abhängig ist, dass ich mich nur jeden Tag neu darauf einlassen kann, sonst wäre ich verloren.

Für was bist du in deinem Leben dankbar?

Tatsächlich für all die Menschen, die uns und unsere Arbeit von Tag null an unterstützt haben. Ohne die große Anzahl an privaten Spendern und die Menschen, die an uns und unsere Idee glauben und uns regelmäßig finanziell unterstützen, könnten wir diese Mission nicht verwirklichen.

Du bist Gründerin der Zeltschule e.V. Was genau steckt dahinter?

Hinter unserer Zeltschule-Arbeit? Unser Hauptziel ist es Flüchtlingen zu ermöglichen, das Kriegsende in ihrer eigenen Region abzuwarten, ohne eine lebensgefährliche Flucht nach Europa auf sich nehmen zu müssen.

Wir bauen und betreiben Zeltschulen für syrische Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern in der Bekaa-Ebene im Libanon. Etwa zwei Millionen Syrer warten unmittelbar hinter der syrischen Grenze seit nun über acht Jahren unter schlimmsten Bedingungen in provisorischen Zeltstädten auf die Rückkehr in ihre Heimat.

Die geflüchteten Syrer erhalten im Libanon keine staatliche Unterstützung. Erwachsene Syrer dürfen im Libanon kein Geld verdienen. Vielen Familien bleibt als Ausweg nur ihre Kinder zur Feldarbeit zu schicken, da Kinderarbeit nicht geahndet wird. Damit die Kinder zur Schule gehen können und nicht arbeiten müssen, versorgen wir auch die Familien der Kinder mit Wasser, Nahrung, Kleidung, Medikamenten und Heizmaterial im Winter.

In Syrien selbst ziehen mehrere Millionen Binnenflüchtlinge seit Jahren wie Gejagte durch ihr eigenes Land. Für hunderttausende Kinder bedeutet das eine Kindheit in ständiger Bewegung, ohne Zuhause, ohne Sicherheit – und ohne Bildung. Die Generation, die nach dem Krieg ihr Land wiederaufbauen soll, wächst im Analphabetismus auf, ohne Perspektive und als leichte Opfer für extremistische Gruppierungen.

Inzwischen betreiben wir 30 Schulen, versorgen 25.000 Menschen täglich und ermöglichen 7.000 Kindern eine schulische Ausbildung. Aber wir würden gerne noch viel mehr tun.

Welche Vision verfolgst du?

Meine Vision ist, dass niemand sich mehr hinter halbherzigen „Tja, das ist traurig, aber da kann ich ja nichts machen“-Phrasen verstecken kann. Jeder kann etwas beitragen, das Leben weniger privilegierter Menschen zu verbessern – und muss es in der Konsequenz meiner Meinung nach auch. Als ich mit der Zeltschule begonnen habe, war ich eine alleinerziehende Mutter von 2 sehr kleinen Kindern. Wenn ich das also kann, dann kann es jeder.

Wie bist du dazu gekommen, die Zeltschule e.V. zu gründen?

Als 2015 Tausende von syrischen Flüchtlingen am Münchener Hauptbahnhof ankamen, dachte ich, man müsste dringend den Menschen bereits in ihrer Region helfen und ihnen somit eine lebensgefährliche Flucht in das vermeintlich sichere Europa ersparen. Aus der Idee wurde ein Projekt, aus dem Projekt ein Initiative und aus der schließlich ein Verein, mit inzwischen über 1.000 Mitgliedern. Mitte 2016 haben wir dann die erste Zeltschule im Libanon eröffnet.

Was hast du beruflich davor gemacht?

Ich war vorher Autorin und Übersetzerin. Gefühlt hat sich daran gar nicht so viel verändert, weil ich ja jetzt auch für die Zeltschule bereits 2 Bücher geschrieben habe und das Vermitteln zwischen zwei Welten immer noch ein großer Teil meines Aufgabengebietes ist.

Was ist das Schönste an deiner Arbeit?

Das schönste an meiner Arbeit ist, vor Ort in den Camps direkt zu sehen, wie viel sich durch unsere Hilfe verändert.

Und was ist das Schlimmste?

Dabei zusehen zu müssen, wie der Libanon immer weiter in den Abgrund rutscht (Revolution, Bankenkrise, Staatsbankrott, Hyperinflation…), mit ansehen zu müssen, wie viele Geflüchtete es gibt, denen wir (noch) nicht helfen können und die deutsche Bürokratie und Schwerfälligkeit sind meine Top 3.

Ist deine Arbeit nicht auch manchmal entmutigend?

Das ist sie jeden Tag. Ich spreche jeden Tag, auch von Deutschland aus, mit den Menschen in den Camps und jeden Tag höre ich mindestens eine schreckliche Geschichte. Aber sie ist auch jeden Tag sehr ermutigend, denn ich höre auch jeden Tag von jemandem, dem es durch unsere Hilfe besser geht.

Was würdest du Leserinnen empfehlen, die Ähnliches wie du vorhaben?

Ich wünschte, ich könnte sagen „Gründet auch einen Verein“, aber wer das vorhat, muss sich warm anziehen. Mich haben diese langen Wartezeiten zwischen den bürokratischen Schritten wahnsinnig gemacht. In der Zeit, die es gebraucht hat, als Verein zugelassen zu werden, hätte ich vier Schulen bauen können. Und auch heute noch empfinde ich viele Vorgaben einfach nicht als kompatibel, wenn man bedenkt, in welchem Bereich wir tätig sind. In Syrien kann man nun mal kein Baugutachten erstellen lassen, ehe man eine Zeltschule baut.

Wie kann man die Zeltschule e.V. unterstützen?

Ganz leicht: bitte macht WERBUNG WERBUNG WERBUNG für uns, so dass möglichst viele Menschen von uns erfahren.

Und bitte spendet, denn viele ganz kleine Spenden machen einen Riesenunterschied!

Zu guter Letzt: Was ist für dich ein Energiebooster?

Ich habe eher immer zu viel Energie als zu wenig, ich will alles, und zwar möglichst sofort, was meine Mitarbeiter manchmal in den Wahnsinn treibt. Woher ich die habe, weiß ich nicht so genau, aber ich glaube, ein großer Teil davon erwächst schlicht aus der Wut, dass den syrischen Geflüchteten in der Region sonst so wenig geholfen wird, dass wir es MÜSSEN.

 

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Bilder: ©Zeltschule e.V.

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