FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Marcella Hansch, Gründerin von Pacific Garbage Screening (PGS)

4. August 2020

FIELFALT Bloggerin: Cornelia Frentz

 

Marcella Hansch hat im Rahmen der Abschlussarbeit ihres Architekturstudiums an der RWTH Aachen, welches sie im Jahr 2013 beendete, das Modell einer Plattform konzipiert, die zukünftig Gewässer von Plastik befreien soll. Diese Idee hat in Deutschland so viel Anklang gefunden, dass Marcella erfolgreich Gelder für den Bau der Plattform generieren konnte und hohe mediale Aufmerksamkeit erhalten hat. Unter anderem war sie bei Markus Lanz zu Gast. Inzwischen hat Marcella ihren Job als Architektin aufgegeben und arbeitet mit einem Team hauptberuflich an ihrem fantastischen und inspirierenden Projekt. Auch ich war von der Vorstellung der Plattform so angetan, dass ich an einer Crowd Funding Aktion 2018 teilnehmen musste. Es ist höchste Zeit für ein Interview auf FIELFALT!

Marcella, wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Offen, neugierig, dickköpfig, zielstrebig, mit einem Funken Humor.

Wie bist Du auf Pacific Garbage Screening (PGS) gekommen – von der Idee, dem Konzept hin zum Namen?

Für meine Abschlussarbeit im Studienfach Architektur habe ich fast ein halbes Jahr recherchiert, Fachleute interviewt und Anlagen besichtigt. Der Name PGS kommt daher, dass es zum Zeitpunkt des Schreibens meiner Arbeit nur Daten zum Great Pacific Garbage Patch, dem großen Müllstrudel im Pazifik, gab. Das Ursprungsmodell von PGS ist für den Great Pacific Garbage Patch konzipiert worden. Damals hätte ich nie erwartet, was alles daraus entstehen würde.

Deine Vision hat sehr hohe mediale Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendungen erhalten. Wie kam der erste Kontakt mit den Medien zu Stande? Hattest Du eine PR-Strategie?

Es gab weder eine Strategie noch einen Plan, alles kam einfach auf uns zu. Am Anfang hatte ich die Idee und war dann als Keynote Speaker und Impulsgeberin öfter unterwegs. Irgendwann kam es dazu, dass ich auf Messen das Projekt vorgestellt habe und für erste Preise nominiert wurde, für die ich mich allerdings nicht aktiv beworben hatte. Am Anfang hat sich alles eher so ergeben. Diese Welle ist dann immer größer geworden. Bis heute machen wir wenig aktive PR-Arbeit. Manchmal führen wir ein paar Kampagnen gezielt durch. Dabei handelt es sich allerdings nicht um Aktionen, die vom Projekt selbst ausgehen. Es sind eher Anfragen, die wir von außen erhalten. Das ist ein wirklicher Luxus.

PGS gab es schon vor dem Nachhaltigkeits-Zeitgeist, der gerade entsteht, so dass wir nicht auf einen Zug aufgesprungen sind, sondern von Akteuren angesprochen wurden, die nach Projekten wie unserem gesucht haben. Dementsprechend gab es keine Strategie. Manchmal ist es auch gefühlt so, dass das Universum schaut, was gerade passiert und, dass man dann auch eine Chance erhält. Es ist einfach total authentisch, was wir machen und fühlt sich auch für das gesamte Team so an.

Wann wird eine erste Plattform die Meere reinigen?

Wir haben mit vielen Experten gesprochen. Es ist effektiver, das Problem in seinem Ursprung zu lösen. Daher adaptieren wir gerade die Funktionsweise der Plattform, um sie in Flüssen einzusetzen, deren Müll ja schlussendlich im Meer landet. So können wir viel schneller, viel besser, viel effektiver und auch weltweiter agieren. Wir packen das Problem sozusagen an der Wurzel. Solange die Kunststoffe die Flüsse noch nicht verlassen haben, sind sie noch nicht zersetzt und konnten noch nicht so viel Schaden anrichten. Im Dezember 2019 haben wir unseren Primotypen gelauncht, die Vorstufe des Prototyps. Die ersten Plattform-Tests sollen dieses Jahr in Deutschland durchgeführt werden, später sollen die Plattformen in Asien und Afrika eingesetzt werden.

Parallel arbeiten wir mit unterschiedlichen Partnern an Projekten, die unsere Plattformen ergänzen sollen. Zum einen wird aktuell ein Müllsammelboot mit der Firma Berky gebaut, zum anderen gibt es verschiedene Projekte mit der RWTH Aachen und EU-Partnern zum Thema Verwertung.

Du hast den Schritt aus dem Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit gewagt. Wann wusstest Du, dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war?

Es ist eigentlich keine richtige Selbstständigkeit, weil es sich bei PGS um einen gemeinnützigen Verein handelt. Meine Vollzeitarbeit für PGS hat sich durch eine Crowdfunding-Aktion im Jahr 2018 ergeben. Die Aktion hatte eine so große Reichweite, dass die österreichische Straniak-Stiftung auf uns aufmerksam geworden ist. Im Grunde unterstützt die Straniak-Stiftung das Thema Menschenrechte. Da die Menschheit eine intakte Umwelt benötigt, ist den Straniak-Mitarbeitern PGS aufgefallen. Als die Stiftung im persönlichen Gespräch mehr über PGS erfahren wollte und ich mitteilte, dass ich wegen meines Jobs nur am Wochenende dafür Zeit haben würde, finanzierten sie mir mein Gehalt als PGS-Vorstandsvorsitzende für zwei Jahre. Da ist mir die Entscheidung, meinen Job zu verlassen, nicht mehr allzu schwer gefallen.

Mit welchen persönlichen Herausforderungen siehst Du Dich als Chefin von PGS konfrontiert?

Inzwischen bin ich das Gesicht des Projektes. Es war gewöhnungsbedürftig und insoweit auch eine persönliche Herausforderung, die Zeitung aufzuschlagen und mein Gesicht darin zu sehen.

Weiterhin gab es diverse Hürden, die genommen werden mussten, um die administrativen und personellen Strukturen von PGS zu errichten. Die Personaleinstellung, der IT-Aufbau, das Auseinandersetzen mit Steuern und Finanzen und vieles mehr. Insbesondere die Bürokratie hat uns teilweise ausgebremst.

Die Arbeit mit Ehrenamtlern war ein zweischneidiges Schwert. Zum einen waren sie sehr motiviert, andererseits fehlte bei manchen ab und zu das Commitment. Es gab viele Ausfälle wegen privater Termine bspw. wegen Klausurenphasen oder Geburtstagen im Familienkreis. Deswegen war die Arbeit in dem Kontext am Anfang sehr träge und langsam. Nichtsdestotrotz ist es besonders schön, dass viele Mitarbeiter vom Ehrenamtsbereich aus intrinsischer Motivation in das Vollzeitteam übergesiedelt sind, obwohl es ein Risiko ist, in ein gerade neu beginnendes Projekt einzusteigen.

Welche wichtigen Eigenschaften sollte man als junge Unternehmerin mitbringen?

Zuversicht, Mut, Neugier und Durchsetzungsfähigkeit. Oft muss man sich Wege suchen, wenn etwas nicht funktioniert. Mein Dickkopf hat mir auch sehr geholfen, wenn mir jemand Dinge kleinreden wollte.

Was ist aus Deiner Sicht das Schwierigste beim Managen von Mitarbeitern?

Konstant die Motivation zu halten. Zwischendurch gibt es immer mal Tiefpunkte, an denen nicht alles funktioniert. Mitarbeiter zu motivieren bedingt auch, dass man selbst als Führungskraft von dem Projekt überzeugt ist und diese Überzeugung für sich aufrechterhält. Wenn meine Überzeugung nicht da wäre, könnte ich sie nicht an die Mitarbeiter weitergeben. Den Teamspirit beizubehalten ist also total wichtig.

Wie trägst Du dafür Sorge, dass neben PGS Dein Privatleben nicht zu kurz kommt?

Zeit für mein Privatleben war lange ein schwieriges Thema. Das hat sich allerdings seit meiner Vollzeittätigkeit für PGS geändert. Inzwischen kann ich am Wochenende auch mal das Handy ausmachen. Ab Sommer wird mein Privatleben mehr Zeit in Anspruch nehmen, da ich schwanger bin. Dieser Umstand beeinträchtigt meinen beruflichen Ehrgeiz allerdings nicht. Für mich hat die Schwangerschaft meine Motivation, das Projekt voranzubringen, exponentiell erhöht, weil die Zukunft auch noch jemand neuen betrifft.

Zu guter Letzt: Was möchtest du der FIELFALT Community mit auf den Weg geben?

Mit Blick auf den Plastikverbrauch sagen viele: Ich als einzige(r) mache keinen Unterschied. Das stimmt nicht. JEDER kann einen Unterschied machen. Wir als Verbraucher haben einen enormen Einfluss auf die industrielle Produktion. Was nicht mehr verkauft wird, wird irgendwann nicht mehr nachproduziert. Und da hat jede(r) einzelne von uns die Macht, etwas zu verändern. Die Veränderungen sind mit einem Schneeballsystem vergleichbar. Wenn eine Million Konsumenten jeden Tag etwas weniger Plastik verbrauchen, hat das einen höheren Effekt auf die Plastikmenge in der Umwelt als 10 Menschen, die ‚zero waste‘ leben. Es ist wichtig, Teil dieser Million zu sein. Auch wenn man es vielleicht an einem Tag nicht schafft, plastikärmer zu leben, dann sollte man das am nächsten Tag einfach wieder tun. Man kann die Welt also jeden Tag auch im Kleinen verändern, das muss nicht immer ein Riesending sein. Ein kleiner Schritt reicht.

 

Weiterführende Links:

https://www.pacific-garbage-screening.de

https://www.facebook.com/pacific.garbage.screening/

https://www.instagram.com/pacific.garbage.screening/

 

Titelbild: ©Pacific Garbage Screening e.V.

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