FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Miriam Baghdady, Barbara Pöll und Montserrat Romero von Free Girls Movement

23. März 2021

Miriam Baghdady ist Vorstandsmitglied, Barbara Pöll ist Stellvertretende Obfrau und Montserrat Romero ist Obfrau bei Free Girls Movement, einer ganz tollen NGO in Österreich. Was dahinter steckt, was sie bewirken wollen und wie ihr unterstützen könnt, lest ihr hier.

 

Was ist dir heute schon Positives passiert?

Miriam: Ich konnte meinen Sonntag gut dafür nutzen, um wieder Kraft für die neue Woche zu tanken. Ich hatte allgemein einen wundervollen Tag mit einem langen erholsamen Spaziergang, ausgezeichnetem Essen und anregenden Gesprächen mit meinem Partner. Das würde ich alles als positiv bezeichnen.

Barbara: Unsere Mitarbeiterin erwähnte, wie viel Spaß ihr die Arbeit bei uns bringt.

Für was bist du in deinem Leben dankbar?

Miriam: Ich bin dankbar dafür, dass meine Familie so viel Wert auf meine Bildung gelegt hat und mich in allem unterstützt, was ich mache. Ich bin dankbar für alle Möglichkeiten, die mir geboten werden, um mich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln und um diese Welt hoffentlich zumindest ein kleines bisschen besser zu machen.

Barbara: Für eine tolle Familie, die mich immer unterstützt hat sowie für meine Freunde und meinen Partner.

Montserrat: Ich bin für alles dankbar, insbesondere für meine Familie und Freunde, meine Gesundheit, meine Bildung und meine Arbeit und für alle meine Erfahrungen und Möglichkeiten, die ich soweit haben dürfte.

Ihr habt Free Girls Movement gegründet. Um was geht es bei Free Girls Movement?

Miriam: Free Girls Movement ist eine Organisation, die von drei jungen Frauen gegründet wurde, um Mädchen mit Migrationshintergrund neue Karriereperspektiven zu ermöglichen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Bildung und Persönlichkeitsentwicklung junger Mädchen, welche aus traditionellen Gründen keine Ausbildung oder eigene Karriere verfolgen können oder dürfen. Alle unsere Projekte, sei es Mädchen helfen Mädchen oder unser Lokal Ois in An, dienen diesem Ziel.

Barbara: Unser Verein wurde während der “Flüchtlingskrise” im Jahr 2015 gegründet, um jene Frauen und Mädchen zu unterstützen, die immer wieder durch das soziale und gesellschaftliche Raster fallen. Wir wollten eine Lösung für diese Zielgruppe finden und nicht nur über das Problem sprechen. Aktive und lösungsorientierte Projekte die nachhaltig sind, das ist Free Girls Movement.

Montserrat: Um Empowerment und bessere Perspektiven für junge Frauen zu schaffen. Wir unterstützen mehrfach benachteiligte Mädchen und Frauen in Österreich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Alle unsere Projekte verfolgen grosso modo dieses Ziel mit unterschiedlichem Fokus.

Wie kann ich mir eure Arbeit im Alltag genau vorstellen?

Miriam: Ich persönlich bin hauptberuflich beim Österreichischen Gewerkschaftsbund beschäftigt und habe deshalb nicht per se einen Alltag bei Free Girls Movement. Ich versuche mich so gut wie möglich überall einzubringen, an Projekten mitzuarbeiten, für unsere Organisation werben und Partnerschaften mit anderen an Land zu ziehen und übernehme so oft ich kann Schichten in unserem Lokal.

Barbara: Seit 2016 läuft unser Projekt “Mädchen helfen Mädchen”, dabei handelt es sich um ein niederschwelliges Angebot für junge Mädchen zwischen 15 und 25. In einem Zeitraum von drei Monaten vermitteln wir unseren Teilnehmerinnen die wichtigsten Tools für ein selbststädiges Leben (Finanzen, Frauengesundheit, Bewerbungstraining). Zusätzlich bieten wir Kompetenzberatungen und Individual-Coachings an, um die Absolventinnen des Programms bei ihren weiteren Lebens-Schritten zu begleiten. Zusätzlich starteten wir Im November 2020 ein weiteres Projekt Namens “Ois.In.An”, ein Vereinslokal das Arbeitsplätze für Frauen schafft, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind.

Montserrat: Es ist sehr spannend, weil man gleichzeitig viele Sachen machen muss, z.B. durch unser neues Projekt, Ois.In.An, haben wir Aufgaben wie in einem Restaurant, Kochen, Putzen, Inventur machen, Kundenkontakt usw. Das ist sehr abwechslungsreich! Durch die anderen Projekte sind wir mit Projektmanagement und Beratungen beschäftigt. Wir betreuen weiterhin Mädchen, die bei unsere frühere Projekte teilgenommen haben. Dazu gibt es auch immer einen Teil von Öffentlichkeitsarbeit und Social Media, das übernimmt hauptsächlich meine Kollegin Barbara Pöll.

Wie setzt sich euer Team zusammen?

Miriam: Die Organisation wurde von Montserrat Romero, Barbara Pöll und mir gegründet. Unser Team besteht aber teilweise auch aus Personen, die bei uns angestellt sind und aus Freiwilligen, die sich so gut wie sie können bei uns engagieren.

Barbara: Wir sind ein sehr kleines internationales und multidisziplinäres Team, bestehend aus jungen Frauen mit verschiedenen kulturellen Backgrounds.

Montserrat: Wir sind ein kleines multikulturellen und multidisziplinären Team von acht Frauen, dazu kommen unsere Freiwillige (Student-Buddies), die sich vor Projekt (Mädchen helfen Mädchen) anmelden, um uns zu unterstützen.

Wie ist es zu der Gründung gekommen?

Miriam: Monty, Babsi und ich haben davor schon gemeinsam in einer Frauenrechtsorganisation gearbeitet und uns dort für die Rechte von Frauen eingesetzt und den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung unterstützt und vorangetrieben. Mit einigen Dingen in der Organisation waren wir sehr unzufrieden und haben uns daraufhin entschlossen, unser eigenes Ding zu machen und Mädchen und Frauen durch unsere Bildungsinitiative zu unterstützen und unabhängiger zu machen, so dass diese ein selbstbestimmtes gutes Leben führen können. Wir finden jedes Mädchen und jede Frau hat es verdient, ein Leben zu führen, das frei von Gewalt und Unterdrückung ist und in dem sie sich persönlich und beruflich voll entfalten kann.

Wie finanziert ihr euch?

Miriam: Durch Förderungen und Spenden.

Barbara: Wir beantragen jedes Jahr Förderungen der Stadt Wien und werden von den Ämtern für Diversität und Integration sowie Frauenservice unterstützt. Zudem hatten wir bisher eine Zusammenarbeit mit einer privaten Stiftung und erhalten regelmäßig Spenden.

Montserrat: Hauptsächlich durch Forderungen der Stadt Wien und Privatstiftungen sowie Privatspenden. Durch unsere neuen Projekte versuchen wir ein nachhaltiges Finanziellenkreis zu schaffen damit wir alle unsere Tätigkeiten finanzieren können. Momentan sind wir noch Großteils an Forderungen und Spenden angewiesen… daher ist die Arbeit bei Free Girls Movement mit ehrenamtlicher Arbeit verbunden.

Ist es nicht auch manchmal anstrengend, in einer NGO tätig zu sein? Wie baut ihr euch wieder auf?

Miriam: Es ist anstrengend und kräftezerrend zu sehen, wie viele Ungerechtigkeiten es zwischen den Geschlechtern immer noch gibt und wie langsam es teilweise vorangeht. Die Tatsache, dass es schwierig ist Förderungen zu erhalten bzw. diese mit extrem viel Aufwand verbunden sind, frisst unsere Zeitressourcen teilweise. Aber es ist ein Anliegen, das wir aus tiefster Überzeugung vertreten wollen, deshalb bleibt uns keine andere Wahl als uns für bessere Chancen für alle Mädchen und Frauen einzusetzen. Es baut mich persönlich aber auch immer auf, wenn ich sehe, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird oder wenn wir einem Mädchen oder einer Frau helfen konnten und ihr Leben positiv beeinflusst haben.

Barbara: Durch die finanzielle Unsicherheit, die ein Verein mit sich bringt, fällt es oft schwer, die Dinge umzusetzen, die einem vorschweben. Man möchte gerne schneller mehr erreichen, das scheitert jedoch dann am Geld. Da unsere Philosophie aber darauf aufbaut, Lösungen zu suchen, konzentrieren wir uns immer darauf, einen neuen Weg zu finden. Zudem sind wir ein Team, das gut eingespielt ist und eine gemeinsame Vision hat.

Montserrat: Ja, es kann manchmal wirklich anstrengend sein, denn die meisten von uns machen die Projekte bei Free Girls Movement nebenbei und ehrenamtlich. Wir versuchen trotzdem seriös und professionell zu Arbeiten und dafür muss man viel Zeit und Kraft investieren. Man kommt manchmal nicht zu Ruhe, weil es immer viel zu tun gibt und unsere Arbeitswochen sind ab und zu echt verrückt. Aber wenn wir die Ergebnisse unserer Arbeit sehen, z.B. wenn einer unserer Teilnehmerinnen eine Arbeit durch uns gefunden hat oder ihre Lebensumstände positiv ändern konnte, sind wir froh und überzeugt, dass das, was wir hier machen, Vieles für einige junge Frauen bedeutet. Das gibt uns immer Energie, um weiter zu machen, denn wir wissen, die harten Arbeitsstunden haben sich damit gelohnt.

Welche langfristigen Ziele verfolgt ihr?

Miriam: Die Gleichberechtigung der Geschlechter und Chancengleichheit für alle sehe ich als unser oberstes (sehr) langfristiges Ziel.

Barbara: Als NGO in Österreich unabhängig von Ämtern zu sein und daher auch die Ideale und Ziele zu verwirklichen, die wir haben. Free Girls Movement soll eine Anlaufstelle für Frauen und Mädchen sein, die bei vielen anderen Stellen abgewiesen werden. Zudem möchten wir weitere Projekte im Bereich der Privatwirtschaft verwirklichen um ein noch nachhaltigeres und breiter gefächertes Angebot darzustellen.

Montserrat: Wie wollen eine NGO sein, die durch unterschiedliche Ansätze, mehrfach benachteiligte Mädchen und Frauen in Österreich auf verschiedene Ebene nachhaltig unterstützen kann.

Wie kann man Mädchen und Frauen im eigenen Umfeld in ähnlichen Situationen helfen?

Miriam: Ich denke, es gibt nicht DIE eine Lösung, um Mädchen und Frauen, die von Benachteiligungen, Diskriminierung oder Ähnliches betroffen sind, zu helfen. Sehr wichtig finde ich es aber, wann immer möglich, die Mädchen und Frauen zu unterstützen mit dem, was sie brauchen. Das kann bei jeder Person unterschiedlich sein. Nachfragen, wie man unterstützen kann ist wahrscheinlich die beste Lösung. Ich persönlich finde es auch wichtig, in jeder Situation in der eine Frau diskriminiert wird, sei es aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder was auch immer, aufzustehen und sich dagegen auszusprechen. Solidarität ist unglaublich wichtig. Wenn sich mehr Menschen solidarisch zeigen würden, würde die Welt wahrscheinlich schon ganz anders aussehen.

Barbara: Hilfe bei konkreten Schritten ist immer wichtig. Oft finden Menschen, die sich in schwierigen Situationen befinde, nicht die nötige Kraft, um nötige Schritte zu unternehmen – oder wissen erst gar nicht, wo sie anfangen können. Unterstützung bei diesen vermeintlich einfachen Dingen ist daher oftmals unterschätzt und kann dennoch sehr effektiv sein.

Montserrat: Durch Empathie. Man merkt manchmal nicht die Hürden, die einfachen Aufgaben für Mädchen, die noch nicht so gute Deutschkenntnisse haben, gibt. Vielleicht kann man Informationen nochmals wiederholen, einfacher und deutlicher erklären usw. Wenn es um ernstere Probleme geht: Man soll versuchen, die Mädchen an andere Institutionen oder NGOs weiterzuleiten. Vielleicht die Nummer einer NGO aufschreiben oder mit ihr gemeinsam anrufen. Es sind Kleinigkeiten, aber das kann viel für diese Mädchen bedeuten.

Wie kann man euch und eure Arbeit unterstützen?

Miriam:

  1. Das Akquirieren von Kapital ist sehr mühsam und nimmt wertvolle Zeit weg, die wir in die inhaltliche und tatsächliche Unterstützung von benachteiligten Mädchen und Frauen stecken könnten. Am besten unterstützt man unsere Arbeit also mit Spenden oder damit, bei uns im Café Ois in An vorbeizuschauen und dort unsere leckeren hausgemachten Speisen auszuprobieren.
  2. Nicht immer ist es möglich, uns finanziell zu unterstützen. Wir freuen uns sehr, wenn über uns berichtet wird, wenn ihr uns empfehlen könnt oder wenn ihr Bekannten von uns erzählt.
  3. Ihr könnt unserer Arbeit auf Social Media folgen. Es erhöht unsere Reichweite, wenn ihr unsere Beiträge speichert, teilt oder likt.
  4. Ihr könnt euch bei uns natürlich auch als Freiwillige engagieren. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Aufgaben, die ihr übernehmen könnt. Je nachdem, was eure Stärken sind, finden wir etwas, das gut passt. Ihr könnt euch ganz einfach und unkompliziert bei uns melden.

Barbara: Wie viele andere NGOs auch sind wir bemüht, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Mit der Hilfe von Medien, Blogs etc. kann dieses Ziel eher erreicht werden.

Montserrat: Wir suchen immer Freiwilligen als Student-Buddies. Man kann dadurch eine Projektteilnehmerinnen drei Monate lang begleiten und ihr bei kleinen Aufgaben unterstützen. Man kann auch uns durch Spenden unterstützen oder einfach durchs Konsumieren in unserem Lokal Ois.In.An. Auf Social-Media kann man durchs Teilen helfen, damit mehr Menschen unsere Initiative entdecken.

Worauf bist du beruflich sowie privat jeweils stolz?

Miriam Beruflich: Ich bin stolz darauf eine Arbeit machen zu dürfen, in der ich einen hohen Mehrwert sehe und mit der ich mich zu 100% identifizieren kann. Das ist ein riesengroßes Privileg. Privat: Ich bin stolz darauf, dass ich mich mit aller Kraft für die Themen einsetze, die mir am Herzen liegen.

Barbara: Beruflich und privat vermischt sich bei mir, denn durch Free Girls Movement ist es mir möglich, das was ich liebe als Beruf zu haben. Dass wir unseren Verein bereits so viele Jahre auf den Beinen halten können ist eine Errungenschaft für mich und bedeutet, dass wir einen wichtigen Beitrag leisten. Dies erfüllt mich auch privat, denn ich bin davon überzeugt, dass Menschen vieles schaffen können, auch wenn es erstmal surreal erscheinen mag. Doch auch Aktivismus im “Kleinen” kann vieles Verändern.

Montserrat: Beruflich bin ich definitiv auf Free Girls Movement stolz. Privat bin ich auf die Tatsache, dass ich auf eigene Beine stehen kann, in einem Land, das weit weg von meine Heimat ist, und auf die Freundschaften und Erfahrungen, die ich hier gemacht habe.

 

Weiterführender Link:

https://www.freegirlsmovement.org/

 

Titelbild: ©Free Girls Movement

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