FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Stephanie Poggemöller von Work & Family

12. April 2021

Steffi ist eine Person, mit der ich stundenlang über die verschiedensten Aspekte des Lebens diskutieren und mich austauschen könnte. Was ich an ihr besonders schätze ist die Klarheit, die sie ausstrahlt. Sie gibt niemandem die „Schuld“, warum etwas nicht funktioniert, sondern gestaltet ihr eigenes (herausforderndes) Leben im Rahmen der Gegebenheiten und der Möglichkeiten. Bei ihr habe ich wirklich das Gefühl, dass sie Herz und Kopf verbindet und darauf aufbauend Entscheidungen trifft und ihren Weg geht. Eine ganz tolle Frau. Ich wünschte, ich hätte sie gleich am Anfang meines Mamadaseins schon gekannt.

 

Liebe Steffi, welches Ritual darf in deinem Alltag nicht fehlen?

Ich nehme mir jeden Morgen zum Start in den Tag 5-10 Minuten Zeit, um mich – entweder noch im Bett oder im Sitzen auf dem Sofa – mit einer geführten Meditation auf den Tag einzustimmen und am Ende daraus ein Wort oder Motto für mich mitzunehmen, das mich durch den Tag trägt. Das schreibe ich mir im Anschluss in mein Notizbuch, in dem ich jeden Tag meine geplanten ToDos eintrage. Und dieses Motto/Wort begleitet mich auf diese Weise bei jedem Blick in mein Notizbuch durch den ganzen Tag und lässt mich immer wieder daran denken.

Außerdem stelle ich mir – sofern die Kinder in die Schule und den Kindergarten gehen – abends immer die Brotzeitboxen in der Küche zurecht. Daneben kommt ein leeres Glas. Wenn ich dann morgens die Brotzeitboxen befülle ist das erste, was ich parallel dazu mache, zwei Gläser Wasser zu trinken und damit gleich schon etwas für meinen Körper zu tun.

Du bist Coach und Beraterin für Familien und Unternehmen rund um Vereinbarkeit, Wiedereinstieg und berufliche Entwicklung. Wie ist es dazu genau gekommen?

Während meiner Festanstellung bei meinem damaligen Arbeitgeber bin ich selber zweimal in Elternzeit gewesen und nach den Familienpausen beide Male in unterschiedlichen Arbeitsmodellen wieder in den Job zurückgekehrt. Das heißt ich habe Vereinbarkeit in Festanstellung selber ge- und erlebt. Nach der Geburt meines ersten Kindes hätte ich mir damals jemanden gewünscht, mit dem ich mal über all die Fragestellungen sprechen kann, die sich um die Elternzeit, den Wiedereinstieg, Vereinbarkeit etc. ranken. Und aus diesem Gedanken heraus ist die Idee zu Work & Family entstanden.

Wie sah dein Werdegang davor aus?

Vor der Gründung von Work & Family war ich über zwölf Jahre in verschiedenen Unternehmen in der freien Wirtschaft tätig. Ich habe einen betriebswirtschaftlichen Background und war zuletzt in einem Großkonzern tätig, wo ich verschiedene Positionen Inne hatte, als Key-Account-Managerin sowie als Führungskraft und Projektmanagerin.

Mit was für Themen beschäftigst du dich im Detail als Coach und Beraterin bei Work & Family?

Die Bandbreite ist recht groß und unterteilt sich in Angebote für Unternehmen und berufstätige Eltern.

Unternehmen berate ich beispielsweise dabei, passgenaue Prozesse aufzusetzen, um RückkehrerInnen aus der Elternzeit einen gelungen Wiedereinstieg zu ermöglichen. Das umfasst dann auch begleitende Workshops – online wie real. Darüber hinaus berate ich auch bei der Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen.

Wenn ich Eltern coache geht es um ganz verschiedene Themen- und Fragestellungen. Ich begleite berufstätige Mütter dabei, den Ausstieg aus dem Job in die Elternzeit zu planen, genauso wie den Wiedereinstieg in den Job nach der Elternzeit. Denn in beiden Phasen gibt es aus meiner Sicht Aspekte, die beachtet werden sollten, sowohl im beruflichen als auch im familiären Kontext. Häufig sind es auch Vereinbarkeitsthemen, die die Coachings zum Inhalt haben. Also Fragen wie: Wie gelingt es uns als Paar Aufgaben und Verantwortlichkeiten fair aufzuteilen? Wie sieht ein Vereinbarkeitsmodell aus, dass zu uns und unseren privaten und beruflichen Wünschen passt? Auch berufliche Umorientierung ist oft ein Thema – vor allem dann, wenn Mütter oder auch Väter nach der Elternzeit feststellen, dass der „alte“ Job nicht mehr zum „neuen“ Leben mit Kind passt.

Rollenbilder ist ein Stichwort, welches wir oft hören. Warum ist es dir so wichtig, diese und damit einhergehende Glaubenssätze zu hinterfragen?

Gerade in unserer überwiegend patriarchial geprägten Gesellschaft sind Rollenbilder ein großes Thema, mit dem wir immer wieder konfrontiert werden. Sei es durch Werbung, Social Media, Prägungen aus der eigenen Herkunftsfamilie usw. Und das wirkt sich in der Konsequenz auch auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus. Spätestens, wenn aus einem Paar Eltern werden, rutschen Frauen wie Männer häufig ganz unbewusst in „alte“ und traditionelle Rollenbilder. Aus diesem Grund sollten sich werdende Eltern meiner Meinung nach so früh wie möglich die Frage stellen, wie das gemeinsam Vereinbarkeitsmodell eigentlich aussehen soll? Und bei dieser Frage lohnt es sich auch mal zu schauen, wie eigentlich die Rollenbilder bei den eigenen Eltern aussahen? Was daran gut war und übernommen werden kann und was eben auch nicht. Wichtig ist dabei aus meiner Sicht, dass beide Elternteile mit dem daraus vereinbarten Modell zufrieden sind, egal ob sich ein Paar dann dazu entscheidet, ein Einverdiener-Modell oder ein Zuverdiener-Modell zu leben oder ein Modell in dem beide ähnlich verdienen. Darüber hinaus sollten die gemeinsam getroffenen Vereinbarungen auch regelmäßig reflektiert und bei Bedarf geändert werden.

Ein großes Thema ist vor allem für Mütter die Selbstfürsorge. Hast du in diesem Bezug einen Tipp/Ansatzpunkt für die Leserinnen?

Ja, und die teile ich auch gerne, denn aus eigenem Erleben weiß ich, wie wichtig es ist, den eigenen Bedürfnissen regelmäßig Zeit und Raum zu geben. Zum einen, um in der eigenen Kraft zu bleiben und zum anderen um dann auch genug Energie für alles andere zu haben.

Es gibt ein sehr treffendes Zitat von Marshall Rosenberg, der sagt: „Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tun es andere auch nicht.“ Das trifft es aus meiner Sicht sehr gut, denn wir sollten in Sachen Selbstfürsorge selber unsere eigene Chairperson sein und Verantwortung für uns und unsere Bedürfnisse übernehmen.

Ganz konkret heißt das, sich erstmal die Zeit zu nehmen, sich dieser Bedürfnisse überhaupt bewusst zu werden. Zu wissen, was einem gut tut und was eben auch nicht. Der nächste Schritt ist dann in die Umsetzung zu gehen und mit sich selber ebenso fürsorglich umzugehen, wie auch mit seinen Mitmenschen. Ich habe gemerkt, dass es mir hilft, Routinen zu entwickeln und mir ganz bewusst Zeitpunkte in meinem Tag oder in der Woche einzuräumen, in denen ich etwas für mich tue. Sei es das oben erwähnte morgendliche Wasser trinken beim Brotzeitboxen vorbereiten, der wöchentliche Yoga-Abend mit meiner Nachbarin oder die Joggingrunde am Wochenende, die übrigens auch mit Kindern geht (auf dem Fahrrad oder im Kinderwagen).

Abschließend zwei weitere Tipps:

  1. Nnimm Hilfe in Anspruch, wenn Du merkst es geht nicht mehr. Vielleicht kannst Du Dich mit den Nachbarn beim Kochen oder bei der Kinderbetreuung abwechseln. Oder Du gönnst es Dir hin und wieder, Lebensmittel online zu bestellen, um die Zeit, die Du eigentlich für den Wocheneinkauf brauchst, in Dich zu investieren.
  2. Sei mit Dir selber genauso verständnisvoll wie Du es mit anderen wärst. Führe Dir immer wieder vor Augen, was Du alles schaffst und lobe Dich auch ganz bewusst dafür – das ist Balsam für die Seele.

Du hast selbst zwei Kinder, eins davon benötigt besondere Förderung. Wie bringst du alles unter einen Hut?

Ja, unser jüngeres Kind kam damals unvorhergesehen zu früh und mit einigen Beeinträchtigungen auf die Welt, die unseren Alltag bis heute prägen und beeinflussen. Sei es durch wöchentliche Therapien, Arztbesuche, der Förderung im Alltag oder Anträge, die zu bestimmten Themen gestellt werden müssen und der immer währende Zukunftsfragen, wie und wo unser Kind später ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen kann. Mein Mann und ich teilen uns diese Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf. Da wir keine Großeltern vor Ort haben, haben wir auch schon frühzeitig angefangen, uns ein Netzwerk aufzubauen, um eine Babysitterin oder Leihoma zu haben, die uns bei Bedarf unterstützen kann. Denn eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre ist für mich, auch auf meine eigenen Energieressourcen zu achten. Und bei Bedarf Hilfe einzufordern und zu organisieren, wenn ich merke, es geht alleine nicht mehr.

Und wie lädst du deine Batterien wieder auf?

Es gibt ganz unterschiedliche Dinge, die meine eigenen Batterien wieder aufladen. Oftmals ist es sehr tagesformabhängig. Es gibt Tage, da brauche ich etwas für’s Herz und die Seele und dann ziehe ich total viel Kraft aus einem Telefonat mit einer lieben Freundin. An anderen Tagen steht mein Körper im Vordergrund, wenn ich merke, dass der mal wieder Bewegung oder Entspannung braucht. Dann jogge ich eine Runde an der Isar oder mache eine Yogastunde. Was ich mittlerweile täglich mache, ist eine Runde spazieren zu gehen und das am liebsten im Grünen. Das erdet mich sehr und lädt meine Batterien immer auf – egal bei welchem Wetter. Um uns als Paar diese Einzelzeit auch gegenseitig zu ermöglichen haben wir relativ schnell nach der Geburt unseres 1. Kindes, die „3-2-1 Regel“ für uns festgelegt. Ganz einfach gesagt bedeutet sie, dass wir uns Zeit als ganze Familie genommen haben (damals noch zu dritt). Wir haben uns regelmäßig Zeit zu zweit genommen (als Paar oder jeweils ein Elternteil mit dem Kind). Und wir haben darauf geachtet, dass sich jedes Elternteil auch ausreichend Zeit für sich alleine und die eigenen Bedürfnisse nehmen kann. Die Regel haben wir bis heute beibehalten und sie klappt auch mit zwei Kindern gut.

Was würdest du dir in puncto Vereinbarkeit und Wiedereinstieg von den Müttern und Vätern wünschen?

Was denke ich sehr hilfreich für die berufliche und persönliche (Lebens-)planung ist, ist sich idealerweise bei der Familienplanung schon die ersten Gedanken darüber zu machen, wie man sich als Paar den gemeinsamen Alltag mit Kind vorstellt. Sicherlich ist die Planung an diesem frühen Punkt noch nicht bis ins Detail möglich. Doch ich denke, dass es sinnvoll ist, basierend auf zusammen definierten Werten eine gemeinsame Vereinbarkeits-Vision zu entwickeln, die als eine Art Leitstern dem gemeinsamen Lebensmodell zu Grunde liegt. Das empfinde ich als sehr hilfreich, um sich bei allen anstehenden Entscheidungen immer wieder daran auszurichten. Ganz egal, ob das die Planung der Elternzeit betrifft, den Wiedereinstieg in den Job oder die Frage, wie man sich als Paar alle anfallenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten aufteilt. Diese Entscheidungen wiederum haben dann auch einen Einfluss auf das Berufsleben. Denn wenn ich als berufstätige Mutter oder berufstätiger Vater weiß was ich will und was mir wichtig ist, kann ich das auch dementsprechend meinem Arbeitgeber gegenüber kommunizieren und dann gemeinsam mit ihm besprechen, wie sich diese Vorstellungen umsetzen lassen.

Und wo können Unternehmen ansetzen?

Als Unternehmen gibt es meiner Meinung nach verschiedene Möglichkeiten, um Vereinbarkeit für die Mitarbeitenden besser lebbar zu machen. Ganz wichtig ist natürlich, dass grundsätzlich die Bereitschaft vorhanden ist, eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu etablieren. Das bedeutet, die Führungskräfte durch gezielte Schulungen oder Workshops dafür zu sensibilisieren, dass MitarbeiterInnen mit Kindern oder auch zu pflegenden Angehörigen (Stichwort: demographischer Wandel) ggf. andere Rahmenbedingungen brauchen. Angefangen bei flexiblen Arbeitszeitmodellen, der Möglichkeit bei Bedarf im Home-Office zu arbeiten. Über Meetings, die ganz bewusst nicht in den Nachmittag gelegt werden, verantwortungsvolle Aufgaben, die auch an Teilzeit-Eltern übertragen werden, transparente Kommunikation bei Elternzeit-Vertretung. Bis hin zu Zuschüssen für die Kinderbetreuung, ein Eltern-Kind-Zimmer oder Ferienangebote. Ich glaube grundsätzlich ist es wichtig, ein vertrauensvolles Miteinander zu schaffen, in dem die Bereitschaft herrscht sich gegenseitig zuzuhören, Flexibilität zu zeigen und Lösungen zu finden, die für alle beteiligten Parteien umsetzbar sind.

Mal Hand aufs Herz: Gibt es Vereinbarkeit überhaupt bzw. ist es realistisch?

Aus persönlichem Erleben und auch aus den Erfahrungen meiner Arbeit kann ich sagen, dass Beruf und Familie nicht dauerhaft in Balance sind. Es gibt immer wieder Phasen, in denen mal der eine und mal der andere Lebensbereich intensivere Anforderungen stellt (z.B. wenn das Kind vom Kindergarten in die Schule wechselt oder bei beruflichen Veränderungen).

Ich verwende, wenn ich über Vereinbarkeit spreche, gerne das Bild eines Mobiles. Das ist auch nicht ständig in Balance, sondern schwankt hin und her – je nachdem an welcher Stelle gerade etwas in Bewegung kommt. Und die Frage ist dann jedes Mal wieder, wie müssen die anderen Teile darauf reagieren, um wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu komme und diese Balance eine Zeit lang zu halten bis die nächste Veränderung kommt. Denn die kommt, das ist sicher. Daher ist es denke ich wichtig, eine entsprechende innere Haltung zu entwickeln und flexibel zu bleiben und ja, das ist nicht immer leicht und kostet zwischenzeitlich auch Kraft.

Zu guter Letzt: Gibt es ein Buch, welches dich beeinflusst hat und das du weiterempfehlen möchtest?

Ja, ein Buch, das ich den LeserInnen ans Herz legen möchte und das mich schon seit langem immer wieder begleitet ist „The Big Five for Live“. Eine ganz wunderbare Lektüre, in der es um den persönlichen Zweck der Existenz und die eigenen Werte und das persönliche Warum geht. Und ganz egal, ob es um den persönlichen oder den beruflichen Kontext geht, sind diese Punkte aus meiner Sicht sehr hilfreich und wichtig, um einen inneren Leitstern zu haben an dem man sich selber immer wieder ausrichten kann.

 

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Titelbild: ©Ina Zabel

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