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FORGESTELLT Update: Wie wird und bleibt man als Expatfrau unabhängig, liebe Anja?

9. März 2021

Anja wurde bereits bei FIELFALT vorgestellt: Link. Sie ist Mutter zweier Kinder, Personalerin und ehemalige «Expatfrau». Was das genau heißt, wie ihr Expatleben plötzlich ein jähes Ende nahm und wie sie aus einer Abhängigkeit herausfand, berichtet sie uns.

 

Liebe Anja, was bedeutet es, eine „Expatfrau“ zu sein und wie sah dieses Leben bei dir aus?

Ich muss gestehen, ich hatte ein sehr komfortables Leben in Kanada und vorher in Tokio. Wir hatten ein schönes Haus, waren nah an „downtown“ und dadurch, dass ich meine berufliche Perspektive im Home Office gefunden hatte, konnte ich sehr flexibel bei der Kinderbetreuung agieren. Auch die sehr langen Schulferien im Sommer stellten nie ein Problem dar, da ich ja von zuhause aus arbeitete.

Ich habe meine „corporate career“ beendet, als wir Ende 2013 nach Japan gezogen sind und habe es eigentlich nie bereut. Natürlich hat man manchmal Momente, in denen man denkt, man ist doch eigentlich mehr als „nur“ Mutter und Teilzeit Coach/Personalerin, aber so wie mir geht es vielen Expat-Frauen in der ganzen Welt und man geht nach einer gewissen Zeit einfach „mit dem flow“. Es war auch in unserem Fall nie anders geplant; mein Mann machte Karriere, war sehr oft und sehr lange geschäftlich unterwegs und ich hatte diesem Leben zugestimmt und mich auch irgendwann damit arrangiert. Ich war eben Mutter und Vater zugleich und habe mich um die alltäglichen Dinge gekümmert. Dadurch habe ich mich beruflich neu orientiert und in der Zeit, als die Kinder dann auch endlich beide in der Schule waren, ging für mich mein Leben wieder los. Aus den gelegentlichen Jobs am Vormittag wurden plötzlich wieder neue und mehr Aufträge, denn ich hatte dann Zeit bis 15 Uhr am Nachmittag.

Zuletzt habt ihr in Kanada gelebt. Du warst zwar selbständig, aber visatechnisch abhängig von deinem Mann. Was bedeutet das und wie fühlt sich das an?

Ehrlich gesagt, war das ein sehr komisches Gefühl, denn wie in vielen anderen Ländern ist es auch in Kanada so, dass der, der die Work Permit/Arbeitsgenehmigung hat, auch irgendwie der ist, der über die finanziellen Möglichkeiten verfügt. In unserem Fall war das sogar so, dass ich bei der Bank kein eigenes Konto eröffnen konnte, kein Handy anmelden konnte, keine Auskunft bei der Versicherung bekam, wenn mein Mann nicht dazu seine persönliche Einwilligung gab. Das ist natürlich als sehr selbstbestimmte und unabhängige Frau erst einmal schwer zu verdauen und hat mich oft an meine Grenzen gebracht, da mein Mann oft beruflich unterwegs war und ab und an gehen Dinge halt auch im Haushalt kaputt oder das Auto bleibt liegen und dann muss man über zig Zeitzonen hinweg tausende Anrufe tätigen, bis so banale Dinge einfach wieder geklärt sind. Da wünscht man sich manchmal, man wäre in Deutschland, wo Mann und Frau einfach gleichberechtigt vor sämtlichen Behörden agieren können. Im Fall von Kanada hat mich das sehr überrascht…

Leider hat euer Leben ein abruptes Ende genommen. Möchtest du davon berichten?

Das ist tatsächlich kein leichtes Unterfangen, aber ich hoffe, dass ich einigen mit meiner Geschichte Mut machen kann, denn es gibt immer einen Ausweg – egal, wie ausweglos die Situation auch manchmal erscheint. Je mehr ich schreibe, desto mehr Tränen kommen wieder in meine Augen und es fällt mir sehr schwer…..

Ich habe leider im Herbst 2020 herausgefunden, dass mein Mann im Laufe der letzten fünf Jahre in Kanada mehrere außereheliche Affären hatte und praktisch ein Doppelleben geführt hat. Ich hatte keine Ahnung davon, denn ich war ja mit den Kindern quasi diejenige, die immer zuhause war und unser Leben spielte sich in einem Vorort von Toronto ab, in dem die Schule der Kinder war, alle Freunde und unser Alltag. Ich hätte das Doppelleben meines Mannes nie herausgefunden, wenn denn Covid-19 nicht gekommen wäre und ihn gezwungen hätte, im Home Office zu arbeiten. Dadurch wurde ich Zeuge von mehreren Telefonaten, deren Inhalte mich so erschüttert haben, dass ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll.

Ich habe ihn eines Abends damit konfrontiert und man konnte sehen, dass er nie im Leben damit gerechnet hätte, dass ich dies herausfinden könnte. Er hat dann unserer Ausreise zugestimmt und auch, dass wir unsere Scheidung in Deutschland anstreben. Ich muss ehrlich sein, ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, dass ich gegangen bin … und das mit einem so klaren Verstand. Ich sehe noch vor mir, wie ich das Leben von mir und den Kindern in 5fünf Koffer gepackt und dabei nur noch geweint habe. Eine sehr gute Freundin hat mit mir geweint und mit mir gepackt. Ohne sie wäre ich dazu nicht im Stande gewesen – ich bin fast daran zerbrochen.

Mein Mann hat sich in dieser Zeit extrem von mir distanziert und gibt uns auch heute noch die Schuld an dieser Situation. Seiner Ansicht nach hätte ich doch mit den Kindern bleiben können und er hätte uns das komfortable Leben auch weiterhin ermöglicht.

Dennoch: Ich bin Ende September mit den Kindern nach Deutschland geflogen und erst hier wurde mir dann auch klar, was das Ganze eigentlich bedeutet – nämlich, dass ich mein gesamtes Leben in Kanada, unser Haus und Freunde dort zurücklasse….

Wie war und ist diese Situation für euch als Familie und für dich persönlich?

Den Kindern haben wir erst ein paar Tage nach der Ankunft alles erklärt und sie waren natürlich sehr traurig, denn eigentlich hatten wir das perfekte Leben, hatten kaum Streit außer die normalen Reibereien, die man halt ab und an in einer Ehe hat. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, was auch im Nachhinein noch alles ans Tageslicht gekommen ist… Ich glaube ich habe die ersten beiden Monate in Deutschland eher funktioniert, wie ein Roboter, einfach nur gelebt, damit es für die Kinder irgendwie weitergeht.

Mein Mann und ich haben dann natürlich auch viele Streitgespräche geführt und auch unendlich viele Anwaltstermine vor Ort bzw. am Telefon/virtuell gehabt, bis wir endlich im Oktober durch eine Scheidungsfolgevereinbarung nicht nur unsere Finanzen, sondern auch den Lebensmittelpunkt der Kinder in Deutschland final festgelegt haben.

Mittendrin stand auch im Raum, dass die Kinder und ich zurück nach Kanada müssen und das hat mich mit dem Rücken zur Wand stehen lassen und ich wusste an manchen Tagen keinen Ausweg mehr und habe nur noch geweint. Ohne die Hilfe meiner Familie wäre ich in diesen Situationen wahrscheinlich zerbrochen.

Ich ermutige jeden von euch, der in einer ähnlichen Situation ist ,in einen sehr guten international erfahrenen Scheidungsanwalt zu investieren, das ist in dieser Situation das A und O, denn er hat mich oft auch einfach am Telefon nur weinen lassen und hat im Hintergrund alles für mich organisiert. Ohne ihn hätte ich die Situation vielleicht auch nicht geschafft.

Viele werden sich wahrscheinlichdenken, warum bist du nicht zurück gegangen, für die Kinder wäre es doch das beste gewesen, aber ich möchte darauf ganz klar antworten, dass man in dieser Situation immer die Gesamtsituation betrachten muss und Kinder brauchen vor allem einen emotional stabilen Elternteil, der das mit ihnen gemeinsam durchsteht. Unsere Kinder sind mit 5 und 8 auch noch sehr klein, um die Komplexität der Situation gänzlich zu verstehen, aber in unserem Fall war dieser Umzug nach Deutschland die bessere Wahl und wir haben beide in diesem Fall immer das Gleiche kommuniziert, nämlich, dass sich der Papa von der Mama getrennt hat, weil er sie nicht mehr lieb hat, aber die Kinder schon.

Es gibt Tage da klappt es besser und es gibt Tage, da ist es schwieriger, aber insgesamt denke ich, dass es für uns die bessere Situation ist. Natürlich musste ich auch finanziell auf Vieles verzichten, nur das wir hier leben können, aber das war es mir wert – ein goldener Käfig für mich und die Kinder wäre keine Option gewesen.

Es war uns beiden auch immer klar, dass wenn wir uns einmal trennen, ich mit den Kindern zurückgehen werden, das hatten wir auch so festgelegt. Mein Mann hat sich mittlerweile in Deutschland einen zweiten Wohnsitz in der Nähe angemietet und sieht die Kinder regelmäßig, wenn er hier ist und sie haben FaceTime, wenn er in Kanada ist.

Es ist natürlich nicht ideal, aber ich fühle den Boden unter meinen Füßen wieder und das ist das Wichtigste für uns drei in dieser Situation.

Du bist aktuell wieder mit deinen Kindern in Deutschland und arbeitest angestellt im HR-Bereich. Allerdings war der Anfang in deinem Heimatland holprig. Wieso genau?

Das Schwierige in dieser Situation ist, dass man sich nicht um Dinge primär kümmern kann, die in anderen Expatfamilien bei einem Rückzug an der Tagesordnung sind: Nämlich das Zurückziehen in eine Kultur, die uns als Eltern nicht fremd ist, unsere Kinder aber nur aus Urlauben kennen. Sprachliche und emotionale Hürden sind da ganz normal.

Das Thema Third-Culture-Kids war zwar und ist nach wie vor in meinem Kopf, aber überlagert durch Dinge, die einfach wichtiger waren/sind. Es ist schwierig gewesen, einen neuen Wohnort und eine neue Schule zu suchen, es gab sprachliche Herausforderungen, aber auch ganz banale Hürden wie das Anmelden in einer deutschen Krankenkasse, was ja eigentlich nicht so schwierig sein kann und doch…es waren Hürden, die unüberwindbar schienen am Anfang. Erst jetzt, einige Monate nach unserer Ankunft, ist die Krankenkassenfrage und auch das Kindergeld endlich bewilligt. Es mussten unzählige Nachweise, Übersetzungen etc. nachgereicht werden und auch trotz Covid-19 mit der Post, nicht einfach mal auf dem digitalen Weg.

Außerdem macht es einem das deutsche Schulsystem (auch in der Grundschule) nicht einfach, denn hier steht einfach der individuelle Lernerfolg im Mittelpunkt. Mittlerweile sind die Kinder gut angekommen und leben sich ein. Natürlich ist es mitunter noch schwierig, aber vor Ort in Kanada wäre es auch nicht einfacher gewesen. Hier haben wir Oma/Opa und auch weitere Familie um die Ecke, die oft einspringen, das ist so toll. Eine Trennung der Eltern wirbelt immer alles durcheinander und womöglich hätten wir auch in Kanada den Wohn- und Schulort wechseln müssen…

Wie fühlt es sich an, wieder eigenes Geld zu verdienen, eine eigene Kreditkarte zu besitzen und frei entscheiden zu können?

Es ist toll, ehrlich gesagt, ich hatte das schon ganz vergessen. 🙂 Es sind die kleinen Dinge, die ich wieder alleine entscheiden kann, das gibt mir ein neues Selbstbewusstsein. Deutschland ist wirklich ein tolles Land, nicht nur landschaftlich, sondern auch günstig zum Einkaufen im Supermarkt (im Vergleich zu Tokio und Toronto). Man hat hier fast 30 Tage Urlaub im Jahr plus viele Feiertage und die Schulbildung ist kostenlos, der Kindergarten ist mehr als bezahlbar und auch wenn einem die ein oder andere bürokratische Hürde anfangs in den Weg gelegt wird, es gibt ein soziales Netz.

Ich glaube, man lernt es schätzen, wenn man lange weg war und den Alltag auch woanders er- und gelebt hat.

Du hast berichtet, dass du dich nie wieder in eine solche Abhängigkeit begeben möchtest. Warum?

Ich habe mich einfach etwas gefürchtet, meinen Mann zu verlassen, da ich jahrelang finanziell abhängig von ihm war. Ich habe von unserem komfortablem Leben profitiert und nie das in Frage gestellt, was ich hatte. Ich hatte kein eigenes Konto, kein eigenes Handy, nicht einmal die Versicherung lief auf meinen Namen. Ich hatte einfach Angst vor der Realität, wie es weitergehen soll, auch finanziell. Wenn ich nochmal die Zeit um sechs Jahre zurückdrehen könnte, dann hätte ich meinen Job nicht so einfach aufgegeben, sondern wäre vielleicht in den unbezahlten Sonderurlaub gegangen, Elternzeit verlängert, hätte meinen Nebenwohnsitz in Deutschland behalten und auch auf ein Konto in meinem Namen regelmäßig einbezahlt.

Was rätst du anderen Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?

Sichert euch finanziell ab!!! Macht einen Ehevertrag, egal, wie hoch eure Ersparnisse sind. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich jemals in diese Situation kommen würde. Das Beste, was ich gemacht habe, war, dass ich auch im Ausland meinen Job nie ganz aufgegeben habe, ich war (wenn auch in Teilzeit) trotzdem im Thema „drin“, hab mich hin-und wieder weitergebildet, das hat mir den Neu-Einstieg in Deutschland unglaublich erleichtert. Ich habe die „corporate Arbeitswelt „vor sechs Jahren verlassen, habe drei Bewerbungen nach meiner Rückkehr geschrieben und habe drei Angebote auf dem Tisch gehabt – das hat mich unglaublich stolz gemacht.

Und was empfiehlst du Frauen, die aufgrund der Familie ihren Job aufgeben und vielleicht sogar mit ihrem Mann ins Ausland ziehen?

Genießt die Zeit, es ist wunderbar! Nehmt alles mit, was ihr dort vor Ort erleben könnt: kulturell, sprachlich etc. Engagiert euch in der Community, der Schule, lernt die Sprache und versucht, auch Deutschland nie ganz auszublenden. Verliert außerdem nicht euren Bezug zu euer Heimat. Redet vielleicht mit einem Notar oder Anwalt, wie ihr abgesichert seid im Fall der Fälle und wie die Regeln für die Kinder sind.

Was ist seitdem dein Motto/Mantra?

Look at the pain to understand the purpose.

Vielleicht auch einfach nur: „Man weiß nie, für was etwas gut ist am Ende.“

Diese Zeit im Ausland kann mir niemand nehmen und ich bin dadurch stärker und unabhängiger geworden. Ich weiß jetzt genau, was ich will und was ich nicht will.

 

Anja lebt und arbeitet wieder in ihrer alten Heimat, im Erzgebirge im Umkreis von Chemnitz. Das hätte sie selbst nie gedacht, denn sie ist selbst vor knapp 20 Jahren von dort weggegangen und ihr Freundeskreis war und ist in München, wo sie viele Jahre gelebt hat.

Die Mieten hier sind jedoch im Vergleich zu München ein Traum und Schule, Hort und Kitaplatz waren überhaupt kein Problem … an den Dialekt muss sie sich erst gewöhnen. 😉

 

Titelbild: ©Photo by Ben White on Unsplash

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