FI: Forgestellt & Inspiration

FORGESTELLT: Ute Maria Lerner, Schauspielerin, Talkerin und Kulturmanagerin

10. Dezember 2019

Fielfalt traf die Schauspielerin, Talkerin und Kulturmanagerin Ute Maria Lerner aus Anlass ihres Gastspieles bei dem Literaturfestival Zürich liest in Zürich und sprach mit ihr über ihre Rollen und Projekte, Transformationsprozesse und über Vieles mehr …

 

Liebe Ute Maria, ohne welche fünf Gegenstände würdest du niemals das Haus verlassen?

Das Smartphone, eine „Emil“ Wasserflasche, Reiseengel in Form eines Steins, eigene Bio Teesorten und Postkarten von meinen aktuellen Projekten. Zumindest ist das dann der Basis Inhalt meiner Handtasche, dazu kommt noch mein roter Lippenstift, dann sind es sechs Gegenstände.

Welche drei Eigenschaften würden deiner besten Freundin spontan einfallen, wenn ich sie zu dir befrage?

Gesegnet mit Humor und kann auch über sich selbst lachen, selbstbewusst und eigenwillig. Und ich selbst würde noch hinzufügen, dass ich verbindlich und arbeitsam bin. 🙂

Du hast einen unheimlich interessanten Lebenslauf und hast mit Pantomime gestartet, bevor du zur Schauspielerei und mittlerweile auch zu ganz anderen Themen Feldern gekommen bist. Bitte beschreibe uns doch deine wichtigsten Stationen und wie es jeweils dazu kam.

Vor dem Abitur haben mich Pantomime und Malerei fasziniert. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Kommunikation meine Stärke ist. Daher war dann schnell  klar: Ich werde Schauspielerin. Nach drei Vorsprechen an staatlichen Schauspielschulen und einem Schlüsselerlebniss als ich in die vorletzte  Runde gekommen war und ein Dozent dann die, die es eben nicht weiter geschafft haben verabschiedete, wurde mir die Absurdität plötzlich bewusst. Da dachte ich: Ich kann mir doch nicht von jemand anderem sagen lassen, was ich in meinem Leben machen will. Daraufhin und nach einigen Durchsetzungskämpfen mit meinen Eltern habe ich dann eine private Schauspielschule in Düsseldorf besucht, nachdem ich schon angefangen hatte, Romanistik zu studieren. Parallel habe ich Kurse bei internationalen Dozenten wie beispielsweise Yoshi Oida vom Peter Brook Ensemble am Berliner Theaterhaus besucht. Bei der Zwischenprüfung wurde ich nach Wuppertal ans Theater engagiert für ein Stück und nach der Abschlussprüfung merkte ich, dass ich aus meinem damaligen Umfeld Düsseldorf und von meinem Freunden nicht weg wollte. An den vereinigten städtischen Bühnen Krefeld Mönchengladbach fing damals ein neuer Intendant an. Ich habe mich komplett darauf fokussiert, nach Krefeld zu gehen, und es war erfolgreich. Immerhin wurde ich unter 400 anderen Bewerbern genommen. Ich war also in meinem ersten festen Engagement, merkte dann aber mit der Zeit, was ich nicht wollte; beispielsweise gefiel mir die Theaterpolitik überhaupt nicht. 1988 hatte ich meine erste Filmerfahrung gemacht, und als ich in Krefeld war, erhielt ich das Angebot in Doris  Dörries Kinofilm Keiner Liebt mich mitzuspielen. Ich spürte damals schon, dass das Freischaffende mir wohl mehr liegen würde, auch wollte ich mehr Filmarbeit machen, und das ließ sich mit einem festen Theaterengagement immer nur schwer vereinbaren. Ich habe dann von mir aus gekündigt.Der Sprung ins kalte Wasser war aber die richtige Entscheidung. Seit 1995 war ich dann freischaffend, und bin es bis heute.

Mit dem deutsch-italienischen Film „Die Flügel des Lebens“ landete ich einen Coup – ich drehte vier Monate in Italien und es war dort ein großer Erfolg. Leider ist der Film nicht nach Deutschland gekommen und hatte demnach keine großen Auswirkungen auf meine weitere Filmkarriere. Da hatte ich meine zweite Schlüsselerkenntnis: Mir wurde klar, dieses Business ist so total unberechenbar, da will ich mich nicht zermürben lassen. Ich habe mich immer mehr auf meine eigene Kraft konzentriert und meine eigene Kreativität. So brachte ich 2001 mein erstes eigenes Projekt heraus, einen Abend über Erika und Klaus Mann zusammen mit meinem Kollegen Mark Weigel. Es wurde eine Erfolgsstory. Mittlerweile präsentieren wir den Abend im 19. Jahr.

Irgendwann, ausgelöst durch eine Trennung hatte ich eine Krise, und kam dadurch zur Spiritualität und zu alternativen Heilmethoden. Ich ließ mich auch in einigen Heilmethoden ausbilden. Dieser Weg zurück zu mir war das Beste, was mir passieren konnte, und was mir heute meine Kraft und Stärke gibt und ein anderes Verständnis für unsere Existenz. Aber ich wollte meinen beruflichen Schwerpunkt nicht verlagern, sondern nur erweitern. Ich bin nun einmal Künstlerin und brauche das Kreative und Kommunikative. Dazu habe ich schon seit Jugendzeiten diese Energie, etwas bewegen zu wollen, nur hat sich die Energie vom Kämpferischen eher ins Verbindende/Integrative und Sanfte transformiert.

2012 habe ich die UMA Talks in Köln ins Leben gerufen, wo ich zu gesellschaftlich relevanten Themen an besonderen Orten Gäste eingeladen habe. 2014 kam dann eine weitere Leidenschaft – das Reisen – wieder zum Vorschein, und nach einem dreimonatigen Sri Lanka Aufenthalt ist die Idee entstanden, eine Reisewebseite aufzulegen und besondere Orte in der Welt zu portraitieren sowie Menschen, die besondere Orte kreieren.

Aktuell merke ich, dass wieder eine neue Phase entsteht. Ich möchte in den kommenden Jahren dem Thema Potentialentfaltung von Frauen Raum geben und ich denke, da kann ich nun mit meinen Erfahrungen Frauen wichtige Impulse und Unterstützung geben, Frauen stärken und sie vernetzen. Vor allem möchte ich auch unterschiedliche Generationen von Frauen zusammenbringen. Hier bin ich schon in der Entwicklung von neuen Konzepten.

Mark Weigel und Ute Maria Lerner 2001 für das Erika und Klaus Mann Projekt (Foto: ©Hilde Wilms)

Du bist vielseitig interessiert und engagiert. Welche deiner beruflichen (oder vielleicht auch eine private) Rollen ist dir die liebste?

Ich bin definitiv eine Künstlernatur! Neben dem bereits Genannten möchte ich mich irgendwann gerne mehr dem Schreiben widmen und würde noch so vieles gerne machen, was ich aber womöglich nicht mehr alles in diesem Leben realisieren kann…

Inwiefern spiegeln deine Engagements deine Persönlichkeit wider?

Meine Basis ist die Kreativität und ich bin immer leidenschaftlich und engagiert. Beseelt eben von dem, was ich tue. Deshalb kreiere ich das meiste selbst, entwickle Formate usw. Diese Schöpferkraft zu leben ist sehr erfüllend.

Das Mediengeschäft ist unheimlich hart und umkämpft und übt immensen Druck aus. Wie schaffst du es, damit umzugehen?

Ich unterwerfe mich diesem System ja nicht mehr, zumindest nicht als Schauspielerin. Gerne kann man mich anfragen, aber von selbst bemühe ich mich nicht mehr. Man soll ja nie etwas ausschließen, aber eine klassische Rückkehr an ein Schauspielhaus ist überhaupt nicht in meinem Fokus. Das müsste schon etwas besonderes sein, was mich reizt. Mein Schwerpunkt liegt mittlerweile ganz woanders. In Moment stelle ich mir vor, meine Talkkarriere noch auszubauen. Alfred Biolek hat ja auch ziemlich spät damit anfangen, also ich bin auf jeden Fall bereit für eine Alterskarriere. Und wenn ich Bühnenprojekte mache, dann meine eigenen oder mit Kreativen, die Wegbegleiter sind und die ich schon Jahrzehnte schätze. Zudem bedarf es in der gesamten Medienlandschaft einer Transformation; die #MeToo Debatte war da erst der Anfang. Immer noch stehen weitestgehend Männer an der Spitze der großen Medienunternehmen und sitzen an den zentralen Machtpositionen. Das Verhältnis ist noch sehr unausgewogen. Ich wünsche mir z. B. auch mehr Regisseurinnen. Vor allem muss doch endlich mal diese Altersmonotonie in den Medien aufhören. Es wird ein transformatives Jahrzehnt geben, vor dem wir stehen. Frauen werden endlich in ihre ganze Kraft kommen.

Würdest du deinen bisherigen Lebensweg (beruflich wie privat) nochmal genauso angehen oder würdest du etwas anders machen?

Im Großen ganzen ja, denn ich bereue nichts. Rückblickend wäre ich nur gerne noch mutiger und selbstbewusster in einigen Situationen gewesen. Beispielsweise würde ich im beruflichen Kontext direkt ins Ausland gehen und versuchen, mit den Regisseuren/innen zu arbeiten, die ich immer toll fand, also mich einfach internationaler orientieren.

Was würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?

Seid authentisch und mutig. Authentizität und Mut haben eine unheimlich durchschlagende Kraft. Angst ist kein guter Wegbegleiter und nur auf Basis von Angst kann auch Macht missbraucht werden. Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt zur Quelle!

Wer oder was inspiriert dich? Und wie integrierst du Inspirationsquellen in deinen Alltag?

Früher hatte ich Personen, die mich inspiriert haben und begeistert haben. Natürlich gibt es nach wie vor Menschen, vor allem Künstler/innen, die oder deren Arbeit ich sehr schätze und die mich inspirieren. Aber insgesamt lebe ich heute meine eigene Inspiration und Kraft und möchte Anderen ein Vorbild sein. Vor allem imponieren mir Menschen, die den Mut haben, sich den nötigen Transformationsprozessen zu stellen. Aber auch Menschen, die in ihrer Arbeit konsequent sind und sich selbst treu bleiben.

Was hast du zuletzt gewagt oder ausprobiert und welche private und/oder berufliche Herausforderung möchtest du als nächstes angehen?

Ich bin in meinem Leben schon sehr oft ins kalte Wasser gesprungen und wusste oft nicht, wie es weiter geht. Aktuell umtreibt mich das Projekt, mein Elternhaus in einen kreativen Gemeinschaftsort oder ein Künstler Retreat zu gestalten. Dazu braucht es aber Investoren und Unterstützer. Ich möchte auch gerne wieder mehr reisen, auch mal ein Jahr in einer ganz anderen Kultur leben, darüber schreiben etc. Und innerhalb meines Talkformates, der UMA talks, neue Formate entwickeln, auch im Ausland.

Zu guter Letzt: Was möchtest du der FIELFALT Community mit auf den Weg geben?

Seid mutig! Habt Mut zur Fielfalt, zur Einzigartigkeit, nach dem Motto: Jeder wird als Unikat geboren, die meisten sterben als Kopie. Angst ist nur ein Konstrukt und absolut irreal. Frauen werden im kommenden Jahrzehnt noch einmal einen Shift machen und in ihre ganze Kraft kommen. Es ist wichtig, sich dabei gegenseitig zu unterstützen und dabei die Männer mitzunehmen. Männer wie Frauen dürfen und wollen sich auch aus alten Rollenbildern verabschieden. Und dann denke ich, werden sie sich noch einmal ganz neu mit Respekt und Vertrauen begegnen können.

 

Ute Maria Lerner (Uma) ist seit über 37 Jahren als Schauspielerin tätig, außerdem Talkerin, Kulturmanagerin, Autorin und Bewusstseinsmentorin. Mit ihrem Schwerpunkt Literatur, Musik und Interkultur hat sie seit 2001 zahlreiche eigene Projekte mit starkem interkulturellem Focus realisiert. Im März 2012 startete sie in Köln ihr eigenes Live Talk Format unter dem Label UMA talks, in dem sie sich einer neuen Bewusstseinskultur widmet. Als Schauspielerin war sie an diversen Bühnen tätig und bisher in über 60 Film bzw. Fernsehrollen zu sehen. Im Winter 2013/2014 war sie als Gasttherapeutin in Sri Lanka. Sie schreibt zunehmend gerne über besondere Orte und das Reisen. 2015 erschien hierzu eine neue Web Page: www.bewusstreisen.com Seit 2012 widmet sie sich mit ihrem UMA Newsletter verstärkt den Themen Life Balance, Gesundheit, Nachhaltigkeit sowie Kultur, stellt schöne Orte auf der Welt vor und portraitiert spannende Menschen: https://us10.campaign-archive.com/home/?u=a03c4724dc4fd36cc83bbc730&id=47275c8689 2016 kehrte sie in den Westerwald zurück und übernahm des Maison Capitain, ihr Elternhaus. Sie veranstaltet dort die Kulturreihe ww(w) Blauer Salon. Im Herbst 2017 fand Premiere eines neuen Auftaktes innerhalb der UMA Talks: Lichtgespräche in der Glaskuppel auf Schloss Montabaur. Diese Talk Reihe wird auch im Internet ausgestrahlt.  

Einführung/ Vorstellung: Ute Maria Lerner / UMA talks https://www.youtube.com/watch?v=8PYzEg_6JVU

Mehr zu Ute Maria Lerner: http://www.maria-lerner.de und www.bewusstreisen.com

Titelbild: ©Sami Fayed Portrait

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