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Gender Equality rettet Leben

6. Mai 2020

Gastautorin: Nele Gohr von FINA·DIGITAL LTD

 

Frauen sind das schwächere und Männer das stärkere Geschlecht? Selbst in Zeiten, in denen die Gleichstellung der Geschlechter in aller Munde ist, kriegen wir die traditionellen Klischees nicht aus unserem Unterbewusstsein. Sogar in der Medizin werden Frauen auf Grund von stereotypen Vorurteilen in Diagnose-, Behandlungs- und Forschungsverfahren vernachlässigt. Doch während hier ein längst überfälliger Umbruch bevorsteht, profitieren deutsche Männer bereits seit Jahren von der fortschreitenden Gleichstellung.

In der aktuellen Studie des Telemedizin Anbieters Fernarzt werden die gravierenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Medizin hervorgehoben. Besonders genau wurde der Gender Gap in der Diagnose, der Lebenserwartung und der medizinischen Forschung untersucht.

1. Gender Gap: Diagnose

Vielleicht hast du schon einmal von dem sogenannten Eva-Infarkt gehört? Die Bezeichnung rührt daher, dass Herzinfarkte besonders bei jungen Frauen mit traditionell untypischen Symptomen auftreten können. Viele Ärzte diagnostizieren einen Herzinfarkt nach wie vor erst nach dem Auftreten der klassisch männlichen Symptome wie Brustschmerzen, Engegefühl oder Atemnot. Bei weiblichen Patienten hingegen äußert sich ein Infarkt häufig durch Übelkeit, Bauch- oder Rückenschmerzen und Müdigkeit. So kommt es zu einer auffälligen Unterdiagnostizierung von Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen, die wiederum dazu führt, dass wertvolle Zeit verstreichen kann, bis Hilfemaßnahmen eingesetzt werden. Auf Grund dessen ist die Anzahl der weiblichen Todesfälle im jungen Alter unverhältnismäßig groß.

Doch auch Männer leiden unter dem Gender Gap. Bei Depressionen zum Beispiel herrscht eine klare Unterdiagnostizierung des männlichen Geschlechts. Grund hierfür ist vor allem das stereotype Rollendenken, welches erschreckenderweise sogar noch in der Medizin vorherrscht. Traditionell wurden depressive Erkrankung nur an Frauen erforscht und werden noch heute vorwiegend mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht. Dies liegt einerseits daran, dass Männer seltener über ihren emotionalen Gemütszustand reden und andererseits daran, dass Ärzte bei Frauen eher eine Depression diagnostizieren, während sie Männern raten „sich zusammen zu reißen“.

Fernarzt hat zur Verdeutlichung des sog. Gender bias (geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt basierend auf dem traditionellen maskulinen Rollenbild) die Anzahl der diagnostizierten Depressionen und die Anzahl der begangenen Suizide von Frauen und Männern verglichen. Auffällig ist, dass bei einer Depressionsrate von weniger als der Hälfte im Vergleich zu Frauen, Männer in Deutschland fast dreifach so häufig Suizid begehen wie Frauen. Dies unterstützt die These, dass Depressionen bei männlichen Patienten deutlich seltener erkannt werden.

2. Gender Gap: Lebenserwartung

Besonders spannende Zusammenhänge tun sich auf, wenn man die Annäherung der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern in Bezug setzt mit der Gleichstellung der Geschlechter in der Gesellschaft.

Während die durchschnittliche Lebenserwartung deutscher Frauen 1998 noch sechs Jahre länger war als die der Männer, so waren es 2008 nur noch knappe fünf Jahre. Wie also kommt dieser Effekt zustande, wenn bei beiden Geschlechtern die Lebenserwartung weiter steigt? Es zeigt sich, dass besonders die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer in den letzten Jahren stärker ansteigt, als die der Frauen. Ebenfalls ansteigen tut der sog. GEI, der Gender Equality Index der Europäischen Union. Je höher der GEI in einem Land ist, desto besser steht es um die Gleichstellung von Mann und Frau. Hierfür fließen verschiedene Faktoren wie Arbeit, Gesundheit, finanzielle Mittel, Macht, Zeit und Wissen in die Berechnung mit ein.

Wenn man nun verschiedene EU-Staaten mit hohen oder niedrigen GEI-Werten vergleicht fällt auf, dass Länder wie Schweden mit einem GEI von über 80 Punkten lediglich einen Gender Gap von dreieinhalb Jahren in der Lebenserwartung ihrer Bevölkerung haben, während Länder wie z.B. Ungarn mit einer hohen Geschlechterungerechtigkeit und einem dementsprechend schlechten GEI von ca. 50 Punkten einen doppelt so großen Gender Gap in der Lebenserwartung verzeichnen.

Die Begründung dieses Phänomens lässt sich wieder auf die klassischen Geschlechterrollen und die damit verbundenen Lebensstile zurückführen. In Ländern mit einer höheren Gleichstellung der Geschlechter neigen die Männer zu einem risikoärmeren Verhalten. Dies zeigt sich in Bezug auf die Gesundheit vor allem an ihrem Alkohol- und Tabakkonsum, aber auch an der Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen oder ihrem verantwortungsbewussteren Verhalten im Straßenverkehr. Man könnte also sagen, dass die steigende Gender Equality vor allem Männern zu einem gesünderen und längeren Leben verhilft – wer hätte das gedacht!?

3. Gender Gap: Forschung

Auch in der Forschung besteht die Hoffnung, dass eine neue Generation an Medizinern die klassischen Rollenverhältnisse abschafft. Hier allerdings nicht nur im Umgang mit den Patienten, sondern auch in der Ärzteschaft selbst. Bislang sehen die Statistiken hierzu jedoch noch relativ nüchtern aus. So zeigt Fernarzt in seiner Studie, dass 2019 zwar 62% der Medizinstudenten weiblich waren, in Spitzenpositionen der klinischen Medizin zur Zeit jedoch nur ein 13%iger Frauenanteil herrscht.

Dies könnte ein Grund dafür sein, weshalb Frauen in der Forschung nach wie vor unterrepräsentiert sind. Denn jahrzehntelang wurden Medikamente ausschließlich für Männer entwickelt und noch heute werden die meisten Studien größtenteils an Männern durchgeführt.

Dabei gibt es unzählige Gründe und leider auch tragische Beispiele, weshalb ein für Männer sinnvolles Medikament nicht unbedingt auch für Frauen geeignet sein muss. Denn wir unterscheiden uns neben unseren Chromosomen, auch anhand unseres Immunsystems, Hormonhaushalts, am Anteil des Fettgewebes, Wassers, Muskelmasse uvm.

Man kann deshalb nur hoffen, dass auch in der Medizin eine individuelle Betrachtung und Gleichstellung der Geschlechter stattfinden wird. Wir setzen unsere Hoffnung in die neuen Generationen von heranwachsenden Ärzten und Ärztinnen und eine weitere Steigerung der Gender Equality hierzulande.

 

Demzufolge macht es Sinn, Gender Equality eingehend zu betrachten und zu forcieren – auch aus medizinischer Sicht!

 

Titelbild: ©Tim Mossholder on Unsplash

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