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Hallo zusammen, mein Name ist Nicole und #ichbinAutistin …

12. Februar 2020

Gastautorin: Nicole Baselt

 

Stell dir vor du musst 30 Jahre alt werden, um die Diagnose zu erhalten, die dein Leben auf den Kopf stellt. Plötzlich hast du für deine Schwierigkeiten und Herausforderungen einen Namen. Du kannst dich mit anderen identifizieren und bist mit dem ganzen Chaos in deinem Kopf nicht mehr allein.

So ging es mir, als ich vor knapp 1.5 Jahren meine Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ erhalten habe. Die ersten paar Tage, nachdem ich das Ergebnis schwarz auf weiß vor mir liegen hatte, vergingen wie in Trance. Ich bekam von meiner Umwelt gar nicht so viel mehr mit, weil ich so sehr mit dem Resultat beschäftigt war.

Meine Diagnose brachte mir Erleichterung!

Dann folgte ein Zusammenbruch, bei dem die ganze Anspannung aus der Zeit der Diagnostik aus mir herausbrach. Versteh mich bitte nicht falsch. Das waren Tränen der Erleichterung! Denn endlich bekam ich die Hilfen, die ich brauche, um mein bestes Leben leben zu können.

Ich informierte meine Chefs und Kollegen, die mir seitdem zur Seite stehen und mir helfen, meine Fähigkeiten – die gerade durch meinen Autismus für meinen Job als Software Testerin ideal sind – voll und ganz einzusetzen.

Ich fing an, mich besser zu verstehen und konnte immer mehr nachvollziehen, warum bestimmte Dinge, z.B. die unglaubliche Reizwahrnehmung, so anstrengend für mich sind. Früher konnte ich es nämlich nicht einordnen, warum ich immer so geschafft von allem war oder warum mir Veränderungen so schwerfallen.

Wenn du auf einmal weißt, dass der Autismus nie wieder weg geht

Der Zustand der Erleichterung hielt bei mir ca. ein halbes Jahr an. Dann folgte die Erkenntnis, dass ich meinen Autismus nie wieder loswerde. Er wird immer ein Teil von mir sein. Das ist erstmal eine harte Nuss, die ich in dem Moment für mich knacken musste, das kannst du mir glauben!

Dazu kam ein weiteres Gefühl ans Tageslicht: Wut. Wut auf meine Ärzte, die ich früher konsultiert habe, denn sie erkannten meinen Autismus nicht. Die mich dadurch falsch therapiert oder einfach mit Medikamenten abgeschossen haben, wodurch ich wie ein Zombie durch die Gegend lief. Dabei kann ich meinen früheren Therapeuten eigentlich keine Schuld geben. Denn sie wussten es damals einfach nicht besser.

Warum Wut eine sehr nützliche Emotion sein kann

Mittlerweile möchte ich diese Energie, die diese Wut bei mir freisetzt, nutzen.

Auf meiner Website „pinkspektrum“ kläre ich darüber auf, wie das Leben mit einer „Autismus-Spektrum-Störung“ ist und das trotz dieser Diagnose ganz viel möglich ist.

So versuche ich mein Leben aus meinem Spektrum so gut wie möglich zu beschreiben und die Potentiale und Stärken, die der Autismus mit sich bringt, aufzuzeigen. Denn diese können eine Bereicherung für den (Arbeits-)Alltag sein. Zum anderen hoffe ich, dass sich auch die einen oder anderen Betroffenen darin wiedererkennen und eigene Stärken selbstbewusst(er) vertreten können.

Ebenfalls möchte ich Angehörigen Mut machen und Wege aufzeigen, dass manchmal nur kleine Stellschrauben verändert werden müssen, damit betroffene Autisten im Alltag zurechtzukommen.

Ja und letztendlich hoffe ich, dass niemand mehr erst so spät diese Diagnose erhält. Daher versuche ich nun so gut wie möglich über die Thematik aufzuklären.

 

Nicole Baselt // pinkspektrum: Nicole hat im Alter von 30 Jahren erfahren, dass sie Autistin ist. Viel zu spät! Daher klärt sie nun über Autismus-Spektrum-Störungen auf und vor allem, dass auch Frauen betroffen sein können.

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Titelbild: ©Nicole Baselt

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