FA: Fielseitiges & Aspekte

Ich kann alles schaffen! Oder nicht? Wie Karriere-Mütter an Selbstzweifeln wachsen können

29. Januar 2020

Gastautorin: Silvia Funke

„Ich bin emanzipiert: Mir stehen alle Möglichkeit offen, ich kann alles schaffen, was ich möchte!“ Dieser Satz spricht an. Die meisten Business-Mamas würden ihn wohl unterschreiben und ihn als Ideal auch ihren Töchtern in der Erziehung vermitteln. Wir leben in einer Zeit, in der Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht mehr gemacht werden!

„Bescheidenheit ist eine Tugend“

Die Wirklichkeit sieht da allerdings etwas differenzierter aus, denn Medien, Omas und Opas oder die Spielzeugindustrie vermitteln uns und unseren Kleinen nach wie vor die typischen Rollenbilder von vor fünfzig Jahren – wenn auch etwas wohldosierter als früher. Es klingt gruselig, aber ist es nicht auch heute noch so? Da sind die Mädchen fein zurecht gemacht, perfektionieren im Rollenspiel ihre soziale Kompetenz und kümmern sich mit Kinderstaubsauger und Mini-Putzrollwagen ausgestattet um den Puppen-Haushalt. Mit Blick auf die spätere Karriere sind diese frühkindlich erworbenen Werte nicht unbedingt hilfreich. Bescheidenheit, Fürsorge und Zurückhaltung werden im sozialen Umfeld besonders gelobt und so gleichzeitig verstärkt und verinnerlicht. In diesem Kontext haben kleine Jungs einen klaren Vorteil: Von Anfang an sollen sie sich spielerisch behaupten, als kleine Helden stark sein, sich präsentieren.

Zwischen privater Perfektion und beruflicher Erfüllung

Es ist wohl das Schicksal der Mamas unserer Generation, dass wir uns zwischen der treusorgenden Gattin und Mutter und der emanzipierten Karrierefrau, die alles erreichen kann, aufreiben dürfen. Die alten Rollenbilder haben wir zwar irgendwie hinter uns gelassen, gleichzeitig ist es aber noch ein weiter Weg hin zur Gleichberechtigung. Denn auch wenn wir theoretisch alles erreichen könnten, heißt das noch lange nicht, dass in der Realität auch Strukturen existieren, welche beispielsweise die Vereinbarkeit von Job und Familie auch tatsächlich ermöglichen. Unsere Work-Life-Balance sieht oft so aus: ausgebrannt zwischen privater Perfektion (denn wir sind gnadenlos in unseren Ansprüchen an uns selbst und andere Frauen) und beruflicher Erfüllung (denn die zu erreichen ist heute für starke Frauen ein Muss). Beim Versuch, diesen Spagat zu meistern, überkommen uns immer wieder Selbstzweifel. Denn so ganz will er uns einfach nicht gelingen. Das liegt nicht immer nur daran, dass man nicht dehnbar genug ist. Es sind vielmehr die Strukturen, die gesellschaftlichen Erwartungen und nicht zuletzt unser eigenes Streben nach Perfektion, an dem wir scheitern. Dann kommen unweigerlich Fragen auf: Bin ich gut genug als Mutter, Ehefrau, Tochter? Sollte ich meine beste Freundin nicht öfter anrufen? Bin ich mit meinen beruflichen Fähigkeiten überhaupt noch auf dem neuesten Stand? Müsste ich nicht noch ein Ehrenamt übernehmen? Bin ich leistungsfähig genug? Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Selbstzweifel als Kurskorrektur

Selbstzweifel sind gemeinhin in Verruf: Sie bremsen uns aus, sie halten uns davon ab, mutig unseren Weg zu gehen, sie machen uns klein. Sie sind aber durchaus sehr sinnvoll, denn es ist auf der Überholspur unseres Lebens manchmal der Gesundheit förderlich, das Tempo zu drosseln.

Selbstzweifel sind wie eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Überholspur unseres Lebens. Sie verhindern unvorsichtige Manöver und sind damit unserer Gesundheit durchaus förderlich.

Selbstzweifel erlauben uns zu reflektieren und so nötige Kurskorrekturen vorzunehmen. Auch die Stärkste von uns kämpft mit ihren Selbstzweifeln. Niemand ist vor ihnen sicher – sie sind schlicht völlig normal und zur Selbstreflektion sogar wichtig. Der richtige Umgang mit ihnen kann uns im Dilemma zwischen Perfektion und Unsicherheit weiterbringen. Denn so wie es physisch nicht zwingend gesund ist, einen Spagat zu beherrschen, ist es auch nicht nötig, stets perfekt in Job und Familie zu sein. Selbstzweifel lassen uns kritisch hinterfragen, wie weit der Spagat für unser Wohlbefinden gehen darf. Wie also konstruktiv umgehen mit Selbstzweifeln?

Selbstzweifel zulassen

Zunächst einmal sollte man sich die folgende Frage beantworten: Möchte ich zulassen, dass mich meine Selbstzweifel einschüchtern oder will ich nicht doch lieber an ihnen wachsen? Natürlich wollen wir wachsen! Und deswegen dürfen wir unsere Selbstzweifel in einem ersten Schritt willkommen heißen. Sie dürfen formuliert werden. Sie dürfen sich breit machen.

Selbstzweifel einordnen

Die Selbstzweifel stehen nun im Raum. Jetzt müssen wir differenzieren: Sind diese Aussagen nichts als unreflektierte Selbstkritik?

„Du wirst das nie schaffen.“                      „Du bist nicht intelligent genug.“

„Du hast kein überzeugendes Auftreten.“

Stellen wir uns einmal vor, so etwas würde unsere beste Freundin zu uns sagen: Solch pauschale Aussagen würden wir nicht hinnehmen. Und das sollten wir auch mit dieser unreflektierten Selbstkritik tun. Wir müssen stattdessen fragen, was dahintersteht. Wir müssen ins Detail gehen: Habe ich vielleicht eine Niederlage erlitten, die mich glauben lässt, ich würde es nie schaffen? Habe ich eine komplexe Abhandlung gelesen, hatte zu wenig Zeit, das Thema ausführlich zu recherchieren und halte mich dem deswegen intellektuell für nicht gewachsen? Habe ich drei unruhige Nächte mit meinem kranken Kind hinter mir und glaube deswegen, ich hätte kein überzeugendes Auftreten?

Selbstzweifel verwandeln

Haben wir den situativen Kontext unserer Selbstzweifel erfasst, können wir schließlich konstruktiv mit ihnen arbeiten und die nötigen Kurskorrekturen vornehmen. Wir können uns zum Beispiel an unsere letzten Erfolge erinnern: Als uns etwas richtig gut gelungen ist, als wir für unsere Leistungen gelobt wurden, als wir richtig stolz auf uns waren! Wir können unsere eigenen Ansprüche kritisch hinterfragen: Wie realistisch sind sie, wo kommen sie her und gehören Fehler nicht zum Leben dazu? Wir sollten auch endlich aufhören, uns ständig zu vergleichen und uns an einem Ideal zu messen. Jeder bringt andere Voraussetzungen mit und wir sind aus Mangel an Distanz schlicht nicht in der Lage realistische Vergleiche anzustellen. Schließlich können wir uns einfach die Zeit nehmen, die wir brauchen: ob zum Recherchieren, zum Entspannen oder zum Schlafen! Dann kann sich der Schalter umlegen, die Segel können neu gesetzt, Atem geholt und der Kurs korrigiert werden.

Konstruktives „selbstzweifeln“ will gelernt sein

In diesem konstruktiven Umgang mit Selbstkritik müssen wir uns immer wieder üben. Das gelingt nicht sofort. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Denn dann können wir mit neuer Kraft und Selbstvertrauen sagen: „Ich bin emanzipiert: Mir stehen alle Möglichkeiten offen.“ Ich kann diese Führungsaufgabe übernehmen! Ich gewinne diesen anspruchsvollen Kunden! Ich organisiere dieses Schulprojekt! Ich werde mir meinen Porsche leisten! Ich kann alles schaffen, was ich will – und was meinem Wohlbefinden förderlich ist.

Silvia Funke ist seit über zehn Jahren PR-Consultant auf Agentur- und Unternehmensseite. Nach ihrer zweiten Elternzeit entschied sie sich gegen die Teilzeitfalle und arbeitet seitdem mit Funkspruch PR als freiberufliche PR- und Online-Marketing-Beraterin für erklärungsbedürftige Produkte. Sie liebt Texte aller Art und beschäftigt sich neben dem Schreiben am liebsten mit dem strategischen Einsatz der unterschiedlichsten Kommunikationskanäle. Mehr über Funkspruch PR erfahrt Ihr unter www.funkspruch-pr.de, bei Instagram oder bei Twitter.

Titelbild: privat

 

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