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Ohne Hormone zum Wunschkind

22. April 2020

Julia konnte nicht schwanger werden. Sie unterzog sich Hormonbehandlungen mit krassen Nebenwirkungen, wurde dann tatsächlich schwanger, verlor das Kind aber in der 17. Woche. Nach einer tiefen Krise schöpften Julia und ihr Mann Marco wieder Hoffnung. Sie hatten eine neue Methode zur Bestimmung der fruchtbaren Tage entdeckt. Seit März 2020 sind die beiden nun glückliche Eltern eines kleinen Jungen. Wir haben mit Julia über Ihren schwierigen Weg zur Schwangerschaft gesprochen.

 

Liebe Julia, wie ist es, wenn man merkt, dass der Kinderwunsch nicht so einfach wie gedacht in Erfüllung geht?

Nach der Diagnose habe ich mich einsam und irgendwie anders als alle anderen gefühlt. Ich hatte zwar schon im Gefühl, dass es bei mir nicht so einfach klappen wird, aber dennoch war die Tatsache dann erst mal wie ein Schlag ins Gesicht.

Wie seid ihr vorgegangen, als ihr wusstet, dass es auf natürlichem Wege wohl nicht klappen wird?

Ich hatte bereits eine Überweisung für die Kinderwunschklinik zu Hause und dennoch habe ich eine Weile gebraucht, bis ich tatsächlich einen Termin vereinbart habe. Nach einigen Gesprächen mit Marco und etwas Recherche im Internet habe ich festgestellt, dass es unheimlich viele Paare gibt, die in einer Kinderwunschklinik betreut werden. So dass ich dann den Schritt gewagt und ein erstes Beratungsgespräch vereinbart habe.

Wie hast du physisch und psychisch die Hormonbehandlungen verkraftet?

Die körperlichen Beschwerden hielten sich noch verhältnismäßig in Grenzen. Auf die Hormone habe ich erstmal mit Hautausschlägen und Hitzewallungen, vor allem in der Nacht, reagiert. Schlimmer waren die psychische Belastung und die depressiven Verstimmungen, die ich bisher nicht von mir kannte. Ich habe viel geweint und Marco musste mich immer wieder davon überzeugen, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben soll. Enorm belastend war auch die Tatsache, dass ich in meinem beruflichen Umfeld nicht über den Kinderwunsch und die Kinderwunschbehandlung gesprochen habe und mir Ausreden einfallen lassen musste, weshalb ich 3 Mal pro Woche viel später zur Arbeit kam als sonst.

Oftmals habe ich nach einer schlechten Nachricht in der Kinderwunschklinik auf der langen Rückfahrt geweint und musste dann in der Arbeit wieder ein freundliches Gesicht aufsetzen und teilweise über Sprüche wie „wie sieht es denn mit Nachwuchs auf? Du wirst ja auch nicht jünger“ hinweglächeln.

Du bist dann ja schwanger geworden, hast das Kind jedoch verloren. Ihr habt es dann auch weiterhin versucht. Möchtest du uns einen Einblick in deine damalige Gefühlswelt geben und wie schnell der Entschluss gereift ist, nicht aufzugeben?

Der Verlust unseres Kindes das Schlimmste, was mir bisher passiert ist. Es fühlte sich an, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggerissen und mir alles genommen, auf das ich mich gefreut hatte. Ich habe mich zuhause verkrochen, sehr viel geweint und war mit dem alltäglichen Leben überfordert. Der Entschluss, dass wir nicht aufgeben würden, kam bereits wenige Monate nachdem wir unser Baby verloren hatten, allerdings wusste ich auch, dass ich noch nicht bereit dafür war, es tatsächlich auch wieder zu versuchen. Für eine weitere Schwangerschaft wollte ich erst wieder glücklicher sein.

Ist man nach deiner Vorgeschichte nicht unheimlich angespannt während der Schwangerschaft? Wie bist du damit umgegangen?

Zunächst einmal war ich begeistert, dass das Schwangerwerden durch eine hochauflösende Zyklusbeobachtung mit OvulaRing plötzlich auf natürlichem Wege geklappt hat. Da gab mir Selbstvertrauen. Die ersten Wochen der Schwangerschaft waren jedoch schon emotional schwierig. Ich konnte das Glück nicht richtig an mich heranlassen, weil ich Angst hatte, es wieder hergeben zu müssen. Viele Gespräche im engsten Familienkreis sowie Yoga und Atemübungen haben mir geholfen, positiv zu denken und darauf zu vertrauen, dass unser Schutzengel, also unser erstes Baby, schon auf sein Geschwisterchen aufpassen würde.

Du gehst mit dem Thema in deinem Blog sehr offen um. Wie kam es zu dem Blog und wie sind die Resonanzen?

Den Blog habe ich erstellt, als ich damals mit der Behandlung in der Kinderwunschklinik begonnen hatte. Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht alleine bin und der Austausch hat mir unglaublich geholfen. Zuerst habe ich den Blog anonym geführt und irgendwann bin ich ganz offen mit den Themen Kinderwunsch, Verlust eines Kindes und auch mit der Schwangerschaft als Sternenmama umgegangen. Die Resonanz ist bisher durchweg positiv! Ich erhalte fast täglich Nachrichten von Frauen, die sich zum Beispiel bei mir bedanken, weil ich ihnen Mut mache und ihnen zeige, dass man die Hoffnung nicht aufgeben darf.

Was würdest du anderen Frauen raten, die in einer ähnlichen Situation wie du sind?

Ich fand die Erkenntnis erstaunlich, dass es andere, bessere Methoden gibt, als sich einer hormonellen Kinderwunschbehandlung zu unterziehen. Auf sich selbst zu achten, gut zu sich zu sein und den eigenen Körper zu verstehen sind ein guter Ansatz. Dass man den Zyklus im Fünf-Minuten-Takt aufzeichnen kann, war mir bis dato nicht bewusst gewesen. Aber auch der Austausch mit anderen Betroffenen kann unheimlich wertvoll sein, man fühlt sich verstanden, ernstgenommen und schöpft wieder Hoffnung, wenn man sieht, dass Andere auch wieder glücklich sein können. Menschen, die nie in einer solchen Situation waren, können das oft nicht verstehen und treffen nicht die richtigen Worte. Deshalb kann ich wirklich nur empfehlen, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Was wünscht du dir als Mama für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass ich unseren Sohn glücklich und gesund aufwachsen sehe und ihm eine liebevolle und sorgenfreie Kindheit ermöglichen kann.

 

Weiterführender Link:

https://www.instagram.com/julie_s_blog/?hl=de

 

Titelbild: ©Kelly Sikkema on Unsplash

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