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Wie es ist, eine „staatlich geprüfte Frau“ zu sein – über Transsexualität und Transidentität

29. Juli 2020

FIELFALT soll dazu inspirieren, ein vielfältiges Leben zu führen und die verschiedensten Facetten eines solchen aufgreifen. Ein Thema, zu dem ich unbedingt mehr berichten wollte, ist das Thema Transsexualität und Transidentität. Daher freue ich mich unglaublich, dass Ellen sich spontan (ich habe sie einfach angeschrieben) die Zeit genommen hat, von ihrem eigenen Weg und ihren Erfahrungen dazu zu berichten. Welche Ups und Downs sie psychisch und physisch durchlebt hat und warum sie sich als „staatlich geprüfte Frau“ bezeichnen kann, lest ihr in ihren Schilderungen.

Liebe Ellen, ich bin über deinen Blog auf dich und eines deiner Themen (wenn nicht dein größtes Thema), der Transsexualität/Transidentität, auf dich aufmerksam geworden. Aber vielleicht fangen wir ganz von vorne an. Du wurdest als „Junge“ geboren und hast irgendwann gemerkt, dass du kein Junge bist. Kannst du dich daran erinnern? Und wie war das?

Erstmal wurde ich grundsätzlich nicht als „Junge“ geboren, sondern einfach – auf Grund der sichtbaren und physisch vorhandenen Geschlechtsmerkmale – falsch einsortiert. Ich denke diese andere Sichtweise erklärt vielleicht vieles einfacher. Auch, dass ich mich persönlich eben nie als „Junge“ gesehen bzw. erlebt habe.

Aber ab wann merkt man, dass etwas nicht stimmt? Ich denke ab dem Punkt, an dem man von der Außenwelt mit gewissen Erwartungen konfrontiert wird, die man nicht erfüllen kann oder will. In meinem Fall war es primär die Grundschullehrerin, die mir und meinen Eltern ziemlich ungeschönt mitgeteilt hat, dass ich mich eben nicht so verhalte wie sie es sich in der Schule wünschten. Ich eckte also immer wieder an, weil ich eben lieber Rollenspiele mochte als mich beim Ballspielen auszutoben (u.v.m.). Das mein Freundeskreis damals hauptsächlich aus Mädchen bestand, brauche ich vermutlich nicht erwähnen. Das ich „anders“ war, ließen mich aber auch die Kinder aus der Nachbarschaft spüren. Ich war ihr bevorzugtes vermeintlich leichtes Mobbingopfer und so landete ich dass ein oder andere Mal verprügelt in einer der Mülltonnen.

Ich denke, es war genau diese grausame Kombination, die mich dazu brachte, mich vor der Welt und auch zum Teil vor mir selbst zu verschließen: „Ja, ich bin anders. Aber es geht nur mich etwas an und niemand muss es wissen.“ – Toleranz in der Gesellschaft war in den 80ern einfach nicht wirklich vertreten und Transsexualität / Transidentität war mir, sowie vermutlich vielen anderen, persönlich kein Begriff. Ich wusste eben nur: Ich bin kein Junge.

Dein Outing war erst Ende 30. Ein ganz schön langer Weg. Was war der Auslöser für dieses Outing?

Das Outing kam mehr oder weniger durch ein unabsichtliches Versehen zustande. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass ich in all den Jahren immer in persönlich stressigen Situationen dazu geneigt habe, mich entsprechend meiner Identität zu kleiden. Dinge spontan zu kaufen und diese nach den kurzen Phasen wieder zu entsorgen. Ab und zu machte ich dabei auch Fotos, die ich allerdings danach immer gleich entfernte. Na ja, diesmal war ich wohl nachlässig gewesen und hatte eins vergessen. Durch einen „dummen“ oder auch glücklichen Zufall bekam es meine Partnerin zu sehen und ich damit in extreme Erklärungsnot. Der Anstoß, der den Stein ins Rollen brachte. Ich fing an, über mich endlich wirklich und gründlich nachzudenken. Was schlussendlich die bewusst verdrängte Persönlichkeit nach oben spülte und mir vor Augen führte, wie sehr ich mich in den Jahren selbst betrogen und verleugnet habe.

Wie hast du den Mut dazu genommen? Und wie hast du dich danach gefühlt?

Genau das ist der Fehler, den viele annehmen. Ich war und bin nicht mutig. Ich kam nur an den Punkt, an dem ich nicht mehr weiter konnte. Es traf mich wie ein Schlag, als ich begriff, was ich mir selber angetan hatte. Welche Situationen in meinem Leben alle gewesen sind und die schon damals klar gezeigt haben, was wirklich mit mir los war. Dennoch hatte ich dies alles ignoriert und weggedrückt. Doch diesmal brach es aus mir raus. Es bahnte sich den Weg nach oben und zog mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weg.

Ich erinnere mich besonders intensiv an eine Begebenheit: Ich stand nach einem Einkauf auf dem Parkplatz und hatte die Lebensmittel bereits verstaut, als mich ein Flash-back mit so einer Wucht traf, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Tränen flossen mir über die Wangen und ich wusste danach – entweder ich öffne mich jetzt oder die nächste Station ist ein Aufenthalt in der Psychiatrie. Der Anfang vom Outing.

Ich glaube, viele Betroffene nennen diese Situation das „innere Outing“. Welches unweigerlich vor dem „äußeren Outing“ erfolgt. Und ja, es war im Endeffekt dann sogar leichter, es anderen zu sagen als es sich selbst einzugestehen. Dafür war aber jedes folgende Outing auch befreiend. Je mehr Personen es wussten und je weniger ich mich verstecken musste, umso besser ging es mir.

Wie hat das alles dein Umfeld aufgenommen?

Überraschend gut. Es gab bis auf ein paar wenige Ausnahmen überhaupt keine Probleme. Viel mehr wurde ich beim und nach dem Outing mit offenen Armen so angenommen wie ich bin. Oft hörte ich in der Zeit auch Aussagen wie : „Das haben wir uns doch schon lange gedacht“ oder „Na endlich, wurde auch höchste Zeit.“. Dies war natürlich Balsam für meine geschundene Seele, brachte mich aber auch erheblich ins Nachdenken. War es wirklich für so viele schon im Vorfeld ersichtlich und hatte ich mich so lange umsonst gequält? Warum sahen es andere kommen – nur ich nicht?

Trotz so viel positiver Rückmeldungen gab es eben auch Schattenseiten. So verlor ich innerhalb von wenigen Minuten nach dem Outing den Kontakt zu Menschen, die mir wichtig waren. Ich passte einfach nicht mehr in deren Weltbild und galt fortan für sie als „krank und pervers“ – etwas, mit dem man lieber nicht gesehen werden will. Toleranz hört leider bei einigen an der Fußmatte auf. Eine Erfahrung, auf die ich lieber gern verzichtet hätte. Genauso wie die Aussage, dass Kunden beruflich nun nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wollen, weil es sonst ein schlechtes Bild auf ihre Firma wirft.

Du bist psychisch wie physisch einige Maßnahmen angegangen. Möchtest du uns davon berichten?

Ein Punkt, der so viel umfasst, dass ich gar nicht so genau weiß, wo ich eigentlich anfangen und wo ich aufhören soll. Vielleicht mit dem deutschen und mittlerweile total veralteten Transsexuellengesetz von 1981. Dieses Gesetz verlangt von jeder Person, die ihr Geschlecht mittels einer Vornamens- und Personenstandsänderung entsprechend anpassen möchte, ein gerichtliches Verfahren, bei dem zwei voneinander unabhängige Gutachter einstimmig zum Ergebnis kommen müssen, dass die Person das Geschlecht hat als das sie sich empfindet. Mit anderen Worten: Ich musste mich zwei völlig fremden Personen offenbaren und alle möglichen intimen Details aus meinem Privatleben preisgeben, um denen zu erklären, wer ich wirklich bin. Dabei wurden auch Dinge abgefragt, die ich lieber vergessen hätte und die sonst niemanden etwas angehen. Darüber hinaus musste ich bei einem der beiden Psychologen einen IQ-Test machen, um vermutlich „zu beweisen“, dass ich intelligent genug bin. Wer weiß, was er sich dabei gedacht hat. Alles im Allen war dieses Verfahren, welches ich sogar selber zahlen musste, im Nachhinein einfach menschenunwürdig und erniedrigend. Doch eine andere Wahl hatte ich nicht, mein Geschlecht anerkennen zu lassen. Nun bin ich eben eine „staatlich geprüfte Frau“. Dabei könnte es so viel einfacher sein und eben ein Gesetz existieren, das dies per Antrag ermöglicht.

Neben diesem rechtlichen Prozedere der Anerkennung gibt es dann auch noch den der medizinischen Angleichung. Hierfür setzen die Krankenkassen zwingend eine begleitende Psychotherapie voraus, bei der ähnlich wie bei den Gutachten festgestellt wird, dass ein Geschlechtsdysphorie, also Transsexualität, vorliegt. Ich hatte das große Glück, dass ich vor meinen ersten Termin bei der Therapeutin bereits komplett geoutet war und wir so auf den häufig gewünschten Alltagstest verzichten konnten. Ich bekam bei ersten Treffen auch direkt die Überweisung zum Endokrinologen, um eine „gegengeschlechtliche Hormontherapie“ zu beginnen. Was eigentlich normalerweise mindestens sechs Monate oder länger dauern kann. Ich weiß auf jeden Fall heute, noch wie überrascht und perplex ich nach diesem Termin vor der Praxis mit der Überweisung stand und nicht begriff, was gerade geschehen war.

Ich bekam nun endlich weibliche Hormone. Ich glaube, es ist als nicht betroffene Person schwer zu verstehen, was diese Gefühl mit einem macht; zu wissen, dass nun endlich die richtige „Pubertät“ beginnt. Und ja, es verläuft tatsächlich wie eine Pubertät, da sich der ganze Körper auf ein neues Hormon umstellen muss, sind Stimmungsschwankungen normal.

Nach 18 Monaten Psychotherapie durfte ich dann einen Antrag für die Geschlechtsangleichende Operation stellen, die mich von dem ungeliebten und nicht zu mir gehörigen Geschlechtsteil befreien sollten. Die Freudentränen, als ich die Zusage der Krankenkasse für die OP in den Händen hielten, waren groß. Doch noch viel größer waren sie, als ich im Aufwachraum nach dem großen Eingriff nach unten griff und es einfach flach war. Ein unvorstellbares ergreifendes Gefühl, endlich angekommen zu sein. Irgendwie klingt das völlig nach Klischee, doch es ist so toll, wenn man beim Duschen nicht mehr versucht, krampfhaft an etwas vorbei zu schauen. Man die Scham vor sich selber verliert und einfach nur noch glücklich mit sich und seinem Körper ist. Und ja, selbst Dinge wie ein einfacher Toilettengang können so unendlich befreiend und aufbauend sein. Irgendwie macht es alle Schmerzen und Strapazen, die die Operation mit sich brachte, vergessen.

Es gehört große Stärke dazu, sich von dem eigenen Weg nicht abbringen zu lassen. Was würdest du anderen Menschen raten, die mit sich hadern den Weg zu gehen?

Den wohl besten und vernünftigsten Rat, den ich Menschen geben kann, die in einer ähnlichen Situation sind – wie ich es damals war: Holt euch so schnell wie möglich professionelle Hilfe und vertraut euch Menschen an, denen ihr wichtig seid. Es ist fast unmöglich, ohne Unterstützung einen Ausweg aus dieser beklemmenden und erdrückenden Situation zu finden. Auch wenn man letztendlich eine Transition nicht anstrebt oder will, so tut es doch gut, endlich mit jemandem offen darüber reden zu können ohne sich verstecken zu müssen. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen. Aber sehr wohl ist es unnötig, zu leiden, wenn man versucht, alles mit sich allein auszumachen und ggf. so sehr verzweifelt, dass das Leben keinen Spaß mehr macht. Seid es euch einfach wert, glücklich zu sein. 

Wer oder was hat dir auf diesem Weg am meisten geholfen?

Am meisten hat mir wohl tatsächlich der Rückhalt in der Familie geholfen. Das Gefühl zu haben, dass es Menschen gibt, die mich auf allen Ebenen und egal was ist unterstützen, tat einfach so unendlich gut. Meine Tochter meinte kurz vor meinem Outing mal zu mir: „Papi, du kannst auch ein Mädchen sein, wenn du willst.“ Dieses Gefühl, einfach akzeptiert zu werden, wie man ist, tut so wahnsinnig gut.

Auf allen anderen – nicht zwischenmenschlichen – Ebenen hat es mir geholfen, mich primär in Geduld zu üben. Der ganze Prozess kostet eben so unendlich viele Nerven. Man möchte am liebsten alles gleich und sofort und nicht warten. Aber es gibt eben Dinge, die nicht in den eigenen Händen liegen, sondern von anderen Faktoren abhängen. Ich habe es irgendwie geschafft, auch wenn Geduld keine Stärke von mir ist. 😉

Zu guter Letzt: Wie geht es dir heute?

Mir geht es tatsächlich heute viel viel besser. Ich ruhe mehr in mir selber, komme mit meinen persönlichen Eigenheiten besser zurecht und verstehe nun endlich, warum ich so bin wie ich bin. Statt mich zu Hause zu vergraben und den Kontakt zu Menschen zu meiden, möchte ich mittlerweile nur noch unterwegs sein. Dinge erleben, die ich mir seit dem Beginn der Pubertät nicht getraut habe. Konzerte, Partys, Cafés, eine beste Freundin haben und so vieles mehr.

Das Leben kann eben doch so schön sein. Natürlich gibt es auch dunkle schmerzliche Momente – gerade wenn mein Kopf mir bei meinem eigenen Spiegelbild vorhält, was mal gewesen ist. Dass es nicht real ist und dass nur noch ich es sehe, zeigt mir dann der Kontakt mit anderen Menschen, die mich eben nur noch als Ellen sehen. Ich lerne noch mit mir selber nicht mehr so hart ins Gericht zu gehen.

Das Leben heißt Veränderung und ich kann stolz sein, was ich geschafft habe.

 

Weiterführender Link: https://www.ellens-blog.de

 

Titelbild: ©Photo by Sharon McCutcheon on Unsplash

Übrige Bilder: ©privat

 

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