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Über Rabenmütter und begrenzende Glaubenssätze

20. Februar 2020

Den Begriff „Rabenmutter“ habe ich bislang nur im deutschsprachigen Raum gehört. Oft habe ich zudem das Gefühl, dass dieses Thema vor allem in Deutschland sehr aufgebauscht wird und nicht selten ins Persönliche geht. Meine Erfahrungen und meine persönliche Sicht- und Umgehensweise dazu, lest ihr in diesem Beitrag.

Begrenzungen und Rabenmutter-Attitüden

Meine erste Tochter wurde in Deutschland geboren und ich bin auch brav fast 12 Monate mit ihr zu Hause gewesen. Es war für mich eine sehr gemischte Zeit. Natürlich war es schön, Zeit zu haben, um sich auf die neue Rolle einzustellen. Es war toll, meine Tochter in ihrer Entwicklung ganz nah zu begleiten. Außerdem habe ich wundervolle andere Mütter kennen gelernt, mit denen mich zum Teil auch jetzt noch eine tiefe Freundschaft verbindet. Ich muss dennoch gestehen: Ich wäre gerne früher wieder ins Berufsleben eingestiegen und war fast erleichtert, als die Eingewöhnung in der Betreuungseinrichtung begann und ich wieder ins Berufsleben starten konnte.

Als ich tatsächlich nach ein paar Monaten der Elternzeit mit dem Gedanken spielte, das volle Jahr der Elternzeit nicht auszuschöpfen, kamen aus meinem Umfeld empörte Ausrufe und ich schloss ganz schnell wieder meinen Mund. Darüber hinaus wäre es sehr schwierig gewesen, für ein Kind unter einem Jahr einen Betreuungsplatz zu erhalten. Trotzdem: Wo ein Wille ist, gibt es auch eine Lösung. Und im Nachhinein hätte ich meine Bedürfnisse über meine Glaubenssätze, dann eine Rabenmutter zu sein, stellen müssen.

Befreiung im neuen Umfeld

Meine zweite Tochter kam in der Schweiz zur Welt. Und dort gibt es einfach keine Elternzeit, sondern nur einen Mutterschutz von 14 Wochen. Ich war damals noch im Angestelltenverhältnis und mein Vorgesetzter hatte sich sehr für mich eingesetzt. Von daher bin ich nach 14 Wochen wieder ins Berufsleben eingestiegen. Ich muss sagen, dass ich vor der Geburt die Umstellung für uns als Familie viel einfacher eingeschätzt habe. Es ging zwar alles gut, aber rückblickend würde ich vermutlich ca. sechs Monate zu Hause bleiben. Aber das ist ein anderes Thema, nämlich mein persönliches.

Was mir den Start zurück ins Berufsleben unheimlich erleichtert hat, war mein internationales Umfeld in der Schweiz. Freunde und Bekannte aus den USA, UK, Frankreich, Russland, Schweden & Co. fanden es zum Großteil normal, sehr schneller wieder im Job zu sein. Und nicht nur das: Die meisten fanden es auch gang und gäbe, Vollzeit zu arbeiten. Außerdem gibt es das dementsprechende Betreuungsangebot. Um ehrlich zu sein fühlte sich dieses Mindset fast wie eine Befreiung für mich an. Erntete ich bei Familie und Freunden aus Deutschland und Österreich nur erstaunte (und negative) Bemerkungen, war es in meinem jetzigen Umfeld normal. Und ja, ich weiß auch, dass in Deutschland Frauen wieder in den Job gehen und auch bei unseren ausländischen Nachbarn (auch und vor allem in der Schweiz) viele Frauen zu Hause bleiben. Aber darum geht es nicht.

Glaubenssätze auf dem Prüfstand

Für mich ging es darum, nicht das Gefühl zu haben, dauernd Rechenschaft ablegen zu müssen. Rückblickend frage ich mich, warum ich dieses Gefühl, überhaupt hatte und manchmal noch habe. Aber klar, meine Glaubenssätze basieren natürlich auf meinem Umfeld, meiner Erziehung und aus dem, was ich erlebt habe und tagtäglich sehe. Und in Deutschland herrscht doch oft das klassische Rollenmodell und der Ausdruck der Rabenmutter vor.

Dazu passt eine Unterhaltung bei uns neulich im Treppenhaus: Meine deutsche Nachbarin bemerkte traurig, dass sie nun nach sieben Monaten als Mama wieder in den Job einsteigen müsse. Daraufhin erwiderte die französische Nachbarin, dass dies ja auch jetzt so langsam Zeit wäre und sie sowieso schon so lange mit dem Kleinen zu Hause sei. Also alle eine Frage des Mindsets, der eigenen Überzeugungen und auch der eigenen (kulturellen) Erfahrung.

Ganz frei kann ich mich (leider) doch nicht von meinen deutschen Wurzeln des Erziehungsmodells machen, aber ich bemerke immer öfter begrenzende Glaubenssätze, Einstellungen und Meinungen. Dazu gehört, verschiedene Lebensmodelle zu tolerieren. Und ich schiele dann gerne zu den ausländischen Freunden, was sie denken oder wie ihre Werte sind.

Wichtig ist doch, dass jede Mama und jede Familie für sich eigene Werte lebt und damit glücklich ist. Ob nicht arbeitend, in Teilzeit oder Vollzeit arbeitend, selbständig oder Angestellt. Und dann geht es nicht um Rabenmütter, Verurteilungen und Vereinbarkeit, sondern um Life Balance und um das Gefühl, die richtige Entscheidungen für sich, das Kind oder die Kinder und die Familie zu treffen.

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  • Reply
    Lina
    20. Februar 2020 at 21:22

    Absolut, wieso wird überhaupt geurteilt, wie man sein Leben lebt? In Sachen Elternsein oder vor allem Muttersein haben auf einmal viele, viele, das Bedürfnis, mitzureden und es besser zu wissen.
    Ich selber bin nach 6 Monaten arbeiten gegangen und der Papa hat dann 6 Monate Elternzeit verbracht. Ich war die Rabenmutter, der Papa der Held. Für uns war es genau das richtige, auch wenn ich mich immer von außen beeinflusst habe, dann wieder schlecht gefühlt haben und immer das Gefühl hatte, mich erklären zu müssen. Warum eigentlich? Mir fehlt hier grundsätzlich oft die Betrachtung des ELTERNseins und nicht allein nur des Mutterseins. Es gibt (natürlich nicht immer, aber oftmals) 2 Menschen, die die Verantwortung tragen.
    Danke, Alex, für den Artikel!

    • Reply
      Alexandra
      24. Februar 2020 at 19:52

      Danke für den Beitrag, Lina. Bzgl. des Punktes „Betrachtung des Elternseins“ finde ich absolut richtig und wertvoll!

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