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Vom Absprung ohne Sicherung oder dem schönen Schein einer flexiblen Arbeitswelt

17. Juni 2020

Autorin: FIELFALT Bloggerin (anonym)

Wie springt man ohne Sicherheitsseil?

Einer der prägenden Filme meiner Kindheit war die Unendliche Geschichte II. Um in der Endszene das Phantasialand verlassen zu können und nach Hause zu kommen, muss der Protagonist Bastian seine Angst überwinden und von einem Abhang scheinbar hunderte Meter hinunter in einen reißenden, furchterregenden Wasserfall springen. Die Szene sollte vermitteln, dass es im Leben wichtig sein kann, all seinen Mut zusammenzunehmen und ohne Sicherheitsseil und Schwimmweste zu springen – in neue Möglichkeiten und manchmal sogar in eine neue Lebenswelt.

Genau das tat ich letzte Woche als ich, fast 36-jährig, kündigte – ohne neuen Job.

Nicht selten ist es wirklich so, dass einen ein Absprung ohne Sicherung, ohne Gewissheit über das, was kommt, an einen Ort bringen kann, der sicherer ist und mehr Geborgenheit schenken kann als das Umfeld, das man verlässt.

Normalerweise bin ich eine Person, die im Job vieles aushält. Vor meiner aktuellen Tätigkeit war ich acht Jahre bei demselben Arbeitgeber im Investment Management tätig. Den Vertrag des nun gekündigten Arbeitsverhältnisses mit einem Beratungsunternehmen, habe ich erst vor sieben Monaten unterzeichnet.

Die Kündigung: Das Ende eines Schreckens

Die schnelle Kündigung hatte mit einer hässlichen Konkurrenzsituation mit meinen beiden im Vergleich zu mir fachlich geringer qualifizierten, mir aber hierarchisch überstellten Team-Kollegen zu tun. Ihre geringe Qualifikation veranlasste sie dazu, mir mit einer aggressiven und aus meiner Sicht primitiven Art der Gegnerschaft entgegen zu treten. Primitiv, weil der Umgangston insbesondere eines Kollegen in einen harschen Befehlston umschlug als er in mir für sich eine Gefahr erkannte. Von da an versuchte er mir ausschließlich administrative Aufgaben zu übertragen. Von beiden wurden mir für die Arbeit wichtige Informationen vorenthalten. Erschwerend kam hinzu, dass es nicht genug Aufgaben für unser Dreier-Team gab.

Als mir das zu beratende Unternehmen die Möglichkeit bot, ein Büro in dessen Unternehmensräumen zu nutzen, verhinderte dies einer von beiden und versuchte vergeblich, selbst das Büro nutzen zu dürfen. Unser in den ersten Wochen sehr positives Arbeitsklima wandelte sich innerhalb kürzester Zeit in eine fast feindliche Atmosphäre ohne das Einhalten jeglicher Business Etikette.

Dabei hatte mein neuer Arbeitgeber doch mit einem hervorragenden, verständnisvollen, äußerst familiären Arbeitsklima, der Möglichkeit, relativ schnell in der Unternehmenshierachie aufsteigen zu können sowie eigenverantwortlichem Arbeiten geworben. Besonders die familiäre Atmosphäre unter den Mitarbeitern wurde im Bewerbungsgespräch betont. Dies wäre ein Ort zum Bleiben, hatte der Verantwortliche des Personalbereichs versichert.

Das Unternehmen klang zu gut, um wahr zu sein – das hätte mich skeptisch machen müssen

Und danach hatte ich tatsächlich gesucht, nach einem Arbeitgeber, auf den ich auch bei persönlichen Veränderungen zählen könnte. Hier gab es ein Eltern-Kind-Büro, Freiheiten bei Elderly Care Verpflichtungen, Flexi Time, Open Spaces, kostenlose Snacks, personal Coachings und vieles mehr. Bei guter Leistung konnte man einen Bonus erzielen (wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich meine Kollegen bemühten, mich in den Schatten zu stellen).

Die Annehmlichkeiten für das eigene Wohlbefinden, die dieser Arbeitgeber bot, waren fast schon überschwänglich. So überbordend, dass ich mich vor Vertragsunterzeichnung kurz fragte, wie man in diesem scheinbar von Laissez-faire geprägtem Umfeld hervorragende Mitarbeiterleistungen erzielte und vermied, dass sich die Mitarbeiter nicht zu sehr auf ihren Möglichkeiten ausruhten. Wie man das immer tun sollte, hätte ich etwas genauer auf dieses Gefühl hören sollen. Daher habe ich die Situation ein Stück weit mitzuverantworten.

Aus heutiger Sicht versucht das 1990 gegründete Unternehmen durch die Annehmlichkeiten, die erst 2017 eingeführt wurden, an Google und sonstige Top-Unternehmen zu erinnern und qualifiziertes (um nicht zu schreiben qualifizierteres Personal als das aktuell vorhandene) anzulocken. Die Annehmlichkeiten wogen nicht die kollegialen Unstimmigkeiten und das niedrige Arbeitsniveau auf.

Verbiegen auf Dauer? Nein, nicht mit mir!

Anfangs versuchte ich die Situation mit meinen Kollegen durch freundliche Reaktionen zu lösen, dann durch Diskussionen und später auch durch Kontaktaufnahme mit dem Vorgesetzten des hierarchisch Höchstgestellten der beiden, der mein Chef war. Der Vorgesetzte meines Chefs pflichtete mir zwar bei, unternahm aber nichts. Weil meine fachliche Qualifikation so spezifisch ist, kam kein Wechsel in ein Projekt mit anderem fachlichen Schwerpunkt nicht in Frage.

Nach dem dritten Monaten begann ich mich bislang erfolglos auf externe Stellen zu bewerben. Als ich also alle herkömmlichen Lösungsmöglichkeiten versucht hatte, blieben mir aus meiner Sicht zwei Optionen, um im Unternehmen verbleiben zu können:

  1. Um den Frieden herzustellen und zu wahren, hätte ich meinen Kollegen den Vorrang lassen, administrative Aufgaben übernehmen, mein Licht unter den Scheffel stellen müssen. Nachdem ich meine Kollegen entsprechend besänftigt hätte, hätte ich nach und nach verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen können, bei denen es sich aber immer noch um weniger verantwortungsvolle Tätigkeiten als diejenigen handeln würde mit denen ich in meinem alten Job betraut war.
  2. Ich hätte für mein Potenzial einstehen, in kontinuierlichen Diskussionen meine Arbeit verteidigen und mir mein Standing mühevoll gegen Gegner erkämpfen können, von denen ich nicht glaube, dass sie mir ebenbürtig waren und dass ich an ihnen wachsen könnte. Dass sie keine fairen Mittel eingesetzt hätten, war klar.

Meine Entscheidung: Mir selbst treu bleiben und meine fachlichen und ethischen Ansprüche nicht reduzieren

Bei beiden Optionen hätte ich keinen Chef gehabt, der mir den Rücken stärkt. Ein so wichtiger Faktor im Arbeitsleben! Nebenher kam ich mir verraten vor: Diese schöne flexible Arbeitswelt war eine Fassade gewesen, ein schöner Schein. Vielleicht ist diese Arbeitswelt tatsächlich für Mitarbeiter schön, die nicht das Bedürfnis haben, ihr Potenzial zu nutzen. Für solche, die mit beruflicher Stagnation oder auch Rückschritt einverstanden sind. Ich konnte mir hier nicht selber treu sein, hätte einen Kompromiss nach dem nächsten eingehen müssen. Mein Selbstwertgefühl sank immer weiter ab, was Jobinterviews erschwerte.

Am Ende hatte ich die Wahl zu gehen oder zu bleiben, die Entscheidung zwischen einem an den Ergebnissen meiner Kollegen orientierten Absinken meiner Arbeitsqualität, -moral und -etikette und der voraussichtlichen Arbeitslosigkeit.

Die Kündigung: Ein reißender Wasserfall oder die Entdeckung einer Lagune?

Ich wählte letzteres aus der tiefen Überzeugung, das Richtige getan zu haben. Ein Absprung ohne Sicherung – möglicherweise in einen reißenden Wasserfall, in die drohende Arbeitslosigkeit. Das ist nicht nur monetär eine beängstigende Vorstellung. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich an einen Ort gelange, der sich für mich sicherer und geborgener anfühlt als der, den ich verlasse.

 

Titelbild: ©Photo by Have Fun Do Good on Unsplash

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