LIFE & FIELSEITIG

Wann ist Schluss mit WG

21. August 2019

WGs passen nicht in meinen Plan

Ich bin 31 Jahre alt, Unternehmensberaterin und ziehe in einem Monat aus meiner WG aus. Vielleicht denkt sich der ein oder andere, dass das längst fällig sei, und wünscht mir, dass ich nun endlich erwachsen werde. Um ehrlich zu sein: Als Studentin habe ich auch die Vorstellung gehabt, dass ich in zehn Jahren verheiratet bin, in einem netten Häuschen lebe und vielleicht bereits ein Kind habe. Aber es kommt eben oft nicht so wie geplant.

Während eines Auslandssemesters in Lissabon habe ich schon einmal mit einem Kommilitonen zusammengewohnt. Das war natürlich eher eine zweckgebundene Gemeinschaft, aber nach diesem halben Jahr war mir klar: „WGs sind nichts für mich!“ Nach dem Studium kam für mich ein solches Wohnkonzept erst recht nicht mehr in Frage – schließlich verdient man dann sein eigenes Geld und möchte einen gewissen Komfort genießen. Letztendlich bin ich direkt mit meinem Berufseinstieg auch mit meinem damaligen Freund zusammengezogen und das Thema WG hatte sich für mich erledigt noch bevor es überhaupt ein richtiges Thema geworden ist.
Wie kam es also dazu, dass ich nun doch in einer WG gelandet bin?

Pläne ändern sich, das Mindset auch

Mit meinem damaligen Freund hatte ich fünf Jahre in der Nähe von Mainz gewohnt, bevor sich die Beziehung löste. Zu dem Zeitpunkt war ich – inzwischen 28 Jahre alt -– gerade auf einem Projekt in München tätig und daher maximal Freitag bis Sonntag zuhause. Also war es für mich voll in Ordnung, alleine in der zuvor gemeinsamen Wohnung zu leben. Die meisten Möbel konnte ich behalten, sodass ich nicht plötzlich in einer leeren, ungemütlichen Wohnung zurückgelassen wurde. Samstag war ich meist mit Freunden unterwegs und habe viel unternommen. Der Sonntag stellte sich allerdings zunehmend als Problem für mich dar. Die Unternehmenslust meiner Freunde war sonntags meist aufgrund von Familienverpflichtungen oder Nachwirkungen der Partynacht sehr eingeschränkt und ab und zu wollte auch ich zur Ruhe kommen. Aber mit der Ruhe kam das Nachdenken und ich habe mich alleine in meiner Wohnung einsam gefühlt. Dafür musste ich dringend eine Lösung finden.

Weil mit mir eine Hand voll Kollegen von Frankfurt nach München pendelten, wir Woche für Woche im gleichen Hotel untergekommen waren und zu der Zeit noch meine Schwester mit Mann und Kind in München lebten, verlagerte sich mein Lebensmittelpunkt allmählich in die nördlichste Stadt Italiens. Nach ein paar Monaten wurde mir sogar eine Projektwohnung gestellt. Das ermöglichte mir, auch das Wochenende in München zu verbringen und die Stadt in vollen Zügen auszunutzen. Eine Kollegin und ich freundeten uns besonders an. Sie kommt aus der Nähe von Frankfurt und lebte zu diesem Zeitpunkt noch bei ihren Eltern. Da sie seit Berufseinstritt immer auf Projekten außerhalb von Frankfurt tätig war, hatte sich bei ihr einfach nicht die Notwendigkeit ergeben, auszuziehen. Aber auch sie spürte, dass sich allmählich ein neuer Lebensabschnitt ankündigte.

Wir fingen an darüber zu witzeln, gemeinsam nach München zu ziehen. Je mehr wir darüber sprachen, desto mehr wurde uns die Idee sympathisch: Gemeinsam in einer neuen Stadt Fuß zu fassen ist sicherlich einfacher als alleine. Wir hatten einen ähnlichen Anspruch an Sauberkeit und waren gerne gemeinsam unterwegs. Und so fingen wir an, nach Wohnungen Ausschau zu halten. Unser Bauchgefühl war dafür verantwortlich, dass wir am Ende doch in Frankfurt und nicht in München landeten (ja, ok, so neu war die Stadt Frankfurt für uns nicht, aber es fühlte sich trotzdem gut an, nicht alleine neu zu starten).

Manager-WG statt Studenten-WG

Also starteten wir eine neue Wohnungssuche in Frankfurt und sind auch schon 6 Wochen später – Silvester 2017 – in eine neue 4-Zimmer-Wohnung mit zwei Bädern im hippen Ostend eingezogen (ich weiß, nicht die typischen Räumlichkeiten für eine WG, aber ein bisschen wollten wir dann doch unserem Alter gerecht werden; außerdem arbeiten wir viel und wollten uns ein schönes Zuhause gönnen, in dem immer Gäste willkommen sind). Während wir anfangs noch einige Wochenenden in unseren ursprünglichen Wohnorten verbrachten, genossen wir nach ein paar Wochen immer mehr das Stadtleben und waren oft gemeinsam auf Achse. Wir merkten schnell, wie die Andere im Alltag tickt und stellten uns aufeinander ein – wirkliche Streitigkeiten ergaben sich bei uns keine, wir sind eher harmoniebedürftige Menschen und vielleicht auch einfach zu alt für unnötige Zickereien. Das Beste: An keinem Sonntag fühlte ich mich einsam, ich hatte immer jemanden, der neben mir auf der Couch lag und mit dem ich über die letzte Partynacht quatschen konnte.

Wie der Zufall es wollte, fanden wir beide innerhalb von sechs Monaten einen neuen Partner. Zunächst änderte sich dadurch nur wenig an unserem Zusammenleben – im Gegenteil: Mit meinem neuen Freund erlebte ich anfangs noch eine kleine Achterbahnfahrt und ich hatte immer meine Mitbewohnerin an meiner Seite, die mit mir wie ein Teenager spekulierte, wie es wohl zwischen uns weiter ginge. Doch unsere beiden Beziehungen festigten sich nach und nach und wir verbrachten zunehmend unsere Zeit in den Wohnungen unserer Partner (beide lebten alleine) und unsere schöne Wohnung stand oft leer. So sehr wir uns verstanden und wir auch die gegenseitigen Freunde mochten, in einer neuen Beziehung ist man eben auch gerne unter sich. Wir unternahmen immer noch gerne Dinge zusammen, nur mussten wir uns nun explizit miteinander verabreden. Wir spürten: Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine von uns der Anderen offenbaren würde, dass sie mit ihrem Freund zusammenziehen möchte.

Knapp 1,5 Jahre nach unserem Einzug war es soweit: Obwohl ich der festen Überzeugung war, dass meine Mitbewohnerin es eiliger haben würde als ich, war ich nun diejenige, die mit ihrem Freund plante, bald zusammenzuziehen. Das ganze sollte nicht sofort passieren, wir hatten uns den 1. Oktober ausgesucht. Glücklicherweise hatte auch meine Mitbewohnerin schon mit ihrem Freund über das Thema gesprochen und wollte ebenfalls zu ihm ziehen. Zwei Monate später kündigten wir die Wohnung und das Ganze war beschlossene Sache: das WG-Leben würde nach weniger als zwei Jahren ein Ende für uns haben.

Entspannter Blick nach vorne, wehmütiger Blick zurück

Nun sitze ich – einen Monat vor Auszug – in unserer WG auf unserer Coach, meine Mitbewohnerin neben mir und mir wird etwas wehmütig ums Herz.
Mein Schlafzimmer ist schon ziemlich leer geräumt und ich weiß, dass wir kommendes Wochenende zwar nicht das letzte Mal zusammen feiern, aber danach das letzte Mal gemeinsam nach Hause gehen werden. So sehr ich mich natürlich auf den nächsten Schritt freue, so sehr werde ich das WG-Leben vermissen. In der rückblickend kurzen Zeit haben wir viel erlebt, durchgemacht, Leute kennengelernt, Erfahrungen gesammelt – und das meiste eben gemeinsam. Uns ist bewusst, dass wir aufgrund unseres Alters und unseres verfügbaren Einkommens nicht die typischen Kandidaten für eine WG waren, aber eins war noch viel wichtiger: wir haben uns gegenseitig das gegeben, was wir in dem Moment brauchten, als wir uns einsam fühlten. Und genau das möchte ich auch jedem empfehlen, der sich in einer ähnlichen Situation befindet: Weniger das machen, was von einem erwartet wird und viel mehr von dem, was einem gut tut. Vor allem dann, wenn man über seinen Schatten springt und unkonventionell handelt, erlebt man die aufregendsten Dinge.

Ich hoffe natürlich, dass ich nun mein endgültiges Glück gefunden habe. Aber falls es doch mal wieder anders kommen sollte als geplant, wäre ich nach meiner jetzigen WG-Erfahrung wieder froh, einen tollen Menschen zu finden, der sich mit mir eine Wohnung teilt – zu zweit ist man einfach weniger allein oder „together we’re better“!

Facebookpinterestlinkedinmail

    Kommentiere den Beitrag