FA: Fielseitiges & Aspekte

Warum immer immer schlecht ist – Gewaltfreie Kommunikation im Berufsleben

15. September 2021

Gastautorin: Eva Friese

Sprache schafft Realität. Wie ich etwas formuliere, bestimmt, wie es tatsächlich ist. Kommunikation (ob nonverbal oder verbal) hilft uns dabei, uns zu verständigen. Gleichzeitig soll sie aber auch Vertrauen schaffen und im besten Fall Spaß machen. Ich beschäftige mich als PR Consultant den ganzen Tag mit Kommunikation. Und nicht nur beruflich ist das ganz und gar mein Thema, auch privat finde ich, dass es ganz deutlich darauf ankommt, wie man etwas sagt, wenn man etwas sagt. 

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation und unterrichte es an unterschiedlichen Hochschulen. Es wurde vom US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg entwickelt und soll Menschen ermöglichen zu kommunizieren, ohne andere zu verletzen.

Gewaltfrei Kommunizieren in vier Schritten

Rosenberg formuliert vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation:

  1. Wertfreies Wahrnehmen/Beobachten
  2. Gefühle wahrnehmen/benennen
  3. Bedürfnisse wahrnehmen/benennen
  4. Bitte zur Erfüllung des Bedürfnisses äußern

Klingt erst einmal nach einem Konzept, das niemand braucht, weil wir doch eh alle „woke“ sind und nett miteinander umgehen. Oder? Vielleicht brauchen wir doch so ein Konzept. Um sensibler zu werden für Gewalt in der Sprache. Ich habe hier ein paar Beispiele zusammengefasst, die mir im Alltag immer wieder begegnen – und auch ich nehme mich aus der Rechnung nicht raus. Besser können wir schließlich nur werden, wenn wir Fehler machen. Also: Worum geht es bei der Gewaltfreien Kommunikation und wie können wir sie im Berufsleben einsetzen?

Kommunikation im Beruf

Gewaltvolle Kommunikation findet im Arbeitsleben immer wieder statt. Wir alle kennen den klischeehaften Anpfiff des Chefs, wenn etwas schief gelaufen ist. Dazu kommt es heute zum Glück seltener, Gewalt in der Sprache fängt aber schon viel früher an: Die Kollegin zum Beispiel, die „nie” ihre Kaffeetasse in die Spülmaschine räumt und die man darauf hinweist, weil einen das so wahnsinnig wütend macht … sie nimmt das „Nie” vielleicht mit nach Hause. Die Frauen, die als „Mädels” bezeichnet werden, während die Männergruppe selbstverständlich „Männer” genannt wird – oder die Redakteurin, deren Text mit einem „Kotz!” am Rand kommentiert wird. All das und noch mehr habe ich schon (mit-)erlebt und mit vielen Menschen gesprochen, die das verletzt hat oder hätte. Aber mit mindestens genauso vielen, die den Einwand nicht verstehen konnten – das typische „Jetzt stellt euch mal nicht so an!” ist wohl eine Reaktion, die wir alle schon gehört haben.

Empathie als Antwort

Im Berufsleben gibt es viele Situationen, in denen wir gewaltvoll kommunizieren. Manchmal ist die Gewalt offensichtlich und oft ist es nötig, einen Schritt zurückzugehen, um noch einmal über die Situation nachzudenken. Selbstbeobachtung, sich in die andere Person einfühlen – und ganz ehrlich bei sich selbst nachhaken: „Wie würde ich mich in seiner/ihrer Situation fühlen? Was würde ich mir von meinen Gesprächspartner:innen wünschen?” Ein Mindestmaß an Empathie hilft hier, die richtige Entscheidung zu treffen. Und das gilt nicht nur im Beruf – sondern auch im Privatleben.

Situationen lösen mit Gewaltfreier Kommunikation

Aber wie wäre jetzt der richtige Umgang mit der schmuddeligen Kaffeetasse und ihrer Benutzerin? Ganz einfach, Rosenberg gibt uns die Schritte an die Hand: 

  1. Wertfreies Wahrnehmen/Beobachten: Da steht die dreckige Kaffeetasse meiner Kollegin.
  2. Gefühle wahrnehmen/benennen: Mich ärgert, dass die Kaffeetasse da steht, weil sie in die Spülmaschine gehört.
  3. Bedürfnisse wahrnehmen/benennen: Ich möchte, dass meine Kollegin ihre Tasse in Zukunft selbst in die Spülmaschine räumt.
  4. Bitte zur Erfüllung des Bedürfnisses äußern: „Hey Kathi, bitte räum doch deine benutzte Tasse in die Spülmaschine, wenn du gehst.”

Was tun, wenn man sich doch mal ärgert?

Meditation, Yoga, tiefes Durchatmen und gute Vorsätze: All das kann einen nicht davor bewahren, ab und an einfach doch so verdammt sauer zu werden. Eben weil der Kollege IMMER zu spät kommt, die Kollegin eine persönliche Grenze überschreitet oder weil – let’s face it – man manchmal einfach richtig, richtig schlecht gelaunt ist. Was dann hilft? Eine Entschuldigung am nächsten Tag. Die tut nicht nur dem anderen gut, sondern auch einem selbst.

Über die Gastautorin: Eva Friese beschäftigt sich als Director PR Consulting bei der Kommunikationsagentu MAYR PR mit medialer Kommunikation, vor allem im digitalen Bereich. Als Expertin für Gewaltfreie Kommunikation berät sie Unternehmen und Agenturen und unterrichtet an unterschiedlichen Hochschulen den Umgang mit Sprache in Konflikt- und Extremsituationen. Auch als Yogalehrerin legt sie ihren Schwerpunkt auf das yogische Prinzip Ahimsa – die Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen und sich selbst. www.mayr-pr.de

 

Titelbild: ©Photo by Volodymyr Hryshchenko on Unsplash

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