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Warum machen wir uns klein?

26. Februar 2020

Gastautorin: Nathalie Leisgang

Ich bin vor wenigen Wochen einen Marathon gelaufen. Ich wurde von so vielen Menschen beglückwünscht und häufig wurde mir der größte Respekt dieser Leistung gegenüber ausgesprochen. Ich konnte mit soviel „Ansehen und Ruhm“ gar nicht umgehen. Meine Reaktion? Ich habe die Leistung abgetan: „Ohne den jungen Mann, den ich auf der Strecke kennen gelernt habe und der mich gezogen hat, hätte ich es nicht geschafft“, „Wenn meine Familie und Freunde mich nicht angefeuert hätten, hätte ich aufgegeben“, „Mit Training schafft das jeder“ – all dies waren meine Worte.

Frauen sind häufig zu bescheiden

Ich glaube, dieses Kleinreden von Leistungen ist ein Thema, was vor allem Frauen betrifft. Ohne jetzt in Stereotypen verfallen zu wollen – aber Männer tun sich häufig leichter, ihre eigenen Leistungen anzuerkennen und weiterzugeben. Auch im Arbeitsleben fällt mir auf, dass ich meine Tätigkeiten und Erfolge häufig selbst reduziere: Lob tue ich ab, weil mein Tun ja selbstverständlich war, fehlendes Know-how kommuniziere ich offen, habe ebenso immer meine Schwächen im Blick, eigene Leistungen schmälere ich, weil das ja vermeintlich jeder kann. Warum tun besonders wir Frauen das?

Ich meine, es liegt ein Stück weit in unserer Art: nicht auffallen, bescheiden sein, alles muss ein bisschen mehr als 100% sein. Wir glauben, dass unsere Leistung noch nicht ausreicht, dass es immer noch besser geht. Männer hingegen zeigen ihre Erfolge, auch wenn diese noch so klein sein mögen, sie sprechen öffentlich über ihre Leistungen und scheinen keine Schwächen zu haben. Der Unterschied: sie thematisieren einzig, was sie gut können. Und kommt es nicht darauf an?

Stärken stärken statt Schwächen eliminieren

Ich bin ein Fan davon, Stärken zu stärken, statt Schwächen zu eliminieren. Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber erreichen wir nicht viel mehr, wenn wir uns auf das fokussieren, was wir gut können, statt immer darauf hinzuweisen, was uns vielleicht noch fehlt? Es fängt ja schon bei der Bewerbung an: Wenn uns auch nur 10% der Anforderungen in der Stellenbeschreibung fehlen, sind wir nicht gut genug. Was machen unsere männlichen Artgenossen: 50% trifft zu – der Job ist mir sicher.

Mehr Vertrauen in uns selbst

Wir sollten mehr Vertrauen in uns selbst haben und stolz auf das sein, was wir erreicht haben. Dazu zählt sowohl das Kind, das man trotz Essensmassaker pünktlich in den Kindergarten gebracht hat, die Präsentation, die vom Kunden in höchsten Tönen gelobt wurden, das bestandene Diplom als auch der 5km Lauf, den man geschafft hat.

In diesem Sinne: Ich bin meinen zweiten Marathon gelaufen und habe das Ziel sogar in unter vier Stunden erreicht.

 

Nathalie Leisgang läuft nicht nur wahnsinnig gut, sie schreibt für FIELFALT auch wunderbar reflektierende Artikel und macht noch weitere tolle Sachen. Wer mit ihr Kontakt aufnehmen möchte, tut dies am besten über LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/leisgang/

 

Titelbild: ©Taylor Smith on Unsplash

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