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Warum wir eine Smartphone App für mehr Gender Equality brauchen

26. März 2020

Theo Kauffeld, Co-Founder von Equalista, gibt uns in diesem spannenden Artikel Einblicke, wie sie eher unfreiwillig zum Thema Gender Equality kam und ihr mittlerweile umfangreiches Wissen in einer App weitergeben möchte. Das Thema ist so umfangreich und hat unheimlich viele Facetten – FIELFALT findet Equalista und das Team rund um Theo absolut unterstützenswert! WE LIKE!

 

Gender Equality betraf mich nicht … dachte ich

Alles begann mit diesem Satz, “Im Großen und Ganzen ist alles super, aber wir finden, du solltest mehr lächeln”. Gehört habe ich diesen Satz in meinem ersten Feedbackgespräch nach zwei Jahren in einem Startup, dessen Name hier nicht genannt werden soll, weil es jedes beliebige Unternehmen, groß oder klein, hätte sein können.

Bis zu diesem Tag habe ich tapfer an Meritokratie und Chancengleichheit geglaubt. Ich war mir sicher, dass es auf harte Arbeit und nicht auf das Geschlecht ankommt. Feminismus hielt ich für super, aber nicht mehr notwendig, Ungleichheit war für mich ein Problem der Vergangenheit oder selbstgewählt. Statistiken und Artikel über strukturelle Diskriminierung hab ich gelesen, meistens über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder offene sexistische Kommentare, und war mir sicher, sie stimmten. Aber für die anderen, nicht für mich. Bei mir lief es ja. War ich nicht das beste Beispiel, dass Frauen Karriere machen können, wenn sie nur wollen? Mein Geschlecht spielte nur eine Rolle, wenn erwähnt wurde, dass es ungewöhnlich sei, eine Frau in meiner Branche – ich war verantwortlich für die Entwicklung eines Softwareproduktes – zu sehen.

Doch an dem Tag im Mai brach dieses Lügengerüst, dass ich mir selbst vorgaukelte, endgültig zusammen und ich ging wie betäubt aus dem Meeting. Zuhause angekommen, fing ich an, im Internet zu recherchieren und stieß auf Artikel und Studien zu gender biases in der Bewertung von Mitarbeiter*innen, also geschlechtsbezogene Vorurteile und darauf basierende Fehlbewertungen. Ich war wie elektrifiziert. Mit jedem Artikel und jedem Beispiel wurde mir klarer: hier ging es gar nicht um mich, hier ging es um eine Struktur. Zum ersten Mal sah ich nicht die anderen, sondern sah mein Leben beschrieben. Eine Realität aus schwer greifbaren, subtilen aber dennoch wirkungsmächtigen sexistischen Strukturen. Ich tauchte ein in eine komplett neue Welt, lernte das es bei Feedbackgesprächen große Geschlechtsunterschiede gibt und erkannte mich und mein Gespräch in einigen Details wieder. Dies half mir, das Feedback objektiver zu sehen. Mit jedem Tag weiterer Recherche fragte ich mich immer fassungsloser werdend, wie es möglich war, dass ich dies alles bis zu meinem 30. Lebensjahr ignorieren konnte. Die Antwort war einfach: Es lief ja. Es lief gut genug. Gut genug um wegzuschauen. Bis zu jenem Tag im Mai, da hatte ich genug.

 

Die beiden Gründerinnen von Equalista und Schwestern Theo (links) und Louisa

Gender Equality ist nicht nur Pay Gap und Frauenquote

Und ich begann zu lesen, jetzt wollte ich alles verstehen. Fast täglich holte ich mir neue Bücher. Ich entdeckte Konzepte wie Intersektionalität, Privilegien, Normen, Unconscious Bias, Stereotype und deren Auswirkung. Lernte neue Wörter wie Misogynie, ambivalenter Sexismus, Normalisierung und Internalisierung. Meine Social Media Profile wandelten sich von Lifestyle hin zu feministischen und aktivistischen Inhalten. Auf meinem Laptop waren immer mindestens 50 Tabs offen. Ich stürzte in eine tiefe Identitätskrise. Mein Selbstverständnis und wie ich mich selbst in der Gesellschaft wahrnahm, stimmte nicht mehr mit meinem früheren Bild überein und wurde kräftig durchgeschüttelt. Aber je mehr ich wusste, desto mehr traute ich mich, über das Thema zu reden.

Ich sprach Dinge an, die ich vorher noch nicht mal bemerkt hatte und probierte die Worte aus, die ich aus den Büchern gelernt hatte; erst holprig, dann immer sicherer auch in kontroversen Diskussionen. Hatte ich mich vorher geschämt, vieles nicht zu wissen, sah ich nun, dass nur wenige Personen wirklich umfangreich informiert sind. Viele Menschen haben ein vages Wissen zum Thema Gender Equality, genau wie ich früher – und einige hatten sehr spezielles Wissen zu einem Thema wie dem Gender Pay Gap, aber keinen Überblick über das große Ganze. Das Thema Gender Equality ist komplex und der öffentliche Diskurs darüber wird auf hohem Niveau und mit großen Worten geführt. Das kann abschreckend auf Neulinge wirken. Ich bemerkte, wie viel Arbeit es war, sich widersprechende Definitionen, Meinungen und Informationen aus Büchern, Online-Magazinen und Studien zusammenzutragen, zu sortieren, zu behalten und dann auch noch praktisch anzuwenden. Ab und an, wurde mir die Arbeit von TedTalks, Instagrammer*innen oder Wissenschaftler*innen abgenommen: einzelne Begriffe und Konzepte wurden anschaulich und einfach verständlich erklärt. Oft fand ich die Videos und Posts später nicht wieder und konnte so die Tips nicht anwenden. Jetzt weiß ich, dass diese Formate nicht auf langfristiges, praktisches Lernen ausgelegt sind. Es reicht nicht, einen Artikel einmal zu lesen oder ein Video einmal zu schauen. Für nachhaltiges Lernen und sicheres Anwenden im Alltag, müssen Inhalte regelmäßig und in verschiedenen Situationen gelernt und angewendet werden. Wie bei einer Sprache, genauso wie ich gerade Schwedisch mit Duolingo lernte.

Die Idee zur App Equalista

Wie bei einer Sprache? Das war der Moment, als es mir ein zweites Mal wie Schuppen von den Augen fiel: warum nicht das Konzept einer Sprachlern-App auf das Thema Gender Equality anwenden? Ungleichheit begegnet uns allen im Alltag, aber die Bücher sind meistens zu Hause. Unser Smartphone haben wir aber fast immer dabei. Die Idee für Equalista war geboren.

Ich sah die Idee ungefähr so vor mir: Equalista, die erste Lern-App zum Thema Gleichstellung und Gleichberechtigung. Eine App für mehr Wissen, Bewusstsein im Alltag und ganz konkrete Tipps für praktische Handlungsmöglichkeiten.

Zusammen mit meiner Schwester begann ich genau an diesem Konzept zu arbeiten. Glücklicherweise wurde das Projekt von der Bundesregierung gefördert und wir konnten weitere Expert*innen einstellen, die uns mittlerweile helfen, die App in die Realität umzusetzen.

Was zeichnet Equalista aus?

Wir möchten Menschen ein Tool geben, mit dem sie herausfinden können, wie Ungerechtigkeiten in der Realität aussehen, sich verfestigen und weitergetragen werden. Zeigen, wie wir über das Thema reden können, Wissen vermitteln, die Möglichkeit geben das eigene Handeln zu überdenken und praktische Lösungsansätze anbieten. Dabei ist es uns wichtig, dass wir ein schweres Thema mit Leichtigkeit und ohne erhobenen Zeigefinger oder ideologisches Dogma vermitteln. Unser Ansatz ist, dass wir die Gesamtheit des Themas durch Kurse, Spiele und Tests umfassend vermitteln können und es auch Spaß machen kann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Im Team sind wir mit der Entwicklung von Equalista weit gekommen. Drei starke Säulen macht das Konzept aus – eines, das mir vielleicht schon früher die Augen geöffnet und mir viele Situationen und Diskussionen erleichtert hätte.

  1. Wissen: Hier können spielerisch  Definitionen, praktische Beispiele, Fakten und Statistiken erlernt werden. Das hilft dabei, die Probleme konkret zu kennen, zu benennen und unsere Argumente mit Wissen zu untermauern. Für die schnelle Unterstützung, gibt es ein Glossar, in dem viele unbekannte Begriffe wie z.B. Misogynie, Marginalisierung und Mental Load, mit kurzer Definition und praktischen Beispielen ständig zur Verfügung stehen.Ein besonderes Anliegen ist uns die Aufklärung über subtilen Sexismus und wie man ihn erkennt. Es gibt aber Edutainment wie, z.B. Quizzes zu berühmten weiblichen Malerinnen. Denn so schnell fallen uns keine spontan ein…?  Das Wissen ist die Grundlage für die weiteren beiden Bausteine: Bewusstsein im Alltag und aktives Handeln.
  2. Bewusstsein im Alltag: Wenn wir das Bewusstsein täglich schulen, fallen uns ungerechte Situationen leichter auf und wir erkennen möglicherweise auch, wann wir selbst Teil davon sind und aktiv zu einer Situation beitragen. Denn niemand von uns ist frei von Stereotypen oder Vorurteilen, wir sind alle befangen, aber wir können etwas dagegen tun. In der App gibt es Tests, mit denen man eigene Stereotype, Biases und Vorurteile testen kann. Meine blinden Flecken zu erforschen, war für mich ein großer Augenöffner.
  3. Aktives Handeln:Oft wissen wir nicht, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten sollen, wenn uns Ungleichheit begegnet. Und oft hängt unser Handeln sehr von den Situationen ab, in denen wir uns gerade befinden. In der App können z.B. spielerisch Antworten auf sexistische Kommentare oder Witze geübt werden. Anhand von Sprüche-Klassikern wie “Kannst du mitschreiben? Frauen können doch so gut multitasken!” zeigen wir mindestens drei Möglichkeiten auf, wie man darauf je nach Situation reagieren kann: Mit sachlichen Argumenten, mit einem Augenzwinkern oder im Nachhinein im Stillen. Für alle Szenarien haben wir Tipps und Tricks. Oft geht es aber auch gerade darum, was nicht gesagt wird, sondern um sogenannte Mikroaggressionen; z.B., dass Frauen nicht zu bestimmten Meetings eingeladen werden oder in Meetings häufiger unterbrochen werden. Auf diesen subtilen Sexismus ist es viel schwieriger zu reagieren, weil er auch schwerer greifbar ist und von Betroffenen zusätzlich oft als persönliches Versagen und nicht als strukturelle Diskriminierung wahrgenommen wird. Jetzt weiß ich, ich bin nicht die einzige Frau, der gesagt wird: Lächel mal!

Die App ist fast fertig, aktuell kann sie auf Kickstarter zum Vorverkaufspreis vorbestellt werden und wird spätestens ab Juli diesen Jahres für iOS und Android in den App-Stores verfügbar sein. Dann schließt sich der Kreis und ich hoffe, dass unsere App so zu mehr Gender Equality verhelfen kann. Ich freue mich sehr unsere Nutzer*innen auf diesem Weg und den sehr persönlichen Erfahrungen zu begleiten.Das ist ein richtiger guter Grund zum Lächeln für mich!

 

 

Weitere Links:

https://equalista.com

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Projekt unterstützen bei Kickstarter

 

Bilder: ©Equalista

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