FA: Fielseitiges & Aspekte

Was die Arbeitswelt von MusikerInnen lernen kann

12. August 2020

Gastautorin: Irene Kurka

 

Vor einiger Zeit sagte mir eine befreundete Psychologin, sie habe großen Respekt vor Profi-Musikern und -Sportlern, weil diese in so kurzer Zeit ihre Leistung auf ein hohes Niveau bringen, immer unter Stress auf den Punkt bringen und auch noch in der Öffentlichkeit stehen und damit klarkommen dürfen. Für sie ein Lernturbo sondergleichen mit all den Herausforderungen.

Durch meine bisherige Karriere ist mir immer wieder bewusst geworden, dass viele Eigenschaften von MusikerInnen auch sehr viel Nutzen in anderen Bereichen haben:

Regelmäßig üben, Kräfte dosieren und dranbleiben

Das regelmäßige und tägliche Üben gehört für uns von Anfang an dazu. Studien besagen, dass wir die Meisterschaft erlangen, wenn wir eine Tätigkeit mehr aus 10.000 Stunden ausgeführt haben: durch Üben, Disziplin, Fokus und das Verfeinern eines Talentes. Ich persönlich liebe es, jeden Tag regelmäßig zu üben. Nur so kann etwas Großes entstehen.

Es gibt auch die Theorie der kleinen regelmäßigen Schritte. Wenn ich einmal quer durch Amerika von Ost nach West laufen möchte, ist es sinnvoller, jeden Tag ungefähr die gleiche Kilometerzahl zu laufen. Ich komme so gleichmäßig und beständig an. Wenn ich an einem Tag das Doppelte laufe, bin ich am nächsten Tag womöglich so erschöpft, dass ich gar nichts schaffe.

Eine gute Umsetzung dieser Theorie sind Morgenroutinen, die der Idee folgt, kleine Gewohnheiten in den Tagesablauf zu integrieren, und so mit Stetigkeit voranzugehen. Das leben wir MusikerInnen idealerweise, auch wenn es Tage geben kann, wo ich das Gefühl habe, es geht nichts voran. Aber plötzlich bin ich drei Tage später auf einem ganz anderen Niveau. Dies lohnt sich für Essgewohnheiten, Sport und für alle Tätigkeiten, damit sie in Fleisch und Blut übergehen.

Intrinsische Motivation

MusikerInnen sind intrinsisch motiviert. Es ist erwiesen, dass ein Glücksgefühl am nachhaltigsten anhält, wenn wir etwas aus uns heraus machen. Und nur deswegen sind wir auch bereit, so viel zu üben. Wir sitzen Arbeitszeit nicht gelangweilt ab oder brauchen die Motivation eines Chefs. Nein, in der Regel wollen wir es und wollen immer unser Bestes geben und über uns hinauswachsen.

Und wir begegnen immer wieder neuen Menschen und stellen uns immer wieder auf neue Situationen ein, weil es andere Musiker sind oder weil es ein anderer Konzertsaal ist. Das hält mich sehr lebendig, neugierig und offen.

Umgang mit Kritik

Von Anfang an setzen wir uns der Kritik aus, weil wir immer besser werden wollen. Wir feilen an Kleinigkeiten und unseren motorischen Fähigkeiten, etwas noch schneller und geschmeidiger spielen zu können. Gleichzeitig braucht es Seele und Emotion beim Musikmachen. Umso mehr wir als Menschen reifen, umso wahrhaftiger werden unsere Interpretationen.  Wir bekommen Kritik von unseren LehrerInnen, später vom Publikum oder auch von den Kritikern.

Und natürlich ist es auch für mich herausfordernd, eine negative Kritik zu lesen. Dann setze ich mich mit der Kritik auseinander und prüfe für mich, ob die Kritik berechtigt und konstruktiv ist. Wenn ja: was kann ich weiterentwickeln. Wenn nein: darf ich mir ein dickes Fell zulegen.

Aber auch das ist ein Lernprozess: Bei der Kritik geht es immer nur um die Sopranistin Irene Kurka und nie um den ganzen Menschen Irene. Mit jedem Feedback lerne ich dazu und kam zum Ergebnis „Feedback ist das Frühstück der Champions“.

Manche Ziele können nur im Team erreicht werden

Nicht umsonst gibt es auch „Seminare mit Orchestern“ für Führungskräfte, in denen die Dynamiken von Orchestern gezeigt werden. Sie erlernen, wie so viele Musiker so wunderbar miteinander musizieren. Und nur wenn ein Ensemble gut organisiert und koordiniert ist, kann das Ensemble über sich hinauswachsen. So wie ein Fußballmannschaft auch das Ergebnis von allen Spielern sein kann.

Ich achte beim Musizieren auf feinste Nuancen: wie sich jemand bewegt, wie er atmet und wie er schaut. Und mit der Zeit entsteht eine Vertrauensbasis, dass ich irgendwann gar nicht mehr hinschauen brauche und dennoch genau spüre, was der andere sich wünscht. Das ist dann Musizieren auf einem genialen Niveau. Dieses „Ergebnis“ begeistert die MusikerInnen und das Publikum.

Einem höheren Ziel folgen

Natürlich treibt uns auch an, dass es um ein höheres Ziel geht. Die Musik und das, was wir auf der Bühne weitergeben, ist größer als wir selbst. Das trägt auch in Situationen, wo sich vielleicht Kollegen nicht ganz grün sind. Jeder will auf der Bühne gut dastehen, sein Bestes geben und Musik machen. Da werden Befindlichkeiten hintenangestellt, was sehr beeindruckend ist. Jeder lernt und weiß, wie er sich einfügen kann.

Es gibt Regeln, die von der Musik selbst bestimmt werden, wer wann wo die Führung übernimmt. Und dennoch hat die Musik immer Recht, und es geht immer in den Proben darum, Übergänge und Absprachen so zu klären, dass sich alle wohl fühlen. Wir müssen uns drauf verlassen können. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es durch eine andere Absprache ersetzt. Das Funktionieren steht im Vordergrund, damit dann die Musik erstrahlen kann.

Fazit

Es gäbe noch so viel zu sagen über meinen Beruf als Sopranistin. Ich liebe meinen Beruf und bin sehr dankbar, für Menschen singen zu dürfen. Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, dass man sich bewusst macht, warum man etwas macht, dass man ein größeres Ziel verfolgt, und jeder am richtigen Platz ist und ein Team konstruktiv miteinander arbeitet.

 

Irene Kurka: Gesangsstudium in München, Dallas und Vancouver. Über 240 Uraufführungen, Pionierarbeit im Repertoire für Stimme solo. Konzerte u.a. mit Hezarfen Ensemble Istanbul, e-mex, musikFabrik, notabu, Wandelweiser, Ensemble Garage und auf Podien wie Tonhalle Düsseldorf, Konzerthaus Berlin, IGNM Basel, Huddersfield Contemporary Music Festival, L’auditori Barcelona, Theater Dortmund, Arte Biennale Venedig, Musica Sacra Maastricht, Cité Internationale des Arts Paris, Acht Brücken – Musik für Köln, Cafe Oto London, Counterflow Festival Glasgow, Muziek Biennale Niederrhein, A.DEvantgarde-Festival München u.v.a. Seit 2018 Podcast neue musik leben. 

 

Titelbild: ©Photo by Jan Střecha on Unsplash

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