FA: Fielseitiges & Aspekte

Was für ein Affenzirkus

26. August 2020

Michi hat sich einem Leben rund um die Affen gewidmet. Wie es dazu gekommen ist und wie man sie unterstützen kann, lest ihr heute.

 

Liebe Michi, seit September 2015 hast du dein Leben sozusagen den Affen gewidmet. Möchtest du erzählen, wie es dazu gekommen ist?

Begonnen hat es mit der Schnapsidee, einmal in Afrika mit Tieren arbeiten zu wollen, ehe der „Ernst des Lebens“ losgeht. Eigentlich sollte all das nämlich nur eine einmalige Erfahrung am anderen Ende der Welt sein, doch dann kam alles anders!

Ich habe meine Reise damals über eine deutsche Vermittlungsorganisation gebucht, die mir ein Freiwilligenprojekt zum Schutz von Großkatzen in Südafrika vermittelte. Doch anstatt im Tierschutz zu arbeiten, bin ich auf einer Breeding Farm gelandet. Breeding Farmen sind Orte, an denen Tiere gezüchtet und danach an Zoos, Tiershows und die Jagd verkauft werden. Als ich das rausfand, war ich schockiert – alleine mit 18 in Südafrika auf einer Farm, die Löwen züchtete, damit sie später von Jägern erschossen werden! Doch nicht nur diese Erkenntnis machten die ersten beiden Wochen zur Hölle, sondern vor allem die Besitzerin der Farm, die uns immer wieder den Strom abstellte, wenn wir sie mit der Wahrheit konfrontierten. Zu allem Übel ließ uns ihre Wäsche waschen, das Auto putzen und Unkraut jäten. Im Grunde waren wir Haushaltshilfen, die dafür noch eine Menge Geld zahlten!

Nach diesen zwei Wochen überlegte ich, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen, anstatt das andere gebuchte Center zu besuchen: Eine Farm zur Auswilderung von Affen. Doch irgendwas sagte mir: Bleibe! Dort angekommen, brach meine Welt jedoch vollkommen zusammen, denn ich erlebte einen Kulturschock der besonderen Art! Vor Ort nächtigten wir in Mehrbettlehmhütten, ohne Fenster, welche ich mir nicht nur mit anderen Helfern, sondern auch unzähligen Käfern teilte. Duschen und Toiletten waren mehr schlecht als recht draußen vorzufinden und Netz suchte man hier vergebens. Ich hatte nicht viel erwartet, aber als ich an jenem Abend auf dem Weg in die Dusche in Affenscheiße trat, heulte ich 30 Minuten ununterbrochen unter dem eiskalten Wasser, weil ich dachte, den größten Fehler meines Lebens gemacht zu haben!

Doch dann kam Barney. Mein erster Arbeitstag mit den Affen veränderte alles. Barney war ein kleines Affenbaby, das total traumatisiert war, kein Vertrauen fand und die Helfer ablehnte. Und genau dieser hilfsbedürftige kleine Pavian entschied sich in jenem Moment, als er mich sah, dass ich es sei, der er sein Herz schenkte! Ab dieser Stunde waren wir unzertrennlich. Barney war immer an meiner Seite – beim Arbeiten, beim Essen, sogar unter die Dusche musste ich ihn manchmal mitnehmen! Die Zeit verging wie im Flug. Plötzlich wollte ich den Ort, den ich am Anfang so hasste, am liebsten nie wieder verlassen! Mir war egal, dass ich aus dem Koffer lebte, kalt duschte, keine Privatsphäre hatte und hin und wieder unerreichbar blieb. Plötzlich machte es Sinn, zehn Stunden täglich zu arbeiten und morgens um halb sechs aufzustehen. Auf einmal ergab alles einen Sinn! Jeder Stolperstein und jede Träne hatten mich hierhergeführt, an den Ort, an dem ich mein Geschenk für die Welt entdeckte! Daher flog ich auch nicht wie geplant nach zwei Wochen nach Hause, sondern entschied am Flughafen, nicht zu fliegen. Von dort aus trampte ich mehrere hundert Kilometer zurück zu Barney und gab ihm und mir selbst das Versprechen, mein Leben den Affen zu widmen! Und alles, was ich nun tue, ist, dieses Versprechen zu halten!

Du hast affis.adventures gegründet. Was genau steckt hinter affis.adventures und was ist deine Mission?

Affis.adventures war eigentlich nur ein Blog, um auf meine Arbeit im Tierschutz und auch die Missstände im Bereich Freiwilligenarbeit aufmerksam zu machen, denn leider musste ich selbst die Erfahrung machen, dass mit dem guten Willen von Freiwilligen manchmal einfach nur Geld gemacht wird! Sie werden an Breeding Farmen vermittelt. Ob sich deutsche Organisationen darüber im Klaren sind, weiß ich nicht genau. Aber ich weiß, dass viele von ihnen ihre Projekte nicht oder nicht hinreichend prüfen! Und das ist ein Problem. Es gab keine transparente, leidenschaftliche Alternative. Für all jene war es nur ein Geschäft, aber mein Herz hängt so sehr am Tierschutz, dass ich sagte: Wenn es keine Organisation mit diesen Standards gibt, dann gründe ich meine eigene, die jedes eigene Projekt persönlich auf Nachhaltigkeit prüft! Und das tue ich gerade.

Meine große Vision ist es, mein Leben dafür zu geben, Affen zurück in die Herzen der Menschen und mit ihnen gemeinsam in die Wildnis zu bringen. Und Schritt eins auf dieser Vision ist die Gründung meiner Organisation für nachhaltige Freiwilligenarbeit. Ich lade tierliebe Abenteurer in meine Welt als Tierschützerin mit Affen ein, um sich selbst als Freiwilligenhelfer im afrikanischen Busch neu zu entdecken, zu erden und gleichzeitig einen Unterschied im Leben eines frechen Affen machen! Denn am Ende helfen nicht nur wir den Tieren, auch sie unterstützen uns auf unserem Weg zurück zu uns selbst.

Wie kann man sich dein Leben zwischen Deutschland und Afrika vorstellen?

Chaotisch! Ich studiere noch und habe nebenbei mehrere Jobs. Trotzdem leben mein Mann und ich in meinem alten Kinderzimmer, um Geld für die Organisation zu sparen. So lebe ich jedes Jahr also circa zehn Monate im Kinderzimmer und zwei Monate in einer Mehrbetthütte am anderen Ende der Welt. Viele beneiden mein Leben, aber ich glaube, dass wenige sehen, was wirklich dahintersteckt: viele Aufgaben! Doch ich bereue nichts davon, auch wenn es anstrengend und nervenaufreibend ist. Aber es ist auch der beste Test, um zu wissen, ob man diesen Traum – ein Leben für die Affen – wirklich will! Und es ist eine gute Bewährungsprobe für die Ehe, wenn man zwei Jahre lang in einem Zimmer lebt und sich noch immer nicht getrennt hat. Aber Ende des Jahres werden wir in eine eigene Wohnung ziehen – die erste gemeinsame!

Darf ich ganz offen fragen: Wie verdienst du deinen Lebensunterhalt bzw. was ist dein Ziel in Bezug darauf?

Durch meine Nebenjobs – und das ist selten einer! Zudem habe ich kein Auto mehr, sondern fahre Rad, was auf dem Land tatsächlich eine Seltenheit ist. Ich glaube, dass ich in vielen Bereichen minimalistisch lebe – Rad, Second Hand Klamotten und Co, sodass ich viel von dem, was ich verdiene, sparen kann, um zurück zu können. Dafür lege ich mir jedes Jahr einen Sparplan an und halte mich daran – egal was kommt. Und wenn es mal nicht hinhaut, verkaufe ich Dinge, die ich nicht mehr brauche. Oder sagen wir mal so: Ich verkaufe Dinge, an denen mir weniger liegt als an meinen Affen. So kam mein Fernseher, viele meiner Klamotten und mein Auto unter den Hammer.

Jedoch ist es mein Wunsch, nur von meiner Organisation leben zu können. Wir prüfen Stationen und bauen mit ihnen gemeinsam Freiwilligenprojekte auf. Für die Vermittlung unserer Organisation bekommen wir eine kleine Provision – ¾ gehen direkt an den Tierschutz und ¼ wird für die Vermittlung berechnet. Dieses Viertel wird dann aufgeteilt und davon bekommen auch wir einen Teil. Es ist geplant, von meiner Leidenschaft – den Büchern, die ich schreibe, der Organisation und allem, was da noch kommen wird – leben zu können!

Man merkt sehr, dass du mit vollem Herzblut an deiner Initiative hängst und deine ganze Energie dort hineinfließt. Neben der Freiwilligenarbeit studierst du, betreibst einen Blog, einen Podcast und hast ein Buch geschrieben. Wie bekommst du das alles unter einen Hut? Hast du ein Geheimrezept?

Struktur, Disziplin und Träumen. Ich strukturiere meinen Tag sehr stark, stehe jeden Morgen um halb sechs auf und setze mir Wochenziele, um alles zu erreichen. Es erfordert eine Menge Disziplin, Wille und vor allem Vertrauen in das, was man tut. Was man jedoch nicht vergessen darf, ist das Träumen. In meinen Morgenmeditationen oder wenn ich mit dem Rad fahre, träume und visualisiere ich immer alles, was ich mir vornehme. Das hilft mir immens, es auch umzusetzen! So konnte ich mittlerweile schon ganz viele Bilder von meiner «Vision Door» abmachen und als Erinnerungen einkleben. An meiner Vision Door hängen all meine Träume, die ich erreichen möchte, und wenn sich einer erfüllt, kommt er in mein Traum-Fotoalbum. Das motiviert mich bei Rückschlägen und Hürden, nicht aufzugeben, denn davon gab es schon einige. Glücklicherweise gab es aber auch schon einige – für mich einst unmögliche – Erfolge. Mittlerweile habe ich das Wort «unmöglich» allerdings aus meinem Wortschatz gestrichen!

Lass und mal ein bis drei Jahre in die Zukunft blicken. Wie sieht dann dein Wunschleben aus?

In einem Jahr sitze ich in meiner Wohnung, habe ein kleines Büro, meine Organisation ist gestartet und wir haben schon über 30 Leute an unsere ersten vier Kooperationspartner vermittelt. All diese Menschen sind überglücklich und konnten den Affen so gut helfen, dass die Stationen nun noch mehr Tiere und auch Helfer aufnehmen können. Außerdem schreibe ich dann wohl an meiner Bachelorarbeit und plane die Besuche der Stationen in Kamerun, bei denen mein Mann mich wieder begleiten wird. Denn dort kann man mit Mandrills arbeiten – während ich die Paviane favorisiere, ist er noch ein kleines bisschen mehr beeindruckt von den großartigen Mandrills und ihren bunten Gesichtern. Zudem wurde mein erstes Buch veröffentlicht. Hoffen wir mal, dass es ein Bestseller wird.

In drei Jahren arbeite ich mit zehn Stationen in ganz Afrika zusammen und unterstütze den Erhalt verschiedener Primatenarten – Paviane, Meerkatzen, Schimpansen, Gorilla, Mandrills und Co. Ich habe bis dahin drei Bücher veröffentlicht, eines davon mit meinem Mann gemeinsam. Mein Leben dreht sich nur noch um die Affen und ich lebe gerade in Afrika, da meine Affendame Kiwi ausgewildert wird! «Glück» ist wohl das Wort, was dieses Leben am besten beschreibt. Denn ich glaube, dass ich unbeschreibliches Glück habe, dieses Leben führen zu dürfen. Aber Glück ist auch selbstgemacht.

Wenn Du also unglücklich bist, folge Deinem Herzen und finde Dein Glück!

Zu guter Letzt: Wie kann man dich unterstützen?

Durch die Corona-Einschränkungen sind viele Tierschutzstationen in Not geraten, weshalb man nun über unsere Organisation Affenpatenschaften für unsere Schützlinge übernehmen kann. Diese sind einmalig und damit kommt man für einen Teil der Verpflegung, Gehege, medizinischen Versorgung und des Chippens auf und bekommt dafür ein digitales Zertifikat und eine liebevolle Affenüberraschung per Post.

Ab 2021 kann man uns vor Ort unterstützen und selbst einmal in meine Welt als Tierschützerin eintauchen.

 

Weiterführende Links:

 

Webseite: https://affisadventures.de/

Facebook: https://www.facebook.com/AFFIS.ADVENTURES/

Instagram: https://www.instagram.com/affis.adventures/?hl=de

Podcast: https://anchor.fm/affenzirkus

 

 

Bilder: ©Affis.adventures

 

 

 

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