FA: Fielseitiges & Aspekte

Wenn Frauen im Sport ihren Mann stehen

6. August 2020

Gastautorin: Louisa De Bellis von Athlet.One

 

Frauen-Fußball wird von vielen Männern belächelt. Auch in manch anderen Sportarten haben Frauen das Nachsehen. Zum Teil gibt es nicht mal eine entsprechende Liga. Ich habe mit einigen Sportlerinnen gesprochen, die sich davon nicht beirren lassen und bereits große Erfolge im Spitzensport erreicht haben.

 

Mein Name ist Louisa De Bellis. Ich selbst bin Leistungssportlerin und widme einen Großteil meiner Zeit und Energie meiner Leidenschaft, dem Handball. Ich spiele in der 2. Frauen Bundesliga und bin für die Deutsche Nationalmannschaft bereits bei einer U20 Welt- und Europameisterschaft aufgelaufen. Neben meinem parallelen Psychologiestudium habe ich eine weitere Leidenschaft gefunden. In meinem Online-Magazin Athlet.One berichte ich über Sportlerinnen und Sportler der verschiedensten Sportarten. Mein Ziel ist es anhand von Erfahrungsberichten, jungen AthletInnen mögliche Perspektiven im Leistungssport aufzuzeigen und gleichzeitig die Menschen hinter den SportlerInnen zu zeigen. Ich möchte zeigen, was hinter den Erfolgen, aber auch Niederlagen steckt. Der Mensch hinter dem Athleten und der Athletin. Dabei bin ich im Gespräch mit Athletinnen auch immer wieder auf Herausforderungen gestoßen, denen sich viele Sportlerinnen auch im Spitzensport stellen müssen. Einige Erfahrungen und auch ganz persönlichen Wege mit Ungleichberechtigung, aber auch unqualifizierten Kommentaren gegenüber Frauen im Sport umzugehen, möchte ich gerne mit euch teilen.

Annalena Bauer

Quelle: Ju-Sports

Quelle: Ju-Sports

Annalena Bauer gewann 2007 die Süddeutsche Meisterschaft in der U14 im Judo. Kurz darauf wechselte sie zum Ju-Jutsu, schaffte es dort bereits nach zwei Jahren in den Kader der Nationalmannschaft und wurde Dritte bei der Deutschen Meisterschaft. Sie gewann jeden Titel im Ju-Jutsu, den es in der Jugend zu erreichen gibt. So wurde sie unter anderem zweimal Jugend-Europa- und Weltmeisterin. Heute ist sie auf den internationalen Matten zuhause. Trotzdem hat sie leider nicht nur mit den Gegnerinnen in ihrem Sport, sondern auch mit so manchen dummen Sprüchen und Kommentar zu kämpfen.

Annalena: “Ein typischer Spruch von Kerlen, der immer kommt: “Ach, dann kannst du mich ja flachlegen?!” Rein theoretisch könnte ich das auch, aber leider ist diese Äußerung einer Frau gegenüber sehr abwertend meiner Meinung nach, weshalb ich da oft etwas gereizt reagiere, wenn das der erste Satz zu dem Thema ist. Ich erkläre dann immer, dass ich das theoretisch könnte, aber garantiert nicht machen werde. Erzähle dann von Hebel- und Würgetechniken und dass ich schon, seit ich 13 bin, mit Männern trainiere, die bis zu 40 kg schwerer sind als ich und gegen mich teilweise wenig Chancen im Übungskampf haben. Dann sind die “Großmäuler” meistens still und nur die, die sich wirklich für den Sport interessieren, fragen dann noch nach, worauf ich immer sachlich antworte, weil Judo und Ju-Jutsu eben doch eher unbekannte Sportarten sind und ich gerne darüber aufkläre.”

Jenny Harss

Jenny Harss hat als Eishockey-Torhüterin mehrmals an den Deutschen Meisterschaften und Olympia teilgenommen. Sie sammelte bereits Erfahrungen in den USA. In Deutschland spielt sie seit vielen Jahren für Herrenmannschaften im Tor. Einfach ist der Weg zu einer erfolgreichen Eishockeyspielerin in einer Herrenmannschaft aber nicht unbedingt.

Jenny: „Im Nachwuchs ist es üblich, dass Mädchen bei den Jungs spielen. Irgendwann ist aber dann der körperliche Unterschied bei den Feldspielern zu groß, sodass es für die Frauen schwierig wird. Im Tor ist das ein bisschen anders, weil da Kraft und Körperkontakt nicht so wichtig wie Schnelligkeit, Beweglichkeit und Reaktionsschnelligkeit sind. Ich spiele schon immer mit den Jungs (außer als ich drei Jahre College Hockey in USA bei den Frauen gespielt habe), deswegen ist das für mich nichts Neues. Man muss mit Leistung überzeugen, um sich den Respekt zu erarbeiten. Dennoch darf man sich als Frau öfter mal was anhören, weil es für viele nach wie vor noch ungewöhnlich ist.“

Mehrere Jahre spielte Jenny in den USA. Dort gehört Eishockey zu einer der beliebtesten Mannschaftssportarten. Auch die Frauenliga.

Jenny: „Fraueneishockey hat in den USA einen anderen Stellenwert als hier in Deutschland und besonders der College-Sport ist sehr beliebt. Als wir 2010 die NCAA College Meisterschaft gewonnen haben, sind wir zum Präsidenten Barack Obama ins Weiße Haus eingeladen worden, das war eine tolle Erfahrung. In den USA gibt es ein Gesetz “Title 9”, das besagt, dass Frauen- und Männersport gleich behandelt werden muss. Das heißt, es wurde auch im Frauenbereich sehr professionell gearbeitet und wir haben dieselben Trainings- und Wettkampfstätten wie die Männer benutzt.“ 

Kim Irmgartz

Quelle: Rick Parker Motografie – www.rick-parker.com

Miss-Wahlen und Motocross. Auch in einem Deutschland, in dem der Rolle einer Frau gesetzlich nichts im Wege stehen sollte, wirken diese zwei Konzepte fast unvereinbar. Doch in beiden dieser Arenen hat Kim Irmgartz über die letzten Jahre auf ihre eigene Art Erfolg gefunden. Ihr Sport gilt trotz ausführlicher Sicherheitskleidung als hochgefährlich. Nicht ohne Grund, Verletzungen sind häufig. Dazu passt Extremsport im Allgemeinen heutzutage bei vielen noch immer nicht ins Frauenbild, etwas von dem Kim ein Lied singen kann.

Kim: “Ich werde sehr oft mit Vorurteilen konfrontiert. Das lautet dann unter anderem: “Du siehst nicht aus als würdest du Motocross fahren, ich kann mir dich gar nicht auf einem Bike vorstellen”, oder “Wie, und dann machst du dich da so richtig dreckig?” Ich bin quasi in dem Sport groß geworden und habe gelernt, damit umzugehen. Damals gab es nur zwei bis drei Mädchen, die gefahren sind, sodass man automatisch noch etwas besonderer war. Heute sind eigentlich in jeder Klasse und Altersgruppe Frauen am Start, diese positive Entwicklung freut mich sehr.

Ich versuche sehr offen damit umzugehen und als Vorbild voranzugehen. Ich gebe Girls-Only-Lehrgänge, um den Mädchen Selbstvertrauen zu geben, aber halte auch Vorträge in Gremien wie beim DMSB (Deutscher Motorsportbund), um da weiterhin eine Veränderung zu bewirken. Ich möchte die Vorurteile einfach aus dem Weg räumen und den Leuten zeigen, dass man alles sein kann. Ich kann die taffe Frau auf dem Bike sein und mich trotzdem darüber ärgern, wenn mein Fingernagel abbricht.”

Trotz aller Vorurteile hat Kim einiges an Erfolgen verbuchen können. Seit ihrem Start in die Sportwelt, hat sie sich von der regionalen, dann der nationalen Mädchenklasse, bis in die WM vor gekämpft. Dazu kam 2020 eine Platzierung in den Wahlen zur Miss Nordrhein-Westfalen.

Kim: “Das war alles eher Zufall, denn ich bin eigentlich nicht das typische Model. Ich bin durch die Influencerin Carmen Kroll „Carmushka“ darauf aufmerksam geworden und habe mir das neue Konzept angeschaut. Miss Germany war auf der Suche nach außergewöhnlichen, starken und vor allem authentischen Frauen und ich habe mich da angesprochen gefühlt. Meine Geschichte hat sie wohl überzeugt und so wurde ich Miss NRW.”

Auch wenn Kim letzten Endes nicht mit dem Titel der Miss Germany nach Hause ging, so zeigt ihre hohe Platzierung und Rolle als Miss ihres Bundeslandes doch, dass das Frauenbild, das Deutschland fordert, sich seit ihrer Jugend, in der Motocross für Mädchen nahezu unsichtbar war, verändert hat. Nicht mehr ist die Rolle der Vorzeige-Frau dem traditionellen Bild der Femininität vorenthalten. Wenn selbst Miss-Wahlen beginnen, eine Motocrossfahrerin als repräsentativ für Frauen im ganzen Land zu sehen, dann können wir hoffen, dass der Rest der Welt bald nachzieht.

Theresa Simon

Quelle: FIBA (Europameisterschaft)

Theresa Simon spielt Basketball in der 1. Bundesliga. Auch sie sieht eine klare Benachteiligung in ihrem Sport.

Theresa: “Es gibt im Basketball keine Gleichberechtigt. Es wird viel zu weniger promotet. Es lassen sich wenig Sponsoren finden. Außerdem wird der Herren-Basketball als attraktiver angesehen, gerade auch weil dort mehr Zuschauer sind. Die Bezahlung findet bei den Herren schon in jüngsten und untersten Ligen statt und die Professionalität ist weiter ausgebaut. Teilweise sind die Trainingsbedingungen und sonstige Unterstützung für díe Sportlerinnen nicht so gut ausgeprägt wie bei den Herren. Zum Beispiel Hallenzeiten, Athletiktraining und Physiotherapie können aufgrund der finanziellen fehlenden Mittel für Frauen nicht ausreichend angeboten werden.”

Lina Nashwan

Quelle: Thomas Häussler

Lina Nashwan ist Boxerin. 2019 wurde sie Fünfte bei der EUBC Youth Europameisterschaft und ist amtierende deutsche Vize-Meisterin und baden-württembergische Meisterin. Auch sie sieht die Frauen in ihrem Sport benachteiligt.

Lina: “Meiner Meinung nach gibt es keine richtige Gleichberechtigung im Boxsport, weil es beispielsweise keine Bundesliga für die Frauen gibt. Wir versuchen zwar, eine Frauen-Bundesliga zu etablieren, das wird aber vorerst wahrscheinlich nicht funktionieren, weil es nicht genug Frauen gibt, bei denen es sich lohnen würde, eine Bundesliga aufzumachen. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich da in den nächsten Jahren viel tun wird, weil sich auch in den letzten Jahren schon einiges getan hat. In meinem ersten Verein war das so, dass die Trainer gesagt haben: “Die Frauen in eine Ecke und ihr trainiert halt mal schön irgendwas.” Aber mittlerweile ist das nicht mehr so.”

Oft muss sich auch die junge ambitionierte Sportlerin blöde Sprüche anhören. Doch sie hat einen eigenen Weg gefunden, mit unqualifizierten Kommentaren umzugehen.

Lina: “Das spornt mich mittlerweile an, um besser zu werden. Wie kam ich zu der Einstellung? Eigentlich war das schon immer so. Ob ich einen Nachteil hatte, weil ich eine Frau bin oder weil ich neu bin oder weil ich anders aussehe oder eine andere Kultur im Hintergrund habe – es ist immer irgendwas gewesen. Ich musste es umdrehen, ich musste den negativen Einfluss von außen in was positives umstellen. Klar, hat mich das ab und zu belastet. Das war aber nie Grund genug, aufzuhören.”

Inzwischen ist Lina im Bundeskader und trainiert am Olympiastützpunkt in Heidelberg.

Lina: “Das ist viel professioneller als in den Vereinen, wo es viel öfter passiert, dass die Frauen benachteiligt werden. Die Generation vor mir hat die Phase schon durch. Diese Frauen wurden nicht angeschaut und nicht richtig trainiert. Die haben den härtesten Teil schon hinter sich, die haben sich bewiesen. Nichtsdestotrotz muss ich mich als Frau heute auch beweisen. Mehr als ein Mann. Da kann mir keiner was erzählen, dass das nicht so ist. Auch wenn es unterbewusst passiert. Ich muss aber auch sagen, seit ich hier am Stützpunkt bin, habe ich nie eine Diskriminierung mitbekommen. Hier ist es viel professioneller. Ich bin hier nicht mehr in irgendeinem Verein, sondern am Olympiastützpunkt, wir vertreten alle Deutschland. Wir versuchen auch richtige Werte wie Gleichberechtigung zu vertreten.“

Die junge Sportlerin versucht genauso wie ihre Mitstreiterinnen als Vorbild in ihrem Sport voranzugehen. Gleiche Strukturen für Männer und Frauen sehen sie allerdings leider immer noch in weiter Ferne. Doch mit der Einstellung, sich gegen unqualifizierte Kommentare aufzulehnen und die Kraft aus dieser Ungerechtigkeit zu ziehen, schaffen es die Athletinnen, ihren eigenen erfolgreichen Weg in der Welt des Sports zu gehen.

 

Titelbild: ©Photo by Marcos Paulo Prado on Unsplash

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