EL: Entwicklung & Laufbahn

What if I fall? Oh, but what if you fly?

16. April 2020

Ja, ich habe es gewagt: Ich habe mich entschlossen, meine Selbständigkeit aufzugeben und wieder in ein Angestelltenverhältnis zu gehen. Fühle ich mich als gescheitert?! Nein, als unheimlich bereichert. Die Gründe lest ihr in diesem persönlichen Artikel.

Jahrelang hegte sich der immense Wunsch in mir, mich selbständig zu machen. Obwohl ich selbstbewusst bin und gerne aus meiner Komfortzone gehe, hatte ich einen unbändigen Respekt davor, mich selbständig zu machen. Ich hatte viele Ideen, besuchte Workshops, las und hörte alles Mögliche über Selbständigkeit, Entrepreneurship, ließ mich coachen, entwickelte Ideen und Pläne, war in Teilzeit erfolgreich selbständig…. Ich war also bestens vorbereitet.

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Finanzielle Sicherheit vs. Freiheit und Verwirklichung

Trotzdem hatte ich Angst davor, den letzten Schritt zu gehen. Am meisten Sorge bereitete mir der finanzielle Aspekt. Nicht aus Sorge, meine Rechnungen nicht mehr zahlen zu können, sondern eher davor, mir dann eingestehen zu müssen, dass ich gescheitert bin. Und nach vielen Jahren Angestelltenverhältnis gewöhnt man sich natürlich auch schnell an einen gewissen monatlichen Betrag auf dem Bankkonto. Diese Angst war nur in meinem Kopf. Ich wusste aufgrund Teilzeit, aufgrund einer Mini-Selbständigkeit, aufgrund des Mannes an meiner Seite, dass ich mir um den finanziellen Aspekt eigentlich keine Gedanken machen müsste, aber der Gedanke war und ist dennoch tief in mir verankert.

Auf der anderen Seite sind meine großen Werte im Leben Freiheit und Entwicklung. Quasi die Gegenspieler zu meinem anderen Wunsch der (eigenen) finanziellen Sicherheit. Diese Pole waren also gut vier Jahre immer präsent in meinem Leben. Eigentlich wusste mein Bauch, dass eine Selbständigkeit genau mein Ding ist, ich endlich viele Ideen umsetzen und mehr Flexibilität in meinen Alltag integrieren wollte. Aber der Kopf zählte das Geld.

Es machte „klick“

Irgendwann – ich hatte ein Angebot von einer Beratungsgesellschaft angenommen und befand mich mitten in der Ausbildung zum Karrierecoach – mache es „klick“. Der Klick kam mit dem Aufruf, FIELFALT zu übernehmen. Ich hatte schon sehr lange die Vision, Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu unterstützen und Mutmacher zu sein. Gleichzeitig mit dem Impuls, FIELFALT fortzusetzen kam plötzliche die Entschlossenheit, mich nun endlich selbständig zu machen.

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Und wisst ihr was: es war ein reines Hochgefühl, es war berauschend. Ich hatte das Gefühl, nochmal ganz neu durchzustarten und als ob ich wieder frei atmen kann. Weiteren Rückenwind gab mir eine liebe Freundin, die mich fragte, ob ich in ein spannendes Recruitingprojekt, welches sie betreut, einsteigen möchte. Ich konnte es kaum fassen: Jahrelang hatte ich mir Gedanken gemacht, wie ich Kunden akquirieren soll und nach nicht mal zwei Tagen hatte ich schon meinen ersten Auftrag. Das war ein ganz wichtiges Learning für mich: Nicht zu viel nachdenken und sorgen, es kommt alles, wie es kommen soll.

Selbstverwirklichung nur in der Selbständigkeit möglich?

Mit Feuereifer startete ich also in dem Projekt durch und baute nebenbei FIELFALT weiter aus. Nach einigen Monaten bekam ich allerdings einen ersten Dämpfer: Die Freiheit und Flexibilität, die ich mir durch die Selbständigkeit erhofft hatte, lebte ich so gut wie gar nicht. Mein Pflichtbewusstsein und auch die Freude an der Arbeit ließ mich nach wie vor jeden Morgen pünktlich vor dem Rechner sitzen und – nach der Familienzeit am Abend – wieder bis spätabends. Mit zwei kleinen Kindern (eins davon in der Schweiz schulpflichtig) musste ich mich natürlich auch deren Rhythmus beugen und konnte den Traum des ortsunabhängigen Arbeitens nicht so ausleben, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich möchte mich nicht beschweren: Es lief alles sehr gut und viel besser als gedacht, aber ich erkannte auch, dass es mir gar nicht so sehr um die Selbständigkeit geht, sondern generell um die Aufgabe und verschiedenen Werte: Herausforderung, ein internationales Umfeld, gewisse Freiheiten und Flexibilität.

Wie kann ich mich aktuell am besten entwickeln?

Zeitgleich kam kurz vor Weihnachten mein ehemaliger Arbeitgeber auf mich zu: Es wurde eine neue Stelle in HR geschaffen, die direkt an den CEO berichtet und verantwortlich für das gruppenweite/internationale HR zuständig ist … mit dem Zusatz, dass diese Position doch wie für mich geschaffen sei. Ich lehnte erstmal dankend ab, aber das Unternehmen ließ nicht locker. Ich traf mich mit dem CEO, wir hatten sehr intensive und aufschlussreiche Gespräche und näherten uns immer mehr an. Aufgrund der Selbständigkeit wusste ich, was ich will und was ich nicht will und konnte natürlich dementsprechend entspannt in die Verhandlungen gehen. Letztendlich reizte mich die Aufgabe zu sehr, mir wurden viele Freiheiten zugestanden und ich freute mich unbändig, Ende Januar den Vertrag zu unterschreiben. Es war nicht so ein berauschendes Gefühl im Vergleich zum Entschluss der Selbständigkeit, aber es war ein warmes-prickelndes Gefühl. Ein Gefühl, nach Hause zu kommen und gleichzeitig was ganz Neues zu erschaffen.

Während ich diese Zeilen schreibe, freue ich mich schon sehr auf die neue Herausforderung, das internationale Umfeld, strategisch und operativ tätig zu sein und auch auf die ein oder andere Dienstreise. Da das Unternehmen in einem sehr männerdominanten Umfeld ist, verfolge ich natürlich weiter die Mission des Female Empowerments.

Selbständigkeit – eine Reise zu mir und meinen Werten

Einige können nicht begreifen, warum ich so schnell die Selbständigkeit wieder aufgehört habe. Vor allem, da es gut lief und ich Aufträge sogar absagen musste. Aber dies ist für mich kein Scheitern. Vielmehr war es ein ganz essentieller Schritt auf meiner Reise. Ich habe mich der jahrelangen Angst gestellt, mich selbständig zu machen. Ich habe sie besiegt und wurde in meinem Selbstbewusstsein gestärkt. Ich habe tolle Menschen kennen gelernt und ganz andere Firmenwelten. Es war und ist eine absolute Bereicherung und ich bin auch etwas wehmütig, dass ich dieses Projekt und das Kapitel nun abschließen werde. Aber diese Monate haben mir auch gezeigt: Ich kann alles angehen, was ich will. Denn ich habe gesehen, dass in mir eine Power steckt, die ich selbst nicht kannte. Und wer weiß … ganz ausschließen möchte ich die Selbständigkeit definitiv nicht. Ob selbständig oder nicht, ist mir eigentlich sogar egal. Viel wichtiger für mich ist, dass ich meine Werte leben kann, mich entwickeln kann und einen Benefit für die Menschen um mich generiere.

Meine Learnings aus der Selbständigkeit:

  1. Nicht zu viel nachdenken und grübeln. Es kommt alles genau so, wie es kommen soll (meist sogar noch besser).
  2. Andere kochen auch nur mit Wasser (und manchmal noch nicht mal damit).
  3. Energie, Spaß, Disziplin und Wille machen sich immer bezahlt (das sehen auch die Kunden und Kollegen).
  4. Auch wenn die Extrameile, die man geht, nicht sofort honoriert wird, wird es sich irgendwann definitiv auszahlen (manchmal sogar doppelt).
  5. Sei mutig und trau dich – es steckt viel mehr in dir, als du glaubst. (Mut zahlt sich meistens aus.)
  6. Lass das Leben auch mal nur auf dich zukommen (und packe Gelegenheiten beim Schopf).
  7. Erfahrungen bereichern ungemein und lassen dich erkennen, was du wirklich willst.
  8. Lass dich inspirieren, sei neugierig und aufgeschlossen – und inspiriere andere.

Photo by Danielle MacInnes on Unsplash

Das eigene beste Leben hat viele Facetten

Eine Sache liegt mir noch sehr am Herzen: Oftmals wird suggeriert, dass man nur durch eine Selbständigkeit und das eigene Unternehmen sich selbst verwirklichen, Ideen umsetzen und das beste und authentischste Leben überhaupt leben kann. Das finde ich sehr schade, denn es gibt auch ganz tolle Arbeitgeber, die offen sind für Vorschläge, die einen empowern und viel ermöglichen (mein ehemaliger und aktueller zum Beispiel). Darüber hinaus ist der Job ein Aspekt in unserem Leben, aber es gibt auch viele andere Bereiche. Unsere Gesellschaft fokussiert sich sehr auf den Job, aber manchmal hilft es schon, an Rädern in den anderen Bereichen (Familie, Freunde, Gesundheit…) zu drehen, um dem eigenen besten Leben näher zu kommen!

Sei mutig!

Zum Abschluss möchte ich euch mein Mantra teilen, welches ich mir immer vor Augen geführt habe, als ich mich selbständig gemacht habe. Vielleicht ist es schon etwas abgedroschen, ich finde es nach wie vor wunderbar: What if I fall? Oh my darling, but what if you fly?

 

Titelbild: ©Photo by Miguel Bruna on Unsplash

 

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