FA: Fielseitiges & Aspekte

Als Studentin lesen und schreiben lernen

7. Oktober 2019

Für mich ist Sprache die schönste Erfindung der Menschheit. Sprache und Kommunikation sind so mächtig und stark und aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Nicht nur die gesprochene Sprache, sondern auch die Fähigkeiten, zu lesen und zu schreiben. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ein Alltag ohne lesen und schreiben zu können, wäre für mich undenkbar: Es gäbe keine Artikel für FIELFALT, ich könnte die Mails meiner Kunden nicht beantworten, meiner Freundin keine Textnachricht zurücksenden, nicht verstehen, worüber der Elternbrief der Schule informiert, nicht in meine geliebten Bücherwelten eintauchen und komplexe Sachverhalte nicht nachschlagen und verstehen können. Für mich einfach unvorstellbar.

Analphabetismus in Deutschland

Umso schlimmer, dass es nicht allen Menschen in Deutschland so geht: Mehr als sechs Millionen Erwachsene haben so geringe Lese- und Schreibkenntnisse, dass sie kaum Texte lesen und schreiben können (6,2 Mio. laut LEO 2018, der umfassendsten repräsentativen Studie zu Literalität von Erwachsenen in Deutschland), die Dunkelziffer ist noch höher. Sie gelten damit als funktionale Analphabeten oder gering literalisierte Menschen. Als gering literalisiert werden Menschen in der Studie LEO 2018 bezeichnet, wenn sie höchstens einfache Sätze lesen und schreiben können. Weitere Informationen dazu unter https://www.bmbf.de/files/2019-05-07%20leo-Presseheft_2019-Vers10.pdf

6,2 Millionen ist für mich eine unglaublich hohe Zahl und fast nicht vorstellbar bei unserem heutigen Bildungssystem (oder vielleicht gerade deswegen?). Dabei muss man erwähnen, dass darunter nicht nur Personen aus klassischen Flüchtlingsländern oder aus der Nachkriegsgeneration fallen, sondern Personen wie du und ich, die normal zur Schule gehen, studieren und ihr Geheimnis gut verbergen können.

Eine Betroffene berichtet, wie sie als Studentin lesen und schreiben lernte

So wie Bianca Limbach, einer tollen und mutigen jungen Frau, die während des Studiums nochmal richtig lesen und schreiben gelernt hat und uns Einblicke gibt.

Bianca Limbach

Liebe Bianca, schön, dass wir heute sprechen können. Bitte erzähle doch in ein paar Sätzen etwas über dich.

Ich bin Bianca, 43 Jahre alt, komme ursprünglich aus NRW, und lebe aktuell in meiner Wahlheimat Berlin. Ich bin Diplom-Pädagogin und habe nach dem Studium als Quereinsteigerin im Presse- und Eventbereich gestartet. Erst klassisch als Angestellte, dann bin ich eher zufällig in die Selbständigkeit gerutscht, möchte dies jedoch nicht mehr missen. Seit zwei Jahren bin ich im Bereich Networking Marketing für RINGANA aktiv und damit so erfolgreich, dass ich nun meine Tätigkeit im Bereich Presse und Event aufgeben werde. Mehr Details unter www.ringana-limbach.de

Du bist in Deutschland aufgewachsen und hast das gängige Bildungssystem durchlaufen, oder?!

Ja, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, auch meine Eltern und Großeltern sind Deutsche ohne Migrationshintergrund. Ich war zunächst auf der Realschule und habe dann mein Abitur gemacht. Ich war keine überdurchschnittliche und auch keine unterdurchschnittliche Schülerin. Versetzungsgefährdet war ich nie, das Lernen hatte in meinem Elternhaus aber auch keine große Priorität und um ehrlich zu sein auch für mich nicht wirklich.

Ist dir, deinen Eltern oder deinen Lehrern nicht aufgefallen, dass du Lese- und Schreibdefizite hast?

Meine Eltern sind keine Akademiker. Meine Eltern konnten oder wollten mir nicht helfen, haben mir aber in manchen Bereichen Nachhilfeunterricht ermöglicht. Es wurde schon wahrgenommen, dass ich Schwächen hatte, aber es war kein übergroßes Thema, auch weil ich schon immer sehr selbständig war. Zudem kann ich mich daran erinnern, dass meine Eltern mir nie vorgelesen haben; es wurden meist Geschichten erzählt.

Als ich eingeschult wurde, hatte ich bereits am ersten Tag das Gefühl, dass meine Grundschullehrerin mich nicht mag. Vielleicht wollte oder konnte sie es nicht wahrnehmen und mich unterstützen. Aber ihr hätte definitiv etwas auffallen müssen im Hinblick auf Lese-/Rechtschreibschwäche oder Legasthenie. Wortdiktate waren zum Beispiel eine große Herausforderung: Die ersten Buchstaben wusste ich, bei den weiteren Buchstaben habe ich meine Fantasie eingesetzt irgendwas auf das Papier gebracht. Beim Vorlesen habe ich zum Beispiel oft so getan, als ob ich lesen könnte, habe Geschichten aus dem Gedächtnis nacherzählt oder frei erfunden. Meine Mitschüler fanden das natürlich urkomisch und ich war für viele Lacher gut. Vorlesen war dann die Hölle für mich.

Meine Eltern sind jedoch in eine andere Stadt umgezogen, als ich gerade in die zweite Klasse kam. Der Lehrerin an der neuen Schule ist dort sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmt und hat mich einen Test machen, um mögliche Schwächen abzuklären. Der damalige Test war aber eher auf dem Niveau der ersten Klasse, deswegen konnte ich sozusagen bestehen und es wurde nicht weiterverfolgt.

Rückblickend betrachtet war es vermutlich eine Verkettung unglücklicher Umstände und dem Zustand geschuldet, dass Lehrer und meine Eltern es nicht wahrgenommen haben oder wahrnehmen wollten, dass ich in Bezug auf das Lesen und Schreiben massiv hinterherhinke.

Wie hast du diese Schwäche denn bis zum Studium verbergen können? Und mit Verlaub: Wie hast du es geschafft, Abitur zu machen und zu studieren?

Vor allem in den Fächern, in denen man viel reden konnte, konnte ich in der Schule brillieren.

Und ich wurde eine Meisterin darin, meine Lese- und Schreibschwäche kreativ zu verdecken: Wörter, die ich nicht kannte oder nicht wusste, wie man sie genau schreibt, habe ich immer identisch falsch geschrieben, damit dies nur als ein Fehler gewertet wird. Von meiner besten Freundin habe ich Notizen abgeschrieben, um nicht selbst alles auf das Papier bringen zu müssen. Beim Vorlesen wusste ich bei bestimmten Lehrern schon meist, was ich höchstwahrscheinlich vorlesen muss und habe das vorher mit meiner Freundin geübt beziehungsweise sie hat als Souffleuse agiert.

Irgendwann war die Rechtschreibung auch nicht mehr so relevant bzw. hatte nicht solche eine Gewichtung, Ich konnte durch meine Fantasie und meine Schilderungen bei Aufsätzen punkten.

Während des Studiums wurden deine Schreib- und Lesedefizite letztendlich offensichtlich. Wie kam es dazu?

Ich wurde während meines Studiums studentische Hilfskraft und dort fiel das sehr schnell auf: Ich arbeitete zusammen mit einem Professor und seiner Sekretärin,  die dies ziemlich schnell realisierten. Um mein Gesicht zu wahren, wurde eine andere studentische Hilfskraft von ihnen kontaktiert, die mich direkt darauf angesprochen hat.

Wie hast du dich gefühlt, als diese Schwäche sozusagen aufgedeckt wurde?

Es war auf der einen Seite eine Erleichterung, dass ich mich nicht mehr verstecken muss. Auf der anderen Seite habe ich vor Scham geweint und war geschockt, dass es anscheinend so stark bei mir ausgeprägt sein muss, dass es an der Hochschule sofort auffällt.

Was hast du dann getan und wie bist du vorgegangen?

Nach dem ersten Schock brauchte ich noch ca. zwei bis drei Monate, um es zu verdauen und setzen zu lassen. Dann habe ich mich für einen Kurs in Berlin angemeldet für das richtige Erlenen des Schreibens und Lesens für Deutsche. Der Kurs wurde vom Senat finanziert. Dort wurde zur Einstufung ein Test absolviert und ich kam in eine Gruppe mit anderen (deutschen) Akademikern. Das war auch erstaunlich, dass so viele Studierende das gleiche „Problem“ wie ich hatten. Knapp zwei Jahre habe ich diesen Kurs einmal pro Woche besucht. Dann wurden die Gelder gestrichen und der Kurs wurde beendet. Ich hätte zwar gerne diesen Kurs weiter absolviert, aber ich habe mich nach den zwei Jahren auch sicher gefühlt. Mein Professor hat mich dabei unterstützt; ich war auch weiterhin als studentische Hilfskraft tätig.

Und heute hast du einen normalen Job und einen „gängigen“ Lese- und Schreibstatus?

Ja, man kann mich wohl als normal bezeichnen. Aber ich gehe mit dieser Schwäche auch offen um. Diese Schwäche wird man nie komplett los; zum Beispiel verfällt man in Stresssituationen zum Teil in alte Muster und eigentlich müsste man kontinuierlich daran arbeiten. Vergleichbar mit dem Erlernen und Anwenden einer Fremdsprache. Deswegen muss man sich jedoch nicht schämen. Ehrlich gesagt wurde ich dadurch sogar mental gestärkt. Und die technischen Fortschritte wie beispielsweise automatische Rechtschreibprogramme spielen mir natürlich in die Hände. Mittlerweile werde ich sogar für Textkorrekturen angesprochen.

Du gehst sehr offen mit deinem Weg um. Was möchtest du Betroffenen mit auf den Weg geben?

Es lohnt sich, Lese- und Schreibschwächen zu erkennen und es in Angriff zu nehmen, richtig lesen und schreiben zu lernen, auch wenn man sich sehr dafür schämt. Proaktivität und die eigene Beherrschung des Lesens und Schreibens machen einen sehr selbstbewusst. Zudem befreit man sich dadurch von Abhängigkeiten. Wenn ich selbst lesen und schreiben kann, muss ich mich nicht verstecken, muss nicht ständig lügen und mich durchmogeln und kann auf Mithelfer verzichten. Ich kann nur jedem raten, es anzugehen … man wird definitiv belohnt!

Diktat aus der 1. Klasse von Bianca Limbach

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. hat mir die Informationen zu diesem Beitrag zur Verfügung gestellt und den Kontakt zu Bianca Limbach ermöglicht. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.  ist Träger der Projekte ALFA-MOBIL und ALFA-TELEFON. Vielen Dank!

Weitere Informationen für Betroffene und Unterstützer

Weitere Informationen über Analphabetismus in Deutschland: https://alphabetisierung.de/informieren/

Betroffenen können sich an das kostenfreie Beratungstelefon ALFA-Telefon wenden unter: 0800 53 33 44 55 Weitere Informationen zum ALFA_Telefon: https://alfa-telefon.de/

Aktuell gibt es das Projekt ALFA-MOBIL: Das ALFA-Mobil ist deutschlandweit unterwegs, um Werbung für Lese- und Schreibkurse zu machen. Gemeinsam mit Kursanbietern vor Ort beraten die Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeiter Erwachsene, die besser lesen und schreiben lernen möchten, und informieren die Öffentlichkeit über Alphabetisierung und Grundbildung. Das ALFA-Mobil-Team bietet Aktionen mit einem reich bestückten Informationsstand an. Außerdem führen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ALFA-Mobils Sensibilisierungsschulungen zum Thema „Funktionaler Analphabetismus“ für Institutionen und Multiplikatoren durch. Weitere Informationen: https://alfa-mobil.de/projekt/

Ein weiteres Projekt ist iCHANCE, welches sich besonders an Jugendliche und junge Erwachsene richtet: https://www.ichance.de

Personen, die sich einen Kurs zum Erlenen des Lesens und Schreibens nicht leisten können, kann man durch Spenden eine Teilnahme an solchen Kursen ermöglichen: https://alphabetisierung.de/spenden-mitmachen/spenden/

Fotos: ©Aaron Burden on Unsplash und Bianca Limbach

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